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02.10.2012 Verzweifeln am Medizinischen Dienst der - PicR.de

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02.10.2012
Verzweifeln am Medizinischen Dienst der Krankenkassen
Was sich Patienten alles gefallen lassen müssen
Ulrich Hagmann, Sebastian Kemnitzer
Die Hansaschule in Lübeck hat eine gute Seele und die sitzt im Sekretariat. Christiane Gruel. Die
Frau hat etwas geschafft, um das sie viele beneiden: Sie hat im letzten Jahr 40 Kilo abgenommen.
Auf Anraten ihrer Ärzte, weil sie immer Rückenprobleme hatte, weil die großen Brüste nach
vorne gezogen haben. Mit großer Disziplin, mit viel Obst und Sport hat sie es geschafft.
Trotzdem ist sie unglücklich und ärgert sich über den Medizinischen Dienst der Krankenkassen.
Christiane Gruel: „Die Folge war, dass sich die Fettschürzen eben extrem gebildet haben, dass
sich da dann Ekzeme drunter bilden und dass der MDK sagt, also ich soll mich waschen und
dann ist es gut.“
Wer so stark abnimmt, wie Christiane Gruel, braucht Unterstützung. Fünf Ärzte haben der Frau
bestätigt: Eine operative Entfernung der überschüssigen Haut sei aus medizinischer Sicht
angeraten. Doch der Medizinische Dienst der Krankenkassen hat die Behandlung dreimal
abgelehnt. Es genüge, wenn sich die Frau gründlich wasche.
Christiane Gruel: „Man hat mich nicht angeschaut, man hat mich nicht gehört, man hat mich
nicht angerufen, man hat mir keinen Termin gegeben, es ist eine reine Aktenlage, es ist nur nach
Aktenlage entschieden worden. Ja, wir brauchen hier eigentlich keine Ärzte mehr. Wir schicken
die Fotos nur noch dem MDK nach Lübeck, die gucken sich das an und werden eine Diagnose
stellen und das ist auch gut.“
Unabhängig, objektiv und wissenschaftlich soll der MDK die Qualität im Gesundheitssystem
überwachen. Finanziert wird er von den Kassen. In diesem Fall ist der MDK-Nord zuständig.
Doch über Probleme klagen Patienten bundesweit. Patientenvertreter glauben, der MDK erfülle
für die Kassen vor allem eine Funktion.
Wolfram Candidus, Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten: „Die nutzen den
MDK jetzt dazu, Leistungen, die uns eigentlich zustünden laut Sozialgesetzbüchern, zu
verwehren. Das ist ein Teil. Der zweite Teil ist, durch den MDK wird die Therapiefreiheit des
Arztes, der Behandelnde, und dafür ausgebildet wurde, die wird durchbrochen, weil einfach
gesagt wird, dass was der Arzt verordnet hat, das brauchen Sie oder kriegen Sie jetzt auch nicht,
das wird verweigert. Und der Vorteil ist, dass die Krankenkassen dadurch Geld sparen, der
Nachteil ist, dass die Patienten dabei leiden.“
Karin Hartlef ist eine von ihnen. Sie leidet seit mehreren Monaten. Und dass nur, weil die
Spritzen, die sie seit 16 Jahren bekommt, von der Kasse nicht mehr bezahlt werden.
Frau Hartlef hat schmerzhafte Krämpfe im Gesicht und am Halsmuskel. Der Kopf fällt
unvermittelt nach vorne die Augen klappen zu. Die Krankheit heißt Dystonie.
Karin Hartlef, Dystonie Patientin: „Ich bin praktisch unbehandelt, seit 5 Monaten, vollkommen
unbehandelt und ich kann nichts tun, nur warten.“
Ihre Kasse bittet um Geduld, mehrmals. Man warte auf ein Gutachten des MDK. Seither sitzt sie
nur noch in ihrer Wohnung.
Karin Hartlef, Dystonie Patientin: „Die haben mich auch gar nicht gesehen. Die entscheiden
das wahrscheinlich nur so nach Berichten und nach ich weiß nicht. Also schlecht behandelt, kann
ich sagen.“
Auf dem Neurologen-Kongress in Hamburg treffen wir weitere Dystonie-Patienten und
behandelnde Ärzte. Alle haben dasselbe Problem: Das einzige Medikament das hilft, hat keine
Zulassung für diese Krankheit. Die Kassen haben bisher bezahlt, müssen das nach einem Urteil
des Bundessozialgerichtes nicht mehr. Deswegen werden jetzt Einzelgutachten des MDK erstellt.
Das dauert und geht zu Lasten der Patienten.
Prof. Dr. med. Dirk Dressler, Medizinische Hochschule Hannover: „Wir sind in der Tat auch
nicht glücklich darüber, dass diese Entscheidungen regelhaft am Schreibtisch getroffen werden.
Also wir würden uns schon wünschen, bei der Tragweite dieser Problematik für die Patienten,
dass der Patient selber persönlich vom MDK in Augenschein genommen wird, damit die
Rahmenbedingungen überhaupt transportiert werden können.“
Auch Martin Winking wurde vom MDK nicht persönlich begutachtet. Dabei geht es in diesem
Fall um Leben und Tod. Winking leidet an einem Gen-Defekt. Er hat zu viel Fett im Blut, so
genannte Triglyceride. In der Probe sind Fettschlieren deutlich erkennbar. Abhelfen könnte eine
Blutwäsche ähnlich der Dialyse. Doch die ist in diesem Fall nicht vorgesehen und wird vom
MDK im Februar abgelehnt. Winking ist seither schon dreimal mit akuter
Bauchspeicheldrüsenentzündung auf der Intensivstation gelandet.
Martin Winking: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass dort einfach Leute sind, die ihre Arbeit
nicht machen wollen, oder nicht machen können, und ich letztendlich einfach auf der Strecke
bleibe als einer von vielen Patienten, und es ist denen egal, ob ich das jetzt überlebe oder nicht.“
Otto Bertermann ist Arzt und Politiker. Auch er kennt die Problematik des MDK aus Erfahrungen
in seiner eigenen Praxis.
Dr. med. Otto Bertermann, FDP, Landtagsabgeordneter Bayern: „Wessen Brot ich esse,
dessen Lied ich singe und ich kann mir nicht vorstellen, dass derjenige, der die Aufträge bekommt
und von der Krankenkasse bezahlt wird, so objektiv und unabhängig sein Urteil fällen kann. Das
ist das Erste. Und das Zweite ist, dass der MDK meiner Meinung nach dazu beiträgt, die
Ausgaben der Krankenkassen zu reduzieren, weil die Krankenkassen selbst in einem Wettbewerb
mit anderen Krankenkassen stehen. Das kann zu Lasten der Patienten gehen und die Qualität der
Versorgung ganz erheblich gefährden. Da müssen wir Änderungen herbeiführen, auch vom
Gesetzgeber.“
Der MDK-Spitzenverband erklärt dazu, man habe keine Anhaltspunkte für fehlende
Unabhängigkeit oder unzureichende Sorgfalt. Aber in jedem unserer Fälle gibt es Bewegung.
Frau Hartlef hat am Samstag einen Brief Ihrer Kasse bekommen: Für ein Jahr werden die
Medikamentenkosten übernommen.
Martin Winking bekam plötzlich, nachdem report MÜNCHEN sich eingeschaltet hatte, einen
vorläufig positiven Bescheid. Bis zum Jahresende werden die Kosten für die Blutwäsche
übernommen.
Und Christiane Gruel soll jetzt begutachtet werden – und zwar gleich von zwei Ärzten.
Christiane Gruel: „Durch report MÜNCHEN hat sich natürlich jetzt alles in Bewegung gesetzt,
komischerweise ändert sich in zwei Tagen diese Geschichte, dass ich beim MDK einen Termin
kriege, dass man sich um mich kümmert, dass man mit mir spricht.“
Das freut uns und macht uns gleichzeitig nachdenklich. Offenbar zweifelt der Medizinische
Dienst selbst an der Qualität seiner Gutachten.
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Seele and Geist
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