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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst Ich weiß

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Ich weiß, was Du verdienst
Vom entspannten Umgang der Norweger mit dem Datenschutz
Autorin:
Nicola Uthmann
Redaktion:
Petra Mallwitz
Sendung:
Mittwoch, 06.04.11 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/leben.xml
___________________________________________________________________
1
MANUSKRIPT
Musik: Norwegische Moderatorin stellt Kandidaten Fragen
Sprecher:
„Wer wird Millionär?“ auf Norwegisch. Mein erster Abend im Land der Fjorde. Ich
besuche deutsche Freunde, die vor fünf Jahren nach Norwegen gezogen sind.
Atmo: Norwegische Moderatorin
Sprecher:
Er habe letztens im Internet das Einkommen der norwegischen Moderatorin von Wer
wird Millionär nachgeschaut, erzählt mir mein Freund Holger. Es seien pro Jahr rund
66 tausend Euro. Ungläubig schaue ich ihn an: Im Internet nachgelesen? Ja, das
Einkommen jedes Steuerzahlers werde hier in Norwegen veröffentlicht. Um mir das
zu beweisen, setzen wir uns an den Computer und er zeigt mir die Skattelister - zu
Deutsch Steuerlisten.
Atmo: Tippen, klicken
Holger:
Was haben wir denn hier. Hier kommt die Skattelister, das ist jetzt auf der Seite vom
Sarpsborger Arbeiterblatt und da gibt es eine Suchmaske für die Skattelister wie
eigentlich auf allen Zeitungsseiten. Du kannst halt den Namen oder/und den Ort
eingeben und dann dir danach etwas raussuchen.
Sprecher:
Ich bin neugierig, ob auch mein norwegischer Freund Haakon in der Steuerliste zu
finden ist. Eine Seite öffnet sich, auf der vier Menschen aufgelistet sind, die den
gleichen Vor - und Nachnamen haben, wie mein Haakon. Direkt neben den Namen
stehen das Alter und die Stadt, in der sie wohnen.
Nicola:
Wie und dann siehst du auch wie alt die sind? Warum steht das denn dabei?
Holger:
Das weiß ich auch nicht so genau, warum das dabei steht. Aber das ist zum Beispiel
der Punkt, warum ich da öfter mal nachgucke. Wenn ich also mal beim Schachclub
oder irgendwo wissen will wie alt da jemand ist, dann guck ich einfach in die
Skattelister - also ich hab da kein Interesse am Einkommen oder sowas, das
interessiert mich viel weniger, aber also das Alter ist lustig einfach zu wissen.
Sprecher:
Anhand des Wohnortes wissen wir, welcher der vier Personen mein Freund Haakon
ist. Wir klicken ihn an und schon haben wir Einblick in seine Finanzen . Einkommen,
Vermögen und gezahlte Steuern werden angegeben. Und das auch für jedes der
vergangenen vier Jahre. Die letzten Angaben stammen aus 2009 - die von
2010 stehen noch nicht im Internet.
2
Holger:
Ja und dann hast du hier das Einkommen. Netto 236 tausend Kronen. Das sind
drißigtausend Euro. Er hat dann 86 tausend Kronen Steuern bezahlt - etwa
zehntausend Euro. Und hat kein Vermögen. Das heißt aber nicht, dass er zum
Beispiel kein Vermögen im Ausland hat, also wenn er ein Haus irgendwo hat - in
Spanien, was hier sehr verbreitet ist, dann taucht das hier nicht auf.
Nicola:
Im Prinzip bist Du einfach nur schnell auf diese Suchmaske gegangen, hast den
Namen eingegeben und schon weißt Du genau, was der im letzten Jahr verdient
hat?
Holger:
Ja.
Nicola:
Und als extra nette Beigabe steht da noch Toplisten
Holger:
Ja. Das ist genau für seinen Stadtteil hier - für die Postleitzahl 1605 Fredrikstad - und
da verdient Karl Andreas Grundvig 4,5 Millionen.
Nicola:
Moment. Das verstehe ich nicht. Ich suche jemanden in Fredrikstad und will wissen,
was der verdient und bekomme als zusätzliche Information noch die drei reichsten
Leute aus seiner Region genannt?
Holger:
Reichsten ist nicht ganz richtig. Die, die im letzten Jahr das größte Einkommen
hatten.
Sprecher:
Es ist die Steuerbehörde selbst, die die Daten einmal im Jahr veröffentlicht. Die
Zeitungen erstellen dann alle möglichen Listen. Auf der Internetseite mit Haakons
Daten finden wir zum Beispiel so unsinnige Listen wie: Die zehn Topverdiener in
Haakons Alter oder die Bestverdiener unter denen, die den selben Nachnamen wie
mein Freund haben. Besonders unterhaltsam ist eine Liste in der steht, was mit all
den Steuern, die Haakon bezahlt hat, finanziert werden könnte.
Holger:
Also diese 66 tausend Kronen, die er an Steuern gezahlt hat, können zum Beispiel
finanzieren 44 Tage Gefängnis oder sechs neue Talare oder 0,000074 Stück
Transportflugzeuge der Marke Hercules oder 1,33 Meter neue Straße. Und Haakon
und die Welt. Da haben wir: Seine Steuern davon könnten 1128 Kinder in Äthiopien
ein Jahr lang zur Schule gehen. Ein Leben in Saus und Braus: Für das Geld könnte
er sich 48 Flaschen echten rosa Champagner Dom Perigon rose 1996 kaufen
(lachen) und mit dem Geld könnte er auch 47 Tage in der Sonne auf Mauritius
verbringen oder 3847 Pizza Grandiosa kaufen. Das ist grober Unfug (lacht).
3
Sprecher:
Es ist ein sehr unangenehmes Gefühl hinter Haakons Rücken sein Einkommen zu
erkennen Ich fühle mich, als würde ich etwas Verbotenes tun. Dasselbe Gefühl habe
ich, als wir Norbert in der Steuerliste suchen. Er ist deutscher Unternehmer in
Norwegen - erst vor ein paar Tagen habe ich ihn kennengelernt. Niemals wäre ich
auf die Idee gekommen ihn zu fragen, wie viel er denn mit seiner Firma verdient.
Aber jetzt - wo sich die Gelegenheit bietet, siegt die Neugier.
Holger:
Also er wohnt hier Lyra Valdress, das ist schon eine sehr mondäne Gegend und hat
ein Vermögen von fast acht Millionen Kronen.
Nicola:
Das ist eine Million Euro.
Holger:
Ja, richtig.
Sprecher:
Es ist es mir unangenehm zu wissen, dass er so wohlhabend ist. Beschämt will ich
gar nicht weiter nach Freunden und Bekannten suchen. Was mich allerdings
trotzdem noch interessiert: Wie viele Kronen verdienen denn die norwegischen
Promis so?
Atmo Musik: Er hat ein knallrotes Gummiboot
Holger:
Wencke Mhyre hat eine knappe Million verdient, hat ein Vermögen von 1,2 Millionen
- das ist auch nicht so sehr viel - da wird sie vermutlich auch mehr im Ausland haben,
was da nicht in der Liste enthalten ist. Und hat 350 tausend Kronen Steuern bezahlt.
Und dann sehen wir noch in ihrem Gebiet wo sie wohnt verdient man in der Regel
mehr. Also hier zum Beispiel die Topverdiener sind dann Tore Myhold mit
19 Millionen im letzten Jahr und Hans Martin Haugen mit 15 Millionen.
Sprecher:
Es dauert nur ein paar Klicks und dann wissen wir auch, dass der norwegische
Schriftsteller Jostein Gaarder, der mit dem Buch Sofi s Welt berühmt wurde, ein
Vermögen von 1,5 Millionen Euro hat. Der Krimiautor Jo Nesbo verfügt sogar über
sechs Millionen Euro. Je mehr Schriftsteller, Schauspieler und Sportler wir in den
Steuerlisten finden, desto verrückter kommt es mir vor, dass diese ganzen Daten
öffentlich sind.
Atmo Computer
Sprecher:
Zum Vergleich versuchen wir im Internet heraus zu finden, was Deutsche
Schriftsteller, Schauspieler oder Sänger verdienen. Verlässliche Angaben finden wir
nicht, aber eine Internetseite: Gehaltsreport. Da wird beispielsweise behauptet Iris
Berben verdiene 744.000 € pro Jahr. Als Quelle für diese Angabe wird ein Artikel aus
der Rheinischen Post angegeben.
4
Atmo Tippen und Klicken
Sprecher:
Wir öffnen diesen Zeitungsartikel, der aus der Rheinischen Post und wundern uns,
dass das Gehalt von Iris Berben dort mit lediglich 62.000 Euro angegeben ist. Später
am Telefon sagt mir ein Mitarbeiter von Gehaltsreport, dass ihnen da wohl ein Fehler
unterlaufen sei. Richtig verlässliche Einkommenszahlen finden wir im Internet nur
wenige - meist von jenen, die ihre Gehälter offenlegen müssen, wie zum Beispiel
einige Wirtschaftsbosse. Alle anderen Einkommenszahlen scheinen auf Schätzungen
zu basieren und wer weiß, ob die Angaben überhaupt vollständig sind? Nach all der
Deutschen Geheimniskrämerei rund um das Thema Gehalt, hat Holger die
norwegische Offenheit und die Skattelister zu schätzen gelernt.
Holger:
Es macht einfach Spaß das zu lesen. Gerade mit dem deutschen Hintergrund, wo
man ja nicht dem Nebenmann sagen darf, was man verdient (lacht). Es ist wirklich
fantastisch. Ich glaub auch, dass das irgendwie überbewertet wird diese Listen.
Dadurch, dass das das ganze Jahr und für Jahre rückwirkend alles immer zugänglich
ist, ist vielleicht gar nicht so eine Euphorie da, als wenn man jetzt plötzlich als
Deutscher hierher kommt und sieht dann plötzlich, was hier möglich ist, dass man
erst mal ganz aufgeregt einen Norweger darauf anspricht und die zucken nur mit den
Schultern und sind das eben über Jahre gewohnt.
Nicola:
Hast Du mitbekommen, wie die Norweger untereinander damit umgehen?
Holger:
Also ich hab noch nie gehört, dass sich jemand darüber unterhalten hat, ich denke
immer wenn die Liste neu erscheint, dann redet man darüber, über diese Listen und
dann ist das wieder vorbei. Also dass das hier groß berührt oder so, hab ich nicht
den Eindruck. Ich glaub auch nicht, dass die abends alle unter der Bettdecke sitzen
und das ganze Volk googlen oder da gucken in der Skattelister.
Sprecher:
Er selber hat gerade erst einen Job bekommen und steht noch nicht in der
Skatterliste. Ich würde aber gerne wissen, was das für ein Gefühl ist, wenn die
Vermögensverhältnisse dermaßen transparent sind.
Atmo: Norweger Singen Volkslied
Sprecher:
Eine Gelegenheit dazu bietet sich mir schon am nächsten Tag auf einem Fest in
Oslo. Ich treffe meinen Freund Haakon.
Atmo: Norweger Singen Volkslied
Sprecher:
Ich gestehe ihm, dass ich sein Einkommen in der Skattelister nachgesehen habe,
was er aber nur mit einem Schulterzucken quittiert. Wir suchen uns eine ruhige Ecke,
damit ich meine Fragen stellen kann.
5
Atmo: Norweger Singen Volkslied
Nicola:
Ich war ja total verblüfft, dass ich genau herausgefunden habe, wie viel Du im letzten
Jahr verdient und das Du kein Vermögen hast und wie viel Steuern Du bezahlt hast.
Wie gehst Du als Norweger damit um, dass ich das jetzt weiß?
Haakon:
Für mich ist das kein Problem. Ich habe da eigentlich keine Wahl. Aber ich glaube Du
hast nicht genau gesehen, was ich verdient habe. Ich weiß nicht so genau, was da
steht.
Nicola:
Laut Internet sind es 236,653 Kronen
Haakon:
Ja, Nein - das ist mein Nettoeinkommen. Was ich eigentlich verdient habe ist
wesentlich mehr, aber das steht nicht da.
Nicola:
Hinterfragst Du das noch als Norweger?
Haakon:
Nein, das mach ich jetzt nicht. Für mich ist das so eine Sache in Norwegen, dass alle
gleich sind. Wir sollen alle wissen, woher der Nachbar sein Geld hat und was der
verdient. Ich kann da nichts machen. Wenn ich bestimmen sollte, würd ich s nicht so
haben. Also ich hab nie geguckt, was andere Leute verdient haben und das
interessiert mich eigentlich nicht. Weil ich finde, es macht mehr Neid. Ich hab sogar
Fälle gehört, wo Kinder in der Schule gemoppt wird: „Wir haben in die Skattelister
geguckt und deine Eltern sind so arm häh häh häh.“
Nicola:
Kann es sein, dass keiner zugeben will, dass er in die Skattelister schaut?
Haakon:
Ja, das ist wie keiner kauft die Bildzeitung aber jeder liest es.
Nicola:
Wo siehst Du die Vorteile daran, dass das hier so öffentlich gemacht wird.
Haakon:
Es ist halt offen, es ist kein Tabu. Zum Beispiel für Politiker ist es sehr wichtig zu
wissen, was die verdienen. Weil die sind Politiker, die haben Geschäfte, die kriegen
Geschenke - und solche öffentliche Leute - das müsste man wissen, was die dann
machen. Also man ist da in einer öffentlichen Position und dann ist es eigentlich
besser, dass es ganz offen ist. Das ist, was ich hab. Es gibt keine Fragen, es gibt
keine Zweifel. Fertig. Das ist der Vorteil dann.
6
Sprecher:
Tatsächlich sind alle norwegischen Politiker in der Skattelister aufgeführt, inklusive
Ministerpräsident Jens Stoltenberg. So eine Transparenz bei Politikergehältern ist in
Deutschland undenkbar, oder?
Atmo: Tippgeräusche
Sprecher:
Seit dem Urteil vom Bundesverfassungsgericht 2007 müssen
Bundestagsabgeordnete immerhin ihre Nebeneinkünfte angeben, die dann auf der
Internetseite des Bundestages veröffentlicht werden. Norwegische Verhältnisse sind
das allerdings noch lange nicht, denn konkrete Summen kann der Wähler in den
seltensten Fällen lesen. Die Höhe der Nebeneinkünfte ist in drei Stufen eingeteilt,
wer zum Beispiel monatlich oder jährlich mehr als acht Tausend Euro nebenher
verdient, wird lediglich in der Stufe drei - der höchsten Stufe - eingeordnet. Ob er
allerdings acht tausend oder gar 80 tausend Euro nebenbei verdient bleibt unklar.
Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, was die Norweger an ihrer öffentlichen
Skattelister schätzen. Sie hat geradezu eine regulierende Wirkung, denn keiner kann
sich so einfach in die eigene Tasche wirtschaften.
Atmo: Norbert redet norwegisch mit seinen Mitarbeitern.
Sprecher:
Ich besuche meinen Bekannten Norbert, der mir seine Firma zeigt. Er lebt schon seit
vielen Jahren in Norwegen. Als ich auch ihm gestehe, dass ich sein Vermögen in der
Skattelister nachgeschaut habe, zieht er die Augenbrauen zusammen, sein Lächeln
verschwindet und für einen Moment lang herrscht Stille im Raum. Trotzdem ist er
bereit, sich mit mir über das Thema zu unterhalten.
Nicola:
Wie war das, als zum ersten Mal das Einkommen in der Zeitung veröffentlicht wurde?
Kühn:
Also ich muss ganz ehrlich sagen: Es war ein Schock. Dass ich in meiner Heimat, in
Valdress eigentlich die Tageszeitung aufschlage und ich genau konfrontiert werde
mit meinen Einkommenszahlen und was ich an Steuern bezahle find ich also nicht so
prickelnd. Nicht weil ich unheimlich viele Sachen verheimlichen möchte gegenüber
meinen Angestellten, aber letztendlich ist es auch für mich ungewohnt, dass jeder
der die Zeitung liest oder jeder der auch im Internet surft eigentlich wissen kann: Was
verdient die Firma oder auch meine Angestellten. Ich sehe alles, was um mich rum
wohnt und arbeitet die Einkommensverhältnisse. Und da muss ich ganz ehrlich
sagen, das gehört nicht in die Zeitung. Zumal man natürlich auch konfrontiert wird
mit: „Papa, meine Schulkollegen sagen mir Du bist sehr, sehr reich“ oder solche
Sachen oder: „Wo habt ihr das Geld her?" Also, das sind so Sachen, das ist neu für
mich gewesen, damit konfrontiert zu werden. Da werd ich mich glaub ich nie dran
gewöhnen können
Nicola:
Gucken Sie auch ab und zu in die Steuerlisten?
7
Kühn:
Wenn die Zeitung kommt, dann sind da ja Seiten voll mit Informationen. Da muss ich
allerdings dann auch eingestehen, dann guck ich, wo steh ich und wo stehen dann
eigentlich Bekannte in dieser Liste. Das ist dann die Folge von diesen komischen
Artikeln in der Zeitung.
Nicola:
Haben Sie auch konkret was gemerkt, also das Leute auf einmal anders waren?
Kühn:
Also eine Reaktion oder einen Unterschied hab ich eigentlich nicht gemerkt. Nur, ich
hab manchmal das Gefühl, dass man sich auch gegenseitig dann hochpuscht. Also
ich will über meinen Nachbar nächstes Jahr kommen. Das heißt also, wenn der
Nachbar sich einen Traktor kauft, dann muss der andere schon zwei haben oder der
muss auf alle Fälle größer sein. Und deswegen kann ich mir schon vorstellen, dass
der Norweger gerne ins Internet geht und sagt: Oh, was hat der Arne dieses Jahr
eigentlich verdient, ja. Das kann ich mir schon vorstellen.
Nicola:
Was glauben Sie, sind die Norweger Ihrer Meinung nach lockerer oder offener als wir
Deutschen, wenn es darum geht über das eigene Gehalt zu reden?
Kühn:
Nein. Das ist also ein Trugschluss. Lockerer würd ich nicht sagen. Im Grunde
genommen: Sie gucken nach, aber sie sprechen nicht darüber. Also wenn wir jetzt im
Freundeskreis sind, wissen wir natürlich was der Nachbar verdient, aber man spricht
da nicht so offen drüber.
Nicola:
Also im Prinzip können Sie einfach nichts machen.
Kühn:
Ich find ´s nicht gut. Aber ich kann mich da auch nicht gegen wehren. Denn wenn die
Datenschützer da schon nicht mit weiter kommen hier in Norwegen - und die haben
eine gute Lobby - dann kann ich als Deutscher Industrieller sicherlich auch nicht weit
kommen damit.
Sprecher:
Apropos Datenschützer. Was sagen die eigentlich zu der Veröffentlichung der
Steuerlisten?
Aanensen:
It is a nightmare; it is one of our nightmares.
Overvoice Aanensen:
Es ist ein Albtraum, es ist einer unserer Albträume.
Sprecher:
Sagt Leif Aanensen - er ist sozusagen der oberste Datenschützer Norwegens.
8
Aanensen:
We have been opposing this practice for almost 30 years but you know it is our
politicians who decide what we should do or not so. It has been a tradition for many
years in Norway to have this tax payment published. If you go back there was a list in
the local tax office where citizens could go to check your neighbors’ income and what
they pay in tax so this was at least the intension was that you should have open
discussion on the tax system in our country. So if you had the suspicion you could go
to check both the income of your neighbors in the local area and also the tax. But you
know. Even back in those days there was a lot of attention about people who was not
checking this list to participate in the tax discussion they were just curious about their
neighbors
Overvoice Aanensen:
Wir kritisieren diese Vorgehensweise jetzt seit mehr als 30 Jahren, aber es sind
unsere Politiker die entscheiden was zu tun oder nicht zu tun ist. Es ist einfach eine
lange Tradition die Steuerliste in Norwegen zu veröffentlichen. Damals, da gab es
eine Liste im örtlichen Steuerbüro, wo Bürger einsehen konnten, was der Nachbar
verdient und was er an Steuern zahlt. Die Ursprüngliche Idee war, dass eine offene
Diskussion über das Steuersystem des Landes möglich war. Wenn du nun also
Zweifel hattest, konntest du losziehen und das Einkommen und die entsprechenden
Steuern des Nachbarn überprüfen. Zumindest war dies mal die Originalintention des
Systems. Aber wissen Sie, schon damals gab es Leute, die die Liste einsahen, nicht
weil sie an der Debatte über das Steuersystem teilnehmen wollten, sondern weil sie
neugierig waren, was der Nachbar verdient.
Sprecher:
Seit 1863 gibt es in Norwegen öffentliche Steuerlisten. Seit dem sie auch im Internet
abrufbar sind, ist das Nachschauen natürlich noch einfacher geworden. Befragungen
haben ergeben, dass heute noch ein% der Norweger die Steuerliste wirklich nutzen,
um die Fairness des Steuersystems zu überprüfen. Die anderen 99% sind einfach
nur neugierig.
Atmo: Frau und Mann rufen durcheinander: Ja, Nei, Ja, Nei, Ja, Nei
Sprecher:
Laut einer Umfrage sind 32 Prozent der Norweger für die Veröffentlichung der Daten,
46 Prozent sind dagegen.
Atmo: Frau und Mann rufen durcheinander: Ja, Nei, Ja, Nei, Ja, Nei
Aanensen:
Especially during the last five years there has been a growing number of supporters
against this kind of practice. We have heard increasing voices from at least some
part of the police that this is crazy to publish this kind of information because
especially when they see specific cases where criminals have used this for taking
action against people in their own home.
Overvoice Aanensen:
Insbesondere während der letzten fünf Jahre steigen die Zahlen derer, die gegen
dieses System sind. Von einigen Polizisten hören wir immer öfter, dass es verrückt
sei, diese Art von Information zu veröffentlichen.
9
Eben weil sie sehen, dass in konkreten Fällen, Kriminelle diese Information genutzt
haben für Gewaltakte an Menschen in ihrem eigenen zuhause.
Sprecher:
Eine „Arbeitsliste für Kriminelle“ nennt er die Skattelister. Leif Aanensen hat den
Eindruck, dass durch die zunehmende Kritik auch die Politiker allmählich
nachdenklicher werden. Zumal die Skattelister ist nicht die einzige Veröffentlichung
privater Daten ist.
Aanensen:
You know this is a typical Scandinavian tradition Openness which is very good in a
democratic society but I think you have a problem when the information gets to sticky
to a person. What we are discussing now is openness related to tax system, but we
also have what we call the public law which means that if when you are writing a
letter to a public office that doesn’t contain very specific information about you, than it
is a public document. And this is even searchable on the web as well. If you would
like to build a garage for instance or you make complaints about I did not get the
permission to build the garage, than this is typical official document and it is
searchable.
Overvoice Aanensen:
Wissen Sie, diese Offenheit ist eine typische skandinavische Tradition und sehr gut
in einer demokratischen Gesellschaft. Aber ich denke es ist problematisch, wenn
eine Information zu personenbezogen ist. Worüber wir bis jetzt gesprochen haben ist
die Offenheit im Bezug zum Steuersystem, aber wir haben auch noch einen anderen
Fall von großer Offenheit. Und zwar das Öffentliches Gesetz, wie wir es nennen. Das
heißt, wenn Sie einen Brief an eine Behörde schreiben, der jetzt nicht besonders
private Einzelheiten enthält, dann wird dieser Brief zum öffentlichen Dokument und
ist somit im Internet zu finden. Wenn Sie z. B. eine Garage bauen wollen oder sie
schreiben eine Beschwerde, weil der Bau Ihrer Garage nicht genehmigt wurde, dann
wäre das ein typisches offizielles Dokument und im Internet veröffentlicht.
Sprecher:
Leif Aanensen kennte Fälle, in denen Menschen nach Beschwerdebriefen an eine
Behörde bei Nachbarn oder Arbeitgebern den Ruf des ewigen Nörglers bekamen...
oder erst gar nicht eingestellt wurden.
Zurück bei meinem Freund Holger. Der hatte sich vor ein paar Jahren zum ersten
Mal über diese offenen Verwaltungsdaten gewundert:
Holger:
Ich hab die Telefonnummer von einem Sarpsborger gesucht und hab den gegoggelt
und fand irgendwie so einen Brief von der Stadt, dass sie ihm genehmigen, dass er
an seinem Grundstück da noch irgendwas ausbaut. Also das hatte ich gefunden,
bevor ich überhaupt die Telefonnummer fand.
Atmo: Papierrascheln, Suche im Ordner
Sprecher:
Und dann sucht er in seinem Aktenordner noch nach einer anderen norwegische
Besonderheit. Es hat etwas mit seiner Bewerbung für eine Stelle im öffentlichen
Dienst zu tun.
10
Atmo: Papierrascheln
Holger:
Also ich hab mich auf eine Stelle beworben mit 69 anderen. Und dass das so viele
waren wusste ich, weil ich per Post eine Liste bekam mit Adressen
Nicola: Eine Liste von allen Mitbewerben?
Holger:
Ja also, es kam eine Eingangsbescheinigung auf die Bewerbung als Archivassistent
und die kam zu meiner Überraschung schriftlich. Und das war ein ziemlich dicker
Brief, was mich dann noch mehr überraschte und dann waren dann mehrere Seiten
lange Listen mit den 69 Bewerbern.
Und wir haben also Vorname, Name, Alter Geschlecht, Adresse und die Kommune.
Nicola:
Wie findest Du das? Schließlich haben all die anderen ja auch Deine Daten
bekommen.
Holger:
Ich glaube, dass das normal ist, das man die im gewissen Sinne öffentlich macht,
aber so, dass man sofort Listen verschickt? Also es wirkt schon ein bisschen
komisch, aber für einen Norweger ist das wahrscheinlich völlig normal. Vielleicht
kann man sich ja mal treffen, wenn man ein paar kennt (lacht) ich weiß es nicht.
Nicola:
Die Norweger sind wahrlich keine großen Datenschützer.
Holger:
Also man muss auch sagen, dass es auch das umgekehrte gibt. Also zum Beispiel
gibt es in Deutschland diese Vorratsdatenspeicherung, dass alle Sachen, die mit
Telefon und mit Internet zusammenhängen sechs Monate gespeichert werden. Und
in Norwegen - Norwegen ist ja nicht in der EU - braucht sich da auch nicht an solche
Gesetze zu halten. Aber die Regierung hat vor gar nicht langer Zeit zwei großen
Providern untersagt, die Sachen länger als drei Wochen aufzuheben.
Sprecher:
Ich besuche meinen Freund Haakon. Als ich meine Verwunderung über den
norwegischen Umgang mit Verwaltungsdaten anspreche, meint er, dass sei eine
Deutsche Denkweise.
Haakon:
Was ist das Problem?
Sprecher:
Zu seiner Person hatte ich im Internet nur einen offiziellen Ersuch um einen
Kindergartenplatz gefunden - wahrlich keine heikle Angelegenheit, aber er fänd es
auch okay, wenn ein Beschwerdebrief von ihm veröffentlicht würde.
Haakon:
Ich kann das Problem nicht sehen.
11
Sprecher:
Und dass bei öffentlichen Stellen ganz offen mit den Daten der Bewerber hantiert
wird und manchmal sogar die Lebensläufe der Mitbewerber verschickt werden, findet
es gut.
Haakon:
Was ist das Problem, wenn ich eine öffentliche Stelle suche und ich will da arbeiten
und es gibt da eine Liste mit zwanzig Leute, die sich da beworben haben? Das ist
gut. Da kann man sehen, dass die Regeln befolgt sind. Die Regeln für welche Leute
man anstellen soll. Was für eine Ausbildung haben, wie viel Erfahrung und so weiter.
Dann kann man gucken: Irgendeine Person hat die Stelle bekommen, der ist
schlechter qualifiziert als ich bin. Dann klag ich halt, kann man ja klagen. In
Deutschland oder sonst wo das nicht zu untersuchen ist, wie sollte man da klagen,
man hat ja keine Ahnung, was da vorgegangen ist.
Sprecher:
Nach all den Gesprächen sehe ich mittlerweile auch die positiven Aspekte dieser
norwegischen Vorgehensweise. Beispielsweise würde es so einen Fall wie den der
Moderatorin Monica Lierhaus in Norwegen vermutlich gar nicht geben. Als ihr Gehalt
als zukünftige Lottofee öffentlich wurde, kündigten viele ihr Lottoabonnement.
450 000 Euro im Jahr für die paar kurzen Auftritte sorgte für Empörung. Dass ihr
Vorgänger noch viel mehr bekommen hat, wusste keiner. In Norwegen hätte es jeder
gewusst und damit würde sich wahrscheinlich jeder Arbeitgeber zwei Mal überlegen,
ob er eine solch gigantische Summe zahlt. Die Skatterlisten, das betont auch
Haakon, sorgen für mehr Gehaltsgerechtigkeit. Solche absurd hohen
Gehaltsunterschiede wie in Deutschland gäbe es bei ihnen in Norwegen nicht.
12
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