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Einleitung: Was ist Achtsamkeit?
Ulrike Anderssen-Reuster
Achtsamkeit ist ein Prozess, bei dem die Aufmerksamkeit nicht-wertend auf den
gegenwärtigen Augenblick gerichtet ist. Sie nimmt wahr, was ist, und nicht, was
sein soll. Das heißt: Sie ist einerseits nüchtern, real, desillusionierend, andererseits annehmend, integrierend, und vielleicht sogar auf mütterliche Weise liebevoll. Achtsamkeit ist aber noch mehr: Sie ist ein Instrument, um unsere affektiven, geistigen oder körperlichen Regungen in statu nascendi zu beobachten, und
sie vermittelt den Kontakt mit der Gegenwart, die, wenn sie nicht explizit in den
Blick genommen wird, häufig nicht wirklich erlebt wird.
Vieles läuft schematisch und automatisiert ab. Auch die neurotischen und
dysfunktionalen Prozesse folgen diesem Muster. Um also eine Öffnung, eine andere Wahrnehmung und eine Alternative zum Eingeschliffenen zu erleben, ist
eine bewusste Entscheidung erforderlich, aber auch eine bewusste Übung im
Wahrnehmen. Die Einsicht in die Entstehungsbedingungen einer Störung ist
wichtig, sie schafft aber noch keine anhaltende Verbesserung. Vor einer Veränderung von Symptomen, Erlebnisweisen und Emotionen bedarf es eines Zugangs
dazu und einer präzisen Wahrnehmung dessen, was ist.
Die Praxis der Achtsamkeit ermöglicht, sehr genau und in nuce zu erkennen,
wie die Wahrnehmungen, Bewertungen, Affekte und Reiz-Reaktions-Mechanismen entstehen, die das eigene Erleben bestimmen. Eine achtsame Haltung kann
zwischen den Reiz und die automatisierte Reaktion einen Moment des Innehaltens, des expliziten bewussten Erlebens und des aktiven Nicht-Tuns schieben.
Dieser kurze Moment der Vergegenwärtigung, der Einsicht und der Beobachtung kann helfen, aus einer inneren Einengung, aus einem destruktiven, chronifizierten Erlebens- und Verhaltensschema auszusteigen. Gelingt dies (und es
gelingt aufgrund von Widerständen eben nicht leicht), so wird die Gegenwart
wesentlicher und lebendiger, die Abläufe werden bedeutsamer und erscheinen
als Ausdruck einer unmittelbaren Wirklichkeit.
Angenehmes wie auch Unangenehmes sind vorübergehende Phänomene,
welche wesentlich von der eigenen Wahrnehmung und Bewertung abhängen.
Möglichkeiten der Einflussnahme liegen deshalb nicht so sehr im Außen, sondern in der Erkenntnis, dass die Wahrnehmung und Interpretation der Phänomene von unserem Geist geschaffen werden und dass wir ihm dabei auf die
Schliche kommen können. Konkret bedeutet dies, dass wir uns selbst bei der
Schaffung und Konzeptualisierung unserer Wirklichkeit achtsam zuschauen
können. Durch diese Praxis eröffnen sich innere Freiheiten, die einen Ausweg
aus verschiedensten intrapsychischen Einengungen ermöglichen.
Wohltuend für Patienten ist aber nicht nur der Gewinn an Erkenntnis und
Einsicht, sondern auch die emotionale Erfahrung, dass die Achtsamkeit offen,
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1 Einleitung: Was ist Achtsamkeit?
freundlich und akzeptierend ist, selbst wenn Problematisches und Schwieriges
beleuchtet wird. Durch das explizite Zuwenden erfolgt die Einbeziehung von Abgelehntem und Gefürchtetem in die Gesamtheit der erlebten Wahrnehmungsphänomene. Das Ungeliebte und Ausgestoßene kann gesehen und eingebunden
werden und verliert dadurch an maligner Potenz. Ferner wird es einer subtilen
Beobachtung unterzogen, wodurch es begriffen, enttabuisiert und entmachtet
wird. Selbstverständlich bedeutet Akzeptanz in diesem Zusammenhang nicht,
dass destruktive Phänomene gebilligt werden oder dass eine engagierte oder
auch kämpferische Auseinandersetzung unterbleibt, wenn sie nötig ist. Die
Akzeptanz gilt zuallererst dem Wahrgenommenen – wie damit verfahren wird,
ist dann der nächste Schritt.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Achtsamkeitspraxis ist, dass die Übung
vermittelt, stärker in der Gegenwart zu leben, weniger Zeit mit dem Nachsinnen
über Vergangenes oder mit Phantasien über Erwünschtes und Zukünftiges zu
verbringen. Die Wahrnehmung der Gegenwart bedarf häufig einer expliziten
Übung und Ausdauer, insbesondere darin, nicht zu werten. Um diese Fähigkeit
zu entwickeln, ist eine grundsätzliche Anerkennung notwendig, dass die Realität
sowohl erwünschte als auch unerwünschte Phänomene umfasst und dass es wenig Sinn hat, die Fülle der Phänomene durch Kategorisierung und Verdrängung
zu beschneiden. Durch die Achtsamkeitspraxis werden die Mechanismen der
selektiven subjektiven Wahrnehmung bewusster erkannt und zugleich werden
Resilienz und Kraft entwickelt, welche das Ertragen schwieriger Gefühle und Bewusstseinszustände erleichtern.
Neben den integrierenden Aspekten besitzt die Achtsamkeitspraxis auch
deutlich strukturbildende Elemente. Es ist das Verdienst von Marsha Linehan
dies erkannt zu haben, sie hat dadurch die Behandlung schwerer Persönlichkeitsstörungen revolutioniert. Ein pädagogisches Element wurde in die therapeutische Arbeit eingeführt, welches die Nachreifung in struktureller Hinsicht fördert, aber auch fordert, und welches die spezifischen Therapieansätze oft erst
ermöglicht. Achtsamkeitsbasierte Therapieverfahren kommen ohne die aktive
Mitarbeit der Patienten nicht aus. Die Therapeuten unterstützen und begleiten
aber die Patienten bei diesem Erfahrungsweg, den sie auch selbst aus eigener
Erfahrung kennen.
Ein Kennzeichen und Novum der achtsamkeitsbasierten Therapiemethoden ist, dass die Therapeuten selbst konkrete, zumeist langjährige eigene Erfahrungen mit der Übungspraxis haben. Sie sind aber in diesem Bereich ihres
Wirkens keine Experten, sondern in gewisser Weise Mitmenschen, Übende und
Suchende. Auch wenn dieser Aspekt innerhalb der Therapie nicht über Gebühr
thematisiert werden sollte, so ergibt sich dennoch eine Ebene der Verbundenheit
zwischen dem Therapeuten und Patienten, welche die hierarchisch geprägte therapeutische Beziehung übersteigt. Es entsteht – konkret oder phantasiert – so
etwas wie ein intermediärer Raum (Habermas), der von Aktionismus, Auseinandersetzungen und Konflikten frei ist: Es handelt sich dabei, analytisch gesprochen, um einen Übergangsraum im Sinne Winnicotts oder um einen Spielraum,
1 Einleitung: Was ist Achtsamkeit?
in dem die Person nicht reagieren und sich auf eine andere Person einstellen
muss, sondern dem eigenen Erleben absolute Priorität einräumt. Ein Raum kann
entstehen, in welchem Wachstum ohne Zweck und Ziel geschehen kann.
Die Achtsamkeitspraxis widerspricht einem aktionistischen, zielorientierten
Vorgehen, wie es für unseren Kulturkreis typisch ist. Wir sind ja häufig schon seit
der Schule auf ein rivalisierendes Vergleichsdenken konditioniert. In der Achtsamkeitspraxis wird nicht das Ziel, sondern das gegenwärtige Sein fokussiert.
Das aktuelle Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Bewerten und die Fülle des unmittelbaren Augenblicks werden beachtet. Das gegenwärtige Sein wird so sehr wertgeschätzt, dass es Vorrang vor Erstrebtem und Geplantem hat. Paradoxerweise
wird durch die „qualitativ bessere“ Ausgestaltung der Gegenwart oft ein qualitativ solides Fundament für eine erfolgreiche Zukunft gelegt.
Die Achtsamkeitsschulung gilt als Herzstück der buddhistischen Meditationspraxis. Im Satipatthana Sutra, einem der Basistexte der buddhistischen Geistesschulung, wird ausführlich auf die Übungspraxis eingegangen. Dabei wird eine
geistige Sammlung und Vertiefung gelehrt, welche Ruhe und inneren Frieden ermöglicht. Es wird konkret beschrieben, wie man Konzentration aufbaut und
aufrechterhält und sich dabei von äußeren und inneren Störfaktoren zu distanzieren lernt. Neben der Übung der inneren Sammlung werden jedoch auch die
Aufrechterhaltung der Achtsamkeit und die Einsicht in die Bedingtheit und Bezogenheit der Phänomene geübt. Um diese erlernen zu können, zeigt das Satipatthana Sutra einen systematischen Übungsweg, welcher Atembetrachtung,
Körperbetrachtung – einschließlich der Vergänglichkeit körperlicher Empfindungen und des Körpers insgesamt – vermittelt. Ferner werden Gefühle und
geistige Phänomene (Empfindungen, Gefühle, Vorstellungen, Gedanken) wahrgenommen und analysiert.
Der buddhistische Erkenntnisweg als Erlösungsweg strebt nach einer Transzendierung des subjektiven Bezugsrahmens. Dies kann und soll nicht Aufgabe
der Psychotherapie sein. Es ist wichtig, dass der Psychotherapieprozess frei von
weltanschaulichen Aspekten ist und bleibt. Darüber hinaus wird es häufig genug
in einer Psychotherapie explizit darum gehen, die Funktionsfähigkeit des Ich der
Patienten zu unterstützen und diesem bei der Bewältigung seiner strukturierenden und integrierenden Aufgaben beizustehen. Obwohl dies die psychotherapeutische Kernarbeit ist und bleiben wird, soll das subjektive Selbstkonzept im
vorliegenden Werk von verschiedenen Seiten hinterfragt und auf die Relativität
der persönlichen Identität und Selbstkonstruktion eingegangen werden.
Für die psychotherapeutische Anwendung haben die Kognitive Verhaltenstherapie und die Verhaltensmedizin den praktischen Nutzen und das erhebliche
therapeutische Potenzial in den achtsamkeitsbasierten Ansätzen erkannt. Zunächst wurde in den 80er Jahren die Mindfulness-Based Stress Reduction von
dem Verhaltensmediziner und Psychosomatiker Jon Kabat-Zinn in den USA
entwickelt. Zindel Segal, Mark Williams und John Teasdale entwickelten diese
Methode weiter als Mindfulness-Based Cognitive Therapy zur Behandlung von
Depressionen. Marsha Linehan entwickelte die Dialektisch-Behaviorale Thera-
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