close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Diplom - Hundecoach

EinbettenHerunterladen
SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Wissen
Sozialfall Rente
Altersarmut in Deutschland
Von Silvia Plahl
Sendung: Mittwoch, 22. Oktober 2014, 08.30 Uhr
Redaktion: Sonja Striegl
Regie: Autorenproduktion
Produktion: SWR 2014
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des
Urhebers bzw. des SWR.
Service:
SWR2 Wissen können Sie auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter
www.swr2.de oder als Podcast nachhören: http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/wissen.xml
Die Manuskripte von SWR2 Wissen gibt es auch als E-Books für mobile Endgeräte im
sogenannten EPUB-Format. Sie benötigen ein geeignetes Endgerät und eine entsprechende
"App" oder Software zum Lesen der Dokumente. Für das iPhone oder das iPad gibt es z.B.
die kostenlose App "iBooks", für die Android-Plattform den in der Basisversion kostenlosen
Moon-Reader. Für Webbrowser wie z.B. Firefox gibt es auch sogenannte Addons oder
Plugins zum Betrachten von E-Books:
Mitschnitte aller Sendungen der Redaktion SWR2 Wissen sind auf CD erhältlich beim SWR
Mitschnittdienst in Baden-Baden zum Preis von 12,50 Euro.
Bestellungen über Telefon: 07221/929-26030
Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2?
Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen
Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen.
Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen
Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert.
Jetzt anmelden unter 07221/300 200 oder swr2.de
MANUSKRIPT
Atmo:
Foyer Landesseniorenkonferenz
O-Ton 1 - Rita Küddelsmann:
Das ist so ne versteckte Altersarmut. Das sieht man ganz häufig. Sie haben wirklich
teilweise ganz wenig Geld. Und können vieles gar nicht machen. Und wir vom
Seniorenbeirat versuchen, so Fälle aufzudecken, Veranstaltungen zu organisieren,
die halt nichts kosten.
O-Ton 2 - Erhard Koch:
Meine Frau würde zum Beispiel nur 200 Euro Rente kriegen, damit käme sie nicht
lange weiter. Das muss man nachempfinden und versuchen, den heutigen Frauen zu
helfen vielleicht, und der jungen Generation zu zeigen, dass es anders sein sollte.
Ansage:
„Sozialfall Rente - Altersarmut in Deutschland“. Eine Sendung von Silvia Plahl.
Atmo:
Saal „und ich bin ehrlich gesagt überwältigt, wie viele Teilnehmer wir heute hier
haben…“
Autorin:
September 2014. 160 Seniorenbeiräte aus ganz Niedersachsen treffen sich zur
Landesseniorenkonferenz in Hannover. Die Frauen und Männer engagieren sich für
alte Menschen in ihren Städten und Gemeinden. Vor ein paar Monaten haben sie
Unterschriftenlisten für die Mütterrente an Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles
übergeben. Heute stehen ihnen Landespolitiker und Funktionäre Rede und Antwort.
Tagungsthema der Beiräte ist „Altersarmut“. Die Senioren wollen sich informieren
über ein Phänomen, das sie aus ihrem Alltag kennen. Jedoch viele andere nicht
wahrhaben wollen.
O-Ton 3 - Thomas Altgeld:
Armut im Alter: reines Phantom, bloßes Zukunftsproblem oder bedrückende
Zeiterscheinung? Herr Butterwegge, Sie sind dran… Applaus
Autorin:
Im Konferenzsaal begrüßt der Sprecher der Veranstaltung den ersten Gastredner:
Professor Christoph Butterwegge von der Universität zu Köln.
O-Ton 4 - Christoph Butterwegge:
Verharmlost wird das Problem der Altersarmut, wenn zum Beispiel im 4. Armuts- und
Reichtumsbericht der Bundesregierung wörtlich gesagt wird: Bedürftigkeit im Alter ist
kein Problem. Und an anderer Stelle wird darauf hingewiesen, ich aktualisiere jetzt
mal gleich die Zahl: 465.000 Menschen beziehen die Grundsicherung im Alter.
Autorin:
Christoph Butterwegge ist Politikwissenschaftler und Armutsforscher seit vielen
Jahren.
2
O-Ton 5 - Christoph Butterwegge:
Legt man aber das Armutskriterium der Europäischen Union an, nämlich 60 Prozent
des Medianeinkommens, das sind zuletzt 980 Euro im Monat gewesen, dann sind es
schon etwa zwei Millionen Menschen im Alter, die als armutsrisikogefährdet gelten.
Autorin:
Der Kölner Politologe beklagt, dass Senioren immer mehr abgewertet werden. Er
kritisiert, dass der Sozialstaat im Allgemeinen und die Gesetzliche
Rentenversicherung im Besonderen stetig demontiert werden. Das neue
Rentenpaket der Bundesregierung vom Juli 2014 bekämpfe Altersarmut nicht. Der
Wissenschaftler fordert eine politische Kehrtwende - zurück zu einer
existenzsichernden gesetzlichen Rente.
Atmo:
Applaus/Tumult „In der Lage wäre, was wirklich Reichtums für diese Gesellschaft
Reichtums nötig ist“ Applaus „Also das muss jeder selbst wissen“
Autorin:
Das Publikum im Saal reagiert aufgebracht auf diesen Vortrag. „Wahre Worte“, ruft
eine Frau. „Zu polemisch“, kritisiert ein Mann „und ganz klar politisch links“. Christoph
Butterwegge, Ex-SPD-Mitglied und Sympathisant der Partei Die Linke, streitet dies
nicht ab. Er unterstreicht seine provozierende Haltung. Sie ist ihm wichtig.
Atmo:
Tumult „... alles miterlebt...“ Applaus... „es ist eine Gleichgültigkeit unter der
Bevölkerung...“ Applaus
Autorin:
Wie steht es um die gesetzliche Rente in Deutschland? Seit dem Jahr 1992 reagiert
die Politik mit Reformen auf die sich abzeichnenden Folgen des demographischen
Wandels. Das erklärte Ziel sei Anpassung, sagt der Rentensprecher der CDU, Peter
Weiß.
O-Ton 6 - Peter Weiß:
Der geburtenstärkste Jahrgang in Deutschland ist der Jahrgang 1964, damals
wurden 1,35 Millionen Kinder in Deutschland geboren. Die 637.000 Kinder, die
letztes Jahr geboren wurden, werden in zwanzig Jahren mit ihren ersten Beiträgen
deren Rente mit finanzieren dürfen.
Autorin:
Zugrunde liegt der so genannte Generationenvertrag, eine fiktive solidarische
Abmachung zwischen Jung und Alt. Die arbeitenden Jungen zahlen in die
Rentenkasse ein, damit die Rentnerinnen und Rentner ihr Auskommen haben. Doch
die wenigen jungen Menschen können den wachsenden Rentenbedarf der vielen
Älteren nicht durch immer höhere Einzahlungen auffangen. Also muss die Rente
sinken, und für die Alten gilt: 30 oder 40 Jahre lang geleistete Arbeit und selbst
gezahlte Rentenbeiträge garantieren am Ende eines Arbeitslebens nicht unbedingt
einen würdigen Lebensabend. Dr. Reinhold Thiede leitet bei der Deutschen
Rentenversicherung in Berlin die Abteilung Forschung und Entwicklung. Der
Volkswirt Thiede betont:
3
O-Ton 7 - Reinhold Thiede:
Wobei der Trend im Augenblick in die Richtung geht, dass der Anteil der gesetzlichen
Rente eher zurück geht, und die ergänzenden Alterseinkommen - aus Betriebsrente,
aus privater Vorsorge, sehr häufig auch aus Minijobs oder aus irgendwelchen
Vermietungs-, Kapitaleinkünften - dass diese Rolle zunimmt.
Autorin:
Ein Trend, der beabsichtigt ist. Seit den Reformen propagiert die Politik ein so
genanntes Mehr-Säulen-Modell für den Ruhestand: Neben der gesetzlichen Rente
sollen Bürgerinnen und Bürger privat sparen und sie sollen wenn möglich in eine
Betriebsrente einzahlen, um ein insgesamt erträgliches Alterseinkommen zu haben.
Staatliche Riester- und Rürup-Förderungen unterstützen das private Vorsorgen.
Denn es gelte, Altersarmut künftig zu verhindern, schreiben CDU/CSU und SPD im
aktuellen Koalitionsvertrag: Es handle sich um ein Problem der Zukunft - die
derzeitigen Rentnerinnen und Rentner seien gut versorgt. Dr. Heinz-Herbert Noll von
Gesis, dem Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, sieht das nicht so: Altersarmut
sei bereits heute ein Problem. Der Soziologe führt durch das Mannheimer Zentrum
für Sozialindikatorenforschung, dessen Leiter er war.
Atmo:
Fenster schließen, Tür „So, das ist jetzt mein Zimmer, beziehungsweise das war für
viele Jahre mein Arbeitszimmer hier bei Gesis.“
Autorin:
Der Institutsleiter ist im April 2014 in Rente gegangen - durchaus entspannt, wie er
sagt. Und doch stellt auch der Wissenschaftler fest:
O-Ton 8 - Heinz-Herbert Noll:
Wenn ich nur von der gesetzlichen Rente leben müsste, dann wäre ich glaube ich
nicht so zufrieden.
Autorin:
(blättert) Heinz-Herbert Noll greift zu einem broschierten DIN-A-4-Heft, der so
genannten ISI 47: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 47. Eine InstitutsPublikation mit Analysen zu Lebensstandard und Armut im Alter. Dafür werteten die
Soziologen Daten des Statistischen Bundesamtes aus, das alle fünf Jahre eine
Einkommens- und Verbrauchsstichprobe durchführt. ISI 47 nutzt das Datenmaterial
aus 2008 - die Daten der neuesten Erhebung aus 2013 wurden der Wissenschaft
noch nicht zur Verfügung gestellt.
O-Ton 9 - Heinz-Herbert Noll:
Was wir im Unterschied zu vielen anderen gemacht haben, ist nicht nur
Einkommensarmut zu betrachten, sondern auch die Ausgaben in unsere
Betrachtungen mit einzubeziehen. Wir stellen fest, dass im Alter die Ungleichheit
insbesondere der Einkommen ausgeprägter ist als für den Kern der
Erwerbsbevölkerung.
Autorin:
Entscheidend ist, über wie viel Geld alte Menschen verfügen können. Dabei stehen
sich Einkommen und Ausgaben nicht Eins zu Eins gegenüber. Denn zum
4
Einkommen können neben der Rente auch andere Geldquellen hinzukommen, wie
Ersparnisse oder Vermögen. Daher erzielen verschiedene Analysten auch nicht
selten ganz unterschiedliche Ergebnisse. Die Gesis-Soziologen etwa verzichten
darauf, denjenigen Personen, die in der eigenen Immobilie wohnen, eine so
genannte fiktive Miete zuzuschlagen - einen Betrag, den ihnen die Vermietung ihrer
Immobilie einbringen würde.
O-Ton 10 - Heinz-Herbert Noll:
Wir haben das nicht gemacht, weil das unseres Erachtens erstens mal kein
Einkommen im eigentlichen Sinne ist. Also es wird nichts auf das Konto überwiesen.
Jeder der in einem eigenen Haus lebt, weiß, dass das auch nicht kostenfrei ist.
Autorin:
Verfolge man nun die Einkommenszahlen zwischen 1993 und 2008, werde die
Einkommensschere immer weiter auseinander gedrückt. Besonders eklatante
Unterschiede gibt es zum Beispiel zwischen Rentnern und Pensionären: Die
Bezieher gesetzlicher Renten erhielten 2008 im Durchschnitt 1890 Euro im Monat,
Pensionäre hingegen 3630 Euro, also nahezu doppelt so viel. Dagegen haben die
über 65-Jährigen in Ostdeutschland auffallend gleiche Einkommen – da ostdeutsche
Rentnerinnen und Rentner ihr Leben fast ausschließlich aus ihren ziemlich
gleichmäßigen Rentenbezügen finanzieren. Um nun Altersarmut heraus zu filtern,
vergleichen die Soziologen das in einer Gesellschaft allgemein übliche Niveau der
materiellen Lebensverhältnisse mit den vorliegenden Altersbudgets.
O-Ton 11 - Heinz-Herbert Noll:
Es hat sich eingebürgert, dass man Armut relativ definiert. Man versucht zu ermitteln
den Personenkreis, der den üblichen Lebensstandard nennenswert unterschreitet.
Und dafür hat sich in Europa eine Definition eingebürgert, nach dem jemand als arm
gilt, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens bezieht.
Autorin:
Unterhalb der 60-Prozent-Marke des durchschnittlichen Einkommens in Deutschland
beginnt die Armut. Aktuell also unter 980 Euro. Auf dieser 60-Prozent-Grundlage
waren laut Gesis im Jahr 2008 15,4 Prozent der Deutschen ab 65 Jahren
einkommensarm. Mit steigender Tendenz. Westdeutsche Frauen über 70 Jahre
haben in dieser Statistik das größte Armutsrisiko. Und, so resümieren die
Mannheimer Sozialwissenschaftler: Altersarmut ist in Deutschland auf die
Bezieherinnen und Bezieher einer gesetzlichen Rente beschränkt. 16,1 Prozent von
ihnen sind armutsgefährdet, von den Pensionären dagegen nur 1,3 Prozent. Noch
könnten die deutschen Ruheständler ins Kino gehen und in Urlaub fahren, das
zeigen die relativ gleichmäßigen Ausgaben - doch es zeichnet sich ab: Sie haben
immer weniger Geld im Portemonnaie. Die Zeit der „wohlhabenden Alten“, die für den
Rest ihres Lebens auf Kreuzfahrt gehen, sei vorbei.
Atmo:
Demographie-Kongress
Autorin:
Offiziell sind diejenigen in Deutschland altersarm, deren Rente amtlich geprüft zum
Leben nicht reicht. Sie erhalten vom Staat eine so genannte Grundsicherung,
5
abhängig von ihrem Familienstand, ihrer Wohnsituation, ihrem Einkommen und ihrem
Vermögen. Zurzeit verschickt die Deutsche Rentenversicherung an alle Personen,
die unter 774 Euro Rente bekommen, ein Antragsformular auf die Grundsicherung.
Noch ist die Zahl der offiziell Altersarmen gering, doch die Dunkelziffer wird auf sehr
viel höher geschätzt. Deshalb sehen auch die Rentenversicherer dringenden
Handlungsbedarf. Reinhold Thiede:
O-Ton 12 - Reinhold Thiede:
Wir haben von unseren Rentnern etwa zwei, 2,2 Prozent, die daneben eine
Grundsicherung beziehen müssen. Heute. Die Tendenz steigt, wenn nichts gemacht
wird! Also die Tendenz steigt, wenn die Politik nichts macht...
Atmo:
Demographie-Kongress „Also wir haben hier einmal die lokale Seniorenpolitik, das
andere ist Wohnen. Also das sind solche Positionspapiere...“
Autorin:
Der Demographie-Kongress 2014 in Berlin. Er steht unter dem Motto „Zukunftsforum
Langes Leben“, und im Hotel Intercontinental diskutiert das Fachpublikum die
Themen Wohnen, Gesundheit und Arbeit im Alter. Elvira Barbara Sawade steht am
Tisch der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, kurz Bagso. Sie
informiert über die Aktivitäten des Dachverbandes und verteilt Broschüren.
O-Ton 13 - Elvira Barbara Sawade:
Und wo ich jetzt hin möchte, das ist... ich möchte Mobidat, barrierefreies Leben für
den Seniorentag, für die Messe SenNova gewinnen...
Autorin:
Elvira Sawade geht in den Nebenraum. Sie möchte schon jetzt Messeaussteller für
den Seniorentag im Juli 2015 in Frankfurt anwerben - und sucht René Schulze auf.
Die beiden kennen sich bereits.
O-Ton 14 - René Schulze/Elvira Barbara Sawade:
Bedanke mich für die Einladung. Das sieht sehr interessant aus. - Ja, ich geb Ihnen
gerne noch ein paar Flyer dazu und meine Karte. Dann danke ich Ihnen und viel
Erfolg - Ihnen auch - und bis demnächst.
Autorin:
Elvira Barbara Sawade ist 75 Jahre alt. Eine kleine, gepflegte Frau mit grauem
Kurzhaarschnitt und dunkler Brille. Sie trägt einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug
und wertvollen, doch dezenten Silberschmuck. Nun sitzt sie in der Hotelbar bei einer
kleinen Pause. Während draußen der Berliner Verkehr vorbeirauscht, erzählt Elvira
Sawade von ihrer Lebenssituation. Bei dem Wort „Altersarmut“ zuckt sie zusammen.
Auch ihre Rente reicht nicht aus.
O-Ton 15 - Elvira Barbara Sawade:
Ich glaub, es fing mit 700 an, jetzt sind es 920. Ich zahle für ne Zweiraumwohnung
450 Euro Miete, kalt, in Bonn. Und es ist außerhalb. Dann kommt dazu die
Nebenkosten. Dann hat man ein Telefon, die öffentlichen Verkehrsmittel sind auch
6
nicht gerade preisgünstig. Man muss ja auch was essen und trinken. Und was ich
eben nun fast ganz gestrichen hab, sind Konzertbesuche.
Autorin:
Ein Kriegskind aus Thüringen, aufgewachsen in der DDR. Eine gelernte
Industriekauffrau, studierte Eventmanagerin mit vielen Zusatzausbildungen von der
Pflege bis zur Reisemoderation. Früh trennte sie sich von ihrem Mann und zog ihren
Sohn alleine auf. Nach der Wende entwickelte und etablierte Elvira Sawade in der
Stadt Suhl die lokale Seniorenarbeit und errang für den Ort am Thüringer Wald die
Auszeichnung „seniorenfreundliche Gemeinde“. Mit 58 Jahren wurde sie dort
arbeitslos.
O-Ton 16 - Elvira Barbara Sawade:
Man muss sich fügen. Und man kann dann nur sagen: Ja, es muss noch irgendwas
geschehen. Sonst - man kriegt Depressionen und man krankt und ist schon
niedergeschlagen, muss ich schon sagen. Aber es gibt auch Möglichkeiten. Also man
fängt ehrenamtlich an und kann sich bestätigt fühlen. Und hat dann vielleicht eine
geringfügige Tätigkeit. Und das hab ich jetzt gefunden bei der Bagso seit zwölf
Jahren.
Autorin:
Zur Rente verdient sie 450 Euro hinzu für drei Tage in der Woche. Aber auch
ehrenamtlich arbeitet die agile Frau weiter: Für einen Beratungsdienst fährt sie oft
nach Osteuropa und betreut Seniorenprojekte in Bulgarien oder Lettland für
Selbsthilfeaufbau und Sponsoring. Dieser Blick auf die Probleme in der Welt helfe ihr
dabei, ihre Lage in Deutschland zu akzeptieren. Die Bitterkeit bleibt.
O-Ton 17 - Elvira Barbara Sawade:
Man bleibt eben zurück und staunt, dass mit einmal eben man hintendran ist
sozusagen. Es ist schon bedrückend, es ist bedrückend. Ja, das ist es. Und da nützt
eben auch alles Ehrenamt nicht, und man schon manchmal verzagen möchte.
Autorin:
Ihr fällt es schwer, sich als „altersarm“ zu bezeichnen. Und doch besteht sie darauf.
O-Ton 18 - Elvira Barbara Sawade:
Ich sag es nicht, um zu provozieren. Es ist tatsächlich so. Ich darf die Gedanken
nicht zu Ende denken. Wenn ich nicht mehr meinen Zuverdienst habe, werde ich
meine Wohnung tauschen müssen. Und es wird gefährlich, wenn jetzt wirklich ne
Krankheit dazu kommt, dann weiß ich nicht, wie's weiter geht. Ich möchte meinen
Sohn auch keineswegs irgendwie mit einbeziehen.
Autorin:
Nach dem Seniorentag 2015 möchte sich Elvira Sawade zurück ziehen, einfach
nichts mehr machen und nur noch das Leben genießen. Wenn sie dies dann bis ins
Alter von 80 Jahren schaffe, wäre sie zufrieden. Sie werde versuchen, mit der
gesetzlichen Rente auszukommen und vielleicht zur Not noch Wohngeld beantragen.
7
O-Ton 19 - Elvira Barbara Sawade:
Ja ich glaub schon. Ich weiß es noch nicht. Aber es ist dann entwürdigend... Wir
sitzen hier im Raum Marlene, Marlene Dietrich in ihren alten Jahren hat ein Zimmer
gehabt. In diesem einen Zimmer hatte sie alles, was sie brauchte. Und ein großer
Raum würde mir auch genügen.
Autorin:
Die Pause ist vorüber. Elvira Barbara Sawade eilt zurück zum DemographieKongress. Sie spricht mit vielen Menschen, die jünger sind als sie, und treibt die
Seniorenarbeit voran.
O-Ton 20 - Christoph Butterwegge:
Armut im Alter ist besonders entwürdigend, deprimierend, weil man weder eine
Lebensleistung honoriert bekommt und dafür einen Lohn erhält. Außerdem ist man
aber auch nicht mehr in der Lage im Alter, zum Beispiel durch Erwerbstätigkeit dafür
zu sorgen, dass man aus der Armut heraus gerät. Und das bedeutet, denn letztlich
auch seine Menschenwürde zu verlieren.
Autorin:
Der Armutsforscher Christoph Butterwegge zählt auf: In Deutschland leben bereits
etwa eine Million Menschen von durchschnittlich 707 Euro Grundsicherung im Monat,
Wohn- und Nebenkosten eingeschlossen. 812.000 Menschen ab 65 Jahren haben
offiziell einen Minijob...
O-Ton 21 - Christoph Butterwegge:
Also Regale einräumen, Flaschen sortieren oder meinetwegen Zeitungen austragen.
75 Jahre und älter sind davon 128.000 Menschen. Ich sehe im Wesentlichen zwei
Ursachen, die längerfristig wirken und die dafür sorgen, dass über einen langen
Zeitraum betrachtet, die Armut im Alter ansteigt.
Autorin:
Ursache eins: die Liberalisierung des Arbeitsmarktes. Leiharbeit, Minijobs,
unbezahlte oder schlecht bezahlte Praktika, Werkverträge.
O-Ton 22 - Christoph Butterwegge:
Das führt dazu, dass mehr Menschen als früher keine ausreichenden
Rentenanwartschaften erwerben. Zum anderen gibt es das Problem, dass das
allgemeine Rentenniveau sinkt, und zwar von 53 Prozent vor Steuern zur
Jahrtausendwende auf im Jahre 2030 nur noch 43 Prozent.
Autorin:
Das bedeutet: Jeder einzelne bekommt wesentlich weniger als die Hälfte seines
Bruttoeinkommens als Rente ausbezahlt. Die Reformen treiben also schon jetzt alte
Menschen in Armut, noch viel mehr aber in Zukunft. Reinhold Thiede von der
Deutschen Rentenversicherung kennt die Risikogruppen
O-Ton 23 - Reinhold Thiede:
Selbstständige, die nicht versicherungspflichtig sind, Mini-Jobber. Dann gibt es die
Gruppe der Langzeitarbeitslosen. Dann gibt es die Gruppe derjenigen, die in einem
Niedriglohnsektor arbeiten und einfach wenig Einkommen beziehen. Und es gibt die
8
Gruppe derjenigen, die früh erwerbsgemindert werden und nicht bis zum Rentenalter
wirklich arbeiten können.
Autorin:
Thiede fordert für jede dieser Gruppen eine gesonderte politische Strategie.
O-Ton 24 - Reinhold Thiede:
Also einige dieser besonderen Risikogruppen, die sind von der Politik erkannt, und
da macht die Politik auch schon was. Es passiert was - es passiert noch nicht genug.
Also wenn nicht mehr als bisher passiert, dann kriegen wir wahrscheinlich immer
noch einen Anstieg der Altersarmut.
Autorin:
Problem erkannt, aber zu schwach reagiert - das attestieren sowohl der
Rentenversicherer Thiede als auch der Politikwissenschaftler Butterwegge den
Bundespolitikern. Selbst der kritische Forscher aus Köln sieht im neuen Rentenpaket
zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Verbesserungen. Es gibt wieder mehr Geld
für Ruheständler. Nur, wer profitiert davon? Die neu berechnete
Erwerbsminderungsrente hilft betroffenen kranken Menschen, jedoch leider nur
minimal. Bei der Mütterrente mit einem zusätzlich anerkannten Kindererziehungsjahr
gehen die bedürftigen Frauen mit staatlicher Grundsicherung leer aus. In den
Genuss der Rente ab 63 nach 45 Beitragsjahren kommen meist Facharbeiter, die
ohnehin bereits gut versorgt sind. - Und am Ende fehlt all das Geld in der
Rentenkasse.
Atmo:
„Büro Markus Kurth“ - Kurth kommt rein „Hallo, kannst du mal kurz nochmal
unterbrechen?“ - „Ja“ legt auf - „Wir müssen für nächste Woche hier im Arbeitskreis
unsere Präsentation zum Thema Altersarmut vorbereiten. Da hab ich jetzt mal die
Unterlagen mitgebracht. Schau dir das doch noch mal an, ob dir noch was auffällt.“ „Ja, werd ich machen.“ rumpeln...
Autorin:
Das Bundestagsbüro des Oppositions-Politikers Markus Kurth. Er ist
rentenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Als das
neue Rentenpaket im Parlament verabschiedet wurde, habe er geschluckt: Dieses
Paket kostet die Rentenkasse bis zum Jahr 2018 rund 30 Milliarden Euro und
insgesamt rund 160 Milliarden.
O-Ton 25 - Markus Kurth:
Da fehlen jetzt die Mittel, da kriegt man schon ne gewisse Wut. Und man mahnt und
sagt: Altersarmut, das wird ein großes Problem werden für die jetzige BabyboomerGeneration, die haben halt keine geschlossenen Erwerbsverläufe mehr, mit 45
Versicherungsjahren, und da muss man was tun! Garantierente schlagen wir vor.
Autorin:
Oppositionspolitik gegenüber einer Großen Koalition zu betreiben, ist eine zähe und
meist unergiebige Aufgabe. Kurth kramt in den Papierstapeln zum Thema
Altersarmut. An Gegenentwürfen mangelt es nicht.
9
O-Ton 26 - Markus Kurth:
(blättert...) Ich glaube, wir müssen etwas tun für diejenigen, die schon auch ab dem
60. Lebensjahr gesundheitliche Probleme haben. Zweiter großer Punkt: Die
Riesterförderung ist für den Staat sehr teuer. Aber diejenigen, die sich ne
Riesterrente auch gar nicht leisten können, werden davon gar nicht erreicht. Und
dann ist noch ne ganze Reihe von so genannten freien Berufen: Rechtsanwälte,
Ärzte, Apotheker, die nicht in die Rentenversicherung einzahlen, von den
Beamtinnen und Beamten ganz zu schweigen. Und da müssen wir über eine
Erwerbstätigenversicherung auch die anderen Berufsgruppen mit einbeziehen.
Autorin:
Die jährliche Renteninformation, in der die Deutsche Rentenversicherung für jede
Person die zu erwartende gesetzliche Rente ausrechnet, gab es vor zwanzig Jahren
noch nicht. Inzwischen aber, findet Reinhold Thiede, müssten die Kunden einfach
wissen:
O-Ton 27 - Reinhold Thiede:
Ob das genug ist, ob das reicht zum Leben, oder ob das reicht zur Aufrechterhaltung
des Lebensstandards im Alter, den man zuvor erreicht hat.
Autorin:
Die Lücke in der Alterssicherung wird bleiben und größer werden. Betriebsrenten und
eine private Altersvorsorge sollen sie schließen. Eine Entwicklung, die auch
international zu beobachten ist: Der Staat schiebt die Verantwortung für die
Altersversorgung von sich weg hin zu den Bürgerinnen und Bürgern. Solch eine
Veränderung verläuft nicht reibungslos.
O-Ton 28 - Bettina Lamla:
Es besteht die Gefahr, dass die Personen sich eben nicht so verhalten, wie wir
Wirtschaftswissenschaftler uns das immer vorstellen.
Autorin:
Dr. Bettina Lamla vom Munich Center for the Economics of Aging, einer Abteilung
des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik in München. Bettina Lamla
untersucht, wie sich die Alterung einer Gesellschaft auf ihre Individuen, das
gesellschaftliche Gefüge und die Politik auswirkt. Die Rentenreformen, betont die
Ökonomin, dürfe niemand ignorieren.
O-Ton 29 - Bettina Lamla:
Die Konsequenz daraus, wenn man das verstanden hat, dass vielleicht die
gesetzliche Rente nicht mehr so hoch sein wird, wie der Lebensstandard, den meine
Eltern noch mit der gesetzlichen Rente haben, wäre: Ich muss auch mein
Sparverhalten anpassen.
Autorin:
Ihre Kollegin Dr. Marlene Haupt, habe in einer Studie hinterfragt, wie die Menschen
ihre Renteninformationen aufnehmen. Die meisten sagen:
10
O-Ton 30 - Bettina Lamla:
Ja, ich hab diese Renteninformation bekommen. Ja, ich hab sie gelesen. Habe ich
mein Sparverhalten angepasst? Da ist die Antwort oft: Nein oder ich weiß es nicht.
Aufklärung ist ein Punkt, die Frage ist: Ist die Aufklärung auch effektiv? Ist es genau
dieses Bild des souveränen Konsumenten, das der Politikmacher damals im Kopf
hatte? Oder reagieren die Leute vielleicht anders?
Autorin:
Um genau dazu Daten zu erheben, befragen die Münchner Wissenschaftler seit
2001 in einer repräsentativen Haushaltsstudie jedes Jahr rund 2000 Personen,
zwischen 18 und 98 Jahren. Die Studie heißt „SAVE“ - Sparen und Altersvorsorge in
Deutschland. Bettina Lamla holt einen Fragebogen aus dem Schrank.
O-Ton 31 - Bettina Lamla:
Also so sehen die dann aus. (Ordner schnappt) Das sind Fragen zur Zufriedenheit,
das sind Fragen zu Sparmotiven, hat man oder hat man nicht einen Riestervertrag
und was ist der eigentlich wert?
Autorin:
Es zeigte sich zum Beispiel, dass zehn Prozent der Befragten gar nicht wussten, ob
ihr Arbeitgeber eine Betriebsrente anbietet. Oder dass 40 Prozent in den unteren
Einkommensgruppen keine Ahnung davon haben, wie die Riesterförderung
funktioniert.
O-Ton 32 - Bettina Lamla:
(blättert) Was führt eigentlich dazu, dass Leute vielleicht ein Nachfragehemmnis
aufweisen? Warum schließen sie keinen Riestervertrag ab? Und wir sehen, dass
viele sagen, sie haben kein Geld übrig. So was wollen wir dann mehr verstehen.
Autorin:
Offenbar herrscht große Unsicherheit. Deshalb fordern die Forscher des Max-PlanckInstituts, dass die Bevölkerung mehr aufgeklärt wird, dass alle Einkommensschichten
ein besseres Finanzwissen erhalten und dass Politiker und Wissenschaftler das
Verbraucherverhalten genauer studieren. - Der CDU-Funktionär Peter Weiß,
katholischer Theologe aus dem Wahlkreis Emmendingen-Lahr, ist zuversichtlich.
O-Ton 33 - Peter Weiß:
Spätestens in zehn Jahren muss es eine feste, klare Regelung geben, die
Altersarmut verhindert, und für die wir auch die entsprechenden Steuermittel zur
Verfügung stellen können.
Autorin:
Allen ist klar: Nur Rentenmischformen, die auf mehrere Schultern verteilt sind,
werden Altersarmut verhindern. Wie viel übernimmt also der Staat, wie viel die
Bürgerinnen und Bürger, wie viel die Arbeitgeber? Peter Weiß setzt sich etwa für
eine verpflichtende Betriebsrente ein. Die Große Koalition diskutiert weitere Modelle.
Beispiel „solidarische Lebensleistungsrente“: Haben Rentner mit ihrer gesetzlichen
Rente und privater und betrieblicher Vorsorge zu wenig Geld und keine weiteren
Einnahmen, stockt der Staat bis zur Grundsicherung auf. Kritiker und auch die
Deutsche Rentenversicherung möchten die private Vorsorge aus dieser Rechnung
11
heraus lassen: Der Staat könnte eine Grundsicherung garantieren, das Vorsorgegeld
gibt es als Bonus obendrauf. All dies wirkt eher wie Stückwerk denn als großer
Rentenwurf. Andere europäische Länder beugen Altersarmut vor, indem sie eine
niedrige Sockelrente für alle zusagen - danach hat jeder die Möglichkeit, selbst
aufzustocken. In Deutschland herrscht jedoch eher die Devise vor: möglichst lange
zu arbeiten und Rentenansprüche über das Rentenalter hinaus zu sammeln. Das
belohnt dann auch die neue so genannte Flexi-Rente ab 67 Jahren. Peter Weiß lässt
sich das Protokoll zur letzten Besprechung gerade ausdrucken...
O-Ton 34 - Peter Weiß:
(Drucker) Ja, wir haben uns ja vorgenommen, dass wir auch das Arbeiten nach
Erreichen der Regelaltersgrenze erleichtern wollen, auch, dass man seine
Rentenansprüche steigern kann…
O-Ton 35 - Christoph Butterwegge:
Indem das so stark betont wird, werden die Alten, die arm sind, in der öffentlichen
Meinung mehr und mehr zu unwürdigen Armen gestempelt, das heißt zu Menschen,
die selbst verantwortlich sind für ihre soziale Misere, nach dem Motto: Sie sind
unproduktiv, sie sind mehr und mehr unnütz für die Volkswirtschaft oder für den
Wirtschaftsstandort Deutschland und sie haben auch noch selber dazu beigetragen,
dass sie im Alter ohne ausreichende Finanzmittel dastehen, indem sie es eben
versäumt haben, selbst vorzusorgen.
O-Ton 36 - Elvira Barbara Sawade:
Man bleibt zurück und staunt, dass mit einem Mal eben man hinten dran ist,
sozusagen. Es ist schon bedrückend, es ist bedrückend.
********************
Links:
°http:
//www.deutscherentenversicherung.de/Bund/de/Navigation/0_Home/home_node.htm
l OnlineDienste und Bestellung von Broschüren
° http:
//www.mea.mpisoc.mpg.de/index.php?id=315 Informationen zur SAVE-Studie des
Munich Center for the Economics of Ageing/ Max-Planck-Institut München
° www.bpb.de/rentenpolitik Online-Dossier zur Rentenpolitik der Bundeszentrale für
politische Bildung
° http:
//infosys.iab.de/infoplattform/dokSelect.asp?pkyDokSelect=48&show=Lit
Infoplattform des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, der
Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit
12
° http:
//www.bagso.de/ Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen
° http:
//www.freunde-alter-menschen.de/ Verein zur ehrenamtlichen Unterstützung alter
Menschen
********************
Literatur:
°Christoph Butterwegge, Gerd Bosbach, Matthias W. Birkwald: Armut im Alter.
Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung. Campus Verlag, 2012
°Margaret Heckel: Aus Erfahrung gut. Wie die Älteren die Arbeitswelt erneuern.
Edition KörberStiftung, 2013
13
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
6
Dateigröße
127 KB
Tags
1/--Seiten
melden