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"Die, die das Neue hervorbringen, kennen" - Was ist - olegeorggraf

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"Die, die das Neue hervorbringen, kennen"
Community Arts
Was ist Community Arts?
(begrifflich)
Unter Community Arts soll hier gefasst werden: unter der Leitung
professioneller Künstler mit "Laien" / "Amateuren"/ nichtprofessionellen Menschen /Akteurinnen innerhalb konkreter lokaler,
sozialer Kontexte zeitgenössische Kunst zu produzieren. Die
Produktion von Kunstwerken (Theaterstücken, Choreographien,
Performances, Klang-Installationen) ist dabei Tool für sozialen
Wandel und Entwicklung einer "Gemeinschaft" (Community).
Ist Community Arts Kunst?
(historisch)
Vom Beginn des 20. bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, von den
historischen Avantgarden bis zu einer heutigen Kunstpraxis, hat die
Frage nach der gesellschaftlichen Funktion und
der
gesellschaftlichen Bedeutung von Kunst an Aktualität nichts
verloren. Community Arts bezieht sich auf die interventionalistische
Kunstpraxis. Sie greift direkt in soziale Lebenszusammenhänge ein
und aktualisiert damit die unmittelbare gesellschaftliche Relevanz
von Kunst. Allerdings hat sich gegenüber den historischen
Avantgarden die Konzeption künstlerischen Handelns grundlegend
geändert. Anstatt eine Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und
Gesellschaft durch den Bruch mit den Konventionen der Kunst
anzustreben, erkennt Community Arts gerade in den künstlerischen
Übereinkünften eine Handlungsmacht künstlerischer Praktiken (vgl.:
Dorothea von Hantelmann, How to do things with Arts, ZürichBerlin 2007). Community Art produziert die gesellschaftliche
Wirksamkeit nicht außerhalb, sondern innerhalb des Rahmengefüges
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der (jeweiligen) Kunst. (Im Bereich Theater wären unter die
Elemente eines solchen Rahmengefüges das Stück, die Inszenierung,
die Probe, die Aufführung vor Zuschauerinnen zu zählen; im Bereich
Musik die Komposition, das Einüben, die Probe und die Aufführung
oder die Aufnahme. Gerade indem diese "Konventionen" nicht
gebrochen werden, sondern genutzt - gerade indem Menschen
unterschiedlicher Gruppen, Schichten und Herkünfte eine
Choreographie erarbeiten, proben und aufführen — stellt sich in den
Community Arts gesellschaftliche Wirksamkeit her.)
Ist Community Arts Kunst ?
(ästhetisch)
Produktionen und Projekte der Community Arts nehmen die nichtprofessionellen Künstlerinnen nicht als Material, sondern machen
eine Begegnung aller Beteiligten auf Augenhöhe zur Vorraussetzung.
In der Produktion und in der Betrachtung eines Kunstwerkes
"[ersetzt] die Selbigkeit des Dinges die Übereinstimmung der
Meinungen" (Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt
1997). Indem Kunst im Medium des Anschaulichen und
Wahrnehmbaren operiert, ermöglicht sie Kommunikation, die nicht
auf die spezifischen Sinnleistungen der Sprache angewiesen ist (im
Gegensatz zu einer Diskussionsveranstaltung zum Beispiel).
Innerhalb stark segregierter sozialer Gefüge und aufgrund sehr
verschiedener kulturellen Hintergründe funktioniert die Produktion
und Rezeption von Kunst als Kommunikation über etwas
"unbekanntes" Drittes, da "direkte" Auseinandersetzung nicht
geschieht.
Ein Kunstwerk bringt seine Realität ebenso hervor, wie es in
diese Realität eingebunden ist (das meint im genauen Sinne
Performativität). Community Arts Projekte haben also eine
kommunikative Kapazität, die anderen Formen des Sozialen fehlt.
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Das Bemühen, die gesellschaftliche Relevanz von Kunst zu
aktualisieren, wird im öffentlichen Diskurs gerne mit zwei Elemente
verbunden: einerseits die thematische Rückbindung der Kunst an
eine politische und soziale Lebensrealität (als Beispiel wäre hier die
Documenta 12 zu nennen) — andererseits die Partizipation von
Nicht-Professionellen. Die Dokumentarfilmerin aus Anja Hillings
Stück "Monsun", die loszieht, um einen Dokumentarfilm "über
irgendeine Minderheit" zu drehen, kann als satirische Darstellung
einer künstlerischen Haltung dienen, immer ein noch minoritäreres
Thema als Erste auf eine Leinwand oder Bühne zu bringen, "weil das
unheimlich wichtig ist".
Die ästhetische Qualität des Kunstwerks liegt nicht in seinem
Thema. Zugleich ist im Bereich der darstellenden wie der bildenden
Kunst eine "Fetischisierung der Partizipation" (Dietrich Diederichsen,
Eigenblutdoping, Köln 2008) zu beobachten: so als wäre die
Partizipation von irgendwem an irgendwas ein ästhetischer Wert "an
sich". Die Kriterien einer ("professionellen") Virtuosität oder
besonderen Subjektivität / Heiligkeit der Künstlerinnen oder
Ausführenden als solche sind allerdings auch keine ästhetischen
Kriterien (vgl. Mario Perniola, Der Sex-Appeal des Anorganischen,
Wien 1998).
Community Arts ist als Kunst herausfordernd und
komplexitätssteigernd begriffen - für die Durchführenden, aber auch
für die Zuschauer als Teilnehmende. Im Zentrum steht also eine
Produktionsästhetik, nicht eine Rezeptionsästhetik..
Ist Community Arts ein kulturvermittlungsoder kunstpädagogisches Projekt?
Die Nicht-Teilhabe bestimmter Bevölkerungsgruppen an aus
öffentlichen Geldern finanzierter Kunst und Kultur ist ein
legitimatorisches Problem. Dass diese Nicht-Teilhabe ihren Grund
nicht in monetären Bedingungen hat, ist zum Beispiel in einer Stadt
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wie Wien (mit günstigen Plätzen im Burgtheater, freiem Eintritt an
manchen Tagen im MAK, oder den gut ausgestatteten Lesesälen der
Stadtbibliothek) besonders sichtbar.
Community Arts bringt segregierte Bevölkerungsgruppen zusammen
und steuert zugleich inhärenten Ausschließungsmechanismen
entgegen.
Inhärente
Ausschließungsmechanismen
sind
beispielsweise Kaufkraft, Bildungsabschluss oder Geschlecht.
Community Arts heißt also in diesem Sinne genau nicht, allen für
alles eine Plattform zur Verfügung zu stellen. (Tanz ist beispielsweise
eine künstlerische Form, in der sich im nicht-professionellen Bereich
überwiegend Frauen, überwiegend jüngere Menschen und
überwiegend Menschen mit höherem Bildungsabschluß betätigen.
Eine Steuerung der Zusammensetzung in diesem Bereich heißt dann,
beispielsweise gezielt Tanzprojekte zu veranstalten, die für
Menschen mit niedrigem Bildungsabschluß "attraktiv" sind (durch
Choreographie, Leitung, Ort oder Kooperation mit bestimmten
Institutionen), oder die Zusammensetzung nach "formalen" Kriterien
zu steuern (nach den Kriterien des Bildungsgrades, des
Aufenthaltsstatus, des Alters und des Geschlechtes geregelt).
Zugleich ist Steuerung aber nicht nur konzeptuell oder formal,
sondern auch das gezielte Knüpfen und Pflegen von Kontakten zu
Einzelpersonen wie Bevölkerungsgruppen, die Einbindung und
Unterstützung von "Role Models" - tägliche Arbeit eines "Diversity
Managements".)
Projekte der Community Art zielen also weder darauf ab, kulturelles
Erbe zu vermitteln, noch neue Zielgruppen für das Museumsquartier
aufzuschließen. Sie betreiben keine "Volksbildung" und erreichen
auch diejenigen vor Ort, die durchaus in die Staatsoper gehen. Die
Teilhabe bestimmter Schichten an Kunst und Kultur ist ein
erwünschter Nebeneffekt von Community Arts.
Einerseits, indem durch die Teilnahme an Projekten, die
ästhetisch herausfordernd sind, eine fundamentale Vorraussetzung
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für die Auseinandersetzung mit Kunst geschaffen wird: indem man
es selber macht, zu erkennen, dass jemand "so etwas macht", weil er
oder sie einen Sinn darin sieht. Andererseits kommen
Zuschauerinnen, weil sie die Ausführenden auf der Bühne kennen:
als Freundinnen, als Familienmitglieder, als Bekannte, oder vom
Markt. Viele sehen das erste Mal ein Tanztheaterstück oder hören
eine elektroakkustische Klangperformance. Sie konfrontieren sich
mit etwas, was ihnen neu ist, weil sie die, die das Neue
hervorbringen, kennen.
Ole Georg Graf
Konzeptentwicklung Brunnenpassage Wien, 2009
2009-2013
www.olegeorggraf.com
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Kunst und Fotos
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