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Neue Zürcher Zeitung, Sunday 12 October 2014
Vielleicht der Fund des Jahrhunderts
In Makedonien erforschen Archäologen einen riesigen Erdhügel. Es könnte das Grab
der Frau, aber auch des Geliebten Alexanders des Grossen sein. Von Geneviève
Lüscher
Der Hügel ist gigantisch: 160 Meter im Durchmesser und 30 Meter in der Höhe. Auf der
einen Seite graben seit Monaten griechische Archäologen, belagert von Touristen und
Medien aus aller Welt. Sie hoffen darauf, dass hier das Grab Alexanders des Grossen
entdeckt wird.
Sollte sich im Innern wie vermutet eine Grabkammer befinden und diese ungestört sein,
könnte sich die Entdeckung zu einem Jahrhundertfund entwickeln. «Auch wenn hier ganz
sicher nicht Alexander der Grosse begraben liegt», wie Karl Reber von der Universität
Lausanne sagt, der auch Direktor der Schweizerischen Archäologischen Schule in Athen
ist. «Es ist das weltweit grösste Grabmal dieser Art und wird der Forschung in jedem Fall
neue Impulse geben.»
Der Hügel Casta bei Amphipolis im nordgriechischen Makedonien ist keine
Neuentdeckung. Erste Grabungen fanden schon 1956 statt, die Grösse des Monuments
zwang jedoch zur Aufgabe des Unternehmens. Warum die Archäologin Katerina Peristeri
2009 erneut mit Untersuchungen begonnen hat, ist unklar, bedeutet doch die Ausgrabung
eines derartigen Monuments eine ungeheure Herausforderung. Griechenlands
Ministerpräsident Antonis Samaras verpasste es jedenfalls nicht, sofort nach Amphipolis
zu reisen, um die Grösse der alten Griechen zu rühmen und nicht immer nur von
Rentenkürzungen und Steuererhöhungen reden zu müssen. Peristeri legte als Erstes die
Umfassungsmauer frei, einen 500 Meter langen Gürtel aus akkurat geschnittenen
Marmorblöcken. Im August 2014 wurde der Eingangsbereich, der in das Innere der Gruft
führt, entdeckt. Und sofort wurde gemunkelt, Alexander der Grosse liege hier begraben.
Endlich habe man die letzte Ruhestätte des makedonischen Nationalhelden gefunden.
Peristeri schliesst das aber aus.
Eine grosse Persönlichkeit
Alexander starb 323 v. Chr. in Babylon. Der Leichnam wurde auf der Rückreise nach
Makedonien von General Ptolemäus gekidnappt, nach Alexandria gebracht und dort
aufgebahrt. Sowohl Julius Cäsar (1. Jh. v. Chr.) wie Kaiser Caracalla (3. Jh. n. Chr.)
erwiesen dem Toten dort ihre Reverenz. Allerdings könnte sich Alexander in Amphipolis
ein Grabmal errichtet haben, ohne dass er es selber nutzen konnte. Infrage kommen auch
seine Frau Roxane und sein Sohn Alexander IV., beide nach Alexanders Tod vom
Heerführer Kassander in Amphipolis ermordet. Oder liegt hier einer der Generäle
begraben, die ihn auf seinem Feldzug nach Indien begleiteten? Seine Mutter Olympias
oder gar sein Geliebter Hephaistion?
Es muss auf jeden Fall eine herausragende Persönlichkeit gewesen sein. Gerade wenn
man bedenkt, dass die mutmasslichen Gebeine Philipps II., des Vaters von Alexander, in
einem Hügel von bloss 100 Metern Durchmesser zum Vorschein kamen. Die Beigaben in
diesem Grab liefern einen Vorgeschmack dessen, was in Amphipolis zum Vorschein
kommen könnte: Goldgeschmeide, Silbergeschirr, Holzmöbel mit Elfenbeinintarsien,
kostbare Brokatstoffe, Wandmalereien. Noch arbeiten die Archäologen im
Eingangsbereich. Am 20. August stiessen sie auf zwei Sphingen. Den ursprünglich zwei
Meter hohen und 1,5 Tonnen schweren Wächterfiguren fehlen Köpfe und Flügel, was auf
eine Plünderung hinweist. Wobei die Archäologin Peristeri behauptet, die fehlenden Teile
lägen im herumliegenden Schutt.
Die Sphingen stehen auf einer Tür aus Marmorblöcken, die in ein leeres Vorzimmer führt,
an dessen Wänden sich Spuren blauer Malerei finden. Die hintere Wand aus
Marmorblöcken weist eine ausgebrochene Öffnung auf - ein weiteres Indiz für einen
Grabraub. Dahinter stehen zwei überlebensgrosse, prächtig gearbeitete Karyatiden,
weibliche Figuren, die den Eintritt in einen weiteren Vorraum abwehren. Sie weisen rote
und gelbe Farbspuren auf und stehen fast bis zur Brust im Schutt. Die Arbeit der
Archäologen wird nun aus statischen Gründen gefährlich, denn der Raum hinter den
Karyatiden ist mit einem Gewölbe überdacht, das wegen des darauf lastenden Gewichts
des Erdhügels einzustürzen droht. Vor dem weiteren Vorstoss muss es abgestützt
werden. Aber schon jetzt ist klar, dass an der Rückwand des zweiten Vorraumes eine
weitere Tür in einen dritten Raum führt. Als letzte Neuigkeit wurde am 21. September die
Entdeckung einer weiteren Marmortür am Ende dieses Raumes vermeldet. Noch ist des
Rätsels Lösung nicht in Sicht.
Wilde Spekulationen
Entscheidend für die Identität des Inhabers oder der Inhaberin des Grabes ist die
Datierung. Katerina Peristeri spricht vom 4. Jahrhundert v. Chr., als Alexander der Grosse
und seine Nachfolger lebten. Leider präsentiert sie keine Beweise für diese Theorie, was
in wissenschaftlichen Blogs kritisiert wird. Die an der Universität Athen lehrende
Archäologin Olga Palagia plädiert für eine jüngere Epoche; es könnte sich um das Grab
eines römischen Potentaten handeln. Sie vermutet einen Heerführer, der 42 v. Chr. in der
Schlacht bei Philippi fiel - 40 Kilometer von Amphipolis entfernt. Vielleicht ist es auch ein
Gemeinschaftsgrab aller Opfer dieser Schlacht, in der Octavian und Antonius die Mörder
Cäsars besiegten.
Karl Reber hält Palagias Hypothese für nicht stichhaltig und schliesst sich der Datierung
von Peristeri an. Zum Grabinhaber mag er sich nicht äussern: «Ohne Inschrift kann man
nur spekulieren. Aber wir sind sehr gespannt», sagt der Schweizer Fachmann.
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Seele and Geist
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