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2008 Schildgen: Was kommt am Ende - Theologie-Köln

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Martin Bock
Vortrag in der evangelischen Kirchengemeinde Altenberg-Schildgen im März 2008
Was kommt am Ende? Zwischen Apokalyptik und Titani
Die Frage nach unserem persönlichen und dem Ende der Welt entsteht eigentlich nicht hinter
Kirchenmauern oder an Universitätsschreibtischen, sondern da, wo sie hingehört: im
Nachdenken über mein Leben, in der Trauer über verlorenes Leben, in der Klage über
Krankheit und das Warum. Die Bibel reflektiert in der Paradieserzählung in Gen 2-3, dass
diese Frage nach Leben und Tod, nach Endlichkeit oder Unbegrenztheit des Lebens wirklich
zu den allerelementarsten Fragen gehört, die ein Mensch überhaupt stellen kann. Sie gehört
deshalb in den Garten des Lebens. In den Garten der Geschichte, in der wir leben.
Durch diesen Garten möchte ich jetzt mit Ihnen ein paar Runden gehen. Wir haben
interessante Begleitung. Gott der Herr selbst geht am Abend des Tages durch seinen Garten
und interessiert sich für das geschäftige Treiben dort, insbesondere an den beiden Bäumen der
Erkenntnis und des Lebens.
1. „Nach uns die Sintflut?“ Biblische Elementarteilchen
Die Frage nach dem Ende, nach Sterben und Tod geht jeden etwas an – jeder ist ihm
ausgesetzt und setzt sich damit auseinander. Beiträge aus Kunst und Kultur, Musik und
Philosophie gehen dem Phänomen des Todes nach und halten es in Bildern, Tönen und
Worten fest. Eine ganze Philosophie, der Existentialismus, kann auch eine Philosophie der
‚Existenz vor dem Angesicht des Todes’ genannt werden, und Martin Heidegger hat dies in
den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in das berühmte Bild vom (menschlichen) Dasein als
„Vorlaufen in den Tod“ gebracht: Jeder Mensch sieht dem Tod ins Auge, und muß sein Leben
angesichts dieser absoluten und nicht zu überholenden Grenze führen – möglichst
konzentriert, „entschlossen“ und mit Blick auf die eigenen Möglichkeiten.
Es ist aber nicht von ungefähr, dass das 20. Jahrhundert diese Philosophie des ‚Vorlaufens
zum Tod’ hervorgebracht hat. In diesem Jahrhundert hat sich die ‚Allgegenwärtigkeit’ des
Todes nicht nur in zwei Weltkriegen sozusagen „global“ in unser Bewusstsein einnisten
können, sondern es hat auch in Bildern festgehalten werden können. Fotografien und Filme
brennen uns die Erinnerung an die Todesorte von Verdun und von Auschwitz tiefer als je
zuvor ins kollektive Gedächtnis – und halten sie auf eigentümliche Weise wach.
Die theologische Wissenschaft, die sich um das Ende kümmerte, die „Eschatologie“, die
Lehre von den letzten Dingen, hat eine Menge Konkurrenz bekommen, zumindest was das
‚Anschauungsmaterial’ angeht. Doch andererseits war das in der Eschatologie schon immer
so: Als Theologe betritt man niemals eine tabula rasa, wenn es um die ‚letzten Dinge’ geht.
Immer sind die Kosmologen, die Naturwissenschaftler, die Philosophen und die bildenden
Künstler schon da gewesen und haben das Feld bereitet, das Szenario entfaltet. Immer gibt es
in der Frage nach den letzten Dingen ein Ineinander von (katastrophaler) Erwartung der
kommenden Dinge und der Erwartung eines Eingreifens von oben bzw. von außen.
Dieses Verwickelt sein verschiedenster Stimmen, Instanzen und Foren spricht nach m.E. sehr
anschaulich aus einem biblischen Text aus dem Neuen Testament, aus dem 2. Petrusbrief, den
ich mit Ihnen gerne einen Moment meditieren möchte. Der 2. Petrusbrief ist innerhalb des
Neuen Testamentes wahrscheinlich recht spät geschrieben worden. Er richtet sich an
Menschen, für die die Frage nach dem Ende regelrecht zur Anfechtung geworden ist. In ihren
Reihen hat es so genannte Spötter gegeben, die der Hoffnung und der Zukunft den Wind aus
den Segeln möchten. Sie behaupten: „Es bleibt alles, wie es schon immer gewesen ist“ (3,4).
Diese scheinbar elementarste aller Erfahrungen wirkt offenbar unter den Urchristen wie ein
Hammer, der alles zerschlägt. Wer könnte dagegen etwas sagen? Die Mentalität des ‚Nach
mir die Sintflut’ hat schon damals und bis heute Menschen gelähmt und demotiviert. Was
kann ich denn schon ausrichten? Die Dinge werden ihren Lauf nehmen! Keiner hat bisher die
Welt verändert? Auf diese Argumente werden Sie trotz aller und vielleicht gerade aufgrund
allen existentialen ‚Vorlaufens in den Tod’ immer wieder treffen – möglicherweise nicht
zuletzt bei sich selbst.
Wenn Sie in der heutigen Gegenwarts-Literatur ein Parallelstück dazu suchen, empfehle ich Ihnen die
Romane des Franzosen Michel Houellebeque (z.B. „Elementarteilchen“, Die Welt ist eine Insel). In
ihnen wird eine zynische Sicht menschlicher Beziehungen entwickelt, die von Gegenwart und Zukunft
des Anderen gar nichts mehr erwartet; Mitmenschen sind so etwas wie ein Schlachtplatz von Trieben
und Experimenten geworden – das alles zelebriert Houllebeque vor dem Hintergrund einer
kosmologischen Melancholie, die ihn in den vergangenen Jahren in vielen Ländern zum Kultautor
gemacht hat.
Für den 2. Petrusbrief ist die Lebenseinstellung des ‚Nach mir die Sintflut’ jedoch eine
theologische und kosmologische Herausforderung sondergleichen. Er entwickelt noch einmal
ein Szenario vom kosmologischen und existentiellen Ende, das nicht aus dem Hut gezogen
wird. Der Brief ringt nach Worten, mit denen dieser Bemächtigung der Hoffnung zu
entgegnen ist – er hat nichts Festes in der Hand, vielmehr brüchige und fragmentarische
Erfahrungen, die dann aber in das Bekenntnis eines neuen Himmels und einer neuen Erde
münden. Doch ich lese den Text einmal im Zusammenhang:
2. Petrus 3, 3-13
Was diesen Text nach m.E. so kraftvoll macht, ist, dass er sogar unter Absehen der
theologischen, religiösen Aussagen nachvollziehbar bleibt, oder sollte ich besser sagen: Seine
Aussagen bleiben nicht als „himmlisches Inventar“, als Theaterdonner zurück, sondern sie
haben eine tief existentielle Seite: Es geht um elementare Enttäuschungen, es geht um die
Erfahrung der Beständigkeit des Lebens, es geht um die Angst vor Verlust, vor gänzlichem
Verschwinden, vor Vernichtung aller Elemente, es geht aber auch um die Haltung der Geduld
und um die Relativität der Zeit (Tausend Jahre – ein Tag) und immer wieder darum, wie aus
einem Alptraum aufzuwachen und sich selbst zu fragen: Wie muss ich angesichts des Endes
dastehen? Wie bin ich darauf vorbereitet?
All diese existentiellen Stationen hat die traditionelle Eschatologie geordnet und sie bis hin
zur Vorstellung vom Fegefeuer und vom sog. Zwischenzustands zu einer Dramaturgie vom
Ende gemacht. Ob sie damit mehr Klarheit hineingebracht hat? Für uns ist wichtiger, dass die
„Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in denen
Gerechtigkeit wohnt“, etwas Neues, Andersartiges in alle anderen blitzartigen
Wahrnehmungen hineinbringt. Ist es die Hoffnung, dass in diesem neuen Himmel und Erde
eine Gerechtigkeit regelrecht wohnt, mit der ich mitgemeint bin, die aber viel weiter als mein
Leben reicht? Ist es die Aussage, dass nicht wir uns dieses Szenario ausdenken, sondern es in
Gottes Verheißung ruht? Dass Menschen nicht auf einen Kollaps des Kosmos und dessen,
was sie auf der Erde anrichten, warten, sondern darauf, dass Gott seine liebende Verbindung
zu dem Geschöpf Erde sichtbar und uns tief greifend korrigierend wieder ins Spiel bringt?
Wenn es also so ist, dass solche eschatologische Metaphern und Bilder wie im 1. Petrusbrief
das Fragen nach dem Ende verdichten und verschärfen, dann lassen Sie uns weiter auf die
Suche gehen, wie Menschen diese Frage in ihrer jeweiligen Zeit gestellt haben. Wir haben
dabei schon die Tatsache berührt, dass es bei der Frage nach dem Ende nicht nur um ein
persönliches Fragen geht, sondern um mein Leben in der Geschichte.
2. Rettende Bilder – gerettete Zeit? Vom Sinn der biblischen Apokalyptik
Bleiben wir dabei in der biblischen Literatur, stoßen wir auf das Phänomen der Apokalyptik.
Ich würde die Apokalyptik als „rettende Bilder“ oder den Versuch der „Rettung der Zeit“
bezeichnen.
Doch zunächst: Was ist Apokalyptik? Darunter versteht man zunächst die besonderen
Literaturformen der Bibel, eine Art Offenbarungsliteratur. In Form von Visionen, Auditionen
oder Traumgesichten gewährt Gott (oder auch ein Engel) einem bestimmten Menschen
(Propheten, Seher Johannes, Jesus) Einblick in den Lauf der Heilsgeschichte, vor allem aber
Einblick in das nahende Ende. Dieses Ende hat immer eine furchtbare, richtende Seite, aber
läuft auch auf eine heiß erwartete endgültige Heilszeit hinaus. Vielleicht kennen Sie diese
Texte aus dem Buch Daniel oder aus der Offenbarung des Johannes. Vielleicht kennen Sie sie
aber auch nur von den kirchlichen Gruppen, für die die Apokalyptik eine ganz besondere
Rolle spielt: für die Zeugen Jehovas, von Adventisten oder im katholischen Raum auch von
Gruppen, bei denen Endzeitvorstellungen mit der Person Marias verkoppelt sind.
All diese Gruppen beziehen sich auf ein Charakteristikum der Apokalyptik, das jedoch in
ihren Reihen sehr stark betont ist: Die Deutung der Geschichte nach einem bestimmten
Muster als Orientierungshilfe für in irgendeiner Weise bedrängte Menschen. Die Apokalyptik
sagt: Was im Moment wie ein unentwirrbares Knäuel von Erfahrungen aussieht, all die
negativen Erfahrungen von Nicht-Anerkennung, Glaubensschwäche, Widerstand und
Feindschaft – das hat im Plan Gottes, den er mit der Welt hat, seinen Sinn. Dieses Knäuel ist
kurz davor, zerschlagen zu werden – und dann, in diesem Ende, werden sich die Fronten
klären. Das wird Gutes belohnt und Schlechtigkeit bestraft werden, denn Gottes Gerechtigkeit
ist nicht etwa außer Kraft gesetzt worden. Im Gegenteil: Diese Zeit ist von Gott dazu
bestimmt, dass hier Entscheidendes passiert. Und diese entscheidende Zeit ist eben deshalb
ein Höhepunkt in jeder Hinsicht: Höhepunkt der Unheilsgeschichte wie deren ENDE, das
übergeht in die Zeit des Heiles und der Gerechtigkeit.
Die apokalyptischen Texte sowohl des Alten wie des Neuen Testamentes haben also sehr
stark damit zu tun, die Wirklichkeit zu ordnen, zu klären und auf diese Weise ANGST zu
bewältigen. Hintergrund ist, dass diese Texte tatsächlich in Not- und Bedrängnissituationen
Israels oder des frühen Christentums geschrieben worden sind (babylon. Exil, Zerstörung des
Tempels unter Antiochus IV, Christenverfolgungen). Die Welt, sowohl die persönliche wie
die größere, wurde als katastrophal erlebt – gerade weil man „im Glauben an Gottes Führung“
eine andere Vorstellung vom Leben hatte und sich fragen musste: Will Gott uns damit prüfen?
Hat er uns vergessen? Oder steht das Ende kurz bevor?
Vor diesem Hintergrund sagt auch wohl der historische Jesus der Evangelien in einer Art
Vision: ‚Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen – der ANFANG VOM Ende’
Und er selbst handelt in dieser besonderen Zeit: „Wenn ICH aber durch Gottes Finger die
bösen geister austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen“.
Es drängen sich also in einer Bedrängnissituation zunächst rettende Bilder auf, Bilder die
aufklären und Perspektive vermitteln. Bilder vermitteln Hoffnung und lassen auch die Angst
Gestalt gewinnen.
Das ist der spannende Punkt der Apokalyptik – und übrigens auch der Punkt, der das
‚Gedächtnis’ der Geschichte in Krisensituationen am eindrücklichsten überdauert:
Sehr eindrücklich für das vergangene Jahrhundert insgesamt ist ja zum Beispiel das Bild der
TITANIC1: Nicht nur der Film „Titanic“ hat am Ende des 20. Jahrhunderts den Mythos des
‚untergehenden Jahrhunderts’ noch einmal reproduziert, sondern seit dem realen Untergang ist die
Titanic „das“ Bild schlechthin für Schiffbruch, Scheitern, Überheblichkeit, Versagen der Technik und
eine unaufhaltsame Katastrophe. Aber: Die apokalyptischen ‚Bilder’ der Titanic vermitteln eben nicht
nur dies: Sie erzählen nicht nur den Untergang, sondern in diesem auch sämtliche apokalyptischen
Motive: soziale Ungerechtigkeit bis in den Tod, Überheblichkeit, Masslosigkeit und Prassen, bis ‚die
Lichter ausgehen’. Aber sie erzählen auch ‚das Rettende’. Nicht erst in dem letzten Titanic-Film bildet
eine Liebesgeschichte den roten Faden: die Liebe rettet den anderen, verdankt ihm/ihr das Leben und
geht sogar stellvertretend in den Tod. Dass dieser Tod nicht ‚sinnlos’ ist, sondern ein ‚Vermächtnis’
hat, ist ein ausdrücklich religiös-apokalyptisches Motiv, das TROST und ORIENTIERUNG geben soll
angesichts der offensichtlichen Schrecklichkeit und Sinnlosigkeit des Todes so vieler tausend
Menschen.
Noch viel tiefer in dieWirkungsgeschichte des apokalyptischen Denkens führt uns jedoch ein
Bild, das ich Ihnen jetzt kurz vorstellen möchte. Es ist Paul Klees „Angelus novus“, das von
Walter Benjamin, einem jüdischen Philosophen, der 1940 bei seiner Flucht vor den Nazis in
Südfrankreich sich selbst das Leben nahm, folgendermaßen interpretiert wird:
“Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als
wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein
Mund ist offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er
hat das Antlitz der Vergangenheit zugewandt. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da
sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die
1
Vgl. R. Riess, Der Untergang der Titanic, in: W. Sommer (Hg.), Zeitenwende – Zeitenende. Beiträge zur
Apokalyptik und Eschatologie, Theologische Akzente 2, Stuttgart u.a. 1997.
Füße schleudert.
Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm
weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie
nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken
kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen,
ist dieser Sturm.”
Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, 1939
Der Engel, von dem Benjamin spricht, bringt nicht eine Himmelsbotschaft für Menschen und
verschwindet dann wieder. Dieser Engel wird von der Geschichte der Menschen festgehalten.
Paul Klee steht dabei die Geschichte vor Augen, die sich den Namen „Fortschritt“ gegeben
hat, aber in Wahrheit Menschenmassen unter sich und ihren Ideen begraben hat
(Nationalsozialismus und Stalinismus). Diese Fortschritts“-Geschichte ist für den ‚Engel der
Geschichte’ ein „Trümmerhaufen“, der „vor ihm zum Himmel wächst“. Er ist von dem
Anblick gebannt, kann sich nicht mehr seinem Ursprung, dem Paradies, zuwenden. Im
Gegenteil, vom Paradies mit seinen verschlossenen Pforten her weht ihn von hinten ein Sturm
an, der ihn und den Geschichts-Trümmerhaufen immer weiter von ihrem Ursprung forttreibt.
Es ist also eine stürmische Vertreibung aus dem Paradies – und der Engel steht zugleich für
die Ohnmacht wie die Sehnsucht, diesen Sturm anzuhalten und sozusagen die „Notbremse“ zu
ziehen. Das mörderische „Kontinuum“ der Geschichte, das all die Katastrophen mit sich
gebracht hat, müsste angehalten werden; nur ein „Stillstand“ und das Auf-den-Plan-treten
eines neuen „Subjektes der Geschichte“ könnte diesen Zustand beenden. Benjamin zitiert
damit natürlich nicht weniger als das biblisch-messianische Denken, das von der wirklichen
Möglichkeit ausgeht, dass das mörderische Kontinuum der Geschichte aufgehalten wird, dass
sozusagen ‚von außen’ ein anderes Reich zur Geltung kommt. Doch wer wird dazu die
Souveränität haben? Wer kann die unheilvolle Vergangenheit überwinden? Wie können wir
aus einer Geschichtserfahrung, die eine Katastrophe nach der anderen auftürmt und damit
nicht nur die (Über)Lebenden bedroht, sondern sogar die Toten vergisst, ausbrechen?
Mit dieser prophetischen und historischen Frage nach der UNTERBRECHUNG der Zeit
graviert Benjamin apokalyptisches Denken tief in unsere Zeitgeschichte hinein und macht –
und dies ist dann in der jüngsten Philosophie- und Theologiegeschichte vor allem der
Kritischen Theorie (Horkheimer/Adorno) zu verdanken - bis zum heutigen Tag allem
Optimismus ein Ende, mit dem vor allem das Christentum sich immer wieder auf die
Geschichte als den selbstverständlichen Spielraum des Handelns bezogen hat. „Nach uns die
Sintflut“, diese destruktive Spötter-Ansage glaubte man ja lange durch einen
Fortschrittsoptimismus konterkarieren zu können, der die biblische Offenbarung auf seiner
Seite wähnte. Das Besondere an der Bibel, so sagte man, war Gottes Interesse an der Welt,
deshalb war die Moderne und aller technische Fortschritt kein Abfall von der geschichtlichen
Offenbarung Gottes, sondern ihre unbewußte Konsequenz: Die Welt sozusagen als die
geöffneten Arme Gottes. Der Philosoph G.F. Hegel sprach selbstbewusst von der
europäischen Freiheitsgeschichte als dem inneren Richtungssinn der Bibel; ihr Fingerzeig
richtete sich nicht nach oben, sondern nach vorn. Die Geschichte und ihre Dynamik markiere
daher das fortwährende und im Grunde immer fruchtbare Gericht Gottes unter bzw. mit den
Menschen –in diesem Rahmen ist es die Aufgabe der Kirche und des christlichen Glaubens,
sich im wahrsten Sinn des Wortes nützlich zu machen: in den Institutionen und Einrichtungen
der Gesellschaft, aber vor allem im, wie dies damals ausgedrückt wurde, „sittlichen
Bewusstsein“ aller, die Verantwortung tragen.
Die Frage nach dem Ende der Geschichte und der Zeit war damit gleichsam kaltgestellt –
oder: wurde sie nur lauwarm gehalten?
Doch wie gesagt: Die Zeiten, in denen man vom ‚Ende der Geschichte’ in fröhlichem
Optimismus meinte sprechen zu können, sind vorbei. Die letzte Urständ feierte Hegels
Entwurf noch einmal zu Beginn der 90er Jahre, in denen Francis Fukuyama nach dem Ende
des Ost-West-Antagonismus und des kalten Krieges das „Ende der Geschichte“ ausrief.
Freiheit und Marktwirtschaft, so Fukuyama, seien nun ohne Konkurrenz und träten nun den
Siegeszug in die zweite und dritte Welt an.
Auch hier wissen wir inzwischen: Das Ende des ersten Aktes der Globalisierung ist vorbei,
die Konflikte zwischen Arm und Reich scheinen seitdem eher verschärft und global
verbreitert. Fukuyama hat 2001 – welch Wunder nach dem 11. September - seine eigene
These vom gekommenen ‚Ende der Geschichte’ wieder zurückgezogen. Seitdem ist es wohl
eher das „Szenario der Angst, das heute unser Verhältnis zur Geschichte prägt.“ (Taxacher,
EvTh 2007, 192).
3. Zwischenfrage: Die Problematik apokalyptischer Bilder: Bringt sie auf falsche
Gedanken?
Die Apokalyptik bildet also so eine Art Bild-CODE, der im Umgang mit Katastrophen immer
wieder auftaucht – und zwar in sehr kritischer und geradezu messianischer Hinsicht wie bei
Paul Klee bis hin zur Kino-Bilderflut.
Was machen wir nun mit all’ diesen Bildern? Können Bilder die Hoffnung nicht auch auf
falsche Gedanken bringen? Aus zwei Gründen könnte man ja auf diesen Gedanken kommen:
(a) Wir treffen ja, gerade im Medienzeitalter, in den seltensten Fällen, auf ‚originale’ Bilder,
sondern auf vermittelte Bilder, die produziert werden, massenweise sogar. Ganze
Nachrichtensender leben geradezu von apokalyptischen Bildern, von Katastrophen und
Unglücken. Diese Bilder stammen zwar von ‚realen’ Katastrophen, aber sie erreichen uns
quasi industriell. Diese Bilder vergehen im Bewusstsein so schnell, wie sie produziert worden
sind. Ja, sie müssen sogar vergessen werden, damit neue ‚Bilder’ wieder Platz haben Wird
hier nur apokalyptisches Lebensgefühl vermittelt – und politischer Pragmatismus damit
erkauft? Auf welche Gedanken können uns solche Bilder noch bringen? Können sie uns noch
zur Solidarität mit den Leidenden der Schöpfung bewegen?
Genauso wie Bilder schockieren wollen und damit gerade ‚unbeständig’, erlebnisorientiert,
sein wollen, können andere Bilder vertrösten wollen statt zu trösten. Durch Bilder werden wir
auch vielfach ‚leicht-gläubig’, glauben wir der schnellen Bilderfolge, die das Dunkle nur
wenige Sekunden zulässt und es dann mit „positiven“ Bilder überdeckt. Wie apokalyptisch ist
also unser Lebensgefühl? Die 2000-Jahrtausendwende sprach vielleicht eher dafür, dass
wirkliche Weltangst und Trostbedürfnis schwer zu eruieren, doch umso leichter kurzfristig
vorzuspiegeln sind. Bilder bleiben also verführerisch, sind nicht unschuldig, können
missbraucht werden und uns selbst missbrauchen. Das ist also die erste Frage auch an die
„Apokalyptik“: Bringt sie uns eher auf falsche Gedanken?
Die zweite Frage reicht aber noch weiter. Bringt die Apokalyptik nicht eine ganz naive
Vorstellung von der Zeit mit sich? Als würde die Welt nicht nach eigenen Gesetzen ablaufen!
Als könnte Gott tatsächlich in den Verlauf des persönlichen und kollektiven Lebens
eingreifen! Das ist doch naiv! Das haben doch höchstens noch die ersten Christen gedacht,
dass zu ihren Lebzeiten die Geschichte unterbrochen wird und Christus als Weltenrichter auf
Wolken vom Himmel kommt, die Toten auferweckt und die Gläubigen zu sich holt (vgl. 1.
Thess 5). Aber als dann nichts geschah, hat man sich doch darauf eingestellt, dass gleichsam
die Geschichte nicht unterbrochen wird, sondern alles seinen individuellen Lauf geht. Das
‚Leben nach dem Tod’, das Weltgericht, Himmel und Hölle wurden zu individuellen
Verheißungen und Drohungen, welche die Kirche in ihrem Lehrgebäude verwaltete und
vertrat. Es entwickelte sich eine Art Arrangement von Zeit und Ewigkeit, das sich nicht ins
Gehege kommt. Zeit ist Lebenszeit – und die Ewigkeit ist eine Größe für sich.
Aber man darf auch zurückfragen: Ist so aus der Naherwartung, aus der Hoffnung, dass Gott
sich aus dem Leben der Welt nicht zurückgezogen hat, eine quasi Fernerwartung geworden?
Lässt sich Gott auf dieses Arrangement ein, dass er nicht wirklich ein naher und immer
näherkommender Gott ist, sondern ein Gott, dessen Entscheidungen und Urteile schon
getroffen sind? DAS ist die Kernfrage der Apokalyptik auch an alle ausgeprägten
Jenseitsvorstellungen“: Sie sagt nämlich: Diejenige Zeitvorstellung ist ‚naiv’, die mit einem
Nacheinander von Lebenszeit und ewigem Leben ‚nach dem Tod’ rechnet.
Ich plädiere also dafür, all’ diese Bilder – so kritisch wir sie auch sehen müssen – nicht zu
vergessen, sondern sie mitzunehmen in das Gedenken an das Ende. Die menschliche Sprache,
ihre Ängste, ihre Bilder und Hoffnungen, gehören zu Verheißung der neuen Welt hinzu, die
von Gott versprochen ist.
4. Rückzug aus der Geschichte?
Vor über 60 Jahren hat in den Briefen aus der Haft Dietrich Bonhoeffer über ein
religionsloses Christentum der Zukunft nachgedacht. Es ging ihm darum, die ‚Mündigkeit’
und Autonomie der Welt, wie er es nannte, ganz ernst zu nehmen. Die Welt, so analysierte
Bonhoeffer, braucht kein religiöses Inventar mehr, keine Arbeitshypothesen, die Dinge
verständlich machen, die aus sich verständlich sind, sie braucht keine Erbaulichkeit – das
schreibt Bonhoeffer aus dem Tegeler Gefängnis, während um ihn herum eine Welt
zerschossen wird. Die zerschossene Welt braucht nach Bonhoeffer einen Diskurs, der sich
nicht-religiös, aber deshalb umso existentieller hineinreißen lässt in das Leiden Gottes in und
mit der Welt. Bonhoeffer fordert Christen dazu auf, wirklich an der Welt und ihren
apokalyptischen Wehen teilzunehmen und teilzuhaben. Er möchte den christlichen Glauben
neu als einen „Lebensakt“ (Widerstand und Ergebung, 181) entdecken, der sich vor nichts
scheut, vor nichts zurückschreckt, weil er um Gottes eigene Ohnmacht weiß.
„Verzeih, es ist alles noch furchtbar schwerfällig und schlecht gesagt, ich spüre das deutlich
…“, schreibt Bonhoeffer (181) entschuldigend. Doch es „ist eine schlechte Zeit und
beeinträchtigt die geistige Arbeit etwas“.
Wie verhalten sich Theologie und Kirche 60 Jahre später zu dieser in „schlechter Zeit“, aber
vielleicht umso prophetischer formulierten Anregung? Der katholische Theologe Gregor
Taxacher aus Köln beobachtet im Jahr 2007, dass Bonhoeffers Gedanken unter den
Trümmern der „Geschichte“ weiterhin oder vielmehr wieder verschüttet sind. Geschichte
wird, statt im Sinn der biblischen Apokalyptik entziffert zu werden, mehr und mehr als eine
Hypothek angesehen, bei der nur noch Vogel-Strauß-Politik hilft: Wir rühmen uns der
Wiederentdeckung des Religiösen und damit des geschichts-losen Glaubens, der eher der
Vergewisserung und Stabilisierung des Glaubens als dessen Beunruhigung dient. Religion
wird auf vielen Klaviaturen entweder als Schreckgespenst (fremden) Fundamentalismus’
dargestellt, der sich noch an den apokalyptischen Denkmustern abarbeitet, oder als Pendant zu
einer Gesellschaft, die sich nicht verändern will, weil sich die Menschen in ihr ständig
verändern muss. „So atemlos ist die Veränderung geworden, dass wir der Religion gerne
gönnen, das Kontergewicht zu spielen“ (198). „Religion gilt als ein Zusatz zu Freizeit und
Wochenende, wie Theater und Museen.“ (186) Deshalb muss sie sich auch als Dienstleister
verstehen, der diese Sinnlücke zu füllen in der Lage ist. Religion orientiert sich am „Ewigen“,
am Unveränderlichen, am Gewissmachenden. „Vielleicht sind gar nicht ihre Inhalte so
wichtig, sondern die religiöse Form selbst, anspruchslos und selbst evident wie Kerzenschein
und Blumen am Grab“ (198).
Ich glaube, dass Taxacher mit dieser Beobachtung recht hat, wenn er auf die Gefahr hinweist,
die das Zelebrieren von Religion, das wiederentdeckte Interesse an Form und Ritual, die neu
erstarkte Autorität von religiösen Leitfiguren und überhaupt den unstrittigen Reiz religiöser
Inszenierungen und Massenveranstaltungen für unsere Ausrichtung an der Bibel bedeutet.
Muten wir Menschen heute noch zu, mit dem Engel der Geschichte auf den Trümmerberg der
Geschichte zu blicken, oder ertragen wir dies „nur mit der beruhigenden, alles zu den Akten
legenden Stimme von Guido Knopp“ (193)? Oder blicken wir noch wie die Optimisten des
19. Jahrhunderts voraus in die Richtung des Fortschritts? Am liebsten, so Taxacher, suchen
wir (übrigens in ökumenischer Eintracht) „die Windstille“ (ebd.) der Kontemplation, des
Rückzugs, der Einkehr, um die eigene Seele wieder ins Lot zu bringen. Die persönliche
Ewigkeit soll die Geschichte und ihre Unruhe überwinden.
Ich sage das ohne jede Häme – weil ich den Eindruck habe, dass auch die Theologie sowohl
evangelischer wie katholischer Provenienz auf diesen unproduktiven ‚Rückzug aus der
Geschichte’ keine wirkliche Antwort wissen. Auch die in den vergangenen Jahren
vieldiskutierte ‚Ökumene der Profile’ ist letztlich ein Ausdruck des Suchens in den
Zettelkästen der eigenen Tradition, um gegen die religiöse Schlafmützigkeit und Mutlosigkeit
etwas ‚Mutiges’ zu tun. Die katholische Theologie mit ihren besten Köpfen stellt die eigene
Tradition erneut gegen die Reformation auf und behauptet einen unüberbrückbaren Gegensatz
nicht nur im Kirchenverständnis, sondern auch in Fragen wie dem Verständnis von
Eucharistie und Abendmahl. So hat der Dortmunder Theologe Thomas Ruster im
vergangenen Jahr ein spannendes Buch geschrieben (Wandlung. Ein Traktat über Eucharistie
und Ökonomie, 2006), in dem die katholische Eucharistielehre – Transsubstantiationslehre –
bis aufs Messer gegen das evangelische Abendmahlsverständnis verteidigt wird, weil Ruster
behauptet, dass nur in der Transsubstantiationslehre eine echte Verwandlung der Welt
‚Wirklichkeit’ werden kann. Weil in dieser Lehre die Elemente der Welt tatsächlich in
Elemente des Reiches Gottes verwandelt werden, weil sich dieser Impetus der Verwandlung
in katholischer Liturgie, Dogmatik und im Verhaltenskodex der Christen widerspiegele,
würden in der Erfahrung der katholischen Messe katholische Christen aus der „Windstille“
der Religiosität herausgerissen und in die Reich-Gottes-Pflicht genommen. Ruster nimmt auf
seine Weise ganz ernst, dass jeder Vollzug religiöser Rituale in einer durch-kapitalisierten
Welt entweder gar keinen Sinn macht oder er uns im Sinn von 2. Petrus 3 zutiefst
beunruhigen wird, weil nach uns nicht die Sintflut, sondern in uns das Reich Gottes zu wirken
beginnt. Doch angeregt wird Ruster zu diesen Gedanken durch die – wie er es nennt –
„Transsubstantiations-Resistenz“ der globalisierten Welt-Gesellschaft. In ihr kann das Geld
eben gerade nicht mehr in eine Gabe des Reiches Gottes verwandelt werden. Es ist wie ein
Virus resistent geworden. Es akkumuliert sich gleichsam von selbst, wie ein Schneeball rast
es den Abhang herab, entzieht es der Mehrheit der Menschen der Gegenwart und häuft es bei
wenigen an. Es wächst unkontrolliert bzw. dient längst nicht mehr dem Austausch und der
Befriedigung elementarer Güter.
Wenn Sie so wollen, sind Rusters Gedanken der – allerdings sehr konfessionelle und
einseitige – Versuch, die Kirche wieder zu der produktiven Beunruhigung zurückzuführen,
die uns die biblischen Propheten, die uns Johannes der Täufer und auch die Verkündigung
Jesu von Nazareth in die Wiege gelegt haben Um diese Beunruhigung soll es am Schluss
gehen.
5. Schluss: „Siehe/Hineh“ – der Zeigefinger oder: Von der produktiven Beunruhigung
der Unheilspropheten
Was ist ein Unheilsprophet? „Dieses Jahrhundert muss ein Jahrhundert der Umwelt sein,
sonst droht wirklich die Unbewohnbarkeit des Globus“ Diesen Satz hat im Jahr 2001 Klaus
Töpfer, Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, gesagt. In ähnlicher Weise
könnte dieser Satz über dem Bemühungen des ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten
Al Gore stehen, „unbequeme Wahrheiten“ über unseren Umgang mit der Schöpfung
auszusprechen. Beide sind im biblischen Sinn typische ‚Unheils-Propheten’, wie sie im Alten
Testament durch die Propheten Amos, Hosea, Jesaja oder Jeremia repräsentiert sind.
Unheils- oder Gerichts-Propheten sind Menschen, die mit einer ungewöhnlichen Sensibilität
und Klarheit die Wirklichkeit wahrnehmen und beobachten. Das ‚aufmerksame’
Wahrnehmen, Analysieren und Mitgehen mit ihrem Volk, vom dem der Prophet Micha (6,8)
spricht, ist sozusagen der Inbegriff prophetischer Existenz: Es ist dir gesagt, mensch, was gut
ist und was Gott von dir fordert … !“ Propheten rufen ihren Mitmenschen ganz klare,
einleuchtende und einsichtige Tatsachen ins Gedächtnis: es geht dabei um haarsträubendes
soziales Unrecht zwischen Arm und Reich (Amos und Jesaja), um unverantwortliches (außen) politisches Verhalten von Königen und ihren Mittätern, das ein Volk ins Unglück stürzen
wird (Jesaja), es geht aber auch um eine (den Gedanken Bonhoeffers gar nicht so ferne) Kritik
am religiösen Kult im weitesten Sinn und am überzogenen religiösen Selbstbewusstsein des
Volkes Israels. Propheten tragen diese Beobachtungen nicht einfach vor, indem sie sich auf
einen Marktplatz stellen oder ein Traktat schreiben, nein sie lassen sich in ihre eigene
Botschaft hinein verwickeln – sie heiraten Prostituierte, um das abtrünnige Verhältnis Israels
zu Gott darzustellen, sie laufen nackt durch die Stadt, um Jerusalems Bürger einen Blick auf
ihre eigene Zukunft werfen zu lassen oder müssen sich zeitlebens sozusagen eines freiwilligen
Zölibats unterwerfen, um Israels kollektive Isolierung im eigenen Leben sichtbar und
erfahrbar zu machen. Diese totale existentielle Vereinnahmung durch ihre eigene Botschaft
hat noch einen weiteren Grund: Die Gerichts- oder Unheilspropheten sind nicht nur Kritiker,
sondern sie sprechen auch in bestimmter Weise von der Zukunft, in die sie sich selbst
verwickelt sehen. Am deutlichsten ist dies den Worten aus dem Buch Amos zu entnehmen,
die möglicherweise am Beginn des Wirkens von Amos steht. Amos hört im Anschluss an eine
Vision die Stimme Gottes, die sagt:
„Gekommen ist das Ende für mein Volk Israel.“ (Am 8,2). In anderen Worten stimmt Amos
eine Totenklage über das lebende Israel an:
„Gefallen ist
nicht steht mehr auf
die Jungfrau Israel
Hingestreckt liegt sie
auf ihrem Boden
Niemand richtet sie mehr auf.“ (Am 5,2)
Ähnliches erfahren und geben andere Propheten auch wieder. Bei Jesaja bekommt die
Androhung des „Endes“ eine zutiefst menschliche Fassung. Er hört Worte, die seine gesamte
zukünftige Verkündigung in ein merkwürdiges Licht stellen:
„Gehe hin und sage diesem Volk:
Höret, doch versteht nicht; seht, doch erkennet nicht!
Mache das Herz dieses Volkes fett, seine Ohren schwer, seine Augen verklebt, damit es nicht
mit seinen Augen sieht, seinen Ohren hört, seinem Herzen versteht …“ (6,9f)
Was macht ein jahrelanges, intensivstes Wirken als Prophet und Prediger für einen Sinn,
wenn die Wirkung der Worte, die ich sage, in dieser Weise vorausgesagt wird? Ist das eine
sich selbst erfüllende Prophezeiung, bei eine Person einer anderen eine bestimmte Eigenschaft
zuschreibt (Hans ist faul) und sich dies unbewusst auf das Verhalten der zuschreibenden
Person auswirkt?
Wahrscheinlich ist diese Antwort viel zu einfach. Bis heute verhalten sich Menschen
tatsächlich gegenüber ernstzunehmender Kritik so, dass sie ungebremst das Böse fortsetzen
und sie sich nicht aufrütteln lassen, kleine oder große Schritte in ihrem Leben zu ändern. Mit
den Sünden der tagtäglichen Schöpfungszerstörung ebenso wie mit den ungerechten GeldFlüssen und der ungebremsten Gier nach mehr Geld, Waren und Werten gefährden Menschen
ja tatsächlich diese Welt und nähern mit ihren eigenen Taten die Welt ihrem „Ende“ an. Es ist
‚nach’ dem Sündenfall tatsächlich so, dass Mensch ‚nicht nicht sündigen können’. Deshalb ist
die biblische Prophetie bis heute nicht wirklichkeitsfremde Schmarzmalerei, sondern das
Aufdecken der Wirklichkeit. Es gibt dieses „Ende“, es hat sich in den Katastrophen der
Geschichte vollzogen, und es ist nicht vergessen. Paul Klees Bild von den Trümmern der so
genannten Fortschrittsgeschichte hat es unwiderruflich festgehalten.
Doch die biblische Prophetie hält auch einen zweiten Aspekt der Wirklichkeit fest, der in
gewisser Weise unverbunden daneben steht. Es spricht davon, dass Menschen ‚im Ende’
plötzlich und unerwartet ein neues, anderes Verhalten an den Tag legen. Im Prophetenbuch
Jeremia ist dies so beschrieben:
„Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk
sein. (Jer 31)“
„Ihr werdet mich suchen und finden. Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
so will ich mich von euch finden lassen. (Jer 29)“
Im Psalm 85 ist die neue, unerwartete Begegnung so ausgedrückt: … „dass Güte und Treue
einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen, dass Treue auf der Erde wachse und
Gerechtigkeit vom Himmel schaue …“
Auch dies sind, wie die anderen Un-Heils-Aussagen, Worte über die Zukunft, die nicht zu
terminieren sind, doch wird von ihnen mit ebensolcher Gewissheit gesprochen, einer
Gewissheit, die in der Verlässlichkeit von Gottes Wort gründet, das „nur“ Raum braucht, um
gehört zu werden: „Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet …“ (Ps 85, 9).
Die Propheten sind also gleichermaßen von einer geradezu unüberwindbaren menschlichen
Hartherzigkeit wie davon überzeugt, dass dieses Verhalten durch Gottes Gegenwart und Nähe
vollkommen auf den Kopf gestellt werden kann. Angesichts des ‚angekündigten’ Endes, das
ja nichts anderes bedeutet, als dass Gott sich der Welt und den Menschen NAHT und er an ihr
und in ihr handelt, können sich Friede und Gerechtigkeit küssen, fängt ein anderes, wirklich
fleischernes Herz an zu schlagen.
Wie hängen nun beide Wahrnehmungen (der Wirklichkeit) miteinander zusammen? Was
macht das Ende zugleich zum Anfang?
Um das zu verstehen, möchte ich Sie zum Schluss noch einmal auf ein Bild „hinweisen“. In
ihm könnten möglicherweise die Bilder, von denen wir heute Abend sonst gesprochen haben,
kulminieren. ). Es ist ein Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald.
Wir haben vom Sinn der biblischen Apokalyptik gesprochen, die Angst bändigen, sie in
Worte und rettende Bilder fassen will. All dies könnte nun noch einmal hier in einer
Meditation des Isenheimer Altars zusammenfließen – in einem Altar, der in einem (Antoniter)-Krankenhospital stand, in dem Menschen ihrem ganz persönlichen Ende ausgesetzt waren,
durch eine unheilbare Krankheit (dem sog. Antoniusfeuer, einer Hautkrankheit) sahen sie den
Tod vor Augen, ihre persönliche Apokalypse. Der Altar von Isenheim ist als ganzes ein
rettendes Bildensemble, in dem um die Ent-Dämonisierung der Krankheit geht, um die
„Bewahrung vor der Schwermut des Kranken und um Bewahrung vor dem Hochmut des
Gesunden“ (R. Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar, Stuttgart 1996, 56).
Ich möchte aber jetzt auf ein Detail hinaus, das mit der Prophetie zu tun hat. Das geschlossene
Altarbild zeigt in einer unglaublich beeindruckenden Darstellung den gekreuzigten Christus,
dem rechts zur Seite der Prophet Johannes der Täufer zugeordnet ist, mit dieser
eindrucksvollen Geste, die ich Ihnen auf dem Bild zeige.
Der ausgestreckte Zeigefinger, das Zurücknehmen des Eigenen für das Fremde, Andere, so
will Grünewald den Satz des Täufers auslegen: „Jener muss wachsen, ich aber muss
abnehmen.“ Diese Geste steht für die prophetische Haltung oder besser gesagt für die
Performance der Selbstvergessenheit. Der Täufer lebt davon, auf das Werk Gottes
hinzuweisen. „Hineh – siehe“, in diesem kleinen hebräischen Wort, drückt sich diese
Selbstvergessenheit aus. „Siehe, ich zeige dir etwas, siehe ich sehe etwas, ich höre etwas“, mit
diesem „Aufmerksamkeitserreger“ (D. Vetter, ThHAT I, 506) drückt ein Prophet aus, dass
nun Gott handelt, spricht, etwas sehen lässt, er die Wirklichkeit verändert, beeinflusst – und
dies bestimmt die Existenz des Propheten voll und ganz. Ende und Anfang liegen in diesem
Tun Gottes, von dem der Prophet Zeugnis ablegt, vollkommen ineinander.
Hinhören, Hinschauen, hinweisen, nicht wegschauen, aufmerksam sein - in dieser prophetisch
konzentrierten Nüchternheit, hat der Theologe Karl Barth die unübertreffliche Bedeutung des
Isenheimer Altars gesehen. Barth hat sich zeitlebens für dieses Kunstwerk interessiert, er hat
in der Art und Weise dieser beunruhigten „Zeugenschaft“ sogar die Aufgabe der Kirche
insgesamt gesehen, Zeuge des Wirkens Gottes zu sein, nicht mehr, nichts „Wichtigeres“.
Wie tief dieses Wirken Gottes in unsere Wirklichkeit hineinreicht, zeigt der Isenheimer Altar
im Blick auf Krankheit und Tod, zeigt auf andere Weise der „Engel der Geschichte“ von Paul
Klee, der ebenso gebannt und gefangen ist von dem, was ihm vor Augen ist, was ihm
angesichts der Geschichte widerfährt.
Es geht also nicht um eine Ästhetik der Katastrophe, nicht um eine Melancholie des
verlorenen Augenblicks, sondern um die Herausforderung, die Wirklichkeit angesichts von
Gottes Wort und Wirken (jederzeit) anders lesen zu können. „Jedes Wesen ist ein stummer
Schrei, anders gelesen zu werden“, hat die Dichterin Simone Weil gesagt. Wenn uns ganz
menschlich und dann auch im Handeln der Kirche dieser Hinweis, das „Hineh“, das „Siehe“
auf den ‚stummen Schrei’ am Herzen liegt, dann braucht sich Kirche keine Sorgen darum zu
machen, ob ihre Botschaft noch verstanden wird. Ebenso ist völlig klar, dass Christsein nicht
auf den Innenraum, nicht auf das Sakrale, „Ewige“ bezogen ist, sondern auf die
beunruhigende Wirklichkeit, die nicht im Windschatten des Religiösen liegt.
Auf sehr eindringliche Weise hat Hellmut Gollwitzer, ein Schüler Karl Barths, der in diesem
Jahr 100 Jahr alt würde, dieses prophetische „Hineh“, seine produktive Beunruhigung, in
Thesen zum Ausdruck gebracht, die aus seinem Buch „Krummes Holz – aufrechter Gang“
stammen. Sie möchte ich Ihnen zum Schluss vortragen ans Herz legen.
1. Wir sind auf einen Lauf nach vorne mitgenommen, der uns den Atem verschlägt.
1. Es geht nichts verloren.
2. Die Philosophen sprechen von der Suche nach Gott; aber das ist, wie wenn man von einer
Suche der Maus nach der Katze spräche. Wir sind auf der Flucht – und es wird uns auf die
Dauer nicht gelingen. Es wird uns zu unserem Glück nicht gelingen.
3. Wir sind nicht allein.
4. Wir sind nie allein.
5. Dieses Leben ist ungeheuer wichtig.
6. Die Welt ist herrlich – die Welt ist schrecklich.
7. Es kann mir nichts geschehen – ich bin in größter Gefahr.
8. Es lohnt sich zu leben.
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