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Sept | Okt 2014
27. September bis 15. Oktober 2014
Premiere
Finnland – der Film
Mit Peter von Bagh durch das finnische Jahrhundert
Souvenir (2014)
Ein Film von André Siegers; Kamera: Tanja Häring, Alfred D. DCP, Farbe, 84 min
Freitag
3. Oktober
21 Uhr
Dt. OF
Die Entdeckung des Berlinale-Forums 2014: Souvenir erzählt die
Geschichte von Alfred D., professioneller Botschafter von Demokratie und Marktwirtschaft und exzessiver Bildersammler – von der
politischen Arbeit über Begegnungen mit der ländlich-süddeutschen Heimat bis hin zu verliebten Gesprächen über den Sinn
des Lebens. Den rund 800 Stunden und über 30 Jahre gedrehten
Aufnahmen von Alfred D. gibt André Siegers eine Form – und lässt
ein halbes Leben vorüberziehen. Friseurbesuche in Indien, Kreuzfahrten durch das ewige Eis, die Leere einer endlosen Kette provisorischer Unterkünfte, Gespräche mit Politikern wie Helmut
Schmidt und den eigenen Eltern. Souvenir ist ein Film über einen
Menschen und die kollektiven Träume und Ängste seiner Generation, getrieben von – ja von was eigentlich? Die Bilder, die Alfred D.
gemacht hat, sind warme Grüße aus der Kälte und Symptom zugleich. Der Film, den André Siegers gemacht hat, verhandelt diese
Bilder: ihr unbändig Reales ebenso wie das Nachdenkliche, das sich
in ihnen verbirgt. (A. B.)
Im Anschluss Publikumsgespräch mit André Siegers
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Mit Finnland ist es so eine Sache: Es ist ein Sehnsuchtsort für viele, doch kaum wer verbindet allzu Konkretes damit. Älteren Generationen mag
noch das Klischee vom Land der 1000 Seen vor
Augen stehen, mit dem einst erfolgreich Tourismuswerbung betrieben wurde. Vielleicht hat man
Finnland auch als bedeutende Sportnation im
Kopf – oder als Dynamo des Designs, der Architektur und der Mobiltelefonie …
Peter von Bagh
„Nokias kommen und gehen, während psychiatrische Kliniken
1970 bei bleiben.“ – So fasst Peter von Bagh die conditio humana zusamDreharbeiten
men, wenn er über die Kleinstadt Oulo spricht, in der er als Sohn
eines Nervenarztes aufwuchs. Von Bagh, Jahrgang 1943, ist eine
Institution des finnischen Kulturlebens – Filmhistoriker und Regisseur, Buch- und Musikverleger, Dozent und Mitbegründer des
legendären Midnight Sun Film Festival, um nur einige seiner Betätigungsfelder zu nennen. Auch als Meister des geschliffenen
Wortes wider jegliches Mitläufertum mischt er sein Heimatland seit
rund einem halben Jahrhundert mächtig auf. Neben seinem Meisterschüler Aki Kaurismäki ist er darüber hinaus die prägnanteste
Präsenz Finnlands im internationalen Kinogeschehen.
Für das Filmmuseum hat Von Bagh nun gemeinsam mit Olaf
Möller einen Parforce-Parcours durch das finnische Kino erarbeitet,
der seine Leidenschaften reflektiert und zentrale Werke von 1937
bis 2006 versammelt. Eine punktuelle Zusatz-Auswahl von Filmen
aus seinem eigenen Schaffen vermittelt eine gewisse Idee des
Benjamin‘schen Geistes, der dieses Programm belebt.
Der Schwerpunkt liegt in der Studio-Ära, die Von Bagh in jahrzehntelanger Arbeit neu erschloss. Während Finnland kaum bedeutende Stummfilme schuf, kam es ab den 1930er Jahren zu einer
veritablen Kreativ-Explosion. Mit Valentin Vaala (Louisa) brachte sie
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Sept | Okt 2014
Finnland – der Film
einen auteur von internationalem Rang hervor, mit Nyrki Tapiovaara
(Juha) einen singulären Modernisten und mit Teuvo Tulio (So wie du
mich wolltest) ein Prachtexemplar jener Gattung, die Andrew Sarris
„Expressive Esoterica“ nannte. Überraschend ist diese Entwicklung
nicht: zum einen, weil das gesprochene Finnisch in all seinen dialektalen Ausformungen ungemein identitätsstiftend wirkte – nun eben
auch im Kino; zum anderen, weil die wundersam vielgestaltige
Populärmusik Finnlands sehr rasch ins neue Medium expandierte.
Der Tonfilm brachte also ein weiteres Stück kultureller Emanzipation mit sich, die das erst 1918 gegründete und gleich von einem
Bürgerkrieg traumatisierte Land dringend benötigte. Wobei diese
Selbstfindung schon in den 1930ern ins krass Chauvinistische
kippte und Finnland eine unbotmäßige Nähe zu Nazideutschland
suchen ließ; die Musikkomödie SF- Paraati (1940) des Klangkinopioniers Yrjö Norta lässt sich gut als Dokument jener politisch
bedrückten Jahre verstehen.
Die Verheerungen der Kriege (1939/40 und 1941–44) sorgten in
den Nachkriegsjahren für einen bei aller beständigen Leidenschaft
deutlich nüchterneren Ton. Auch wenn so vieles nach Neuanfang
klang – die Kontinuitäten waren beträchtlich; dafür steht u. a. eine
unberechenbare Größe wie Ilmari Unho (Zehn Kerle aus Härmä),
der einst Mitglied einer ultranationalistischen Vereinigung war, nach
1945 aber nicht sanktioniert wurde. Seine Karriere ging weiter, seine
Melodramen verloren nichts an Kraft, die Komödien nichts an Würze.
Bis 1960 war die Studiowelt noch in Ordnung: Kleine Meister
wie Ville Salminen (Der Evakuierte), der Vater von KaurismäkiKameramann Timo Salminen, liefen zur Höchstform auf, während
Nachwachsende wie der formidable Matti Kassila (Gas, Inspektor
Palmu!) den Fortbestand dieser Kultur zu sichern schienen. Wie
überall sonst raubte das Fernsehen schließlich dem Kino seine
Diskursmacht über die Wirklichkeit. Mit Mikko Niskanen (Acht
Todeskugeln) brachte die Altbranche noch eine Speerspitze des
Jungen Kinos hervor – das war's dann. Typischer für den Neuanfang
in den späten 60er Jahren war Risto Jarva (Der Einmannkrieg), der
seine oft sozialkritischen Spielfilme durch Industrie- und Werbeproduktionen finanzierte. Jarva wiederum war Peter von Baghs
Mentor – eine Linie ins Morgen zeichnet sich ab …
Zum Auftakt der Schau, die fast durchwegs österreichische Erstaufführungen präsentiert,
wird Peter von Bagh in Wien zu Gast sein. Das Projekt findet mit Unterstützung der
Finnischen Botschaft in Österreich statt.
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Juha (1937)
Regie: Nyrki Tapiovaara; Drehbuch: Heikki Aho, Björn Soldan nach dem Roman
von Juhani Aho; Kamera: Olavi Gunnari, Björn Soldan; Musik: Helvi Leiviskä;
Darsteller: Hannes Närhi, Irma Seikkula, Walle Saikko, Tuulikki Paananen,
Aino Haverinen. 35mm, s/w, 99 min
Samstag
27. September
19 Uhr
Finn. OmeU
Juha (1911) ist der wahrscheinlich berühmteste, sicherlich am häufigsten fürs Kino adaptierte Roman von Juhani Aho, dem Patriarchen jenes Klans, in dem Peter von Baghs Lastuja – Taiteilijasuvun
vuosisata den Kern des finnischen Geisteslebens sieht. Dessen
Söhne Heikki Aho und Björn Soldan gehören zu den Pionieren des
Dokumentarfilms, die sich ab und zu, wie eben hier, auch als Spielfilmproduzenten versuchten. Der Regisseur, Nyrki Tapiovaara, wird
oft als lokaler Jean Vigo bezeichnet – ob seines ästhetischen
Wagemuts, seiner progressiven politischen Überzeugungen und
seines frühen Todes. In Juha kommt allerhand zusammen: Der zu
jener Zeit etwas aus der Mode geratene Stoff über ein gespanntes
Dreiecksverhältnis vor dem Hintergrund der Naturgewalten wird
von Tapiovaara als eine Ode an die Ideale der Gründergeneration
Finnlands gestaltet – gegen deren Pervertierung durch die einheimischen Reaktionäre, deren Ungeist das Land in den Zweiten
Weltkrieg treiben sollte. (O. M.)
Einführung von Peter von Bagh
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Sept | Okt 2014
Finnland – der Film
Finnland – der Film
Yhden miehen sota (Der Einmannkrieg) (1973)
Regie: Risto Jarva; Drehbuch: Jarva, Jussi Kylätasku; Kamera: Antti Peippo;
Darsteller: Eero Rinne, Tuula Nyman, Tauno Hautaniemi, Martti Pennanen,
Aimo Heino. 35mm, s/w, 107 min
Samstag
27. September
21.15 Uhr
Finn. OmeU
Der Name Risto Jarva ist für die meisten Finnen das Synonym für
die einheimische Neue Welle – den Aufbruch des Kinos in die PostStudio-Welt. Seine Spielfilme finanzierte Jarva zu einem großen
Teil durch Auftragsarbeiten, was ihm und seinen Freunden und
Mitstreitern (darunter Peter von Bagh) ein beständiges Auskommen
sicherte. Um vergleichbare Sicherheiten und die damit verbundenen
Aufstiegschancen ringt hier Erik Suomies (der Nachname ist ein
Kompositum aus Suomi und mies = Mann), ein Kleinbürger, der sich
einen Bagger kauft und mit diesem von Baustelle zu Baustelle zieht,
auf der Suche nach entsprechender Arbeit. Dass all dies nicht gut
enden wird, weiß man von Anfang an, nur geht’s hier statt ins Gefängnis nach Schweden, wo sich damals Abertausende von Finnen
als Gastarbeiter verdingten. Eine an Brecht geschulte Studie über
gesellschaftliche Zwangsverhältnisse. Ein großer Film. (O. M.)
Yhden
miehen sota
Olavi Virta (1972)
Ein Film von Peter von Bagh; Kamera: Lasse Naukkarinen; Musik:
Tapio Tamminen; mit Olavi Virta, Peter von Bagh. 16mm, Farbe, 32 min
Einführung von Peter von Bagh
Kahdeksan surmanluotia (Acht Todeskugeln) (1972)
Regie, Drehbuch: Mikko Niskanen; Kamera: Kimmo Simula, Juhani Voutilainen
u. a.; Musik: Erkki Ertama; Darsteller: Mikko Niskanen, Tarja-Tuulikki Tarsala,
Tauno Paananen, Elina Liimatainen, Ari Vainiontaus. DCP, s/w, 316 min
Sonntag
28. September
15 Uhr
Finn. OmeU
1969 nahm Tauno Veikko Pasanen in einem Augenblick tiefster
Verzweiflung ein Gewehr zur Hand und ermordete vier Polizisten.
Als Mikko Niskanen diese Geschichte las, wollte er daraus umgehend einen Film machen – er selbst war nicht weit weg vom Ort
des Verbrechens geboren und aufgewachsen. Geplant war ein
Fernsehspiel in Standardlänge, nach rund einem Jahr Arbeit kehrte
Niskanen mit einem grausam naturalistischen Fünfstünder zurück,
der heute vielen als das größte Werk der finnischen Filmgeschichte
gilt. Pasi heißt der von Niskanen selbst gespielte Protagonist; wie
die Geschichte endet, ist nach zehn Minuten klar; die restlichen
knapp dreihundert zeigen, wie es zu den todbringenden Schüssen
kam. Detail um Detail wird eine Welt aufgebaut, dabei ein gesamtgesellschaftlicher Teufelskreis aus Armut und Alkoholismus
ausgeschritten, wieder und wieder, so lange, bis man an dem
Staub der vertrockneten Angerfurchen zu ersticken droht. (O. M.)
Muisteja – pieni elokuva 50-luvun Oulusta
(Die Erinnerungen – ein kleiner Film über Oulu in den 50er Jahren) (2013)
Ein Film von Peter von Bagh; Kamera: Arto Kaivanto. DCP, Farbe und s/w, 69 min
Montag
29. September
19 Uhr
Finn. OmeU
Erste Bilder und letzte, in mehrfacher Hinsicht. Zuerst: ein Porträt
von Olavi Virta, dem größten aller Stars des iskelmä (des finnischen
Schlagers in all seinen Spielarten von Tango bis Chanson), gefilmt
nicht lange vor dessen Tod – von einem jugendlich-zornigen Peter
von Bagh. Dann: ein Blick zurück in Liebe. Von Bagh erinnert sich
an Oulu, die Stadt seiner Jugend, und an ein Nachkriegsfinnland
zwischen furchtbarster Armut (vor allem auf dem Land) und dem
Aufbruch in die Industrialisierung, auch zwischen unterdrückten
Gefühlen und einem Willen zur Veränderung der sozialen Miss-,
Um-, Zustände. Dies alles frei von falscher Sentimentalität, jedoch
ungebrochen in Von Baghs Wut auf eine Kultur, die lieber vergisst
als erinnert. Zwei Meilensteine. (O. M.)
Einführung von Peter von Bagh
Einführung von Peter von Bagh
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Sept | Okt 2014
Finnland – der Film
Sellaisena kuin sinä minut halusit
(So wie du mich wolltest) (1944)
Regie: Teuvo Tulio; Drehbuch: Nisse Hirn; Kamera: Olavi Gunnari, Eino Heino u.a.;
Musik: Tapio Ilomäki; Darsteller: Maria-Louise Fock, Ture Ara, Kunto Karapää,
Lauri Korpela, Annie Sundman. 35mm, s/w, 103 min
© KAVI / FILMO
Mittwoch
1. Oktober
19 Uhr
Finn. OmeU
Sellaisena kuin
sinä minut
halusit
Asema (Der Bahnhof) (1989)
Ein Film von Peter von Bagh; Kamera: Lasse Naukkarinen;
Musik: Tuomari Nurmio. 16mm, Farbe und s/w, 31 min
Loviisa – Niskavuoren nuori emäntä (Louisa) (1946)
Regie, Drehbuch: Valentin Vaala nach einem Theaterstück von Hella Wuolijoki;
Kamera: Eino Heino; Musik: George de Godzinsky; Darsteller: Emma Väänänen,
Tauno Palo, Kirsti Hurme, Reino Häkälä, Hilkka Helinä. 35mm, s/w, 88 min
Lastuja – Taiteilijasuvun vuosisata
(Splitter – Ein Jahrhundert der Künstlerfamilie) (2011)
Ein Film von Peter von Bagh. Video, Farbe, 74 min
Montag
29. September
21 Uhr
Finn. OmeU
Zweimal Schnitte durch Raum und Zeit – und die beste Möglichkeit,
die Entwicklung einiger Kernzüge in Peter von Baghs Ästhetik
nachzuvollziehen. In Asema werden aktuelle Beobachtungen aus
Helsinkis Hauptbahnhof (erbaut von Eliel Saarinen) mit entsprechenden Sujets aus dem finnischen Kino verwoben: vor und zurück
und kreuz und quer, eher Motiven und Rhythmen folgend als einem
strengen Thema. Herzzerreißend sind aus heutiger Perspektive
einige Blicke auf das atemberaubend schöne Restaurant Eliel, das
mittlerweile in einem Anfall neoliberaler Barbarei an eine USBurger-Kette verpachtet wurde. Darauf folgt Lastuja, eine Art hoch
verdichtetes Nationalepos: über eine Familie (die Ahos – siehe Juha),
drei Generationen, eine Vielzahl von Künsten (Literatur, Malerei,
Film, Fotografie). Ein Jahrhundert wie ein Menschenleben. (O. M.)
Wenn sich in SF- Paraati die Vorkriegsspannung abbildet, dann zeigt
sich in Teuvo Tulios delirierend pulp-haftem Noir-Melodram, wie es
um die Nation gegen Kriegsende bestellt war. Da wird von reinen
Herzen und Treue gesprochen, von verführter Unschuld und Schicksalsschlägen im Fünf-Minuten-Takt, vom Einsehen der eigenen
Verworfenheit und einer Hoffnung auf Rettung: wenn schon nicht
dieser, dann der nächsten Generation. Tulio zieht sämtliche Register
seines Genies: Hier gibt es keine sanft gezeichneten Konfliktbögen,
keinen stetigen Aufbau hin zum Höhepunkt, keine narrative wie
inszenatorische Feinmotorik – hier wird von einer Bildidee, einem
Plot-Twist, einer abstrusen Zufallsbegegnung zur nächsten gehetzt,
hier ist das geradlinig Einfachste gerade gut genug, hier kommt
man aus dem Staunen nicht heraus über die Dreistigkeit, mit der
wirklich jede Neurose, jedes mögliche moralische Versagen hineingepackt wurde. Bei Tulio könnte selbst Edgar G. Ulmer noch etwas
lernen. (O. M.)
Donnerstag
2. Oktober
19 Uhr
Finn. OmeU
Finnlands Studioära hat zahlreiche große Regisseure hervorgebracht, aber letztlich nur einen, der seinen Platz im Pantheon gleich
neben Ford und Rossellini verdient: Valentin Vaala. Er konnte alles,
Salonkomödie wie Pastorale, Dokumentarminiatur wie Literaturadaption, und das gleich brillant. Ob Loviisa sein Meisterwerk ist?
Wer weiß. Für dessen Wertschätzung bedarf es keiner Kenntnis
der anderen Werke des Niskavuori-Zyklus: Die Geschichte von den
Problemen auf einem Gutshof in den 1880er Jahren, den Klassenkonflikten und Geschlechterkämpfen, versteht man auch jenseits
des epischen Gesamtentwurfs der Schriftstellerin Hella Wuolijoki,
die vor allem für ihre Zusammenarbeit mit Brecht bekannt ist. Hier
werden stringent die Nachkriegsverhältnisse verhandelt, im historischen Gewand und in einer Regie, die an Klarheit wie poetischer
Wucht wenig Gleiches kennt. (O. M.)
Im Anschluss Publikumsgespräch mit Peter von Bagh
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Sept | Okt 2014
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Finnland – der Film
Finnland – der Film
Kauas pilvet karkaavat (Wolken ziehen vorüber) (1996)
Regie, Drehbuch: Aki Kaurismäki; Kamera: Timo Salminen; Musik: Shelley Fisher;
Darsteller: Kati Outinen, Kari Väänänen, Elina Salo, Markku Peltola, Shelley
Fisher. 35mm, Farbe, 96 min
Freitag
3. Oktober
19 Uhr
Finn. OmdU
Eine einfache Geschichte von leider nicht allzu alltäglicher Solidarität. Das Ehepaar Ilona und Lauri wird fast zeitgleich erwerbslos –
sie, weil das Restaurant Dubrovnik, in dem sie als Oberkellnerin
arbeitete, dicht macht; er, weil die städtischen Nahverkehrsbetriebe,
wo er als Straßenbahnlenker angestellt war, im Zeichen des Neoliberalismus restrukturiert werden. Ihr sagt man, dass sie fürs Gastgewerbe mit Ende dreißig zu alt sei; er muss aus gesundheitlichen
Gründen seinen Führerschein abgeben und kann sich deshalb nicht,
wie er sich das eigentlich gewünscht hatte, eine Stelle als Reisebuschauffeur suchen. Da hilft nur eins: selber ein Restaurant eröffnen … Aki Kaurismäkis vielleicht schönster Film, gesetzt zu
Melodien von Antero Jakoila, Olavi Virta sowie Rauli „Badding“
Somerjoki, auf dessen „Pilvet karkaa, niin minäkin“ der Titel des
Films rekurriert. (O. M.)
Kaasua, komisario Palmu! (Gas, Inspektor Palmu!) (1961)
Kauas pilvet karkaavat
Regie: Matti Kassila; Drehbuch: Kassila, Kaarlo Nuorvala nach einem Roman
von Mika Waltari; Kamera: Esko Nevalainen; Musik: Osmo Lindeman; Darsteller:
Joel Rinne, Matti Ranin, Leo Jokela, Elina Salo, Pentti Siimes. 35mm, s/w, 97 min
Sonntag
5. Oktober
19 Uhr
Finn. OmdU
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Jede Kinematografie brachte irgendwann eine Detektivserie hervor, die sich zu einem von Generation zu Generation tradierten Kult
entwickelte. In Finnland sind das die vier Fälle des Kommissars
Palmu, einer Schöpfung von Mika Waltari, dessen Sinuhe der
Ägyper (1945) auch in unseren Breiten lange in so manch (klein)bürgerlichem Bücherregal zu finden war. Unter den Fans am beliebtesten ist der zweite Film der Serie, Kaasua, komisario Palmu!
Die Mischung aus einem Whodunit mit gothic thrills und selbstreflexiven Elementen sowie spitzfindigen Auslassungen zum Finnland jener Tage gelang Matti Kassila nirgendwo sonst mehr so
leichtfüßig wie hier (ganz zu schweigen von den sexuell komplexen
Unterströmungen der Geschichte …). Zugleich ist dies auch ein
wunderbarer Helsinki-Film: Spaziert man durch die innerstädtischen Distrikte, stolpert man immer wieder aufs Neue über die
wichtigsten Schauplätze von Kaasua, komisario Palmu! (O. M.)
Vuosi 1952 (Das Jahr 1952) (1980)
Ein Film von Peter von Bagh; mit Ritva Arvelo, Jörn Donner, Armas Jokio,
Kauko Käyhkö, Veikko Lavi, Paavo Noponen, Esa Pakarinen, Eero Tuomikoski.
Video, Farbe und s/w, 120 min
Montag
6. Oktober
19 Uhr
Finn. OmeU
1940 hätten die Olympischen Sommerspiele in Helsinki stattfinden
sollen – warum es letztendlich dazu nicht kam, ist bekannt, weil
Weltgeschichte. 1952 war es endlich so weit: Finnland durfte das
international wichtigste Sportereignis ausrichten, was für die
leibesertüchtigungsvernarrte Nation nicht weniger war als der Eintritt in die Welt an sich – im Mittel- und Langstreckenlauf, da war
man wer, da schauten alle auf zu diesem so kleinen wie jungen
Land. Just in jenem Jahr ging es auch merklich aufwärts mit dem
allgemeinen Lebensstandard: Die Nachkriegszeit war (gefühlt)
vorbei, eine neue Ära begann. All dies und auch vieles Dunkle
verdichtet Peter von Bagh zu einer Chronik, die dem Werden, Erblühen und Vergehen dieses annus mirabilis folgt – und darin auch
so etwas wie eine Idee des Finnischen Glücks sucht. Das letzte
Wort hat in gebotener Heiterkeit der Literaturnobelpreisträger des
Jahres 1939, Frans Eemil Sillanpää. (O. M.)
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Sept | Okt 2014
Sept | Okt 2014
Finnland – der Film
Finnland – der Film
Evakko (Der Evakuierte) (1956)
Regie: Ville Salminen; Drehbuch: Salminen, Jussi Talvi nach dem Roman von
Unto Seppänen; Kamera: Unto Kumpulainen; Musik: Harry Bergström; Darsteller:
Santeri Karilo, Linda Lampinen, Aino-Maija Tikkanen. 35mm, s/w, 98 min
Mittwoch
8. Oktober
19 Uhr
Finn. OmeU
Ein spezieller Liebling Peter von Baghs ist Ville Salminen, über den
er einmal schrieb, dass er Finnlands einziger auteur gewesen sei,
der im Hollywood-Studiosystem hätte bestehen können. Denn
Salminen hat im wesentlichen Genre-Kino gemacht – mit einer
tiefen Leidenschaft für das Handwerkliche, Professionelle am Filmemachen. Evakko, sein Fresko-in-Skizzengestalt über den Sowjetisch-Finnischen Winterkrieg 1939/40 und die damit verbundene
Evakuierung weiter Landesteile, ist dafür das wichtigste Beispiel.
Salminen schlägt einen gelassen-großzügigen, mitfühlenden und
immer wieder überraschend kecken Ton an. Ziemlich gewagt ist
auch sein Zugang zum Kollektivdrama: Statt Verdichtung gibt es
hier weit aufgerissene Ellipsen; eine Handlung, die kühn zwischen
Landesteilen hin und her springt und so die Zersplitterung der
Bevölkerung spürbar macht. Eine kapitale Entdeckung! (O. M.)
© KAVI / SUOMI-FILMI OY
Härmästä poikia kymmenen (Zehn Kerle aus Härmä) (1950)
Regie: Ilmari Unho; Drehbuch: Artturi Leinonen, Ilmari Unho; Kamera: Eino Heino;
Musik: Ahti Sonninen; Darsteller: Tauno Palo, Yrjö Kantoniemi, Kalervo Nissilä,
Kalle Kirjavainen, Jussi Oksa. 35mm, s/w, 83 min
Donnerstag
9. Oktober
19 Uhr
Finn. OmdU
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Ilmari Unho ist eine der merkwürdigsten
Gestalten des finnischen Kinos. Laut Peter
von Bagh hat kein anderer Meisterregisseur des Landes so wenige Werke geschaffen, die seines Talentes wirklich würdig gewesen wären. Unhos Stärke waren
Melodramen (gern mit nationalistischen
Untertönen), sein Genie aber zeigte sich
immer dann, wenn er Spannung, Action
und Humor ineinander verweben konnte – so wie hier, in Härmästä
poikia kymmenen, einem Heimatfilm mit Western-Anklängen, bei
dem sich die ganz harten Burschen mit den besonders scharfen
Messern gewitzt und geschickt gegenseitig ans Leder wollen, auch
um herauszufinden, wer nun der beste und schnellste im Lande
sei. Das Ergebnis: top gelauntes Macho-Kino der subtil selbstironischen, brüchigen Art. (O. M.)
Evakko
Ohjaaja matkalla ihmiseksi – Mikko Niskanen tarina
(Ein Regisseur auf seinem Weg zur Menschwerdung –
Die Geschichte des Mikko Niskanen) (2010)
Ein Film von Peter von Bagh; Kamera: Arto Kaivanto; mit Markku Hannula, Matti
Ijäs, Jorma Niskanen, Sakari Niskanen, Mikko Niskanen. Video, Farbe, 178 min
Sonntag
12. Oktober
17 Uhr
Finn. OmeU
Porträt des Filmkünstlers als finnischer Archetyp: die Geschichte
eines Mannes, der seiner eigenen Gewaltigkeit nicht gewachsen
war, der der Macht wie dem Alkohol verfiel und dennoch immer
wieder, fast zufällig, ein Meisterwerk in die Welt stellte oder in
einem Moment brutaler Luzidität das Richtige sagte oder tat. Dies
als Film-Essay in drei gestalterisch sehr verschiedenen Bewegungen: von den stürmischen Anfängen und ersten Enttäuschungen
des Jungstars der Nouvelle Vague suomeksi; über das Making-of
eines sämtliche Maße sprengenden Monuments (Kahdeksan
surmanluotia), durch dessen Inszenierung sich der Meister für
kurze Zeit am eigenen Schopf aus der Daseinsmisere zu ziehen
wusste; nur um danach, weiser und blinder zugleich, sich noch
tiefer in sein eigenes Unglück zu stürzen. Am Ende, das Von Bagh
wie mit der Axt zieht, werden Tränen fließen. (O. M.)
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4. Oktober 2014
Sept | Okt 2014
Finnland – der Film
SF-Paraati (SF-Parade) (1940)
Regie: Yrjö Norta; Drehbuch: Tapio Piha; Kamera: Theodor Luts; Musik: Georg
Malmstén; Darsteller: Ansa Ikonen, Tauno Palo, Aku Korhonen, Siiri Angerkoski,
Kaarlo Angerkoski. 35mm, s/w, 88 min
Ansa Ikonen und Tauno Palo waren das Traumpaar des finnischen
Kinos der 1930er und 40er Jahre – und das zu Recht: Ihrer beider
Charme und Intelligenz, das in beiden Fällen nahezu ungeheuerliche Talent (bei ihr auch als Regisseurin) und ihre ungewöhnliche
Schönheit sind bis heute unerreicht. Und beide konnten – anders
wird das in Finnland nix – natürlich auch singen, wie sie in dieser
vielleicht wunderbarsten, sicherlich realhistorisch brisantesten
Musikkomödie jener Ära demonstrieren. Erzählt wird von Arbeitslosigkeit, Solidarität und Erfindungsreichtum, zu sehen ist ein unfassbar strahlendes Helsinki, in dem fast jeder in irgendeiner Art
von Uniform zu stecken scheint: Der autoritäre Grundton der
Gesellschaft bricht sich hier bildlich Bahn. Gezeigt wird (im Subtext)
ein Land, das auf die Katastrophe zusteuert, gehofft wird (im
Haupttext) darauf, dass irgendeine Art von Vernunft die Helden vor
all dem Absehbaren bewahren wird. (O. M.)
Kenen joukoissa seisot (Revolution) (2006)
Regie, Drehbuch: Jouko Aaltonen; Kamera: Jussi Eerola, Timo Peltonen;
Musik: Heikki Valpola; Darsteller: Tarmo Aaltonen, Pekka Aarnio, Kaj Chydenius,
Charlotta Ericson, Minna Haapala. 35mm, Farbe und s/w, 84 min
Mittwoch
15. Oktober
19 Uhr
Finn. OmeU
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Wie so viele Elemente der linken Populärkultur sind heute auch
die ideologisch revolutionär oder radikalreformistisch aufgestellten
Pop- und Rockmusikgruppen der 1970er Jahre nur noch wenigen bekannt. Finnland war eine Hochburg dieser Bewegung(en). Formationen wie Agit-Prop oder Performer wie die unvergleichliche Kaisa
Korhonen wurden damals auch im Ausland, dem staatssozialistischen wie dem kapitalistischen, frenetisch gefeiert. Jouko Aaltonen,
einer der herausragenden Dokumentaristen der Gegenwart (sowie
gelegentlicher Produzent Peter von Baghs), hat mit Kenen joukoissa
seisot dieser Kultur ein formal abenteuerliches Denkmal gesetzt.
Neben einer Unzahl zeitgenössischer Ton-Bild-Dokumente und eindringlichen, zum Teil als Tableaux arrangierten Interviews besticht
der Film durch große Gesangsnummern: Koiton Laulus „Buchenwaldin hälytys“ etwa wird in einer Straßenbahn als Chorgesang der
Fahrgäste gegeben! (O. M.)
„Unsere Ausstellungen finden auf der
Leinwand statt“: Nach diesem Motto präsentiert das Österreichische Filmmuseum
seit 1964 die großen und signifikanten
Werke, die im Medium Film geschaffen
worden sind. Die „Ausstellungen“ – d. h.
unsere Retrospektiven und Programmreihen – zeigen nicht die Nebenprodukte
der Kinogeschichte in Vitrinen oder auf
Schauwänden, sondern die Hauptsachen:
die Filme selbst.
Mit seinen Sammlungen und Vermittlungsprogrammen arbeitet
das Filmmuseum darüber hinaus an der langfristigen Bewahrung
und der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Film und Kino in
all ihren Facetten. Die analogen und digitalen Filmrestaurierungen,
die Buchpublikationen, Symposien und Vorträge, Publikumsgespräche mit internationalen Filmkünstler/ inne/n und die größte
Filmbibliothek des Landes sind wichtige Teile dieser Arbeit.
In pointierten, spannenden, überraschenden zwanzigminütigen
Programmen bietet das Filmmuseum in seinem Kino auch in diesem
Jahr den Besucher/ innen der „Langen Nacht“ einen Querschnitt
durch die Welt des Films und seine Geschichte. Die Filmprogramme
bis 21 Uhr wurden so zusammengestellt, dass Erwachsene und
Kinder ab 8 Jahren gemeinsam daran teilnehmen können.
© BRUNO KLOMFAR
Montag
13. Oktober
19 Uhr
Finn. OmeU
Lange Nacht der Museen
Samstag
4. Oktober
18 bis 1 Uhr
Programmbeginn
jeweils zur
vollen und
halben Stunde
Tickets sind bereits ab 4. September im Filmmuseum an der Abendkassa, in allen
teilnehmenden Museen und am 4. Oktober auch beim „Treffpunkt Museum“ am
Maria-Theresien-Platz in Wien erhältlich. Das Ticket für die „Lange Nacht“ kostet
regulär 13 €, ermäßigt 11 €. Kinder unter 12 Jahren erhalten kostenlosen Eintritt.
Weitere Informationen unter langenacht.orf.at.
47
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Seele and Geist
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