close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

"Ich frage Opa nicht nach dem KZ" / "Man soll wissen, was mein

EinbettenHerunterladen
ZEITGESCHEHEN
NATIONALSOZIALISMUS
"Ich frage Opa nicht nach dem KZ" /
"Man soll wissen, was mein Uropa
getan hat"
Die Enkelin eines Auschwitz-Überlebenden und der Urenkel
eines Gestapo-Mannes im Gespräch.
VON Christine
Meffert;Annabel Wahba | 04. November 2010 - 07:00 Uhr
© Özgür Albayrak
1
ZEITGESCHEHEN
Nina Mannheimer, 16, lebt in München und besucht dort das gymnasium. Ihr jüdischer
Großvater Max Mannheimer war in den KZs Auschwitz, Theresienstadt und Dachau. er lebt
heute in München
ZEITmagazin: Ihr habt beide einen persönlichen Bezug zu den Verbrechen der Nazis.
Könnt ihr euch erinnern, wann ihr zum ersten Mal etwas darüber erfahren habt?
Jan: Ja, da war ich zwölf. Meine Großmutter und ich haben so ein Ritual, wir gehen
regelmäßig miteinander essen, und damals hatte sie das Buch dabei, das sie über ihren
Vater, der bei der Gestapo war, geschrieben hat.
Nina: Ich kann mich nicht erinnern, nichts über die Nazizeit zu wissen. Wir reden zu Hause
zwar selten direkt darüber, aber irgendwie war die Vergangenheit doch immer präsent.
Mein Opa und sein Bruder sind die einzigen Überlebenden ihrer Familie. Aber ich habe mit
meinem Opa nie darüber geredet.
ZEITmagazin: Dein Großvater Max Mannheimer hält seit 25 Jahren als Zeitzeuge
Vorträge an Schulen, Woche für Woche. Und mit dir hat er nie darüber gesprochen, was er
im Holocaust erlebt hat?
Nina: Ich glaube, ich war fünf, als ich ihn mal gefragt habe, was er da für eine Nummer
auf dem Arm tätowiert hat. Er sagte, das sei die Telefonnummer eines Freundes, die er
auf keinen Fall vergessen wolle. Später sind wir nie mehr auf dieses Thema gekommen.
Ehrlich gesagt, ist es mir recht. Und wenn man gerade am Tisch sitzt, will man zwischen
Hühnersuppe und Gemüseauflauf eigentlich nicht fragen: Du, wie war das damals in
Auschwitz? Wenn ich ihm gegenübersitze, möchte ich nicht darüber nachdenken, was mein
Großvater im KZ durchgemacht hat.
ZEITmagazin: Weil das entwürdigend ist?
Nina: Nein, für mich ist er dadurch nicht entwürdigt. Für mich ist er vor allem der
gutgelaunte alte Mann, der immer Witze erzählt und sich über uns alle und das Leben
lustig macht. Daher ist es ist so schwer, das Schreckliche, das er erlebt hat, mit ihm in
Verbindung zu bringen. Ich will das Buch, das er über seine Erlebnisse veröffentlicht
hat, lieber nicht lesen, solange er lebt. Ich weiß auch nicht, ob mein Vater mit meinem
Opa darüber geredet hat. Wir verdrängen den Holocaust nicht, ich habe mehrere Bücher
darüber gelesen und in der Schule viel dazu gemacht, aber er ist in unserem Familienalltag
kein Thema. Man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll. Außerdem geht es meinem
Großvater gut. Es ist nicht so, dass wir da eine große Wut in der Familie zu verarbeiten
hätten. Mein Opa sorgt eher für entspannte Stimmung. Von der ganzen Verwandtschaft ist
er der Fröhlichste.
ZEITmagazin: Jan, deine Großmutter hat vor einigen Jahren die Verbrechen ihres Vaters
Bruno Sattler in der NS-Zeit aufgedeckt, von denen sie bis dahin nichts gewusst hatte: Er
2
ZEITGESCHEHEN
war unter anderem Gestapo-Chef in Belgrad und für die Ermordung Tausender Menschen
verantwortlich. Was hat sie dir von ihm erzählt?
Jan: Nur die groben Fakten. Die ganzen Dinge, die ein bisschen härter waren, hat sie
weggelassen. Ich konnte damals mit zwölf, ehrlich gesagt, noch gar nicht so viel damit
anfangen. Trotzdem wollte ich unbedingt das Buch lesen. Doch sie sagte: Nein, das
verstehst du noch nicht, das ist auch zu brutal für dein Alter. Ich hätte wahrscheinlich nicht
mehr schlafen können. Dann in der zehnten Klasse war die NS-Zeit Thema in der Schule,
und da habe ich sie gefragt, ob sie in unsere Klasse kommen will. Sie hat eine Stelle aus
dem Buch vorgelesen.
ZEITmagazin: Warum hast du das vorgeschlagen?
Jan: Weil ich stolz auf meine Oma bin und möchte, dass sie anderen Leuten erzählt, was
sie getan hat. Sie hat sich mit der Geschichte unserer Familie auseinandergesetzt und das
Thema nie ruhen lassen, sie hat immer weitergesucht nach neuen Details. Man soll wissen,
was mein Urgroßvater getan hat.
3
ZEITGESCHEHEN
© Özgür Albayrak
Jan Kallies, 17, hat gerade die Realschule in Berlin abgeschlossen. Sein Urgroßvater Bruno
Sattler war SS-Sturmbannführer. Von 1942 bis 1944 war er Gestapochef in Serbien
ZEITmagazin: War dir das nicht auch unangenehm? Schließlich kennt ja dann jeder in
deiner Klasse deine Familiengeschichte.
Jan: Nein, gar nicht. Wenn ich Leuten erzähle, wer mein Uropa war, dann sind sie schon
irgendwie schockiert. Aber ich kann’s halt nicht ändern. Bei mir in der Klasse hat das aber
höchstens ein Viertel interessiert. An meiner Schule hatten viele nicht wirklich Lust auf
Unterricht, außer ein paar Mädchen.
4
ZEITGESCHEHEN
Nina: Mein Opa war vor zwei Jahren auch mal an meiner Schule, er hält da regelmäßig
Vorträge. Das war aber ganz anders als bei dir, weil es keine Pflichtveranstaltung für die
Schüler war, sondern freiwillig nach dem Unterricht um sieben. Da kamen sehr viele, und
sie waren eigentlich alle sehr interessiert. Mich hat das natürlich mitgenommen, als er so
persönlich über seine Erlebnisse geredet hat. Aber wie gesagt, bringe ich diese Erlebnisse
nicht so richtig mit ihm in Verbindung. Er hat eine Stelle aus seinem Buch vorgelesen und
dann Geschichten erzählt, obwohl das sicher nicht die schlimmsten waren. Zwar hat er von
den Schmerzen und vom Hunger geredet, aber er erzählt auch immer etwas Schönes.
ZEITmagazin: Was zum Beispiel?
Nina: Er erzählte von einem KZ-Wärter, der nett zu ihm war, der den Häftlingen Essen
besorgt hat. Einmal an einer Schule ist dann ein Mädchen zu ihm gekommen, das nur
gewusst hatte, dass sein Opa KZ-Wärter in Auschwitz war. Und es stellte sich heraus, dass
es ebendieser Mann war. Das Mädchen hat vor Erleichterung geweint.
ZEITmagazin: Du gehst auf ein französisches Gymnasium in München. Dein Eindruck
ist, dass sich dort die meisten in deinem Alter für die Geschichte des Nationalsozialismus
interessieren?
Nina: Ja, als wir das Thema im Unterricht durchgenommen haben, waren alle sehr
betroffen. Viele waren danach den ganzen Tag lang traurig. Nach dem Unterricht kam
einmal die Geschichtslehrerin zu mir und fragte, ob ich es mit meiner Familiengeschichte
überhaupt ertrage, diese Sachen zu hören.
ZEITmagazin: Was hast du ihr geantwortet?
Nina: Dass das schon in Ordnung ist.
ZEITmagazin: Eine Geschichte wie die deiner Familie kann doch aber auch eine große
Belastung sein.
Nina: Mein Opa hat so ein altes Familienbild, auf dem alle drauf sind, wie sie ganz fröhlich
in ein Auto einsteigen. Und ich weiß eben, dass sie bis auf meinen Opa und seinen Bruder
alle vergast wurden, die erste Frau meines Opas, seine Eltern, seine beiden anderen Brüder
und seine Schwester. Das ist dann so eigenartig, weil man sich denkt, es hätte ihn ganz
genauso treffen können, mein Opa wäre ja auch fast gestorben. Dann würde es meinen
Vater nicht geben und mich auch nicht. Mein Vater ist übrigens nach Opas jüngerem
Bruder benannt, der in Auschwitz starb. Aber ich habe immer versucht, mir das nicht allzu
genau vorzustellen. Dabei kommt ja nichts Positives heraus.
ZEITmagazin: Hat dir das alles nicht Angst gemacht?
Nina: Früher hatte ich manchmal merkwürdige Träume. Ich lag im Bett, und dann schlägt
jemand das Fenster ein, und plötzlich steht Hitler bei mir im Zimmer. Dann konnte ich
5
ZEITGESCHEHEN
nicht mehr schlafen und habe mir vorgestellt, wenn sich das alles wiederholen würde, was
wir dann machen würden. Aber zum Glück denke ich mir jetzt, dass das natürlich nicht
noch mal passiert.
ZEITmagazin: Jan, wäre es dir lieber, du hättest deinen Urgroßvater nicht in der Familie?
Jan: Ich blende diese Gedanken eher aus. Und ich habe ihn ja auch nie kennengelernt.
ZEITmagazin: Er starb 1972 unter ungeklärten Umständen in einem Leipziger Gefängnis,
und du bist 1993 geboren…
Jan: Genau, ich fühle mich mit ihm nicht verbunden. Ich schäme mich auch nicht für ihn.
Meine Oma hat natürlich sehr darunter gelitten, als sie herausfand, wer ihr Vater wirklich
war. Damals ging es ihr sehr schlecht. Und auch meine Mutter nimmt es mit. Kürzlich
waren die beiden zusammen in einer Holocaust-Ausstellung, das hat meine Mutter total
aufgewühlt, sie hat plötzlich angefangen zu weinen.
Nina: Ich verstehe, dass du keinen Bezug zu deinem Urgroßvater hast. Ich nehme an, er ist
auch in deiner Familie nicht sehr präsent. Da werden ja keine Bilder von ihm in Uniform
herumhängen.
Jan: Nein, natürlich nicht.
Nina: Er hat natürlich schreckliche Sachen gemacht, aber es kann ja trotzdem sein, dass
er für seine Kinder doch ein guter Vater war, und ich finde, da kann man sich auch an ihn
erinnern dürfen.
Jan: Das Verblüffende ist, dass er auf seine Familie immer einen ganz fröhlichen Eindruck
gemacht hat und sich immer alle gefreut haben, wenn er nach Hause gekommen ist. So hat
meine Oma mir das erzählt. Und dann war er plötzlich wieder weg und hat solche Sachen
gemacht. Aber irgendwie hat es meiner Oma dann geholfen, sich immer mehr mit ihm
auseinanderzusetzen. Sie sagt, dass man an der Aufarbeitung nicht zerbricht, sondern sogar
stärker wird.
Nina: Ich würde sagen, meinen Großvater hat die Auseinandersetzung mit seiner
Geschichte auch gestärkt. Ich glaube, es hilft ihm sehr, dass er der jungen Generation etwas
vermitteln kann. Ich erlebe ihn nicht als gebrochenen Mann, obwohl er so viel Schlimmes
erlebt hat. Seine zweite Frau, die er nach dem Krieg geheiratet hat, ist an Krebs gestorben.
Und seine dritte Frau, die Mutter meines Vaters, ist in diesem Frühjahr gestorben. Und
trotzdem ist mein Opa immer noch lebensfroh.
ZEITmagazin: Gibt es dir Kraft, dass dein Großvater nie den Lebensmut verloren hat?
Nina: Ich glaube nicht, dass ich das so geschafft hätte wie er. Ich bin stolz auf ihn, und es
ermutigt mich, zu sehen, dass er nie die Hoffnung aufgegeben hat oder nie gedacht hat: So,
6
ZEITGESCHEHEN
jetzt ist es vorbei. Dass er auch nach den Erlebnissen in seiner Jugend immer versucht hat,
das Leben zu genießen, egal was passiert.
ZEITmagazin: Was bedeutet es für euch, dass ihr euch jetzt gegenübersitzt?
Nina: Für mich ist das nicht so viel anders, als wenn ich irgendeinem anderen Jungen in
meinem Alter gegenübersitzen würde. Jan kannte seinen Urgroßvater ja gar nicht, und
selbst wenn er ihn gekannt hätte, wäre er wahrscheinlich einfach der Urgroßvater gewesen,
der mal mit ihm auf den Spielplatz geht oder ihm ein Eis kauft. Ich stelle es mir schwer vor,
jemanden aus der eigenen Familie zu verurteilen. Man sagt ja nicht einfach: Ich möchte
nichts mit ihm zu tun haben, weil er vor langer Zeit einmal etwas Schlechtes gemacht hat.
Für einen Familienangehörigen ist das ja ein ganz anderer Mensch.
Jan: Ich muss sagen, dass mich die Geschichte von deinem Opa doch ziemlich berührt. Ich
hätte vor dem Gespräch auch nicht gedacht, dass ich das sage. Ich wusste ja nur ein paar
Stichpunkte über ihn. Und jetzt finde ich das alles ziemlich, ziemlich schockierend. Wir
sitzen hier so und reden, und jetzt denke ich mir plötzlich, so hautnah habe ich das noch nie
gehört. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der im KZ war. Ich würde Ninas Großvater
wirklich gerne mal kennenlernen.
ZEITmagazin: Meinst du, es wäre etwas anderes, jemandem gegenüberzusitzen, der das
erlebt hat, als in Büchern davon zu lesen?
Jan: Ja, und ich lese auch keine Bücher darüber.
ZEITmagazin: Warum?
Jan: Ich bin eigentlich ein Mensch, der nicht so viele Gefühle an sich heranlässt. Aber
ich glaube, wenn ich mich ernsthaft damit beschäftigen würde, dann würde mich das doch
enorm runterziehen. Ich würde dann, glaube ich, anfangen, mich dafür zu schämen, was
mein Urgroßvater getan hat.
ZEITmagazin: Was würdest du Ninas Großvater gerne fragen?
Jan: Also, ich kenne die ganze Seite der Täter, ich würde gerne wissen, wie man sich als
Opfer fühlt.
Nina: Das Eigenartige an meinem Opa ist ja, dass man ihn einerseits diese Sachen erzählen
hört, wie er deportiert wurde und in verschiedene Lager kam, wie fast seine ganze Familie
umgebracht wurde, und eine Minute später kommt dann halt ein Witz von ihm. Ich habe
das Gefühl, dass er versucht, sich da gefühlsmäßig nicht so hineinzuversetzen. Und uns
auch nicht.
ZEITmagazin: Sonst würde ihn die Erinnerung vielleicht verrückt machen.
7
ZEITGESCHEHEN
Nina: Es sind zwar alle immer betroffen, wenn er davon redet. Aber man kann sich
das Ausmaß nicht so richtig vorstellen. Und er erzählt auch Geschichten, die etwas
Versöhnliches haben. Etwa über die Freundschaften und die Solidarität im Lager. Er hat
überlebt, weil ihm andere Leute geholfen haben, vor allem sein jüngerer Bruder Edi, der
ihm von seiner Brotration oft etwas abgegeben hat.
ZEITmagazin: Findet ihr, dass die Bilder und Filme, die die NS-Zeit dokumentieren, für
den Schulunterricht zu brutal sind?
Jan: Wir haben so was nie zu sehen bekommen. Vielleicht war unser Unterricht gerade
deswegen so gut, weil wir nicht ständig mit Leichenbildern konfrontiert wurden.
Nina: Ich finde, dass man im Gegenteil nichts verstecken soll, vor allem nicht in
Deutschland. Natürlich ist es wichtig, die geschichtlichen Fakten zu kennen, wie zum
Beispiel die Nürnberger Gesetze, aber man muss auch sehen, was die Leute Tag für Tag
durchgemacht haben. Unsere Generation kann sich gar nicht vorstellen, was da geschehen
ist, wenn sie keine Bilder sieht. Es ist hier besonders wichtig, dass man das ganze Ausmaß
des Verbrechens erfährt. Aber natürlich erfährt man es lieber nicht durch die eigene
Familiengeschichte.
Jan: Ich finde ja auch, dass man nicht drum herumreden sollte. Man braucht natürlich
Informationen, aber diese Leichenbilder müssen am Anfang ja nicht gleich sein.
Nina: Aber die Bilder sind ja die Information.
Jan: Na ja…
Nina: Aber es ist doch so, dass die Leute massenweise vergast wurden. Man hat ja nicht
mal von hier eine Leiche genommen und von dort, die dann auf einen Haufen geworfen und
das fotografiert.
Jan: Ja, aber wir haben es im Unterricht auch ohne die Leichenbilder geschafft.
ZEITmagazin: Jan, verstehst du nach allem, was du jetzt über deinen Uropa weißt, warum
er sich dieser grausamen Verbrechen schuldig gemacht hat?
Jan: Nein, ich kann es mir nicht erklären. Es gibt offensichtlich Menschen, die von Grund
auf eine bestimmte Einstellung haben, und die ziehen sie dann durch.
ZEITmagazin: Jans Urgroßvater ist schon 1931 in die NSDAP eingetreten. Kannst du dir
vorstellen, Nina, warum so wenige in Deutschland etwas gegen die Nazis unternommen
haben?
Nina: Heute denken die meisten Deutschen wohl: Ich hätte damals den Juden geholfen.
Aber das ist Schwachsinn, weil man so viel aufs Spiel gesetzt hätte. Man hat das verdrängt,
weil man sein eigenes Leben, seine eigene Familie nicht in Gefahr bringen wollte. Es
8
ZEITGESCHEHEN
haben nicht so wahnsinnig viele Leute die Nazis aktiv unterstützt. Die meisten haben gar
nichts gemacht. Und das ist vielleicht das Schlimmste daran, dass das Nichtsmachen solche
Folgen hatte.
ZEITmagazin: Laut einer Umfrage sind 62 Prozent der Deutschen es leid, so oft von den
Verbrechen an den Juden zu hören. Versteht ihr das?
Nina: Irgendwie schon. Ich finde es zwar gut, wenn zum Beispiel in der Schule darauf
geachtet wird, dass die Leute das alles erfahren und es eben nicht verdrängt wird. Man kann
unsere heutige Gesellschaft nicht erklären, ohne die NS-Zeit zu verstehen. Aber es ist halt
nervig, dass Nichtdeutsche immer als Allererstes auf den Holocaust zu sprechen kommen,
sobald es um Deutschland geht. Wenn ich dann sage, dass ich Jüdin bin, sind die immer
sofort still. Aber ich merke, dass sich die anderen Deutschen darüber ärgern. Ich kann sie
gut verstehen. Das Land, in dem ich lebe, ist nicht das »Dritte Reich« und sollte nicht damit
verwechselt werden.
Jan: Es kommen ja immer wieder neue Generationen nach, und die Alten, die das noch
miterlebt haben, sterben. Deshalb muss man natürlich weiter darüber reden. Es wäre
mir wirklich peinlich, wenn ich nicht über mein eigenes Land Bescheid wüsste. Diese
Verbrechen gehören eben zu unserem Land, und auch die zehnte Generation nach meinem
Uropa soll wissen, was geschehen ist.
COPYRIGHT: ZEITmagazin,
04.11.2010 Nr. 45
ADRESSE: http://www.zeit.de/2010/45/Erinnern-NS-Zeit-Opfer-Taeter
9
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
12
Dateigröße
68 KB
Tags
1/--Seiten
melden