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(Was tun bei Gefühlsstörungen in den Händen)

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© Basler Zeitung|15.01.2000|Seite: 67
Was tun bei Gefühlsstörungen in den Händen ?
Das Karpaltunnel-Syndrom befällt die Handwurzeln, gefährdet sind Personen, die mit
ihrenHändenandauernd gleichförmige Bewegungen ausführen. In Basel werden
zwecks Abhilfe rund 150 Operationen jährlich durchgeführt. Möglichkeiten der
Physiotherapie werden unterschätzt.
Wer ständig am Computer arbeitet, ist besonders gefährdet, ebenso Kassiererinnen
im Supermakt oder Fliessbandarbeiterinnen - alle Menschen, die gleichförmige
Bewegungen auszuführen haben. «Karpaltunnel-Syndrom» heisst die Krankheit, die
ihre Handwurzeln befallen kann. Sie hat epidemische Ausmasse angenommen, wie
das amerikanische «Journal ofHandTherapy» feststellt.
Von Jolanda Spirig
Bei Frauen mittleren Alters treten die Nervenkompressionen im Handwurzelbereich
häufiger auf. Und durch eine frühere Verletzung kann der Nervus medianus für die
Ausbildung dieses Syndroms prädisponiert sein.
Schmerzen inHandund Fingern
Das Karpaltunnel-Syndrom entsteht durch einen Druck auf den sogenannten Nervus
medianus an der Stelle, wo er durch den Handwurzelkanal läuft. Dies ist ein
knöcherner Kanal mit einem darüberliegenden Bindegewebsband. Der Nervus
medianus übermittelt sensible Informationen von Daumen, Zeige- und Mittelfinger
und steuert auch Bewegungen verschiedener Handmuskeln. Eine Beeinträchtigung
des Nervus medianus führt zu Empfindungsstörungen, insbesondere zu Taubheit
und Prickeln, zu Muskelschwäche und Schmerzen inHandund Fingern, die vor allem
nachts auftreten und sich entsprechend störend auswirken.
Operationen am Karpaltunnel gehören zu den zehn häufigsten Eingriffen in den USA,
ihr Anteil an den nationalen Gesundheitskosten ist beträchtlich. Für die Schweiz sind
keine vergleichbaren Zahlen erhältlich. Am Kantonsspital St. Gallen beispielsweise
werden jährlich 100 bis 200 Eingriffe durchgeführt, im Berner Inselspital sind es
letztes Jahr 133 gewesen und im Kantonsspital Basel 150.
Die offene oder endoskopische Karpaltunnelöffnung, bei der man Platz für den
Nervus medianus schaffen will, kann zu Komplikationen führen, zu schmerzhafter
Narbenbildung zum Beispiel oder zu verminderter Kraft beim Greifen. In manchen
Fällen kehren die Symptome zurück, sobald die gewohnte Arbeit wieder
aufgenommen wird.
An den Operationstechniken wird weiterhin geforscht. Allgemein verbreitet sind auch
gewisse konservative Methoden wie nächtliches Schienen, Schulter-NackenMassagen, entzündungshemmende Medikamente und Injektionen von Kortikoiden.
Unterschätzte Physiotherapie
Die Möglichkeiten einer physiotherapeutischen Behandlung beim KarpaltunnelSyndrom werden dagegen oft übersehen. Zwar können Elektrotherapie und die
Anwendung von Schienen vorübergehend Erleichterung bringen, das Krankheitsbild
des beteiligten Nervensystems und seiner Umgebungsstrukturen werden damit aber
nicht beeinflusst. Es wurde nachgewiesen, dass bei Patientinnen und Patienten mit
Karpaltunnel-Syndrom der Nervus medianus eine verminderte Gleitfähigkeit im
Handgelenkbereich aufweist. Nach den neuesten Erkenntnissen erfordert ein solcher
Zustand Bewegung und nicht Ruhigstellung.
Am dritten Ostschweizer Physiotherapie-Symposium in Rorschach stellte Hugo
Stam, Physiotherapeut an der Rheumaklinik in Zurzach, solche
Mobilisationsübungen vor.
Werden die Finger gebeugt, zieht sich der Nervus medianus um zirka 4 mm in den
Vorderarm zurück, und bei gestreckten Fingern streckt sich auch der Nerv etwa 11
mm zurHandhin. Die physiotherapeutischen Übungen können eine
Wiederherstellung der normalen Gleitfähigkeit des Nervs bewirken, zudem kann sich
der Druck im meist geschwollenen Nerv durch den erzielten «Melkeffekt» abbauen.
Dies führt zu einer verminderten Nervenempfindlichkeit und somit zur
Symptomabnahme.
Genügen die Übungen
«Bei leichten Fällen hat diese konservative Behandlung durchaus gute
Erfolgschancen», sagt Hugo Stam. In Kombination mit anderen konservativen
Behandlungsmethoden vermögen die Übungen die Symptome beim KarpaltunnelSyndrom zu lindern. Operationen können allenfalls vermieden oder hinausgezögert
werden. Die Übungen empfehlen sich aber auch zur Nachbehandlung von
Operationen, sie können Narbenverwachsungen vorbeugen.
…oder ist eine Operation nötig?
Bei zu stark geschädigtem Nerv dagegen sei eine Operation unumgänglich, meint
Stam. Und Reinhold Stober, Leitender Arzt der AbteilungHand- und Mikrochirurgie
am Kantonsspital St. Gallen, doppelt nach: Bei
vorübergehendenGefühlsstörungender ersten drei Finger habe man genügend Zeit
für konservative Behandlungsformen. Bei dauerndenGefühlsstörungendagegen sei
eine rasche Operation unumgänglich. Sie seien ein Zeichen dafür, dass der Nerv
dauernd unter einer Druckbelastung stehe. Reinhold Stober: «Da ist der Schritt zur
strukturellen und bleibenden Schädigung des Nervs klein.»
Der leitende Arzt der AbteilungHand- und periphere Nervenchirurgie am
Kantonsspital Basel, Hans Troeger, hält nichts von Nervengleitübungen als
Problemlösung. Solche Übungen könnten das Missverhältnis zwischen
Raumangebot (im Karpalkanal) und Rauminhalt (Sehnen, Nervus medianus,
Sehnenscheidengewebe, Knochenvorsprünge) nicht beheben. Gefühlsnerven hätten
es zudem an sich, dass sie ihre Funktion schrittweise einstellten, ohne dass die
betroffenen Patientinnen und Patienten das Fortschreiten des KarpaltunnelSyndroms spürten. «Weder ein Patient noch ein Physiotherapeut können
entscheiden, wann ein Nerv so stark geschädigt ist, dass operiert werden muss»,
warnt Troeger. Dazu sei eine fachärztliche Abklärung unerlässlich.
Erstaunliche Erfolge
Dessen ungeachtet brachte eine vergleichende Studie an 197 Patientinnen und
Patienten in Amerika (behandelt wurden 240Hände) erstaunliche Resultate. Von der
Gruppe, die die Mobilisationsübungen durchführte, betrug die anschliessende
Operationsrate 43%, bei der Kontrollgruppe dagegen lag sie bei rund 71%. Laut dem
«Journal ofHandTherapy» hätte ein weitergehender Einsatz der
Mobilisationsübungen erhebliche Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen zur
Folge.
Noch eindrücklicher seien die indirekten Kosteneinsparungen. Die
Versuchspersonen haben ihre Arbeit während des Mobilisationsübungsprogramms
nicht unterbrochen.
Literatur: David S. Butler: Mobilisation des Nervensystems, Springer Verlag.
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Gesundheitswesen
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