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"Was eine Stadt lebenswert macht" - Konrad-Adenauer-Stiftung

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REDE
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
KARL DIETRICH SEIKEL
25. August 2008
www.kas.de
www.kas.de/ljp
„Was eine Stadt lebenswert
macht“
FESTREDE DES MEDIENKOORDINATORS BEIM ERSTEN BÜRGERMEISTER DER
FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG, TKARL DIETRICH SEIKEL, ANLÄSSLICH
DER VERGABE DES DEUTSCHEN LOKALJOURNALISTENPREISES 2007
Sehr geehrte Frau Senatorin von Welck,
samte Redaktion seinen langjährigen Chef-
Sehr geehrter Herr Dr. Wahlers,
redakteur Menso Heyl.
Sehr geehrter Herr Dr. Golombeck,
Sehr geehrter Herr Bayer,
Ich hätte mir in meiner neuen Aufgabe kei-
Lieber Menso Heyl,
nen besseren Anlass wünschen können, als
meine sehr verehrten Damen und Herren,
dem Hamburger Abendblatt als seit annähernd 28 Jahren praktizierender und über-
ich stehe hier vor Ihnen in diesem pracht-
zeugter Wahlhamburger meine Referenz zu
vollen Saal - erstmals nicht als einer der
erweisen und zu dem mir vorgegebenen
Gäste in Ihrer Mitte, sondern hier vorn am
Thema: „Was eine Stadt lebenswert
Pult. Als mich Frau von Welck und der 1.
macht“ zu sprechen . Und ich nehme mir
Bürgermeister fragten, ob ich für Hamburg
die Freiheit das Thema zu ergänzen:
die Aufgabe des Medienkoordinators übernehmen könne, stimmte ich nach kurzem
„Was eine Stadt lebenswert macht - im
Nachdenken zu. Gerne würde ich meine in
Sinne ihrer im Mediensektor tätigen
annähernd 28 Berufs- und Hamburger Jah-
Bürgerinnen und Bürger“.
ren erworbenen Kenntnisse der Branche zur
Verfügung stellen, um die Politik für die An-
Lieber Menso Heyl,
liegen des Mediensektors zu sensibilisieren,
Kontakte herzustellen, Verbindungen - heu-
meine sehr verehrten Damen und Herren,
te sagt man“ Netzwerke“ – zu knüpfen und
für die Vorzüge des Standorts Hamburg zu
am 25. April dieses Jahres gab die Konrad-
werben und sie – mit Hilfe der Entschei-
Adenauer-Stiftung bekannt, dass das „Ham-
dungsträger in Politik und Wirtschaft – aus-
burger Abendblatt“ den Deutschen Lokal-
zubauen. Was ich aber auf keinen Fall
journalistenpreis erhält, und zwar
möchte – so meine Einschränkung gegenüber dem 1. Bürgermeister – sei die öffent-
•
„für die redaktionelle Gesamtleis-
liche Präsenz: Referate anlässlich von Me-
tung, die sich aus einer Vielzahl
dienkongressen vorzutragen, Interviews
von Elementen zusammensetzt:
und öffentliche Statements zu meiner Arbeit
Lesernähe, Orientierungsfunktion,
abgeben oder gar die Rolle des „Grüßau-
Ausübung des Wächteramtes, kon-
gust“ bei allen Arten von Medienveranstal-
tinuierliche Berichterstattung, An-
tungen zu spielen. Dass ich trotzdem heute
sprache vernachlässigter Zielgrup-
hier spreche, liegt am Preisträger.
pen.“
Ich würdige sehr gerne das Hamburger
Abendblatt und stellvertretend für die ge-
Unter 430 Einsendungen hatte sich das
Hamburger Abendblatt als wichtigste und
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Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.
KARL DIETRICH SEIKEL
erfolgreichste Lokalzeitung bei der 28. Aus-
tischen Arbeit, die Sie und Ihr Team seit
schreibung dieses renommierten Preises
vielen Jahren praktizieren.
qualifiziert, eine – wie ich finde – außerordentlich respektable Leistung.
Lassen Sie mich zum Kern meiner Ausführung kommen:
25. August 2008
Dieser Preis mit seiner hervorragenden Rewww.kas.de
putation ist aber offensichtlich für das
Was macht eine Stadt lebenswert - auch
www.kas.de/ljp
„Hamburger Abendblatt“ noch nicht genug:
und besonders im Sinne ihrer Medienschaffenden?
Bereits Ende 2007 deutete sich für die Zeitung und die Kolleginnen und Kollegen in
Vor einem Jahr gab das „Hamburger
der Redaktion ein regelrechter Preis-
Abendblatt“ den Startschuss zu einer spek-
Marathon für das 1. Halbjahr 2008 an:
takulären Hamburg-Serie, die in 51 Folgen
104 Stadtteile unter dem Serientitel "Ham-
•
Am 20. Dezember 2007 wurde be-
burg lebenswert" vorstellte.
kannt, dass der Deutsche Kulturrat
die Feuilleton-Redaktion des
Sie wurde ein Riesenerfolg, der bereits nach
„Hamburger Abendblatt“ mit dem
wenigen Wochen nach dem Start über
„politik und kultur-Journalistenpreis
4.000 Neu-Abos bewirkte. Die Serie wurde
2007“ auszeichnet, immerhin in
von Anfang an ergänzt mit vielfältigen Onli-
Nachfolge der 2006 ausgezeichne-
ne-Aktivitäten, zum Beispiel mit vielen
ten Feuilletonredaktion der „Frank-
Kurzfilmen von interessierten Bürgern über
furter Allgemeinen Zeitung“
die einzelnen Stadteil-Quartiere, mit Lesetipps und zahlreichen Foren, die Unmengen
an Leserbriefen nicht zu vergessen. Im Sin-
•
Und wenige Tage vor Bekanntgabe
ne einer konsequenten Cross-Media-
des heutigen Deutschen Lokaljour-
Strategie war es nur folgerichtig, dass zu
nalistenpreises der Konrad-
dieser Erfolgsserie anschließend auch ein
Adenauer-Stiftung - am 24. April
Buch erschienen ist, das sich, nach allen
2008 - gab es eine Pressemittei-
vorliegenden Zahlen, ebenfalls zum Bestsel-
lung zum „European Newspaper
ler entwickeln wird.
Award“: Sie ahnen es: wieder wurde das „Hamburger Abendblatt“
Und in der Zeitung selbst kam es zu einer
ausgezeichnet, hier bereits zum
logischen Fortführung der Serie, die dann
siebten Mal in Folge für Konzept
im Herbst mehrere wichtige Zentren aus der
von Serien und Covergestaltung.
Metropolregion Hamburg, dem „Speckgürtel“ also, in einer ähnlichen Konzeption vorstellte: Von Bad Oldesloe und Großhansdorf
•
Drei Wochen später - am 15. Mai
über Pinneberg, Elmshorn und Norderstedt
2008 - war zu lesen, dass zwei
bis hin zu Geesthacht und Lüneburg.
Journalistinnen des „Hamburger
Abendblatt“ in der Kategorie „Loka-
Ich erwähne diese Serie "Hamburg lebens-
les“ mit dem Theodor-Wolff-Preis
wert" nicht nur deshalb so ausdrücklich,
2008 im September in Köln ausge-
weil die Jury das tut. Mir selbst – und ich
zeichnet werden.
habe mich ja schon als fast 3 Jahrzehnte
lang hier lebender Wahlhamburger geoutet
Lieber Menso Heyl,
– hat die Serie zahlreiche neue Erkenntnisse
und Eindrücke vermittelt.
an kulturell-gesellschaftlicher wie fachöffentlicher Würdigung - und die in einer ter-
Am Beispiel „meines“ Stadtteils Eppendorf,
minlich so dichten Taktung - mangelt es
in dem meine Familie und ich seit gut zwei
Ihnen und dem „Hamburger Abendblatt“
Jahrzehnten wohnen : Da heißt die Über-
also wirklich nicht. Das allein spricht über-
schrift: „Dorf der liebenswerten Schickis“
zeugend für die hohe Qualität der journalis-
und darunter: „Besserverdiener-Viertel, Lat-
3
Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.
KARL DIETRICH SEIKEL
te-macchiato-Muttis und Marken-Shopper:
Aufarbeitung der Fakten und dabei für den
Es gibt viele Klischees über den Stadtteil
Leser mit Lust und Vergnügen zu konsumie-
Eppendorf - was ihn fast noch besser
ren.
macht.“, so der saloppe Abendblatt25. August 2008
Textvorspann.
www.kas.de
Und ich erfahre am 3. August letzten Jahres
kaum einen schöneren Ort als Hamburg
www.kas.de/ljp
auf zwei Seiten viel Amüsantes, Wissens-
gibt, erfahren die Leser seit den nunmehr
wertes und Nützliches über „mein“ Eppen-
fast 60 Jahren der Geschichte des „Ham-
dorf. Zum Beispiel:
burger Abendblatt“ .
Diese Art von guten Geschichten und Serien
hat Tradition beim Abendblatt: Dass es
•
Dass „Vor 800 Jahren, als Eppen-
Aber natürlich ist das kein enger Lokalpatri-
dorf noch das Dorf am Wasser (ab-
otismus, keine bedingungslose Parteinahme
geleitet vom alten Wort "epen" =
für die Belange der eigenen Stadt und der
am Wasser gelegen) und Vorort
Region. Das hätte die größte Regionalzei-
von Hamburg war, fuhren gut be-
tung im Norden der Republik weder publizis-
tuchte Städter hierher. Wegen der
tisch noch ökonomisch so erfolgreich ge-
frischen Luft und des gesunden
macht, wie sie es ist.
Wassers.“
•
Dass das Viertel kein offizieller
Es ist vielmehr die besondere Mischung aus
Kurort mehr ist, erholsam ist es
gesellschaftlichem und sozialem Engage-
aber allemal. Zwölf Grünanlagen,
ment, gepaart mit dem Interesse auch an
darunter der Eppendorfer Park zwi-
dem nur anscheinend Nebensächlichen. Und
schen Martinistraße und Breitenfel-
es ist vor allem das wache, kritische journa-
der Straße, der Kellinghusenpark
listische Interesse daran, was die Bürger in
und der Hayns Park mit Alsterlauf,
wichtigen Anliegen bewegt und umtreibt.
mit Spiel-, Grill-, Spazier- und Ausruhflächen bieten Erholung auf 200
•
•
000 Quadratmetern.
In diesem Sinne hat sich das „Hamburger
An der Ludolfstraße 15 ist Deutsch-
Abendblatt“ - mit der Zulassungsnummer 1
lands ältester Kanuklub seit 1905,
des Hamburger Senats am 14. Oktober
am Isekai treffen sich die Mitglie-
1948 vom Verleger Axel Springer gegründet
der von Hamburgs einzigem Rude-
- von Beginn an immer wieder aufs Neue in
rinnenklub.
sein lokales und regionales Umfeld mit einer
Dass Wolfgang Borchert, ohne des-
kraftvollen Stimme aktiv und konstruktiv
sen Drama „Draußen vor der Tür“
eingemischt.
und der intensiven Auseinandersetzung, damit zu meinen Zeiten kei-
Für sein „Hamburger Abendblatt“ sah Sprin-
ner Abitur machen konnte, seinen
ger 1948 mit jugendlichem Optimismus eine
ersten Auftritt als Kabarettist im
große Zukunft voraus. Er wusste, was er
Vorläufer von Alma Hoppes Lust-
wollte und brachte das in einem Interview
spielhaus hatte.
mit dem Reporter Hermann Rockmann vom
Nordwestdeutschen Rundfunk über sein
Konzept am ersten Abendblatt-Tag auf den
•
Schön auch die Schlusseinschät-
Punkt. Ich zitiere:
zung: Weg aus Eppendorf wollen
die wenigsten. Sie fühlen sich
•
„Eine Zeitung mit Herz, eine Zei-
wohl. Die Eppendorfer sind halt wie
tung, die den Menschen in den Mit-
eine typische Großfamilie: ein biss-
telpunkt ihrer ganzen Betrachtun-
chen deppert, ein wenig schnepfig,
gen stellt. Wir suchen die vernünf-
aber alles in allem liebenswert.“
tigen Stimmen, ob sie von links,
von rechts oder aus der Mitte
Das ist alles einfach gut gemacht, lieber
kommen. Wir hassen die Langewei-
Herr Heyl, höchst professionell, seriös in der
le, wir versuchen eine Zeitung zu
4
Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.
machen, die kurz formuliert, die
Gemütsbewegte bürgerte sich hier und da
von der ersten bis zur letzten Zeile
das saloppe Adjektiv „abendblättrig“ ein.
interessant ist und vielleicht auch
KARL DIETRICH SEIKEL
25. August 2008
besonders die Frau interessieren
Aber – es ist festzuhalten, dass dahinter
wird."
stets seitens des Verlegers, der Chefredakteure und der Redaktion ein wacher, untrü-
www.kas.de
Am Abendblatt war vieles anders, das zeigte
gerischer und unbestechlicher Bürgersinn
www.kas.de/ljp
schon der Start vor 60 Jahren. Nicht nur der
stand und steht.
Anspruch "unabhängig -überparteilich" und
das Motto Gorch Fock’s "Mit der Heimat im
Ich empfehle, das in einer bemerkenswer-
Herzen die Welt umfassen" rund um das
ten Rede Axel Springers nachzulesen, die er
mittelalterliche Stadtsiegel auf der Titelsei-
am 28. Oktober 1978 zum 30-jährigen Jubi-
te. Auch die Rubrik "Menschlich gesehen",
läum „seines“ Abendblatts hielt.
das besondere Porträt eines Mitbürgers, hat
bis heute Bestand, ebenfalls auf der Titel-
Bemerkenswert ist auch, dass sich das
seite.
„Hamburger Abendblatt“ bis heute in seinen
redaktionellen Grundlinien treu geblieben
Einem Kritiker erläuterte Axel Springer im
ist. Menso Heyl schrieb mir im Vorfeld der
März 1949 unbekümmert die verlegerische-
heutigen Preisverleihung dazu sehr treffend
journalistische Linie „seines“ Abendblattes
und ich zitiere ihn, da ich es nicht besser
– heute sicher so aktuell und überzeugend
sagen kann:
wie damals in den Jahren eines vorwärts
stürmenden Aufbaues mit einer sich neu
•
„Manche sagen, dass das Abend-
formierenden Presse- und Medienlandschaft.
blatt sich durch eine gewisse Un-
Zu einer Zeit übrigens, als die Republik
verwechselbarkeit, eine eigene Zei-
noch gar nicht gegründet war. Ich zitiere
tungsidentität, auszeichnet. Eine
erneut:
Symbiose zwischen dem Charakter
der Zeitung und dem Lebensgefühl
•
"Wir wollen etwas Anständiges ma-
in der Stadt ist sicher nicht selbst-
chen. Etwas, was Freude macht,
verständlich und an anderen
was hilft, was das Leben etwas
Standorten wahrscheinlich auch
schöner für hunderttausend Leser
nicht so weit gediehen wie hier.
macht. Und das ist mit einer so lebendigen Zeitung zu machen! Man
•
Wir versuchen, mit dem ‚Hambur-
muss nur genug Verstand, Wirk-
ger Abendblatt’ nicht nur ‚wieder-
lichkeitsnähe und Herz haben!
zugeben’, sondern auch durch Recherchen unserer Verantwortung
•
Interessanter als jeder Mordpro-
gerecht zu werden.“
zess ist jede Nachricht, jeder Artikel, der mit dem echten Leben
Ich nenne ein Beispiel: Die Drogenthematik.
Kontakt bringt. Man muss nur natürlich sein. Das Indirekte tötet uns
Die Reportagen des Abendblatts über die
alle. Leider werden die meisten
sich immer wieder aufs Neue selbst in den
Zeitungen von erstarrten Artisten
bürgerlichen Stadteilen Hamburgs auswei-
gemacht."
tende Drogenszene haben Aufsehen erregt,
vor allem auch die Berichte über Kinder und
Die vielen Aktionen, mit der Leser seither zu
Schüler als Betroffene und potenzielle Dro-
Stellungnahmen oder zu mehr Engagement
genabnehmer.
aufgerufen wurden, mögen für den Einen
oder Anderen, auch für mich, zwar manch-
Beispielhaft auch: die konsequente Fortfüh-
mal etwas zu gefühlsbetont gewesen sein.
rung dieser Berichterstattung, immer dann,
So zum Beispiel die Aktionen unter dem
wenn neue Suchtgefahren speziell für junge
Motto „Seid nett zueinander“. Für das allzu
Menschen in der Stadt drohten. Hier sah
und sieht das „Hamburger Abendblatt“ seine
5
journalistische Aufgabe darin, ohne Ansehen
Die Redaktion legt bei ihren Recherchen
der Personen und Institutionen auf alarmie-
stets ein besonderes Augenmerk auf Behör-
rende Missstände in deutlicher Fraktur auch
den, öffentliche Einrichtungen, Beamte und
für die Ämter und Institutionen hinzuwei-
Politiker. Diese Art von kritischem und auf
sen. Und nie, so mein Eindruck, unterlag die
mancherlei Widerstände stoßenden Journa-
Redaktion der Versuchung, in dieser Wäch-
lismus erfordert engagierte und couragierte
www.kas.de
terfunktion ins Lasche und Unverbindliche
Redakteure. Beim „Hamburger Abendblatt“
www.kas.de/ljp
abzugleiten.
waren und sind sie zu finden.
Ein anderes Beispiel:
In diesem Sinne hat es mir auch sehr gefal-
Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.
KARL DIETRICH SEIKEL
25. August 2008
len, lieber Herr Heyl, dass Sie den tradtioDie aufrüttelnde Reportage des „Falles der
nellen Neujahrempfang ihrer Zeitung An-
alten Dame“, für die das „Hamburger
fang dieses Jahres mutig zum Anlass ge-
Abendblatt“ 2007 als Auszeichnung den
nommen haben, die Bundesregierung und
Wächterpreis erhielt.
speziell den Bundesinnenminister öffentlich
vor dem schleichenden Verlust von Freihei-
Die Reporter hatten in einer bedrückenden
ten in Deutschland zu warnen:
Artikelserie über den Fall der alten Dame
Thea Schädlich berichtet, die auf Antrag ei-
"Je freier der Einzelne sein Schicksal selbst
ner Behörde unter rechtliche Betreuung ge-
in die Hand nehmen kann, desto größer ist
stellt worden war. Gegen alle behördlichen
die Kraft der Gesellschaft als Ganzes", so
Widerstände hatten die Journalisten deutlich
Ihr Plädoyer. - Der Staat solle sich "in sei-
gemacht, dass hinter dem skandalösen Ein-
nen Regulierungsbestrebungen auf das
zelfall grobe Missstände im Betreuungswe-
Notwendige beschränken. Bremst die Ge-
sen standen. Das war seitens des „Hambur-
setzgebungsmaschine, stoppt die Vorschrif-
ger Abendblatt“ beharrlicher, investigativer
tenwut!".
Journalismus vom Besten, der auch dem
einen oder anderen Wochenmagazin damals
Nach diesem Grundsatz eines wachen Bür-
gut zu Gesicht gestanden hätte.
gersinns hat die Jury des Deutschen Lokaljournalistenpreises 2007 sehr klug und zu
Schonungslose Berichterstattung ohne
Recht entschieden, das „Hamburger Abend-
Rücksicht auf große Namen und bestehende
blatt“ ganzheitlich für seine redaktionel-
Verhältnisse - auch das zeichnet das „Ham-
len Leistungen auszuzeichnen. Das haben
burger Abendblatt“ in seiner konsequenten
sich Redaktion und Verlag erarbeitet und
Linie der Orientierung am Bürger aus, der
verdient.
als Leser und Abonnent stets im Mittelpunkt
steht. Auch das ist im besten Sinne des
Als die Konrad-Adenauer-Stiftung 1980 die-
Wortes „abendblättrig“.
sen Preis zum ersten Mal ausschrieb, war
die überragende Bedeutung des Lokaljour-
Übergriffe, Missbräuche, Missstände und alle
nalismus nicht so ausgeprägt im öffentli-
Arten von Ungesetzlichkeiten sollen aufge-
chen Bewusstsein, wie das heute der Fall
deckt und öffentlich gemacht werden. Mau-
ist.
scheleien, Korruption, Filz und Vetternwirtschaft – alle Spielarten von undemokrati-
Wenn sich daran in den letzten 28 Jahren
schen oder sozialschädlichen Handlungen
viel geändert hat, dann ist dieses sicher
werden recherchiert und kritisch behandelt.
auch ein Verdienst dieses Preises. Denn er
holt die besten Zeitungsredaktionen aus ih-
Wie zum Beispiel in der brillianten Abend-
rer Anonymität heraus, macht ihre Leistun-
blatt-Recherche über illegale Nebentätigkei-
gen öffentlich durch die Preisverleihungen
ten des früheren Schill-Staatsrates Welling-
und vor allem durch die Dokumentationen,
hausen. Diese Artikelfolge hatte letztlich
die die Konrad-Adenauer-Stiftung alljährlich
bewirkt, dass Schill in seiner politischen
zur Verfügung stellt.
Wirkung entzaubert wurde und als unhaltbar zurücktreten musste.
6
Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.
KARL DIETRICH SEIKEL
25. August 2008
Auf rund dreihundert Seiten werden dort die
dienangebote und so, das kann man mit Si-
preisgekrönten und fast preisgekrönten Ar-
cherheit sagen, auch mit eine Vorausset-
beiten präsentiert. Die positiven Beispiele
zung für die heutige Auszeichnung des
laden zum Nach- und Bessermachen ein.
Hamburger Abendblattes.
Sie setzen Maßstäbe, an denen sich viele
andere Redaktionen orientieren können.
www.kas.de/ljp
Natürlich sind es in erster Linie die verlegerische Vision eines Medienunternehmers,
www.kas.de
Das alles mach auch deutlich, dass die Fra-
das journalistische Gespür und die Ideen
ge eines Journalismus von Anspruch und
einer Chefredaktion und selbstverständlich
hoher Qualität seit vielen Jahren nicht nur
auch die Kreativität und die Professionalität
die Domäne von Wochenmagazinen- und
einer eingespielten Redaktions-Mannschaft,
zeitungen ist. Das Hamburger Abendblatt ist
die als Voraussetzungen für den Erfolg ei-
das beste Beispiel dafür, dass ein qualitativ
ner Tageszeitung gelten dürften. Aber es ist
„preiswürdiges“ Angebot eben auch den
eine Binsenweisheit wenn ich festhalte, dass
wirtschaftlichen Erfolg im Anzeigenmarkt
auch hier Gutes in einem gedeihlichen Um-
nach sich zieht.
feld noch besser wird. Und der Medienstandort Hamburg muss ein förderliches
Deshalb kann man Verleger und Chefredak-
Umfeld für viele Medienunternehmen und
teure nur ermuntern, mit den begabtesten,
deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein
originellsten und besten Journalisten zu-
– das belegen schon einige wenige Zahlen.
sammenzuarbeiten - auch wenn das zunächst mehr kostet und jedenfalls teurer ist,
•
Insgesamt sind im Medienbereich
als Redaktionen immer wieder auszudün-
(inklusive Telekommunikation und
nen, Korrespondentenstellen zu streichen
IT-Wirtschaft)
und statt eigener recherchierter Geschich-
23.000 Medienunternehmen erfasst
ten Texte von Agenturen oder sonstwo billig
die über 110.000 Beschäftigten Ar-
einzukaufen. Dies führt – man kann das in
beitsplätze bieten.
statistisch
über
Berlin bei einer Zeitung, die so heißt wie die
Stadt, beobachten – geradewegs in die
•
Der Mediensektor ist damit nach
Sackgasse. Heribert Prantl schrieb dazu
dem Hamburger Hafen, wenn man
letzte Woche in der Süddeutschen Zeitung:
hier direkte und indirekte Beschäf-
„ Es wird immer weniger platziert von dem,
tigte mitzählt, der zweitgrößte Ar-
was Geld kostet (nämlich gute Artikel), aber
beitgeber mit tendenziell steigen-
immer mehr von dem, was Geld bringt
den
(nämlich Werbung und Product-
rend aufgrund weiterer
Placement)…..Man spart, bis die Leser ge-
sierungen im Hafenbereich die Zahl
hen.“
der
Beschäftigungszahlen,
Beschäftigen
dort
wäh-
Rationalieher
ab-
nimmt.
Das eine solche Entwicklung dam Hamburger Abendblatt nie drohen möge – dazu
•
Insgesamt lässt sich sagen, dass
wünsche ich dem Verlag Weitsicht und
heute schon deutlich über 10% der
Stehvermögen, der Redaktion und ihren
Hamburger Arbeitsplätze im Me-
Chefradakteuren die nötige Unabhängigkeit
dienbereich zur Verfügung gestellt
und den materiellen Spielraum, Journalis-
werden.
ten an sich zu binden, die das Talent besitzen, eine endlose Vielfalt von Ereignissen zu
Ich habe in den vergangenen Wochen viele
erklären, zu bewerten und einzuordnen.
interessante Gespräche geführt und dabei
meinen Horizont kräftig erweitert. Der war
Erlauben Sie mir nun noch einige Anmer-
bislang eher an den traditionellen Medien
kungen zum Medienstandort Hamburg.
orientiert , also an Print, TV und Internet,
soweit es sich um Verlagsangebote handelt.
In gewisser Weise ist dieser Standort, davon bin ich fest überzeugt, konstitutiv für
Es ist geradezu aufregend, wie viele Aktivi-
die Entwicklung und die Qualität seiner Me-
täten im weitergefassten Medienbereich die-
7
ser Stadt gedeihen. So gibt es zum Beispiel
ligen
eine ausgeprägte Musikszene mit einer Viel-
Konzerten, Kulturclubs, aber auch
zahl von Musikverlagen, Produzenten,
mit einem umfassenden Angebot
Künstlern und sonstigen Akteuren, eine IT-
von Theater, Schauspiel auf kleinen
Branche, die sich zum Beispiel mit der Um-
und großen Bühnen, Museen, Gale-
setzung von Internetlösungen befasst, zahl-
rien und Ateliers. Und wenn dem-
www.kas.de
reiche kleinere und mittlere Firmen im Pro-
nächst noch ein Deutsches Presse-
www.kas.de/ljp
duktionsbereich computeranimierter Filme
museum dazukommt, wird das den
für Internet und Mobil-TV , einen, mittler-
Anspruch Hamburgs als Medien-
weile auch von der Zahl der Arbeitsplätze,
metropole deutlich unterstreichen.
sehr starken Bereich, der sich mit Entwick-
Ich bin jedenfalls dezidiert der Mei-
lung, Realisation und Vertrieb von Compu-
nung, dass ein solches Museum
terspielen beschäftigt („Games- Sektor“),
nicht an die Spree oder die Isar,
um nur einige zu nennen.
sondern an die Elbe gehört.
Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.
KARL DIETRICH SEIKEL
25. August 2008
Insgesamt schätzt die Handelskammer im
•
Veranstaltungen,
Festivals,
Die Stadt bietet darüber hinaus für
„erweiterten Medienbereich“, also im Be-
den Medienbereich ein umfassen-
reich IT und Telekommunikation, der durch
des Aus- und Weiterbildungsange-
meist kleinere und mittlere Firmenstruktu-
bot: In über 40 Berufsbildern kann
ren gekennzeichnet ist und sich deshalb
ein
nicht vollständig in der offiziellen Statistik
werden. Weit über 100 verschiede-
abbilden lässt, alleine schon über 9.000
ne Qualifikationen können im Zuge
Firmen. Dies ist für einen Standort ein au-
von
ßergewöhnlich, hohes, kreatives Potenzial.
gen vermittelt werden. Die Univer-
Kammerabschluss
erworben
Weiterbildungsveranstaltun-
sitäten und Hochschulen stellen in
Was ebenfalls auffällt ist, dass die etablier-
Hamburg fast 70 Studiengänge für
ten Verlage, TV- Anstalten, Musik- und
die
Filmproduktionen wie auch die Werbeagen-
Wirtschaft zur Verfügung, die alle
turen entdecken, wie viele neue Möglichkei-
mit einem akademischen Grad, al-
ten zur Entwicklung von Kommunikations-
so einem Bachelor- oder einem
angeboten im Nebeneinander dieser vielfäl-
Masterabschluss
tigen Produktionslandschaft liegen.
können.
Dieses vielfältige Nebeneinander von Me-
•
Medienbranche
inklusive
beendet
IT-
werden
Die wissenschaftliche Auseinander-
dienexperten verschiedener Gattungen und
setzung mit Fragen zu Entwicklun-
ihren Organisationsstrukturen verschafft
gen im Medienbereich geschieht in
meines Erachtens Hamburg eine absolute
weit über die Grenzen Hamburgs
Alleinstellung und es gilt, diesen Vorteil ge-
anerkannter Weise an den Ham-
genüber Standorten wie Berlin, München
burger Universitäten, den Hoch-
oder Nordrhein-Westfalen zu erhalten und
schulen und an privat- öffentlichen
auszubauen. Die Chancen dafür sind sehr
Einrichtungen wie zum Beispiel der
gut.
Bucerius Law School und der Hamburg Media School auf dem zukünf•
Die Hansestadt bietet ein unge-
tigen Mediencampus Finkenau. Die
wöhnlich
qualitativ
Brucerius Law School baut übrigens
hochwertiges Freizeitangebot und
gerade ein Institut für internationa-
gilt nicht umsonst als die schönste
le Entwicklungen im Bereich des
Metropole Deutschlands, einige sa-
geistigen Eigentums und des Me-
gen sogar Europas.
dienrechts auf, ein Gebiet, in dem
breites
und
sich in Zeiten der globalen Verbrei•
Die Stadt bietet ebenfalls ein gera-
tung und Nutzung digitaler Inhalte
de für die Kreativen der Medienin-
im Mobil- und Internet besonders
dustrie wichtiges, überaus attrakti-
drängende und komplexe Fragen
ves kulturelles Angebot mit unzäh-
stellen.
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Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.
Also: Es tut sich viel am Medienstandort
KARL DIETRICH SEIKEL
Hamburg. Und wir sollten uns nicht selbst
verunsichern durch einige spektakuläre
25. August 2008
Abwanderungen (zuletzt Redaktion der
www.kas.de
Bildzeitung nach
Berlin - eine strate-
www.kas.de/ljp
gisch bedingte Standortentscheidung des
Axel Springer Verlags, an der eine noch so
aktive Standortpolitik Hamburgs nichts hätte ändern können).
Ich bin der festen Überzeugung, dass im
Laufe der letzen Jahre der Saldo von durch
Abwanderung verlorener Arbeitsplätze und
neu hinzugewonnenen im Bereich Internet
und neue Medien überkompensiert wurde.
Lassen Sie uns alle daran arbeiten, dass
dieser positive Trend anhält und ausgebaut
werden kann.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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