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1 Anna Strobl: Was Graz glaubt. Religion und - RPI-Virtuell

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Anna Strobl: Was Graz glaubt. Religion und Spiritualität in der Stadt. Theologie im kulturellen Dialog Bd. 19.
Innsbruck / Wien: Tyrolia 2010, 594 S., Abb. mit Bevölkerungsstatistik Österreichs und Graz – nach Religionen
aufgeschlüsselt. ISBN 978-3-7022-3048-7
Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts sind eine Reihe amerikanischer und europäischer Städte der
religiösen Vielfalt ihrer Bewohner nachgegangen und haben dabei oft Erstaunliches über die kulturell-religiösen
Zusammensetzung ihrer Stadt entdeckt. Die meisten von ihnen haben dies zugleich als eine Chance gesehen.
So hat man z.B. in Hamburg (1994), Boston (USA, 1995), in Hannover 1997, im Landkreis Starnberg 1998, in
Basel Stadt und Basel-Land 2000 größere Untersuchungen unternommen. Wenn sich im Inneren wie im
Äußeren das Bild einer Stadt verändert, dann gibt es zwar auch Ängste in der „autochthonen“ Bevölkerung
gegenüber den Einwanderern, gleichzeitig zeigt sich jedoch eine kulturelle Bereicherung, die ungewohnte
Perspektiven eröffnet. Darauf macht in besonderer Weise Essen mit dem gesamten Ruhrgebiet als
Kulturhauptstadt 2010 aufmerksam.
Mit einer umfangreichen Arbeit stellt nun die Religionspädagogin und
Informatikerin Anna Strobl in über 60 Selbstdarstellungen die religiöse
Vielfalt von Graz dar, der Hauptstadt der Steiermark dar. Dieser
"Religionsführer" gibt Einblick in eine so reichhaltige Glaubenswelt, die
man eher als „katholisch“ vermutet hätte. Die Besonderheit dieser Arbeit
liegt zugleich darin, dass nicht nur den großen Kirchen und
Weltreligionen entsprechend Platz eingeräumt wird, sondern auch
evangelikale und charismatische Gemeinden zu Wort kommen, aber
ebenso Religionen mit ethnischen Schwerpunkt und religiös-spirituelle
Zentren, die eher esoterischen Gemeinschaften zuzurechnen sind. Der
Begriff der Religiosität wird dabei sogar soweit gefasst, dass in dieser
Darstellung auch weltanschauliche Bewegungen einen Platz haben.
Auch die LeserInnen, die sich nicht so sehr für regionale Besonderheiten interessieren, werden entdecken, dass
Globalisierung auch ein religiöses Phänomen ist, das nicht nur die großen Religionen mit ihrer universalen Weite
betrifft, sondern auch religiöse Gruppierungen, die man eher im städtischen Milieu oder an wenigen einzelnen
Zentren vermutet und verortet wie Brahma Kumaris ( S. 335ff), Gemeinde Emmaus (S. 347ff), Gralsbewegung
(S. 463ff), Kriya Yoga (S. 483ff), Terra Sagrada (S. 531ff). Auch problematische Bewegungen, denen viele den
religiösen Gehalt generell absprechen wie Scientology (S. 505ff) und die Vereinigungsbewegung des Sun
Myung. Mun (S. 551ff) hatten die Möglichkeit der Selbstdarstellung mit entsprechenden Vorgaben. Nur wenige
Gruppierungen machten hier nicht mit (S. 25).
Ebenso wurde nicht mehr mit den bei den Großkirchen immer noch üblichen theologischen Sektenbegriff
gearbeitet (S. 57). Stattdessen galt es, die wirklichen Intentionen der „Anbieter“ offenzulegen. Auf diese Weise
soll auch der missbräuchlichen Berufung auf Religion entgegengetreten werden, um Gefährdungspotentiale
durch den Zwang zur Offenlegung auszuschließen. Darum wurde in der Untersuchung sorgsam darauf geachtet,
dass die rechtlichen Vorgaben Österreichs für religiöse Gemeinschaften (sei dies der Körperschafts- oder
Vereinsstatus) eingehalten wurden, dass das Selbstporträt der Gruppierungen über Interviews und Fragebögen
eine gewisse Standardisierung, Vergleichbarkeit, unvoreingenommene Klärung und eine Redigierungsmöglichkeit erfuhr. Damit ließen sich auch Typen von Religionsgemeinschaften zusammenstellen, und zwar im
Blick auf Größenordnung und gesellschaftliche Bedeutung bis hin zu interreligiösen Dialog-Initiativen:
Die Katholische Kirche, Evangelische Kirche
und Orthodoxe Kirche in Graz
Evangelikale Gemeinden und Freikirchen
Afrikanische Kirchen und Gemeinden
Die Israelitische Kultusgemeinde in Graz
Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Graz
Buddhismus in Graz
Hinduismus in Graz
Neue religiöse Bewegungen in Graz
Dialogbestrebungen in Graz
Im Vorwort („Einleitende Gedanken zur Studie“) hatte Leopold Neuhold, Professor für Ethik und
Gesellschaftslehre an der Universität Graz schon die Trends in westlichen Ländern aufgezeigt, die dann im
Detail der Darstellungen ihre auf Graz bezogene Bestätigung erfahren (S. 12ff):
1.
2.
3.
4.
5.
6.
Von der Religion als milieubildender Zentralinstanz zur Religion der individuellen Orte
Von einer einheitlich institutionalisierten Religion zur Religion auf dem Markt
Aus Unbegreiflichem mach Begreifliches: Von der Religion als abstraktem Lebensbezug zur Religion der Erfahrung
Von der Religion als geordnetem Lebenszusammenhang zur punktuellen Religion
Von der religiösen Gruppe zum Eigenbrötler
Verlagerung vom Jenseits ins Diesseits
Auch diese Untersuchung bestätigt die auffälligen Veränderungen des religiösen Verhaltens, synkretistischer
Suchbewegungen und Wirkungen der Globalisierung auf Religion und Religiosität insgesamt.
Vgl. dazu etwa „Religiöse Vielfalt in Nordrhein-Westfalen. Empirische Befunde und Perspektiven der Globalisierung vor Ort“.
Paderborn 2008, Besprechung: http://www.rpi-virtuell.net/workspace/users/535/Rezensionen/Rz-Hero.pdf)
sowie die Bedeutung des Religionsmonitors 2008 der Bertelsmann-Stiftung im Sinne einer ersten weltweiten Bestandsaufnahme: http://blog.rpi-virtuell.net/index.php?op=ViewArticle&articleId=1540&blogId=371 und der erfolgten ausführlichen
Auswertung: http://blog.rpi-virtuell.net/index.php?op=ViewArticle&articleId=2062&blogId=371.
Die Grazer Untersuchung reiht sich nicht nur in die Arbeiten zur Multikulturalität und Multireligiosität in westlichen
Städten und Regionen ein, sondern macht durch die systematisierte Aufschlüsselung öffentlich auftretender
Gruppen unmissverständlich deutlich, wie sehr die religiöse Landschaft Europas eine Herausforderung für
etablierte und neu hinzugekommene Gemeinschaften ist. Die Autorin hat zusammen mit den Unterstützern und
den Interviewpartner Hervorragendes und auch auf andere Städte und Regionen Übertragungsfähiges geleistet.
Reinhard Kirste,
1
Rz-Strobl-Graz, 27.03.10
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Seele and Geist
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