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"Was nach mir kommt, hat es schwer"

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LITERATUR
THOMAS BERNHARD
"Was nach mir kommt, hat es schwer"
Der Schriftsteller Thomas Bernhard scheute die Öffentlichkeit –
und doch suchte er sie fast zwanghaft. Neue Bücher versammeln
Interviews und Reden aus seinem Nachlass.
VON Gerrit
Bartels | 11. Januar 2011 - 00:00 Uhr
© Votava
Der österreichische Roman- und Theaterautor Thomas Bernhard
Wer Thomas Bernhard in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern interviewen
wollte, musste sich, bei allen Schwierigkeiten, ihn überhaupt treffen zu können, etwas
einfallen lassen. "Stimmt es, wenn ich sage, dass Sie um einen leeren Raum herum,
den Raum der Metaphysik, leben und arbeiten?", beginnt im Mai 1979 die französische
Literaturjournalistin Nicole Casanova ihr Gespräch, nachdem sie auf gut Glück und nur
nach Rücksprache mit Bernhards österreichischem Verleger Wolfgang Schaffler nach
Ohlsdorf zu Bernhards Gehöft gefahren war.
Ein paar Wochen später erscheint in der ZEIT ein langes Bernhard-Interview von André
Müller, das dieser mit der Frage einleitet: "Haben Sie schon einmal versucht, sich das
Leben zu nehmen?" Und im Sommer 1980 fragen Erich Böhme und Hellmuth Karasek
für den Spiegel als Erstes: "In Deutschland ist es üblich geworden, die Schriftsteller nach
Ratten und Schmeißfliegen einzuteilen – sind Sie eine Ratte oder eine Schmeißfliege?"
Es dauert zwar gerade in diesem Interview eine Weile, bis der vorsichtig ausweichende
Schriftsteller zugibt, in Österreich weder als Ratte noch als Schmeißfliege, sondern von
früh an als "Stinktier" bezeichnet worden zu sein; doch sind die Auskünfte Bernhards in
den meisten seiner raren Interviews durchaus ergiebig. Er gibt sich kooperativ, beantwortet
selbst abwegigste Fragen wie "Haben Sie einen guten Kontakt zu Gegenständen wie
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Früchten, Bäumen und Steinen?", und es scheint ihn nicht groß zu stören, wenn er gezielt
zu Provokationen angestachelt wird.
So erfährt man in den Interviews beispielsweise, wie schwer es für ihn war, nach dem
Tod seines "Lebensmenschen" Hedwig Stavianicek, "nach 35 Jahren mit einem Menschen
plötzlich allein zu sein"; dass ihn das Sexuelle nie interessiert hat; dass er Mozartkugeln
nicht mochte; dass er mehrmals in seinem Leben daran dachte, sich umzubringen, um dann
stets aufs Neue festzustellen, dass die Neugier auf das, was noch kommt, überwiegt: "Ich
red’ ja über den Tod wie ein anderer über a Semmel".
Insofern trägt der Band, den der Suhrkamp-Verlag gerade unter dem Titel Der Wahrheit
auf der Spur aus dem Nachlass veröffentlicht hat, Züge eines Selbstporträts. Versammelt
sind darin nicht nur zahlreiche Interviews, sondern auch andere Publikationen Bernhards in
Zeitungen, Zeitschriften oder Sammelbänden: Telegramme, Leserbriefe, Feuilletonbeiträge,
Festreden. Es beginnt mit der Rede, die Bernhard 24-jährig in einem Salzburger Hotel zum
100. Geburtstag des französischen Dichters Jean-Arthur Rimbaud hielt, und es endet mit
seinem Leserbrief an die Salzkammergut-Zeitung in Gmunden einen Monat vor seinem Tod
1989, in dem er sich für den Erhalt der Gmundener Straßenbahn ausspricht.
Thomas Bernhard war zwar ein öffentlichkeitsscheuer Mensch, der seine Erfahrungen mit
den Kritiken seiner Stücke und Bücher als "grauenhaft bis ganz lustig" bezeichnete. Er hielt
es aber auch für "kaum erträglich, einen Tag ohne Zeitung zu verbringen". Und mittels
der Zeitungen wandte er sich immer wieder an die Öffentlichkeit, geradezu zwanghaft:
Um sich zu verteidigen, um Richtigstellungen zu unternehmen, um sich aufzuregen, um
immer und immer wieder zu sagen, was für ein scheußlicher Staat Österreich ist. Von
Gelassenheit keine Spur, bei aller Stilisierung. So empfahl er etwa nach einem Spiegel Verriss seines Romans Verstörung durch einen Landsmann und Schriftstellerkollegen:
"Mein nächstes Buch lassen Sie bitte gleich von einem, natürlich auch in Oberösterreich
geborenen oder ansässigen Schimpansen oder Maulaffen besprechen." Oder er beschimpfte
Elias Canetti als "skurrilen Torschlussphilosophen", weil der in einer Rede angemerkt hatte,
dass Bernhard zu den Schriftstellern gehöre, die immer wieder dasselbe Buch schreiben
würden.
Es macht nicht den Eindruck, und zwar unabhängig von seiner, ihn zeit seines Lebens
schwer peinigenden Lungenerkrankung, als habe Bernhard sich wohl in seiner Haut
gefühlt. Als habe er immer kalkuliert und kontrolliert seine Invektiven getätigt, als sei es
wirklich sein Ernst gewesen, als er sich einmal so charakterisierte: "Ich bin eine lustige
Person. Da kann man leider nichts ändern, so tragisch alles andere ist."
Man fragt sich, was ihn etwa 1976 dazu getrieben hat, sich über den österreichischen
Botschafter Weinberger in Portugal auszulassen, weil der ihn anlässlich eines anstehenden
gemeinsamen Abendessens in Lissabon als "destruktiven, schrecklichen Kerl" bezeichnet
haben soll. Angeblich sei ihm daraufhin nahegelegt worden, nicht zu kommen, "und ich
bin zu diesem Abendessen naturgemäß auch nicht erschienen", schrieb er in der Wiener
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Die Presse . Die öffentliche Klage Bernhards führte zu einem entlarvenden Leserbrief
seitens der Gastgeberin, ebenfalls in der Presse . Diese legte dar, dass es gar keine Einund so auch keine Ausladungen gegeben hatte. Zudem: "Herr Dr. Weinberger wusste bis
zum Moment, in dem er unser Haus betrat, nicht, wer die anderen Gäste waren, und konnte
daher unmöglich Einfluss auf die Wahl dieser Gäste ausgeübt haben."
Eine Petitesse, aber eine, Bernhard gemäße. Sie fügt sich gut ein in die, natürlich auch hier
dokumentierten Skandale: von der (nicht stattgefundenen) Verleihung des Anton-WildgansPreises über die Salzburger Notbeleuchtungsaffäre bis zum Holzfällen -Verbot 1984 (der
Roman landete danach prompt als erster Bernhard-Titel auf der Bestsellerliste). Dagegen
nimmt sich ein Beitrag in der FAZ über die Krise des Theaters wie eine Verschnaufpause
aus. Mit diesem demonstriert Bernhard auf fast einer ganzen Zeitungsseite, wie er aus dem
Nichts und ohne Thesen einen hochmusikalischen Text über die eigentlich ewig währende
"Dürre" am Theater zu zaubern vermag.
Bernhards Beitrag zur Dürre ist ein lupenreiner literarischer Text, der auch in dem, jetzt
ebenfalls aus dem Nachlass veröffentlichten Erzählband nicht weiter auffallen würde.
Goethe schtirbt enthält vier Erzählungen, die zwischen 1982 und 1983 unter anderem in der
ZEIT erschienen sind. Sie wiederholen und variieren Motive und Strukturen aus Bernhards
Gesamtwerk und handeln vom Größenwahn und der Einsamkeit, vom lebenslangen Hass
auf die Eltern und der Hassliebe zu Österreich. Die Titelerzählung, verfasst zu Goethes 150.
Todestag, ist die schönste, lustigste, absurdeste: Goethe, wie er sich auf dem Sterbebett ein
Treffen mit Wittgenstein wünscht, wie er sich mal als "Lähmer der deutschen Literatur",
mal als ihr Vernichter bezeichnet. Und dann wieder als ihr Allergrößter: "Was nach mir
kommt, hat es schwer."
Ob Bernhard dabei auch an sich gedacht hat? Seine Epigonen sind Legion und zumeist
gescheitert. Misst man seine Einlassungen und Interviews an den alerten Inszenierungen
der aktuellen Schriftstellergeneration, lässt sich nur sagen: Ein Autor wie Thomas Bernhard
ist heute gar nicht mehr denkbar.
Thomas Bernhard: Der Wahrheit auf der Spur. Hrsg. von Wolfram Bayer, Raimund
Fellinger und Martin Huber. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 346 Seiten, 19,90 Euro
Thomas Bernhard: Goethe schtirbt. Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 98
Seiten, 14,90 Euro
Aus dem Tagesspiegel
COPYRIGHT: Tagesspiegel
ADRESSE: http://www.zeit.de/kultur/2011-01/thomas-bernhard-nachlass
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Seele and Geist
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