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"Keine Familie bietet, was Kindergärten bieten" - Kind - derStandard

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derStandard.at › Familie › Kind
"Keine Familie bietet, was Kindergärten
bieten"
LISA MAYR, PETER MAYR
31. Mai 2014, 12:00
Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder in Kindergarten und
Hort optimal betreut werden. Doch was ist damit genau
gemeint? Der Betreuungsschlüssel? Die Inhalte? Die
Öffnungszeiten? Fachleute sind indes längst einig, was Qualität
in der Kinderbetreuung ausmacht
In Österreich besucht nicht einmal jedes fünfte Kind unter drei
Jahren eine Betreuungseinrichtung. Das sind weniger als in den
meisten Ländern Europas. Die Gründe: zu wenige
Betreuungsplätze, die den Bedürfnissen der Eltern gerecht
werden, und noch immer zu viel Skepsis gegenüber
Fremdbetreuung an sich.
Nun will die Bundesregierung Geld in den Ausbau der
Kinderbetreuung investieren: Von den im Wahlkampf
versprochenen 400 Millionen sind zwar nur 305 geblieben,
immerhin haben sich Bund und Länder aber darauf geeinigt, die
Finanzierung gemeinsam zu stemmen. Wie das genau aussieht,
wird derzeit diskutiert.
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foto: reuters
Sprung ins Ungewisse: der geplante "Qualitätsrahmen"
für Kinderbetreuung.
Kaum debattiert wird dagegen über die Qualität der
Kinderbetreuung. In der Bund-Länder-Vereinbarung findet sich
lediglich ein vages Bekenntnis zu einem "Qualitätsrahmen" was der umfasst, ist aber völlig unklar. Zum Missfallen der
Grünen und von Experten. Dabei hätten Letztere konkrete
Vorstellungen, wie qualitätsvolle Kinderbetreuung aussieht.
Akademische Ausbildung
Heide Lex-Nalis etwa. Die studierte Soziologin und Pädagogin
arbeitete viele Jahre im Kindergarten und leitete eine
Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik. Sie kritisiert,
dass Österreich seine Elementarpädagogen als einziges Land
Europas nicht an Universitäten oder Fachhochschulen
qualifiziert: "Die Ausbildung sollte frühestens mit 18 Jahren
beginnen und mindestens drei Jahre dauern. Gleichzeitig auf
Matura und Hochschulreife hinzuarbeiten ist absurd."
Auch Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Uni Wien,
fordert, dass "die Ausbildung akademisch wird". Sie fürchtet,
dass die Bundesländer daran nicht sehr interessiert sind. "Die
Ausbildung dauert dann nämlich länger, und das neugewonnene
Personal kostet mehr."
Bessere Ausbildung, mehr Lohn: Heide Lex-Nalis plädiert dafür,
das Gehalt aller Pädagoginnen und Pädagogen anzugleichen –
unabhängig von der Institution und dem Alter der betreuten
Kinder. So gelänge es auch, mehr Männer für Hort und
Kindergarten zu gewinnen.
Internationale Studien würden zeigen, dass eine bessere
Ausbildung des Personals die pädagogische Qualität in
Kinderbetreuungseinrichtungen hebt, sagt Gabriele Bäck vom
Wiener Charlotte-Bühler-Institut für praxisorientierte
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Kleinkindforschung. Höher qualifizierte Pädagoginnen und
Pädagogen würden "mehr Einfühlsamkeit und
Entgegenkommen gegenüber den Kindern zeigen".
Gleiche Standards
Durch die Verländerung seien österreichweit geltende
Qualitätsstandards schwierig – aber dringend notwendig, sagt
Christiane Spiel. Dazu gehöre die Frage der Gruppengröße
genauso wie der Betreuungsschlüssel. "Momentan ist das
bundeslandabhängig. Auch das, was die Kinder lernen sollen,
ist nicht einheitlich. Kinder sollten aber überall die gleichen
Rahmenbedingungen und Chancen haben." Der
Betreuungsschlüssel sei wichtig, aber nicht der Kern der Sache,
findet Lex-Nalis: "Als Erstes muss sich die pädagogische
Haltung gegenüber den Kindern ändern." Derzeit sei der
Kindergarten sehr verschult und gehe zu wenig vom einzelnen
Kind und dessen Fähigkeiten aus.
Einig sind sich die Expertinnen darin, dass der Wert des
Kindergartens als zentrale Bildungseinrichtung hierzulande noch
immer verkannt wird. Zu tief verankert sei die Vorstellung, dass
Bildung und Lernen erst in der Schule beginnen. Obwohl man
längst wisse, wie wesentlich frühe außerhäusliche Bildung für
Kinder ist. Lex-Nalis: "Es fehlt das Bewusstsein, dass
Fremdbetreuung den Kindern nicht schadet." Vielmehr brauche
es ein Recht der Kinder auf den Kindergarten. In Deutschland ist
das umgesetzt. "Kinder haben das Recht, aus den Ein-KindFamilien herauszukommen", so die Expertin: "Keine Familie
bietet, was Kindergärten bieten."
Viele Schließtage
Alle Studien würden zeigen, dass sich der Kindergartenbesuch
langfristig positiv auswirkt, sagt auch Bildungspsychologin Spiel,
die für ein zweites, verpflichtendes Kindergartenjahr eintritt.
"Eines genügt nicht, um Benachteiligungen auszugleichen und
möglichst alle Kinder gut auf den Schulbesuch vorzubereiten."
Wenig Freude haben die Fachfrauen damit, dass Bund und
Länder die Kindergärten künftig nur mehr 45 statt wie bisher 47
Wochen im Jahr offen halten wollen. Für Gabriele Bäck vom
Bühler-Institut ist zwar klar, dass "Kinder ein Recht auf eine
ausreichend lange 'institutionsfreie' Zeit, also Urlaub vom
Kindergarten, haben sollen". Aber: "Wenn diese Zeit nicht mit
dem Urlaubsausmaß der Eltern akkordiert werden kann, sorgt
es sicher für erhöhten Organisationsaufwand und mögliche
Zusatzkosten für Eltern." Für Heide Lex-Nalis ist der Fall klar.
Ihre Forderung: "25 Schließtage pro Jahr, Punkt, Ende. Dazu
flexible Bring- und Abholzeiten. Das muss das Ziel sein." (Lisa
Mayr, Peter Mayr, DER STANDARD, 31.5.2014)
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