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Erfahrungsbericht Shanghai: Tongji-Universität im WS 2011/12

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Erfahrungsbericht Shanghai: Tongji-Universität im WS 2011/12
„China? Was willst du denn da?!“
Dies war die wohl häufigste Reaktion meiner Freunde auf mein Vorhaben, ein Semester in Shanghai
zu verbringen. Doch ich war schon seit langer Zeit von dieser Stadt fasziniert und hatte seit Jahren den
Wunsch, mir einmal selbst ein Bild davon zu machen, wie dort die chinesische Tradition auf den
unaufhaltsamen Fortschritt trifft. Daher war ich sehr glücklich, als ich endlich die Zusage für mein
Auslandssemester in den Händen hielt.
Das war im Januar, im August sollte das Abenteuer dann beginnen. Im Vorfeld galt es, die
Kursanrechnung mit den Dozenten in Paderborn abzusprechen, und die Visumsangelegenheiten zu
klären. Ansonsten waren die Reisevorbereitungen überschaubar und unterschieden sich nicht von
denen meiner Freunde, die in näher gelegenen Ländern ihr Auslandssemester absolvierten.
Gemeinsam mit zwei Kommilitonen, von denen einer glücklicherweise Chinesisch spricht, ging es
dann also Ende August los.
In Shanghai angekommen erlangte ich dann schon im Taxi die Erkenntnis, dass die Verständigung in
den kommenden sechs Monaten wohl doch nicht so einfach sein würde, wie zunächst vermutet. Denn
entgegen meiner Erwartungen spricht in dieser Metropole mit über 20 Millionen Einwohnern noch
lange nicht jeder Chinese Englisch, und schon gar nicht die Taxifahrer. Auch die Versuche,
Straßennamen auf Chinesisch auszusprechen, waren gerade zu Beginn meines Aufenthaltes selten von
Erfolg gekrönt und im Nachhinein weiß ich selbst nicht, wie ich es jedes Mal dann doch geschafft
habe, zum gewünschten Ort zu gelangen. So kann ich schonmal den ersten Tipp geben: Adressen am
besten auch in chinesischen Schriftzeichen dabeihaben, dann ist man auf der sicheren Seite. Falls gar
nichts hilft, gibt es die sogenannte Magic Number. Sie ist speziell für Ausländer eingerichtet und ist in
jedem Taxi zu finden. Am anderen Ende der Leitung wird man freundlich auf Englisch begrüßt und
kann dem Taxifahrer das Handy geben, sodass dieser sich von den Mitarbeitern erklären lassen kann,
wo der Fahrgast hinmöchte.
Aber auch für andere Zwecke ist die Magic Number nützlich. So kann man beispielsweise auch
abends dort anrufen, wenn man gerade in der Stadt unterwegs ist und gern wissen möchte, wo genau
der Jazzclub ist, zu dem man hinwollte. Somit kann ich nur jedem empfehlen, sich diese Nummer zu
notieren.
Zurück zu unserer Anreise- als wir im Motel angekommen waren, packten wir kurz ein paar Sachen
aus und machten uns gegen Mittag auf zur Tongji-Universität, um uns bei Frau Liu vorzustellen und
die ersten organisatorischen Dinge zu erledigen. Zudem machten wir uns mit dem Metrosystem
vertraut, welches absolut unproblematisch ist. Meiner Meinung nach hat Shanghai das perfekte
Metronetz, es ist schon fast unmöglich, in die falsche Metro zu steigen, unter anderem weil die
Stationen alle auch auf Englisch beschriftet sind.
Die ersten 10 Tage waren meine beiden Freunde und ich damit beschäftigt, eine Wohnung zu finden.
Wir alle wollten uns eigene WGs suchen und merkten bald, dass es so kurz vor Semesterbeginn (es
ging bereits Anfang September los) ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt dafür war. Doch nach zwei
Wochen hatten wir dann alle eine Bleibe gefunden (hier kann ich die Webseite smartshanghai.com
empfehlen, welche neben Wohnungsanzeigen übrigens auch eine Auflistung und Bewertung
sämtlicher Bars, Clubs und Restaurants bietet). Ich zog in eine WG mit einer Französin und einer
Chinesin, die beide in meinem Alter waren, jedoch schon arbeiteten. Für mich war dies die perfekte
Lösung, da ich so schon einiges über die chinesische Arbeitswelt erfahren konnte und natürlich auch
über die chinesische Lebensweise selbst. Zudem wohnte ich sehr nah am People’s Square und hatte
dadurch alles in Reichweite: drei Metrolinien, die Einkaufsmeile Nanjing Lu, aber auch winzige
chinesische Läden und Straßenstände mit sehr leckerem Essen.
Einige meiner Kommilitonen wohnten in größeren Gebäudekomplexen (z.B. Rainbow City). Dies
hatte zwar den Vorteil, dass dort alles auf die sogenannten Expats ausgerichtet war- vom westlichen
Supermarkt über Fast-Food-Ketten bis hin zur eigenen Metrostation war alles vorhanden. Jedoch kam
dies für mich nicht in Frage, da ich gern mitten im Stadtzentrum leben wollte und zugleich auch die
Gelegenheit nutzte, in der typisch chinesischen Nachbarschaft den chaotischen Alltag mitzuerleben.
Generell hatte ich den Eindruck, dass in Shanghai an jeder Ecke Banken, Restaurants und Supermärkte
zu finden sind. Dringend empfehlen würde ich die Mitnahme einer Kreditkarte. Damit kann man meist
gebührenfrei Geld abheben, zudem wird sie bei der Buchung von Flügen benötigt. Den Reisepass und
das Visum sollte man mehrfach als Kopie dabei haben, um sich zum Beispiel bei der örtlichen Polizei
anzumelden. Um Geld zu tauschen, muss man den Reisepass im Original bei der Bank vorlegen.
In den ersten Wochen sind wir abends sehr viel ausgegangen, um die Leute vom CDHK besser kennen
zu lernen und natürlich auch das Nachtleben. Dabei merkte ich schnell, dass Shanghai unglaublich
sicher ist. In den gesamten sechs Monaten hatte ich nicht einmal ein ungutes Gefühl, wenn ich nachts
unterwegs war. Außerdem hat diese Stadt ein unglaubliches Nachtleben. Jeden Monat werden
irgendwo in der Stadt neue Clubs eröffnet (vor allem in der French Concession), die sich gegenseitig
mit ihren Angeboten und Designs übertreffen. Trifft man tagsüber in der Metro und den Straßen fast
nur auf Chinesen, konnte man abends dann davon ausgehen, überwiegend mit Nicht-Chinesen zu
feiern, wenn man nicht gerade in einen der- eher wenigen- typisch chinesischen Clubs geht. Doch
auch dies kann ich empfehlen, denn Chinesen feiern anders als wir- am besten ausprobieren!!
Anfang Oktober ging es dann zum ersten Mal raus aus der Stadt, denn die Woche nach dem
Nationalfeiertag hat ganz China Urlaub und meine beiden Freunde und ich reisten nach Peking. Dabei
merkte man schnell, dass die Hauptstadt trotz ihrer Größe noch sehr viel traditioneller ist als das sehr
westlich ausgerichtete Shanghai. Es gab viel zu besichtigen, das Highlight für mich war die
chinesische Mauer.
Doch nach den sechs Tagen freute ich mich schon sehr auf „zu Hause“. Nach sechs Wochen in China
war Shanghai nämlich genau das für mich geworden, mein neues zu Hause. Ich fühlte mich sehr wohl
inmitten der vielen Menschen, die einen so neugierig anschauten und auch gerne mal- ganz unauffällig
natürlich- ein Foto mit ihrem Handy schossen. Ich konnte mich nicht genug darüber wundern, dass die
Einwohner dieser Metropole anscheinend nie zuvor einen Europäer gesehen hatten und einen stets als
kleine Attraktion behandelten. Doch es war selten nervig, meistens konnte ich in diesen Situationen
nur lachen.
Da das Wetter in Shanghai bis November sehr angenehm war, war ich in diesen Wochen sehr viel zu
Fuß unterwegs, um mich in dieser riesigen Stadt orientieren zu können und natürlich auch, um hier
und da ein paar schöne Plätze zu finden. Ich ging häufig zum Tailor Market, bei dem man sich Blusen
und Mäntel auf den Leib schneidern lassen kann. Außerdem entdeckte ich bei meinen Spaziergängen
einen kleinen Teeladen, bei dem ich häufig vorbeischaute, und auch eine winzige muslimische
Suppenküche hatte es mir angetan. Auch dort wurde ich stets als einzige Ausländerin bestaunt und
besserte im Gegenzug mein Chinesisch auf, denn die Angestellten sprachen nicht ein einziges Wort
Englisch.
Anfang November fuhr ich mit zwei Freundinnen vom CDHK für ein Wochenende nach Huangshan
ins Gebirge. Obwohl wir uns denkbar schlecht auf diesen Ausflug vorbereitet hatten, wurde es ein
unglaublich schönes Wochenende. Sechs Stunden verbrachten wir im Bus und übernachteten dann
unten in einem kleinen Dorf. Am Samstag vormittag stiegen wir dann die Yellow Mountains hinauf.
Wieder trafen wir auf Chinesen, die offensichtlich noch nie zuvor einen Ausländer gesehen hatten und
ebenso wenig Englisch sprachen. Die Verständigung musste also wohl oder übel auf Chinesisch
erfolgen. Wir verbrachten eine Nacht oben auf dem Berg in einem Hostel, gemeinsam mit sieben
Chinesinnen in unserem Zimmer und zig weiterer Chinesen, mit denen wir uns das Bad teilen
mussten. Obwohl es weder eine Heizung noch warmes Wasser gab, wollten wir unbedingt dort
bleiben, um sowohl den Sonnenunter- als auch Aufgang zu sehen. Dies hat sich auch definitiv gelohnt,
die Aussicht war überwältigend.
Am nächsten Tag ging es dann zurück. Wir liefen mehrere Stunden lang die Treppen abwärts und
trafen dabei auf viele Wandervereine, die alle wissen wollten, wo wir denn herkamen und
anschließend freundlich nach einem Foto mit uns fragten.
Nach ein paar Schwierigkeiten mit unseren Bustickets (ich kann nur jedem empfehlen, die Tickets
nach Shanghai direkt am Busbahnhof zu kaufen, am besten schon einen Tag zuvor), traten wir dann
die lange Rückfahrt an. Insgesamt war das Wochenende sehr anstrengend, aber zugleich wunderschön,
da die Natur eine willkommene Abwechslung zu Shanghais Lärm und Smog darstellte. Außerdem
hatten wir auf der Hinfahrt zwei Studenten aus Mexiko kennengelernt, die auch in Shanghai lebten
und somit gab es genügend Gesprächsstoff für die Rückfahrt.
Kurz darauf bekam ich dann den ersten Besuch- meine Eltern nutzten meinen Aufenthalt, um
Shanghai zu besichtigen und dann für drei Wochen durch China zu reisen. Anschließend besuchte
mich noch eine gute Freundin und zu Weihnachten dann mein Bruder. Alle waren überwältigt von
Shanghai und begeistert von den vielen Kleinigkeiten des Alltags, die so anders sind als bei uns in
Deutschland.
Als mein Bruder dann kurz nach Weihnachten zurück nach Deutschland flog, wurde es in der Uni
auch schon ernst, da das Semester Anfang Januar zu Ende ging. So verbrachte ich einige Tage zu
Hause vor meinen Büchern und schrieb dann wenig später die letzten Klausuren.
Ursprünglich hatte ich geplant, direkt nach Semesterende Shanghai zu verlassen und durch Asien zu
reisen. Doch im Dezember hatte ich dann gemerkt, wie sehr ich in dieser Stadt bleiben wollte. So legte
ich meine Reisepläne auf Eis und machte mich stattdessen auf die Suche nach einem Praktikum.
Durch einen Bekannten fand ich dann auch bald einen Platz in einem deutschen Unternehmen und
konnte dadurch meinen Aufenthalt noch bis Ende Februar verlängern. In dieser Zeit lernte ich dank
meiner chinesischen Kollegen noch einmal einiges über chinesisches Essen, aber auch über die
Unterschiede zum deutschen Arbeitsleben. Auch das chinesische Neujahr konnte ich erleben. Während
zu Silvester nicht eine einzige Rakete hochgegangen war, wurde es nämlich Ende Januar umso lauter.
Eine Woche lang gab es Feuerwerke in der ganzen Stadt, um das Jahr des Drachen einzuläuten.
Im Anschluss an mein Praktikum reiste ich dann noch für eine Woche nach Hong Kong, um immerhin
noch ein wenig mehr von Asien zu sehen. Diese Woche verging ebenso schnell wie das gesamte
Semester.
Rückblickend war mein Auslandsaufenthalt eine meiner schönsten und interessantesten Erfahrungen
überhaupt. Ich habe sehr viele interessante Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt und bin sehr
froh, mit diesen in Kontakt bleiben zu können.
Denn nach diesen sechs Monaten steht für mich fest, dass ich auch in Zukunft ferne Länder bereisen
und nach Möglichkeit auch für längere Zeit dort leben möchte, und den Menschen, die ich in Shanghai
kennengelernt habe, geht es genauso. Daher gehe ich fest davon aus, einige meiner neuen Freunde
einmal wiederzusehen, wenn ich mein Studium beendet habe und hoffentlich die Gelegenheit erhalte,
in neue Länder zu reisen. Mich persönlich hat dieses Semester in China definitiv verändert und dazu
geführt, dass ich nun noch mehr von der Welt sehen möchte und keine Angst davor habe, in Länder zu
reisen, deren Kultur sich von unserer unterscheidet.
Christin W.
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