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"In seiner Seele kämpft, was wird und war, ein keuchend hart

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5. Sonntag nach Epiphanias, 6.2.2011, 18 Uhr, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche
Gottesdienstreihe „Gefragter Glaube - Begegnung mit Denkern des Glaubens“
Thema: Martin Luther – Gewißheit
Prof. Dr. Notger Slenczka, Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin
"In seiner Seele kämpft, was wird und war, ein keuchend hart verschlungen
Ringerpaar. Sein Geist ist zweier Zeiten Schlachtgebiet – Mich wundert's nicht, daß
er Dämonen sieht."
So Conrad Ferdinand Meyer über Luther.
1. Existenz im Widerspruch. Jeder von uns hier kennt den Namen Luther, jeder
weiß irgendetwas über ihn, hat ein Bild von ihm, das auf irgendwelche Erinnerungen
an seine Lebensgeschichte zurückgeht. Manch einem wird sofort sein Verhalten im
Bauernkrieg einfallen, als er die Obrigkeit im Namen Gottes dazu aufrief, mit massivem Einsatz von Gewalt gegen die aufständischen Bauern vorzugehen. Eine andere
wiederum wird sofort an sein problematisches Verhältnis zum zeitgenössischen Judentum denken – der wüste und rückblickend fatale Ruf zur Entrechtung der Juden
in den späten Schriften. Wieder andere werden sich an sein literarischer Grobianismus erinnern, sein ätzender Spott und seine Überzeugung, daß er es im jeweiligen
theologischen Gegner nicht einfach mit Andersdenkenden, sondern mit dem Satan
höchstpersönlich zu tun hat – "der altböse Feind // mit Ernst er's jetzt meint". Wieder
andere verweisen dem gegenüber vielleicht auf zutiefst tröstliche Texte – Schriften,
Lieder, Gebete – aus seiner Feder und sehen von daher über alles andere hinweg.
Die meisten unter uns werden die immer wieder berichteten Szenen seines Lebens
kennen – den Blitzschlag bei Stotternheim mit dem aus der Angst vor dem Tod und
dem Schicksal nach dem Tod geborenen Gelübde, ein Mönch zu werden; die Anfechtung im Kloster, die Angst vor dem Zorn Gottes im Gericht. Die Tapferkeit und
Gewißheit auf der anderen Seite, die sich auszusprechen scheint, als er seine Ablaßthesen an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg schlägt oder als er auf dem Reichstag in Worms sein Leben riskiert und sich weigert, seine Schriften zu widerrufen –
"hier steh' ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen." Jeder von uns hat sein
Bild von Martin Luther, vermutlich jeder von uns ein anderes, in dem ein anderer Zug
seines Lebens im Zentrum steht, und Conrad Ferdinand Meyer bringt das auf den
Punkt, wenn er feststellt, daß die Unterschiedlichkeit der Bilder nicht an uns liegt,
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sondern an Luther selbst, der eben nicht einfach einer und ein eindeutiger Mensch
war, sondern ein Mensch im Widerspruch, ein Mensch, in dem unterschiedliche Tendenzen ringen, in dem Altes – 'das, was war' – mit Neuem – 'das, was wird' – ringt:
Das Mittelalter mit der Neuzeit; ein vergehendes Bild der Welt und ein vergehendes
Verständnis Gottes ringt mit einem neuen, so Meyer. Und Luther würde das vermutlich nicht bestreiten, würde aber doch sagen, daß dieses Ringen des Alten mit dem
Neuen das Leben jedes Menschen, jedes Christen bestimmt: Was bedeutet die Taufe, fragt er im Kleinen Katechismus; und er antwortet: Das Ende, den Tod des Alten
Menschen, des Sünders, und das Auferstehen eines Neuen Menschen; und das
spielt sich nicht dort, in diesem einzelnen Ereignis der Taufe ein für allemal ab, sondern das ist die Grundsignatur unseres Lebens, daß in uns Tod und Leben, Alter und
Neuer Mensch, Schuld und Vergebung, Angst und Gewißheit, Gott und Teufel, Mut
und Feigheit, eben: Altes und Neues miteinander ringen – wie sollte der Widerspruch
nicht auch Luthers Leben prägen – "In seiner Seele kämpft, was wird und war, ein
keuchend hart verschlungen Ringerpaar. Sein Geist ist zweier Zeiten Schlachtgebiet
– Mich wundert's nicht, daß er Dämonen sieht."
2. Luther, das Wort und der Teufel. "Mich wundert's nicht, daß er Dämonen sieht"
– fangen wir doch unsere Annäherung an Luther damit an – es ist richtig: Es gibt
praktisch keine Schrift Luthers, in der nicht der Teufel vorkommt, und eigentlich keinen der großen Gegner Luthers – angefangen vom Papst über die Bauern im Bauernkrieg, über seinen Weggenossen Karlstadt, der sich theologisch von ihm trennte,
den Züricher Reformator Zwingli, bis hin zum Humanisten Erasmus von Rotterdam –
den Luther nicht im Bund mit dem Satan gesehen hätte. Einerseits ein Grobianismus,
den man auch nicht mit Zeitüblichkeiten wegerklären kann – bereits seine Zeitgenossen fanden das merkwürdig und abstoßend. Andererseits ist Luthers ständiges Reden vom Teufel mehr als ein Grobianismus – woran erkennt man den Teufel, fragt
Luther in einer seiner Schriften; und er antwortet: Den Teufel erkennt man daran, daß
er die Gewißheit haßt. Lassen Sie mich das vorläufig so erklären: Luther hat die
Grunderfahrung gemacht, daß Worte Macht über uns haben. Worte begründen und
tragen unser Leben, und sie können es versehren und zerstören. Genau besehen
gründen wir unser Leben immer auf Worte – angefangen von den Worten unserer
Eltern, die uns langsam in die Welt und in die Selbständigkeit in der Welt einführen.
Oder eine Liebeserklärung, die unser Leben verändert und ihm eine neue, unerwar-
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tete Richtung gibt. Oder im Gegenteil das Wort, das eine Liebesbeziehung zerstört.
Auch das Zeugnis, das uns bestätigt, besteht aus Worten. Das Lob, das uns einen
ganzen Tag begleitet, das Kündigungsschreiben, das uns in Angst vor den nächsten
Monaten versetzt: Worte. Oder eben das Wort 'Gerechtigkeit Gottes' in den Briefen
des Paulus, das Luther während seines Studiums in Erfurt in tiefe Anfechtung und
Angst gestürzt hat, weil glaubte, daß Paulus damit die Gerechtigkeit des Richter
meinte, der nach dem Tod auf den Menschen wartet und unbestechlich sein Leben
prüft. Aber dies Wort blieb für ihn kein Schreckenswort, sondern genau dieses Wort –
Gerechtigkeit Gottes – wurde zum tragenden Grund seines Lebens, als er es erfaßte,
daß es von der Güte und Liebe Gottes spricht, der den Menschen freispricht und für
gerecht erklärt. Dieses Wort vom schenkenden Gott wird für Luther die Quelle tiefer
Gewißheit, alle Angst und Verzweiflung ist wie weggeblasen, "Da hatte ich das Empfinden, ich sei … durch geöffnete Türen in das Paradies selbst eingetreten", schreibt
er in einem Rückblick auf diese Zeit am Ende seines Lebens.
Darum geht es im Kern bei Luther: um Worte. Aber nicht einfach um eine Lehre, nicht
um Theorien und Weltbilder, sondern um ein Wort, das den Menschen in Bewegung
bringt, das etwas auslöst in ihm: das Glück der Gewißheit, das der Verzweiflung ein
Ende macht; Luthers Theologie ist hochemotional, in ihr geht es um Gefühle – Luther
schreibt vom Glück und von der Freude, von der Fröhlichkeit, vom Lachen, vom Licht
und vom Trost und der Erfahrung der Freiheit einerseits und von der Verzweiflung,
der Trübsal, der Gefangenschaft andererseits; und beides geht auf Worte zurück, auf
ein Wort genaugenommen, das Evangelium, die frohe Botschaft, weil sie frohe und
freudige Menschen macht, sagt Luther. Wo dieses Wort ist, da trägt es den Menschen, setzt ihn frei, macht ihn gewiß. Wo es schweigt, fällt der Mensch in Verzweiflung.
Wir waren ausgegangen von der Frage, was Luthers ständige Rede vom Teufel bedeutet: Der Teufel ist dort am Werk, so Luther, wo dieses Wort zum Schweigen gebracht werden soll, oder wo andere Worte ein trügerische Gewißheit herstellen, die
eine Zeitlang trägt, die dann aber zerbricht und den Menschen in Verzweiflung zurückläßt. Wo dieses Wort des Evangeliums verstellt wird, zum Schweigen gebracht
werden soll – da ist unter den Worten und Schriften der Menschen, die das versuchen, der Teufel am Werk, sagt Luther. Und darum erscheinen ihm der Papst, Karlstadt, Zwingli, Erasmus und viele andere als Instrumente des Teufels.
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3. Das Wort Gottes in aller Wirklichkeit. Gehen wir einen Schritt zurück, zu den
Worten. Das ist in der Tat die Grundthese Luthers: Unser Leben ist immer von Worten umgeben, die uns orientieren, die uns Halt geben, die uns anstoßen, die uns vernichten, eine Vielzahl von Worten, ein Gewirr von Stimmen. Immer halten wir uns an
diesen Worten fest, verlassen uns darauf; auf manche Worte – eine Liebeserklärung
– gründen wir unser Leben. Manche tragen sehr weit. Manche halten unser Vertrauen nicht aus. Und manche Worte sind schlichte Lügen, die eine trügerische Gewißheit vermitteln, die uns in Schein einhüllen und ins Leere laufen lassen. In diesem
Stimmengewirr ist eine Stimme, die sich von allen anderen Stimmen unterscheidet,
ein besonderes Wort, Luther nennt es, wie gesagt, Evangelium, frohe Botschaft: ein
Wort, das wirklich trägt, auch dann noch trägt, wenn alle anderen Worte zerbrechen
und versagen. Wer Luther verstehen will, muß dieses Stimmengewirr und die Besonderheit des einen Wortes verstehen.
Wir sind von Worten umgeben. Folgen wir der Beschreibung dieser Situation noch
ein paar Schritte, denn Luther geht davon aus, daß wir nicht einfach von vielen
menschlichen Worten umgeben sind, sondern daß wir in aller Wirklichkeit, in allen
Worten, in allem, was wir erfahren, mit Gott zu tun haben. Alle Wirklichkeit ist eine
Maske, eine Theatermaske Gottes, durch die ich ihn reden höre. Das mag zunächst
überraschen, denn wer etwas von Luther weiß, der kennt seine Hochschätzung der
Bibel, weiß, daß er gerade sie als Wort Gottes bezeichnete – steht er, Luther, nicht
für das "sola scriptura – allein die Schrift": nur sie ist Wort Gottes und nicht menschliche Worte und Traditionen und Erfindungen und Situationen. Aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Für Luther ist die Bibel eine Art Lesehilfe für unsere jeweilige
Lebensumgebung. Die Bibel hält nicht bei sich fest, sondern sie weist uns ein in die
Wirklichkeit, in der wir leben. Das zeichnet sie aus, aber das ist auch ihre Grenze.
Die 10 Gebote beispielsweise setzen mich ins Verhältnis zu den Eltern, zu den Kindern, zu meinem Mitmenschen, den ich nicht bestehlen oder töten und dessen Ehe
ich nicht zerstören soll – und sie weisen mich damit in die Wirklichkeit, die mich
umgibt, und in die vielen Verpflichtungen und Gebote, die ich dort höre und hören
soll. "Du sollst nicht ehebrechen" – das Gebot weist mich an einen bestimmten Ort,
weist mich ein in das Verhältnis zu meiner Frau, weist mich darauf hin, daß ich hier in
ganz konkreten Situationen die Güte Gottes und das Gebot Gottes erfahre. Im Um-
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gang mit meiner Frau erfahre ich, was Gott von mir will – und die Bibel weist mich
darauf hin, daß ich hier Gottes Stimme hören soll. Oder das biblische Gebot, daß ich
meinen Nächsten nicht um das Seine bringen darf, sondern ihn lieben soll: Es versetzt mich nicht in die Lage, daß ich mir nun mühsam Nächste suchen muß und sie
möglicherweise in weiter Entfernung finde und mit einem Scheck bedenke; nein, das
Gebot weist mich zunächst ein meine unmittelbare Lebensumgebung, in die ganz
durchschnittlichen Verhältnisse, in denen ich zu meinen Mitmenschen stehe – als
Nachbar, als Vorgesetzter, als Amtsträger, als Vater oder Mutter, als Geschäftspartner; 'Ämter' nennt Luther das: In diese Ämter, in diese festen Beziehungen bin ich
gestellt, und hier höre ich in den Verpflichtungen und Aufgaben meines Amtes das
ganz konkrete Gebot Gottes: Hier: Hilf deiner Tochter bei den Hausaufgaben! Bring
den Müll raus! Sprich mit deinem Sohn, er braucht das gerade! Prüfe diesen Studenten sachgerecht! Halte eine Predigt und gib dir Mühe bei der Vorbereitung! Geh in
diese Sitzung! Nimm es auf dich und führe ein Kündigungsgespräch mit diesem Mitarbeiter! In allen diesen stummen oder beredten Forderungen hören wir das Gebot
Gottes. Und so kann es natürlich auch geschehen, daß plötzlich unerwartete Forderungen vor uns stehen – wir lesen und hören von Katastrophen und wissen plötzlich:
Du mußt etwas tun! Überweisungsformular ausfüllen!
Die Bibel ist für Luther kein exklusiver Kanon von Gottesworten für jede Situation,
sondern eine Lesehilfe für die Wirklichkeit, eine Lesehilfe, die es uns ermöglicht, das
Reden Gottes in unserer Umgebung wahrzunehmen – aber dieses Reden Gottes
selbst hören wir nicht in der Bibel, sondern das hören wir täglich aus unserer Umgebung mit dem empfindlichen Instrument unseres Gewissens, das auf die wortreichen
und auf die stummen Verpflichtungen und Erwartungen, die wir um uns her hören,
wie ein fein austarierter Seismograph reagiert.
4. Gewissen. Damit sind wir bei einem für Luther ganz zentralen Begriff – dem Gewissen. Die Anfechtungserfahrungen, denen er in seiner Zeit im Kloster in Erfurt und
als junger Professor in Wittenberg ausgesetzt war, hatten mit dieser Instanz, dem
Gewissen, oder mit dem Herz, zu tun. Das Gewissen, sagt Luther, ist eine stete
Quelle der Unruhe. Es nimmt die Wirklichkeit als Forderung wahr, es ist der Widerhall
der Forderung der Wirklichkeit in uns. Es ist nun das Eigentümliche, daß dieser Widerhall nachklingt, auch wenn die Situation längst vorbei ist. Insbesondere klingt die-
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se Forderung nach, wenn wir vor ihr versagt haben. Wir hantieren dann mit großen
Worten – Schuld, Schuldbewußtsein – wir meinen aber dies eigentümliche Gefühl,
das Unbehagen, das sich einstellt, wenn wir gegenüber dem unabweisbar fordernden Reden der Wirklichkeit versagt haben; wenn wir unseren Kindern, Ehepartnern,
unserer Berufsaufgabe, unseren Nachbarn nicht gerecht geworden sind. Sehen Sie –
ein Beispiel: Ich stehe auf dem S-Bahnhof, warte auf den Zug, bin schlecht gelaunt.
Hauptverkehrszeit, der Zug kommt, Menschen steigen aus, aus dem Wagen, vor
dem ich warte, eine Gruppe von jungen Mädchen – die scheinen ja ewig Zeit zu haben. Statt freundlich zu warten, bis sie ausgestiegen sind, dränge ich mich grob und
mit einem unterdrückten Schimpfen vor ihnen in den Wagen, stelle mich hin, hebe
den Blick und sehe in die Augen eines anderen Mitfahrenden, der meine ungeduldige
Unverschämtheit gesehen hat und der mich befremdet, erstaunt, auch etwas mitleidig betrachtet. Kleinkram, denken Sie – aber ich weiß ganz genau, was der Mitreisende denkt, er bildet sich gerade ein Urteil über mich: Aha, denkt er, einer dieser
Spießertypen, die aus lauter Frustration grob und unhöflich werden.
Das ist mir zutiefst unangenehm. Denn er hat recht. In mir steigt der fast unüberwindliche Drang auf, ihm zu erklären, wie die Situation war, daß ich zu Recht erbost war,
oder daß ich überreagiert habe, tut mir leid, und vor allem: Daß ich normalerweise
nicht so bin. Ich schweige natürlich; aber ich halte es mit mir selbst nicht aus.
Eine ganz unscheinbare Situation – aber ich kann sie nicht vergessen. Denn in dieser Situation höre ich nicht nur eine Forderung, eine Verpflichtung – 'sei freundlich
auch beim Einsteigen in die S-Bahn!' –, sondern ich höre ein Urteil, unverfügbar, unentrinnbar, ein Urteil, in dem es nicht mehr um die Frage geht, ob ich mich ordentlich
benommen habe, sondern um die Frage, wer ich bin – ein alter, brummeliger Spießertyp, oder nicht. Nicht nur Forderungen, Verpflichtungen, sondern diese Frage begleitet uns – die Frage, wer wir sind. Durch solche kleinen Erlebnisse, die ich eben
beschrieben habe, wird sie ausdrücklich gestellt; aber sie begleitet uns beständig,
immer sehen und beurteilen wir andere Menschen, immer wissen wir uns gesehen
und beurteilt von anderen Menschen, und immer haben wir ein Bild von uns selbst,
unter dem wir leiden oder auf das wir stolz sind, immer stellen wir uns dar, versuchen, an diesem Bild zu arbeiten, den Ansprüchen zu genügen, die damit verbunden
sind, versuchen, etwas aus uns zu machen – oder wir versuchen, gerade nichts aus
uns zu machen, weil wir an uns den Anspruch stellen, uns um die Meinung anderer
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nicht zu kümmern. Wir versuchen, Menschen zu sein, die für sich selbst und für andere akzeptabel sind.
5. Wer bin ich? Diese Frage 'wer bist du eigentlich?' begleitet unausdrücklich und
ausdrücklich unser Leben als Frage danach, ob wir zu uns selbst stehen können, ob
wir akzeptabel sind. Das ist die zentrale Einsicht Luthers: Daß unser Leben umgetrieben ist von der Frage, ob wir akzeptabel sind. Daß sich diese Frage für uns stellt,
nennt er Gewissen, ein Wissen um uns selbst. Wir sind gegenüber dieser Frage aber
nicht frei, sagt Luther, wir können nicht darauf verzichten, sie zu stellen, und wir können uns unser Bild von uns selbst nicht einfach zurechtlegen und frei schaffen. Ich
kann dem Blick des Mitfahrers in der S-Bahn, der mich befremdet und mitleidig ansieht, nicht einfach ignorieren, kann nicht ignorieren, was dieser Blick über mich sagt,
kann nicht anders, als ihm Recht zu geben und doch mich innerlich zu verteidigen.
Wir sind in unserem Gewissen nicht frei. Die Frage danach, wer wir eigentlich sind,
was die Wahrheit über uns ist in den vielen Bildern, die wir von uns und die andere
von uns haben, die Frage danach, ob wir akzeptabel sind oder nicht – das ist die
Frage nach dem letztgültigen Urteil über uns. In diesem Sinne die Frage nach dem
gültigen, dem endgültigen, dem letzten, dem Jüngsten Gericht. Selbst wenn wir beschließen, von Gott nicht zu reden, seine Existenz zu leugnen, uns von der lächerlichen Vorstellung von Gerichtsposaunen und zusammenbrechenden Sternenhimmeln
zu befreien; auch wenn wir bei uns selbst entscheiden, daß Luthers Anfechtungserfahrung und seine Frage nach einem gnädigen Gott rettungslos mittelalterlichen
Denkvoraussetzungen verhaftet und an Weltbilder geknüpft ist, die wir uns beim besten Willen nicht mehr einreden können – alles geschenkt: Dennoch entkommen wir
dieser Frage nicht. Denn hier, in unserem Gewissen, dem Bild von uns selbst, das es
uns vorhält, und in der unabweisbaren und unbeherrschbaren Frage, wer wir nun
eigentlich und in Wahrheit sind, haben wir es genau mit dem zu tun, was Luther 'Gottes Gericht' nannte. Wir haben unser Gewissen und das Bild unserer selbst, das sich
da formt, nicht in der Hand. Wir sind in unserem Gewissen in einer fremden Hand.
6. Gericht. Wie kann ich mit mir selbst leben, wie kann ich mich selbst akzeptieren –
das ist die Frage nach dem gnädigen letzten Urteil über uns, die Frage nach der Rettung aus der Hölle des Selbstgerichtes. Und Luther ist erst den nächstliegenden Weg
gegangen, den Weg, daß er versucht, den Forderungen, die er in seinem Gewissen
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hört und spürt, zu genügen – wie wir an dem Bild arbeiten, das wir anderen bieten,
versuchen, akzeptabel zu sein im Blick auf unseren finanziellen Erfolg, im Blick auf
unser Aussehen und auf unseren Bauchumfang, im Blick auf unsere berufliche Leistung. Das ist es, was Luther 'Rechtfertigung durch Werke' nennt: Der Versuch, etwas
aus sich zu machen, sich akzeptabel zu machen, indem man den Anforderungen des
Lebens genügt.
Luther bestreitet nicht, daß dieser Versuch erfolgreich sein kann. Er bestreitet auch
nicht, daß dieser Versuch, den Anforderungen des Lebens zu genügen, unverzichtbar ist – wir haben deshalb hier einen so schönen Gottesdienst, weil Chor und Orchester ihrem Amt und den Anforderungen dieses Amtes gerecht geworden sind,
weil sie sich angestrengt haben, geübt haben, um eine Leistung abzuliefern, die
Freude macht. Was Luther bestreitet ist, daß dies das letzte Wort über uns ist und
sein darf. Er bestreitet, daß wir unseren Trost im Blick auf unser Leben und im Blick
auf die Frage aus dem ziehen können, was wir geleistet und aus uns gemacht haben. Und er bestreitet, daß unser letztes Urteil über andere Menschen und über ihren
Wert von der Frage bestimmt sein darf, was sie denn geleistet haben, ob sie allen
Anforderungen genügt haben. Und er bestreitet vor allem, daß wir an uns selbst verzweifeln müssen, wenn wir versagen.
6. Das besondere Wort. Er weist darauf hin, daß wir in allen Worten, die wir in der
Wirklichkeit hören – in allen Forderungen, allen Urteilen, allen Anklagen und Verteidigungen – daß wir in diesen Worten ein besonderes, unvergleichliches Wort hören,
nämlich genau das Wort, das, so berichten die Evangelisten, bei der Taufe Jesu zu
hören war: "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen." Die Taufe, sagt
Luther, ist der Ort, an dem wir mit Jesus von Nazareth verbunden werden. Die Taufe
ist der Ort, an dem dies auch über uns ausgesprochen wird: Daß wir geliebte Töchter
und Söhne sind, daß wir akzeptabel sind, Gegenstand des Wohlgefallens sind, und
daß dies die letzte Wahrheit, das jüngste, nicht mehr überholbare Urteil über uns ist.
Daß alle unsere Anstrengungen, mit den Forderungen unseres Lebens umzugehen,
getragen sein sollen von dem Wissen, von dem Vertrauen, daß wir Gegenstand des
Wohlgefallens sind, bevor wir etwas tun.
7. Rechtfertigung. Die so abstrakt und fern wirkende Lehre von der 'Rechtfertigung
allein durch den Glauben ohne des Gesetzes Werke' sagt genau dies: Du bist akzep-
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tiert und geliebt, bevor du anfängst, etwas zu tun und an deinem Bild zu bosseln.
Wenn das gelingt, wenn dies Vertrauen in uns entsteht, dann werden wir Menschen,
die mit den Forderungen ihres Lebens, mit den Beziehungen zu anderen Menschen
umgehen ohne beständige Sorge um das Bild, das sie dabei abgeben; dann werden
wir zu Menschen, denen es nicht um sich selbst, sondern um die Menschen geht, mit
denen sie zu tun und für die sie zu sorgen haben. Dann werden wir zu Menschen,
die im Zweifelsfall das Richtige tun, ohne sich um das möglicherweise negative Bild
zu kümmern, das andere von ihnen gewinnen – denn sie wissen, daß sie geliebte
Kinder sind, auf denen das Wohlgefallen Gottes von Anfang an liegt. Dann werden
wir zu Menschen, die wissen, daß auch ihre Mitmenschen mehr sind als das, was
von ihnen zu sehen und zu erfahren ist; sie werden auch ihre Mitmenschen beispielsweise nicht auf das Unrecht festlegen, das diese Mitmenschen getan haben –
denn diese Mitmenschen sind mehr als die Summe ihrer Taten, sind am Grunde ihrer
Taten Gegenstand des Wohlgefallens Gottes und daher von unendlicher Würde.
Die Rede von der Rechtfertigung allein aus Glauben ruft dazu auf, aus dem Wissen
um die unverlierbare, in Gottes bedingungslosem Wohlgefallen begründeten Würde
zu leben und in anderen diese unverlierbare Würde anzuerkennen.
Auch Luther, so hatten wir eingangs gesehen, steht im Widerstreit der Bilder und der
Urteile über ihn, ein Mensch in seinem Widerspruch, ein ringender Mensch zwischen
Gesetz und Evangelium, altem und neuem Menschen. Kein Heiliger. Nicht besonders
akzeptabel. Besonders nur an dem Punkt, daß er durch alle Irrungen und Wirrungen
seines Lebens hindurch sich bemüht hat, diese Botschaft zur Geltung zu bringen: Die
Botschaft vom bedingungslosen Wohlgefallen Gottes, die ein Leben in der unverbrüchlichen Gewißheit ermöglicht, daß wir unendlich wertvoll sind. Unsere Theologie
ist gewiß – sagt er – weil sie uns, unseren Wert, außerhalb von uns selbst und unserem Werk, nämlich in Gott, begründet.
Dies Vertrauen schenke Gott uns allen. Amen.
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