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1 Bibelleitfaden Dezember 2012 – Was sollen wir also tun

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Bibelleitfaden Dezember 2012 – Was sollen wir also tun?
Vorbereitung:
eine adventliche Mitte gestalten
1. Begrüßen und Ankommen/ Einstieg
Abenteuer Advent
Auch wenn es wie ein Gegensatz wirkt Der Advent kann ein Abenteuer
werden – im Englischen hat das Wort für Abenteuer – „adventure“ – die
gleiche sprachliche Wurzel wie „Advent“. Beim Abenteuer gehen wir einer
Herausforderung entgegen, wissen wir nicht genau, was auf uns zukommt,
gibt es ein Geheimnis, das zu ergründen ist.
Die Herausforderung im Advent: Wieder neu sich auf die Ankunft des Herrn
einstellen, ihm entgegengehen, ihn empfangen wollen, ihn erwarten
Das Geheimnis: Gottes Menschwerdung ist das Geheimnis unseres
Glaubens. Halten wir dieses Geheimnis aus? Suchen wir es zu verstehen?
Hören wir auf die Stimmen, die uns hineinführen in das Geheimnis? Macht
dieses Geheimnis unser Leben noch staunenswert und heilig?
Lassen wir uns ein paar Minuten Zeit um dem Advent in unserem Leben
nachzuspüren – wo gab es Momente, in denen wir wahrhaft Advent gelebt
haben?
Teilen wir uns gegenseitig unsere Advents-Momente mit.
2. Begegnung mit dem Bibeltext: Lukas 3,10-18
(Evangelium des 3. Adventssonntag, Lesejahr C, 16.12.2012)
10 Da fragten ihn die Leute: Was sollen wir also tun?
11 Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der
keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.
12 Es kamen auch Zöllner zu ihm, um sich taufen zu lassen, und fragten: Meister,
was sollen wir tun?
13 Er sagte zu ihnen: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.
14 Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Und er sagte zu ihnen:
Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!
15 Das Volk war voll Erwartung und alle überlegten im Stillen, ob Johannes nicht
vielleicht selbst der Messias sei.
16 Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es
kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe
aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
17 Schon hält er die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und
den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber wird er in nie
erlöschendem Feuer verbrennen.
18 Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk in seiner Predigt.
Lesen (das Wort Gottes verkünden und hören)
Wir schlagen in der Bibel das Lukasevangelium auf, Kapitel 3
Wenn alle aufgeschlagen haben
Wer möchte die Verse von 10-18 langsam und laut vorlesen?
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Sich ansprechen lassen (den verborgenen Schatz heben)
Wir sprechen nun Worte oder kurze Satzteile, die uns berührt haben, laut aus – zwei
oder dreimal – wie im Gebet. Zwischen den Wiederholungen und den Worten lassen
wir eine kurze Stille.
noch einmal lesen
Wer möchte noch einmal ganz vorlesen?
miteinander schweigen und so die Gegenwart Gottes wahrnehmen
Wir halten jetzt einige Minuten Stille und versuchen zu hören, was Gott uns sagen
will.
mitteilen und Austausch , denn wir wollen durch die andern Gott begegnen
Jede/jeder teilt in einer ersten Runde mit, wo er/sie hängen geblieben ist, was ihn/sie
berührt hat oder wo Fragen entstanden sind – ohne auf die Aussagen der Anderen
zu antworten.
Im zweiten Schritt kommen wir miteinander ins Gespräch.
Wir tauschen uns darüber aus, was uns im Herzen berührt hat.
Welches Wort hat uns persönlich angesprochen?
4.
Impulse
- Was sollen wir tun? Ratlos stehen die Menschen um Johannes herum, hören
seine Worte und spüren, dass das ihr Leben berührt, sehen ein, dass etwas
Neues anfangen will und möchten sich gerne sagen lassen, welche Richtung sie
einschlagen sollen. Und Johannes verweist sie auf sich selbst und das, was im
Grunde jeder weiss, was zu tun ist.
- Was sollen wir tun? Wir sollen das Notwendige tun, wir sollen einander mit Liebe
und Respekt begegnen, wir sollen in jedem Menschen das Ebenbild Gottes sehen,
und dies bedenken, wenn wir handeln. Das gilt für die kleinste Alltäglichkeit.
Wir sollen wahrhaftige Menschen sein.
- Wir sollen uns auf das Abenteuer Leben, Beziehung, Versöhnung, Gerechtigkeit
und Frieden einlassen und unseren Teil dazu tun, dass die Welt so wird, dass
Gottes Gegenwart spürbar und erlebbar wird.
- Letztendlich lädt er die Menschen ein: Kehrt ein bei euch selbst, prüft euer Tun
und vor allem eure Haltung, ob sie von Liebe und Gerechtigkeit geprägt sind und
wenn ihr das nicht schafft, dann sucht danach – vertraut darauf, dass ihr dies nicht
alleine tun müsst. Denn ich bin erst der Anfang es geht noch viel mehr
ausser der Taufe mit Wasser, die äusserlich ist, gibt es auch die Taufe mit
Heiligem Geist, die innerlich ist und die euch fähig macht, so zu leben, wie es dem
Leben dient.
- Das Feuer wird von Johannes gleich zweimal und in zwei gegensätzlichen Weisen
genannt – einmal ist es die Geisttaufe, die mit Feuer geschieht – ein Funke, der in
uns entzündet wird, eine Flamme, die uns erleuchten und entflammen soll
und dann ist es das Feuer, in dem die Spreu verbrannt wird
jenes Feuer, das
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uns eher Angst macht, als dass es uns ermutigt und doch ist es nur der zweite Teil
der Wahrheit, die auch das Feuer der Geisttaufe enthält. Wir können entscheiden,
wie wir uns Gott und den Mitmenschen gegenüber verhalten – aber wir können
nicht beurteilen und nicht urteilen, was die anderen sind oder verdienen.
- Johannes spricht drastisch von der Schaufel, die die Spreu vom Weizen trennt –
und wir ertappen uns dabei, hinzustarren und zu erstarren in den Gedanken,
gehör ich dazu? Gehört der neben mir dazu?... aber unsere Aufgabe liegt ja klar
vor Augen – das Tun, was ansteht, was wichtig ist.
- Das ist adventliche Haltung, das ist gelebte Erwartung auf Gottes Kommen im
Geist und im Fleisch – Weihnachten und Pfingsten sind beides Feste der
spürbaren Gegenwart Gottes in unserer Welt
5.
Freie Fürbitten
Fürbitten halten heißt, wir teilen miteinander, was wir für uns und unsere Lieben
ersehnen. Als Antwort auf jede Bitte singen wir: Bleib mit deiner Gnade bei uns
(Taize) oder Geh mit uns (Sing Mit Nr. 364)
Abschluss:
Gott, lass uns vertrauen in deine gute Schöpfung und unendliche Liebe, damit wir
das Heil finden und heil werden, dass unsere Ohren sich auftun und wir mit unserer
je eigenen Stimmen dich loben und dir danken können. Darum bitten wir dich mit
Jesus Christus, deinem Sohn, unserm Bruder. Amen.
6.
Vater unser
7.
Segensgebet
Gehen
Jetzt geh deinen Weg, geh deinen Weg nach innen.
Geh ihn durch die Tage und Wochen des Advents.
Halte den Atem an,
hemme deine Schritte,
bewahre dir Zeit.
Jetzt geh deinen Weg, geh deinen Weg nach innen.
Geh ihn durch die Tage und Wochen des Advents.
Richte deine Gedanken auf das, was sich lohnt.
Wachse in der Geduld.
Reife in der Gelassenheit.
Jetzt geh deinen Weg, geh deinen Weg nach innen.
Geh in einen gesegneten Advent.
Geh, gesegnet durch den liebenden Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.
8.
Organisatorisches
Nächstes Treffen: Wo/ wann ist das nächste Treffen?
Wer hat die Leitung?
9.
Lied als Abschluss: Tauet Himmel den Gerechten (GL 803)
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oder Macht hoch die Tür (GL107)
11.
Alternativen
1. Lieder:
alle Adventslieder
2. In uns
Wir feiern Weihnachten,
auf dass die Geburt auch
in uns geschieht.
Wenn sie nicht in mir geschieht,
was hilft sie mir dann?
Gerade, dass sie auch in mir geschieht,
darin liegt ja alles.
Meister Eckehart in: Christian Leven (Hg), Im Lichterglanz der Weihnacht, Verlag
Herder, Freiburg, 2003, S.246
3. Hingabe
Meistens wird Gott ganz leise Mensch
die Engel singen nicht
die Könige gehen vorbei
die Hirten bleiben bei ihren Herden
meistens wird Gott ganz leise Mensch
von der Öffentlichkeit unbemerkt
von den Menschen nicht zur Kenntnis genommen
in einer kleinen Zweizimmerwohnung
in einem Asylantenwohnheim
in einem Krankenzimmer
in der Stunde der Einsamkeit
in der Freude des Geliebten
meistens wird Gott ganz leise Mensch
wenn Menschen zu Menschen werden
Andrea Schwarz in: Christian Leven (Hg), Im Lichterglanz der Weihnacht, Verlag
Herder, Freiburg, 2003, S.150
4. Bitten
Zu dir, Jesus Christus, dem Fundament unseres Lebens, kommen wir und bitten
dich: Herr, sei du unser Halt
- Wenn die Ängste und Sorgen unserer Zeit uns zu einer drückenden Last geworden
sind (Stille)
bitten wir dich: Herr, sei .
- Wenn wir Enttäuschungen und Misserfolge hinnehmen müssen (Stille)
bitten wir
dich: Herr, sei .
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- Wenn die vielen Fragen und Meinungen unserer Zeit uns beunruhigen und
verwirren (Stille)
bitten wir dich: Herr, sei .
- Wenn wir nicht mehr wissen, auf wen wir hören sollen, welches Wort der Wahrheit
entspricht, deiner Wahrheit (Stille)
bitten wir dich: Herr, sei .
- Wenn wir Gefahr laufen, unsere Beziehung zu dir in diesen Wochen unter
Festvorbereitungen zu ersticken (Stille)
bitten wir dich: Herr, sei .
- Wenn wir die Stille und das Alleinsein mit dir nicht aushalten können (Stille)
bitten wir dich: Herr, sei .
- Wenn wir dir aus Unentschlossenheit und Wankelmut die Nachfolge verweigern
(Stille)
bitten wir dich: Herr, sei .
- Wenn wir müde geworden sind, dich zu suchen und nach deinem Willen zu fragen
(Stille)
bitten wir dich: Herr, sei .
- Wenn wir uns in unserem Glauben allein gelassen fühlen und Angst haben, ihn zu
verlieren (Stille)
bitten wir dich: Herr, sei .
- Wenn besonders in diesen Tagen des Advents Trauer und Schmerz uns erfüllen
beim Gedenken an einen lieben Verstorbenen (Stille) bitten wir dich: Herr, sei
Ja, Herr, du gehst mit uns, von dir wissen wir uns gehalten, heute und alle Tage
unseres Lebens.
4. Was sollen wir tun? – Martin der Schuster
In einer Stadt lebte ein Schuster namens Martin. Er wohnte im Keller, in einem
Stübchen mit einem Fenster. Das Fenster ging nach der Straße hinaus. Durch dieses
Fenster konnte man die Leute vorübergehen sehen; und wenn auch nur die Beine zu
sehen waren, erkannte Martin doch alle an ihren Stiefeln. Der Schuster wohnte
schon lange am Ort und kannte daher jedermann.
Es gab wohl kaum ein Paar Stiefel in diesem Stadtviertel, das er nicht schon ein oder
zweimal in Händen gehabt hätte. Die hatte er besohlt, die geflickt, die neu genäht
und die mit neuen Kappen versehen. So sah er durchs Fenster oft seine Arbeit
wieder. Er hatte viel zu tun, weil er sauber und dauerhaft nähte, gutes Leder
verwendete, nicht übermäßig viel Geld verlangte und Wort hielt. Alle kannten Martin,
und die Arbeit ging ihm nie aus.
Am Morgen setzte er sich an seine Arbeit, schaffte, bis er fertig war, nahm die Lampe
vom Haken, stellte sie auf den Tisch, holte die Bibel, sein Lieblingsbuch, vom Regal,
schlug es auf, setzte sich hin und las. Und je mehr er las, desto klarer und heiterer
wurde ihm ums Herz.
Eines Tages hatte er bis zum späten Abend gelesen. Martin stützte sich auf beide
Ellenbogen und merkte gar nicht, dass er einschlief.
»Martin!«, drang es plötzlich wie ein Hauch an sein Ohr. Martin fuhr auf und fragte:
»Wer ist da?« Er sah sich um und schaute nach der Tür – niemand. Er nickte wieder
ein. Plötzlich hörte er ganz deutlich: »Martin, he Martin! Schau morgen auf die Straße
hinaus, ich komme!« Martin wurde munter, stand vom Stuhl auf und rieb sich die
Augen. Er wusste selber nicht, ob er die Worte wirklich gehört oder nur geträumt
hatte. Er löschte die Lampe aus und legte sich schlafen.
Am nächsten Morgen sieht Martin am Fenster den alten Stefan in seinen geflickten
Filzstiefeln, mit einer Schaufel in der Hand. Gerade vor Martins Fenster begann
Stefan den Schnee wegzuschaufeln. Aber der Alte hat offenbar nicht mehr die Kraft
zum Schneeschaufeln. Martin dachte: Soll ich ihm nicht ein Glas Tee geben? Er
steckte die Ahle ein, stand auf, stellte den Samowar auf den Tisch, goss Tee ein und
klopfte mit dem Finger an die Fensterscheibe.
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Stefan drehte sich um und kam aufs Fenster zu. Martin winkte ihm zu und ging
öffnen. »Komm und wärm dich ein bisschen bei mir«, sagte er. »Du bist wohl ganz
durchgefroren?« Und der Schuster schenkte zwei Gläser ein, reichte das eine dem
Gast, nahm sich das andere. »Ich danke dir, Martin«, sagte der Alte. »Du hast mich
bewirtet und Leib und Seele satt gemacht.« Stefan ging hinaus, Martin aber goss
sich das letzte Glas ein, trank es aus, räumte das Geschirr weg und setzte sich
wieder ans Fenster an seine Arbeit und schaute dabei immer zum Fenster hinaus.
Da zeigte sich vor dem Fenster eine Frau in wollenen Strümpfen und
Bauernschuhen. Sie ging am Fenster vorüber und blieb an der Mauer zwischen den
Fenstern stehen. Martin betrachtete sie durchs Fenster und sieht – eine fremde Frau,
schlecht gekleidet, mit einem Kind. Sie lehnt mit dem Rücken gegen den Wind an
der Mauer, will das Kind schützen, hat aber nichts, um es einzuwickeln. Sie selber
trägt Sommerkleider, und auch die sind schlecht. Und durchs Fenster hört Martin, wie
das Kind schreit und sie ihm gut zuredet und es nicht beruhigen kann.
Martin stand auf, ging zur Tür, stieg die Treppe hinauf und rief: »He, gute Frau, he!«
Die Frau hörte es und drehte sich um. »Warum stehst du mit dem Kind in der Kälte?
Komm herein, hier im Warmen wirst du besser mit ihm fertig. Komm!« Die Frau
wunderte sich. Sie sieht – ein alter Mann mit einer Schürze, eine Brille auf der Nase,
ruft sie. Sie folgte ihm. Sie stiegen die Treppe hinunter in die Stube. »Hast du denn
keine warmen Kleider?« »Wo sollte ich warme Kleider hernehmen, Väterchen?
Gestern habe ich mein letztes Tuch für zwanzig Kopeken verpfändet.« Die Frau trat
ans Bett und nahm das Kind. Martin stand auf, ging zu dem Haken an der Wand,
stöberte in seinen Sachen und zog schließlich eine alte Unterziehjacke hervor.
»Nimm das«, sagte er. »Es ist zwar ein schlechtes Stück, aber zum Einwickeln ist’s
noch immer gut.« Die Frau betrachtete die Jacke, betrachtete den Alten, nahm sie
und fing an zu weinen: »Vergelt’s dir Gott, Großväterchen. Ich sehe – er war es, der
mich vor dein Fenster geschickt hat. Sonst wäre mir das Kleinchen erfroren.«
Als die Frau fort war, sah Martin, wie gerade seinem Fenster gegenüber eine alte
Marktfrau stehen blieb, der ein Knabe in zerlumpter Mütze einen Apfel aus dem Korb
stibitzt hatte und nun wegrennen wollte. Aber die Alte hatte es gesehen, drehte sich
um und packte den Knaben am Ärmel. Der Knabe brüllte, die Alte schimpfte. Martin
lief zur Tür und stolperte die Treppe hinauf. Er rannte auf die Straße hinaus. Die Alte
zerrte den Jungen an den Haaren, beschimpfte ihn und wollte ihn zum Polizisten
führen. Martin trat dazwischen und redete ihr gut zu: »Lass ihn laufen,
Großmütterchen«, sagte er. »Er wird’s nicht mehr tun.« Da ließ ihn die Alte los. Der
Junge wollte fortlaufen, aber der Schuster hielt ihn zurück. »Bitte die Großmutter um
Verzeihung«, sagte er. »Und tu’s nicht wieder; ich habe gesehen, wie du dir einen
Apfel genommen hast.« Da begann der Junge zu heulen und bat die Alte um
Verzeihung. »Siehst du, so ist’s recht. Da nimm noch den.« Und Martin nahm noch
einen Apfel aus dem Korb und gab ihn dem Knaben. »Ich bezahl ihn dir,
Großmütterchen«, sagte er zu der Alten.
Und wie die Alte eben ihren Sack wieder auf die Schulter laden wollte, sprang der
Knabe auf sie zu und sagte: »Gib ihn her, Großmütterchen, ich trage ihn dir. Ich habe
denselben Weg.« Die Alte nickte und lud dem Jungen den Sack auf. Dann gingen sie
nebeneinander die Straße entlang und der Schuster stand vor seiner Tür, schaute
ihnen nach, wie sie fortgingen, und hörte, wie sie miteinander sprachen. Er arbeitete
noch ein Weilchen, konnte aber bald nicht mehr recht sehen, und da kam auch
schon der Laternenmann, um die Laternen auf der Straße anzuzünden.
Da muss ich wohl auch bald Licht machen, dachte er, zündete sein Lämpchen an,
stellte es auf den Tisch und holte die Bibel vom Wandbrett. Er wollte sie wieder an
der Stelle aufschlagen, wo er gestern ein Streifchen Saffianleder hineingelegt hatte,
aber er schlug eine andere Seite auf. Und während er das Buch aufmachte, fiel ihm
sein Traum von gestern ein. Und wie er daran dachte, da war es ihm auf einmal, als
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rührte sich jemand hinter ihm und Schritte auf ihn zu. Er schaute sich um und siehe!,
hinten in der dunklen Ecke standen wirklich Leute, aber er konnte nicht erkennen,
wer es war. Und eine Stimme flüsterte ihm ins Ohr: »Martin, Martin, hast du mich
nicht erkannt?« »Wen?«, fragt er. »Mich«, sagt die Stimme. »Ich war es doch.« Und
aus der dunklen Ecke trat Stefan, lächelte, zerrann wie ein Nebel und war
verschwunden ...
»Auch das war ich«, sagte eine Stimme, und aus der dunklen Ecke trat die Frau mit
dem Kind. Sie lächelte, das Kind lachte – und beide waren verschwunden.
»Auch das war ich«, sagte eine Stimme wieder und die alte Marktfrau trat vor, und
der Junge mit dem Apfel. Beide lächelten und vergingen.
In des Schusters Seele wurde es ganz licht. Er setzte die Brille auf und begann zu
lesen, gerade an der Stelle, die er zufällig aufgeschlagen hatte. Da stand ganz oben
auf der Seite geschrieben: »Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich
gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket. Ich bin ein Gast
gewesen, und ihr habt mich beherbergt ...«
Und weiter unten las er noch: »Was ihr getan habt einem unter diesen meinen
geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.«
Leo N. Tolstoi
Leitfaden zusammengestellt von Utta Hahn
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