close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

15 Der leise Abschied Ihr Lächeln ist das Schönste, was Max in

EinbettenHerunterladen
Der leise Abschied
Ihr Lächeln ist das Schönste, was Max in Erinnerung bleibt.
Der Zug rattert hustend bei jeder überfahrenen Schwelle
dahin und entfernt ihn immer weiter und schneller von seinen
glücklichsten Lebensjahren. Kaum kann er die Silhouette von
Petersburg noch erkennen und es beginnt die Reise zurück in
seine mecklenburgische Heimat.
Dieses unermessliche Land mit seiner vielfältigen Natur lässt
ihn die Augen offen halten, obwohl er seit Nataschas Beerdigung vor zwei Tagen nicht geschlafen hat. Nur selten streift
der dampfende Zug entlegene Ortschaften. Auf den Bahnsteigen wirken die Anwohner wie Gestalten, die von einer
Revolution, einem Auf und Nieder der Sowjetstaaten und den
von Korruption immer wieder zurückgeworfenen Reformversuchen des an Kontrasten so reichen Russlands unbeteiligt
geblieben sind.
Wie erstaunt war er dagegen, als er vor drei Jahren seiner
Liebe nach Petersburg folgte und eine lebendige, offene Stadt
ihn empfing, die seinen Erwartungen völlig widersprach.
Nicht finstere Gesichter in farbloser Bekleidung bestätigten
seine Befürchtungen, sondern eine farbenfreudige, gewagte
Mode mit Menschen, die das Leben genießen wollen und ihr
Heim nicht zur Burg machen, steigerte den Genuss an seiner
frischen Liebe.
Dabei hätte er es wissen müssen und seine Natascha nicht
zum Einzelfall erklären dürfen. Aber wie konnte er auch alte
Vorstellungen ohne Selbsterlebtes über den Haufen werfen.
Seine Betrachtung war doch auf Natascha als Frau fokussiert.
Das erstemal begegnete er Natascha auf einem Wissenschaftsforum in Schwerin. Er erinnert sich an die damalige
Diskussionen zu den neuesten Erkenntnissen der Gentechnik
15
zur Intensivierung der Getreideproduktion. Am Rande der
offiziellen Vorträge waren wie immer die nachfolgenden
Gesprächsrunden am wertvollsten. Natascha, eine typisch
russische Erscheinung mit ihren vollen Lippen, den großen
strahlenden Augen und der fein geschnitten Nase im ebenmäßigen Gesicht, in dem die Wangenknochen den erotischen
Eindruck vervollkommneten, war sofort zu einem Volltreffer
seines noch unberührten Herzens geworden. Er stand in einer
Gruppe mit anderen Wissenschaftlern und drehte Natascha
den Rücken zu, als er immer weniger die Worte in seiner
Gruppe aufnahm, als dem weichen, entzückenden Akzent im
Rücken zu lauschen. Dabei kann er sich nicht mehr an den
ernsten Inhalt erinnern, sondern es kam ihm wie ein Flötenspiel im Gebrumm der ansonsten trockenen Kollegen vor.
Bevor Natascha in ihrer Heimat beruflich Fuß fasste, hatte
sie ein Studium im Wissenschaftszentrum Dummersdorf
absolviert. Daher auch der sichere Umgang mit seiner
Sprache und dem I-Tupfer des norddeutschen-russischen Dialekts.
Wenn er sein Ohr an die kalte Scheibe des Waggongs
presst, glaubt er fast, ihre Stimme noch einmal vernehmen zu
können.
Später als sie sich besser kannten und nicht nur der Klang
ihrer Stimme ihn verzauberte, sondern auch die fröhliche
Vernunft der jungen Wissenschaftlerin das Bedürfnis in ihm
erweckte, möglichst oft mit Natascha zusammenzusein,
entwickelte sich der fruchtbare Gedankenaustausch zwischen
zwei harmonierenden Menschen.
Entgegen der Auffassung seines älteren Bruders, der die
Möglichkeit ausschloss, dass die verschiedenen Geschlechter
sich auf Dauer verstehen könnten, war Max von solchem
Pessimismus nicht befallen. Unbeschwert näherten sich die
zwei jungen Menschen, die beide bis dahin nur geringe
Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht hinter sich hatten.
Max’s Jugendliebe, ein Mädchen aus der Nachbarklasse, kam
ihm wie eine verblasste Erinnerung vor und nur wage kann er
sich an die nächtlichen bekleidungsfreien Badeabenteuer im
16
pechschwarzen dunklen See mit seiner romantisch glatten
Wasseroberfläche entsinnen.
Wie viel reifer ist der Ideenaustausch mit Natascha. Natürlich nahm das Auskosten der Liebe, den größten Teil ihres
Zusammenseins ein. Aber wenn jeder befriedigt und glücklich
auf einem Körperteil des anderen ausruhte, sannen sie sehr
wohl über den Sinn des Lebens, die Grauen und Schrecken
auf dieser Erde und die Umweltängste auch für ihre Wunschkinder nach. Erstaunt registrierten sie dabei, wie selbstverständlich ihre übereinstimmenden Ansichten sich trafen bzw.
durch Unbekanntes aus der jeweiligen fremden Heimat
ergänzt und befruchtet wurden. Sie waren sich einig, dass im
Mittelpunkt ihrer Bestrebungen nicht der materielle Erwerb
steht, sondern die geistige Beschäftigung und auch das
Besinnen darauf, mit einfacheren Umständen zurechtkommen
zu können ohne den Lebenswert zu mindern.
So setzten sie ihre Beziehung auch über die große
Entfernung beider Länder fort. Der elektronische Postweg, ihr
täglicher Begleiter, ermöglichte es ihnen, den Kontakt
ununterbrochen fließen zu lassen. Nie hätte Max gedacht,
dass sein an Kürze und Nüchternheit gewöhnter Schreibstil,
sich einmal auf die Beschreibung einfachster Natureindrücke,
glühender Liebessehnsucht und Zukunftsmalereien verbreitern würde.
Er nimmt behutsam den Abschiedsbrief seiner Liebsten aus
der Jackentasche und bewundert erneut, mit welcher Kraft
Natascha ihr Schicksal ertrug und letztendlich den kurzen,
erbitterten Kampf gegen die Leukämie doch verlor.
Mein liebster Max,
dies werden die letzten Zeilen sein, die ich für dich aufs
Papier flüstern kann. Das kurze Leben mit dir war wie eine
Ewigkeit und wunderschön. Keinen Augenblick möchte ich
missen und werde sie alle mit auf meine lange Reise nehmen.
Wenn du an mich denkst, sei nicht unglücklich und denk nur
an unsere gemeinsame Fröhlichkeit. Du bist noch so jung und
darfst dich nicht in den Kummer, den ich dir verbiete,
17
vergraben. Ich weiß, auch wenn du ein neues Glück erlebst,
wird uns dies nicht entzweien.
An dieser Stelle unterbricht Max und kann nur mit Mühe
seine Tränen unterdrücken. Wie kann er weiter froh und
unbeschwert sein, nach diesem unersetzlichen Verlust. Kann
ein Mensch wahrhaft nur einmal tief und leidenschaftlich
empfinden und alles was dann folgt, muss den Tribut dafür
bezahlen? Es ist eine junge Frage für ihn, die er verdrängt und
die ihn von seiner Trauer ablenkt. Max versucht in der
Vergangenheit Trost zu finden.
Das monotone Stoßen des Zugabteils erinnert ihn an eine
gemeinsame Fahrt mit Natascha zu den Naturschönheiten der
Sächsischen Schweiz. Während ihrer ausgiebigen Wanderungen, folgten sie eng umschlungen manchem einsamen
Pfad, der sie zu den Naturwundern des Elbsandsteingebirges
führte. In ihrem Disput spielten sie mit pro und contra
Argumenten, ob die bizarren Formen der Gesteinsbildung nur
ein Produkt der Natur sind oder menschlicher bzw. sogar
himmlischer Gewalt bedurften.
Das war das erstemal, dass Natascha erkennen ließ, wie tief
die Religion in ihrer Kindheit verwurzelt war. In der dörflichen Gegend wo sie aufwuchs, gab der orthodoxe Priester
ungeachtet der Zeitgeschichte nach wie vor den Ton an. Im
Schlepptau der Eltern und Großeltern musste auch Natascha
diesem Weg folgen.
Im Nachhinein, als sie sich aus diesem einseitigen Bann
lösen konnte, verurteilte sie die Entwicklung keineswegs. Ihr
fielen sehr viele menschliche Handlungsweisen ein, die durch
den Umgang mit der Kirche gefördert und entwickelt wurden.
Natürlich kann sie heute auch die Grenzen dessen einschätzen. Wie starre, dogmatische Vorgaben zur Entwicklungsbremse junger, aufgeschlossener Menschen werden
können. Sie nannte ein trauriges Beispiel von einer Katjuscha
mit der sie im Kindesalter von früh bis spät die Dorfstrassen
entlang lief und die waldige Gegend durchstreifte. Der Vater
des Mädchen starb frühzeitig durch einen Unfall beim Bäume
18
flössen. Durch diese Situation gezwungen, musste sie vorzeitig Geld verdienen und als Dienstmädchen im Pfarrhaus
ihre Jugend aufgeben. Katjuscha war eine begabte Tänzerin
und hatte das Zeug und den Willen mehr daraus zu machen.
Anstatt im Ensemble der Kreisstadt weiter geformt zu
werden, verlor sie durch die harte Arbeit ihre Leichtigkeit und
noch viel schlimmer ihre Zukunftsvorstellungen starben.
Später als Natascha zum Begräbnis ihrer Großmutter ins
Dorf zurückkehrte, erkannte sie die ehemals schlanke und
biegsame Katjuscha nicht wieder. Pummelig war sie und ihr
Gesichtausdruck hatte jegliche Lebendigkeit verloren. Sehr
traurig kam Natascha nicht nur wegen Großmutters Tod
zurück, sondern die geistige und körperliche Verkümmerung
der alten Spielkameradin setze ihr noch lange zu.
Natascha war ein Gefühlsmensch. Karriere und Erfolgsbeifall waren ihr nicht wichtig. Zu oft hat Max sich selbst
überprüfen müssen, wenn er neidvoll Nataschas Vorsprung
der Uneigennützigkeit anerkannte. Nicht nur in ihrer Liebe
war ihr jeglicher Egoismus fremd, nein auch andere
Außenstehende lernten ihr selbstverständliches Entgegenkommen und ihre unbekümmerte, selbstlose Unterstützung
schätzen.
Max ist nun doch überanstrengt und mit Hilfe der stetigen,
rollenden Zuggeräusche eingeschlummert. Es dämmert bereits der Morgen und über dem Fluss, den sie auf einer
hölzernen Brücke überqueren, ziehen dicke Nebelschwaden
heran. Da hilft es auch nicht, dass er die Scheibe mit seinem
dicken Wollpullover, den Natascha letzten Herbst aus
heimischer Wolle für ihn gestrickt hat, kreisförmig abreibt.
Das Triste draußen und drinnen in seinem Herzen bleibt
erhalten.
Es ist nicht sentimental, wenn ihm nicht ein negatives
Ereignis mit seiner Natascha einfällt oder auch nur eine
Verhaltensweise an ihr gewesen wäre, die ihm missfallen
hätte. Egal mit welcher Mimik oder Gestik Natascha das
Leben meisterte, immer war die rührende Lieblichkeit ihre
Begleiterin. Ihre reife Gutherzigkeit liess sie nicht älter
19
erscheinen. Trotz ihrer frischen, jugendlichen Schönheit
strahlte sie auch für wesentlich ältere Menschen eine unbestechliche Ruhe und Geborgenheit aus, auf die Max nicht
ohne Egoismus sehr stolz war. Gerade diese Art, unaufdringlich, bescheiden das Leben anderer gut zu heißen oder
auch in schweren Phasen einfach teilnehmend zu begleiten,
ist für Max eine Erkenntnis geworden, die er sich in seinem
Land gar nicht so verinnerlicht hat. Heute würde er genauestens sondieren nach ehrlicher Aufrichtigkeit und denen,
die sich in ihrer Pose nur selbst gefallen wollen oder noch
schlimmer, sie für andere zur Schau stellen. Oberflächlichkeit
und schauspielerisches Verhalten sind ihm so zuwider geworden, dass er sich nur mit einer für andere als hart
erscheinenden Konsequenz schützen kann.
Max greift zu dem Brief, der während des Schlafens auf
seinen Schoß hinab geglitten ist und beginnt an irgendeiner
Stelle fortzufahren.
Mein Liebster, solltest du doch einmal deine Traurigkeit
nicht mehr halten können, so denk einfach an einen der vielen
gemeinsamen schönen Momente und stell dir vor, ich würde
deine Träumerei aus einer himmlischen Wolke begleiten.
Vergessen werde ich nie, als wir zum erstenmal unser
Kleinvenedig, so nanntest du unser Petersburg immer, mit
dem Ruderboot erkundeten. Es war so lustig, wie du dich
daran gewöhnen musstest, die Ruder auf beiden Seiten
gleichmäßig durchzuziehen und uns die Bootsprofis mit
strengen Blicken abmahnten. Dabei sahst du mit deiner
Potjomkinmütze so keck und revolutionär aus. Endlich hatten
wir dann doch noch einen Kanal gefunden, der unserem
romantischen Ausflug gerecht wurde und wir träumten von
dem Glück ohne Ende und vielen Kindern, die uns nicht
nerven würden und ein Abbild unserer selbst vorgaukelten.
Ein schönes Spiel, als du mein Bild zum Vorschein brachtest
und ich versuchte meine Liebesvorstellungen von dir kundzutun.
20
Jede Einzelheit brach wieder aus Max heraus. Wie lustig
Natascha strahlte als sie die Matrosenmütze tauschten und
sofort das alte Panzerkreuzerlied los schmetterte mit einem
zusammengezogen Gesicht, als trüge sie den dicken Schnauzer und buschige Augenbrauen, die einfach dazugehören.
Dabei balancierte sie auf der Balustrade am Kai mit ihren
Stöckelschuhen, wie ein aufgezogener Marschsoldat.
Am Abend sangen sie nicht mehr, sondern lauschten den
altrussischen Gesängen an der Newa, die die geselligen
Grüppchen von sich gaben.
Es kann einen doch nichts tiefer rühren als dieser
schwermütige Gesang zur Balalaika, wenn dazu noch aber
Tausende Lichter sich im Flusswasser spiegeln und durch den
Wirbel der Wasserkreisel mal scharf und kontrastreich hervortreten, um bei der Konterbewegung sofort wie ein Zerrbild
zu zerreißen.
Das war auch der Abend, als sie beschlossen, dass Max
nicht nur besuchsweise kommen wollte, den keiner von
beiden hielt es ohne den anderen länger aus. Sie schworen
sich eine dauerhafte Lösung, egal was sich dadurch in ihrem
Umfeld ändern musste und wollten in dieser historischen
Stadt ihr gemeinsames Leben richtig beginnen.
Ein halbes Jahre hat es noch gedauert, bis alles organisiert
war und er Natascha in der riesigen Bahnhofshalle umarmen
konnte, ohne an die Rückfahrkarte denken zu müssen. Was
hat er in der folgenden Zeit nicht alles erlebt, nicht nur mit
seiner Natascha, sondern auch mit diesem Volk und diesem
städtischen Menschenschlag. Noch nie kam er sich so frei
vor, kein Zwang auf jeden und alles Rücksicht zu nehmen.
Überlegungen einfach frei aussprechen zu können, ohne dem
bitteren Beigeschmack es nachgetragen zu bekommen. Nicht
jede Diskussion war von höchstem Niveau, aber durch ihre
Unbeschwertheit förderlich neue Ideen entstehen zu lassen,
nicht immer gleich schreibreif, aber gut genug als keimende
Basis.
Was erwartet ihn zu Haus, ist es überhaupt noch seine
Heimat? Mit Natascha wäre er überall heimisch geworden.
21
Fährt er nicht in ein Land, in dem die aufrichtige Geselligkeit
verlorengegangen ist, wo falsche Leistungsziele den Blick für
Kreativität und Wesentliches versperren. Er ist nicht nur ein
Nataschamensch geworden, sondern hat von diesem Wodkavolk mehr gelernt an Miteinander, als der Verruf dies zugibt.
Jeden Schritt, den er jetzt geht, wird er in heimlicher
Rücksprache mit Natascha abwägen, wie sie handeln und was
sie ihm raten würde. Schon der Gedanke an die Auswahl der
Tagesgarderobe wird für ihn zu einer empfindsamen Zerreißprobe, nicht mehr ihre geschmeidigen Finger zu beobachten,
wenn sie Stück für Stück dem Schrank entnimmt und behutsam für ihn auf dem Waschmaschinendeckel ablegt. Selbst
der bestätigende, liebevolle Blick nach dem Anziehen, du
siehst fabelhaft aus mein Liebster, wird ihn nicht mehr beim
Hinausgehen begleiten.
Max erkennt die ersten heimatlichen Hügel und Seen.
Schön und vertraut kommt es ihm nun wieder vor. Was ist er
in seiner Jugend zusammen mit seinen Kumpels nicht alles
um diese Seenplatten herum geradelt. Einfach nur das leichte,
polnische Zweimannzelt und eine Schlafdecke auf dem Gepäckträger haben sie an den Tagen mit simplen Stockangeln
auf den vom Schilf verborgenen Stegen auf jeden Biss
geduldig gewartet und über ihre unreifen Lebensillusionen
philosophiert. Am Abend wurden die Lagerfeuer entfacht,
Mücken vertrieben und mit den jungen Mädels der Dörfer
angebändelt. Hätte er sich damals schon erträumen können,
wie schön es mal mit Natascha sein würde, wäre er noch viel
schneller und lieber erwachsen geworden. Und doch ist da
eine Sehnsucht, die ihn auch bei der Erinnerung an diese
problemlose Zeit befällt. Natascha würde ihm bestimmt raten
und darin bestärken, sich auf die Jugenderlebnisse zurückzubesinnen und erneut in der Stille der Natur, Frische und
Hoffnung zu tanken.
Inzwischen fährt der Zug, vorbeiführend an den fünf Seen,
in Schwerin ein. Max wählt nicht den Weg zum Busbahnhof.
An den Taxiständen vorbeischlendernd, durchquert er die
Fußgängerzone und strebt auf den Schlosspark zu. Mühelos
22
trägt er sein leichtes Gepäck, denn außer seinen wenigen
persönlichen Sachen und der Handvoll Erinnerungsfotos sowie Nataschas bernsteinernen Haarbürste hat er alles andere
zurückgelassen und an die guten Freunde verteilt.
Ganz entspannt läuft er unter dem schattig angelegten
Laubengang auf das barocke Schloss zu, umkurvt es links, um
sich oberhalb der Orangerie neben der künstlichen steinernen
Grotte auf einer der gusseisernen Bänke mit Seeblick niederzulassen. Früher hat er bei diesem breiten, weitreichenden
Blick immer die Vorstellung gehabt, so muss es am Lago
Maggiore sein.
Er lehnt sich zurück, streckt die Beine aus so weit es geht
und lässt sich allein von den Sonnenstrahlen verwöhnen. Es
ist Mittagszeit und um diese Zeit, gehen die meisten ihrer
Beschäftigung nach und die, die ansonsten mit ihren Hunden
oder Schwanenfutter die regelmäßigen Parkbesucher sind,
haben bereits gewohnheitsgemäß den Mittagstisch gedeckt
und gönnen dem einsamen Heimkehrer die Stille in diesem
reizvollen Ambiente.
Max spürt gar nicht, dass er ebenfalls Hunger haben
müsste. Er empfindet es als zu wertvoll nach dem eintönigen
Zuggedröhne Ruhe, nur unterbrochen vom quirligen Vogelgezwitscher in sich aufnehmen zu können.
Wiederum entfallet er den Abschiedbrief seiner Liebsten,
um nochmals die Schlusszeilen zu lesen. Alles, was sie
schreibt, ist so klar und verständlich, aber sein schmerzendes
Herz will nicht nur vernünftig gehorchend begreifen. Nein er
will das letzte Übriggebliebene nicht los lassen.
Max, du mein liebes Herz, nun spinne ich hier den Faden
der Erinnerung und wollte dich doch lieber auf die Bahn des
Neuen führen. Ich weiß inzwischen zu deutlich, wie kostbar
die kurze Lebensspanne ist und dass zwischen dem Geboren
werden, dem Begreifen des Lebens und dem unbesiegbaren
Abschied aus der Rückbetrachtung einem nur winzige Augenblicke gegönnt werden. Lass dich noch einmal küssen und
versprich mir, dass du diesen Momenten nicht ausweichen
23
wirst, wie könnte ich ansonsten in Ruhe und Frieden von dir
gehen. Pflanze unser Leben in einer anderen Hülle fort,
erzähle ihnen, wenn du magst von mir und unserem Glücklichsein. So bald ich meine Augen für immer geschlossen
habe, werde ich davon träumen, dass jeder gute Tag für dich
eine Blume auf meinem Erdhügel sprießen lassen wird. Du
weißt ja, wie sehr ich sie mag, gib also dein Bestes.
Deine Natascha
Mitten beim Lesen steht Max auf, trottet mechanisch weiter
und verfolgt tief versunken das Geschriebene. Seine Schritte
lenken ihn in die Richtung der elterlichen Wohnung. Als er
vor dem Haus steht und noch ebenso verträumt den Brief
sorgfältig faltet und in seiner Jackentasche verschließt, zieht
er an der langen Eingangsglocke, ein Geschenk von ihm an
seine Eltern zur Silberhochzeit, und ist nur noch gespannt,
wer die Tür öffnen wird.
24
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
5
Dateigröße
117 KB
Tags
1/--Seiten
melden