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Flyer 38. JU-Landestag - Junge Union Sachsen und Niederschlesien

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Leonardo - Wissenschaft und mehr
Sendedatum: 31. Oktober 2014
Opioide in der Schmerzbehandlung
Einsetzen, doch bitte richtig
von Thomas Samboll
Sprecher:
Manchmal ist Dr. Kerstin Baudet fast am Verzweifeln. Die Schmerztherapeutin von
der Insel Rügen hat immer mehr Patienten, die hemmungslos zu Opioiden greifen.
Zu Einem oder auch gleich zu Mehreren. Und die nun über Komplikationen klagen,
über Antriebslosigkeit zum Beispiel oder Müdigkeit – und darüber, dass die Dosis
nicht mehr ausreicht.
O-Ton:
„Ja, Opiat-Patienten sind deutlich mehr geworden. Und vor allem viel, viel
schneller. Also die Patienten, die vorher noch die Komplikationen nach nem
Diclofenac oder Ibuprofen gehabt haben, wie es früher war, die haben
deutlich abgenommen, weil man als ersten Schritt schon das Opioid gewählt
hat.“
Sprecher:
Nicht immer fällt es den Patienten leicht, ein Opioid wieder abzusetzen. Dann ist
erstmal Entzug angesagt. Kerstin Baudet hat deshalb eine Zusatzausbildung in
Suchtmedizin gemacht. Aber Schmerztherapie UND Suchtbehandlung, das bringt sie
immer wieder an ihre Grenzen.
O-Ton:
„Denn so ne Entzugsbehandlung ist ne Behandlung, da müssen Sie den
Patienten täglich sehen. Und das ist schon n Problem.“
Sprecher:
Dass Patienten mit chronischen Schmerzen heutzutage viel zu schnell Opioide
bekommen und dass auch nicht genug geprüft wird, ob sie überhaupt von so einer
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen
Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder
vervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.
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Therapie profitieren, davon ist auch der Schmerzmediziner Dirk Risack vom Klinikum
Nürnberg überzeugt.
O-Ton:
„Das heißt, es wird zum Selbstläufer! Die haben mal Opioide verschrieben
gekriegt wegen Schmerzen. Und dann wird es zum Selbstläufer: Die Ärzte
verordnen es immer weiter und prüfen nicht, ob es wirklich noch wirksam ist.
Oder ob nicht auch noch andere Faktoren wie zum Beispiel seelische
Auffälligkeiten, soziale Stressfaktoren dazukommen. Und wenn diese
Faktoren dazukommen und wenn die Patienten diese Medikamente letztlich
nur noch nehmen, um zu funktionieren, dann ist spätestens der richtige
Moment, was zu ändern.“
Sprecher:
Vom allzu leichtfertigen Umgang mit Opioiden durch die behandelnden Ärzte ist dann
die Rede, von der „Sucht auf Rezept“. In den USA und in Australien hat dies bereits
zu dramatischen Entwicklungen geführt, allein in den Vereinigten Staaten hat sich die
Zahl der Verordnungen von lang wirkenden Opioiden innerhalb von zehn Jahren
mehr als verdoppelt, so Professor Thomas Tölle, der Präsident der Deutschen
Schmerz-gesellschaft.
O-Ton:
„Mit der Folge der Abhängigkeit und auch mit Todesfällen, die eben durch
Überkonsum entstanden sind.“
Sprecher:
Opiate sind hochwirksam – sollten aber nur kurze Zeit und auch nur bei bestimmten,
schweren Schmerzerkrankungen eingesetzt werden. Neben Krebs gehören dazu
zum Beispiel Nervenschmerzen bei Diabetes, chronische Rückenschmerzen oder
auch chronische Schmerzen bei Gelenkverschleiß und nach einer Gürtelrose. Hier
haben Studien eine Wirksamkeit von bis zu drei Monaten belegt. Länger als drei
Monate sollten Opioide nur dann eingenommen werden, wenn sie gut gewirkt haben
und der Patient sie gut vertragen hat.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen
Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder
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So steht es in der aktualisierten Behandlungsvorgabe für Opioid-Patienten mit
nichttumorbedingtem Schmerz, kurz LONTS. Die ist sehr wichtig, erklärt Prof. Frank
Petzke von der Uni Göttingen.
O-Ton:
„Wir müssen leider realistisch eingestehen: Die Hoffnung, die man vor 20
Jahren hatte, mit Opioiden kriegt man den Schmerz in den Griff, JEDEN
Schmerz in den Griff, die können wir so heute nicht mehr halten.“
Sprecher:
Die alltägliche Praxis sieht aber anders aus, hat Schmerztherapeutin Kerstin Baudet
beobachtet: Opiate werden häufig viel zu lange verordnet – auch bei Schmerzerkrankungen, die man mit anderen Medikamenten besser behandeln könnte. Bei
Migräne oder Spannungskopfschmerzen zum Beispiel, beim Reizdarmsyndrom, bei
chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder auch bei psychischen Störungen
mit chronischen Schmerzen wie Depressionen wirken Opioide kaum oder gar nicht
und die Nebenwirkungen überwiegen.
O-Ton:
„Mittlerweile, habe ich das Gefühl, haben auch viele Ärzte den Respekt
gegenüber dem Medikament verloren, weil es so einfach ist zu verschreiben.
Vor zehn Jahren war es ein Problem, einen Kollegen zu finden, der
Suchtmittelrezepte hatte. Hausärzte, hat jeder gesagt: Fang ich nicht an, leg
ich mir nicht hin! HEUTE ist das überhaupt kein Problem mehr, fast jeder
Hausarzt hat ein Suchtmittelrezept und ist auch in der Lage, das
aufzuschreiben.“
Sprecher:
Von großer Skepsis bis fast zur Selbstverständlichkeit – das Pendel in puncto
Opioid-Verordnung ist in den letzten Jahren von einem Extrem ins andere
geschwungen. Die überarbeite LONTS-Leitlinie soll nun für so etwas wie die
„gesunde Mitte“ sorgen, so Prof. Thomas Tölle, und den kritischen Blick der Kollegen
wieder schärfen.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen
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O-Ton:
„Wir müssen mit unseren Patienten sprechen, mit unseren Ärzten, es gibt
Vorsichtsmaßnahmen, es gibt Fragen: Hat der Patient eine Suchtgeschichte?
Hat er Depressionen, Angst, Panikstörungen? Und das alles sollte uns dann
nicht unbedingt abhalten, dieses Medikament zu geben, aber noch
engmaschiger zu kontrollieren.“
Sprecher:
Sein Nürnberger Kollege Dirk Risack ist da etwas zurückhaltender.
O-Ton:
„Die aktualisierte Leitlinie hilft sicherlich dafür, dass die Erstanwendung von
Opioiden vielleicht mittelfristig kritischer gesehen wird. Und dass man vor
allem Patienten rausselektiert, die von vornherein nicht so arg davon
profitieren und wo von vornherein das Risiko erhöht ist, dass sich irgendeine
Abhängigkeit oder Gewöhnung entwickelt. Letztlich müssen wir aber noch
mehr in Zukunft Kriterien formulieren, die Patienten schon vorher selektiert,
wo man denkt, dass es einfach nicht funktioniert. Von daher ist diese neue
LONTS-Leitlinie ein Schritt, aber noch nicht das Ende und noch nicht das
Ziel.“
Sprecher:
Nur wenn Opioide richtig eingesetzt werden, können sie also bestimmte Schmerzen
lindern und dem Betroffenen das Leben erleichtern. Deshalb sollten Patienten damit
ebenso kritisch umgehen wie Ärzte. Also sich den Gebrauch und mögliche
Nebenwirkungen ganz genau erklären lassen, mit dem Arzt darüber sprechen, wenn
die Schmerzen nicht weggehen und keinesfalls selbstständig die Dosis erhöhen.
Damit ihr Weg nicht vom Schmerz in die Sucht führt.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
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