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0908 - Septuagesimae - 20.1.2008 – Röm 9,14-24 - Oberursel

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0908 - Septuagesimae - 20.1.2008 – Röm 9,14-24 - Oberursel– Armin Wenz
Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! Denn er spricht zu Mose:
»Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich
mich.« So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Denn
die Schrift sagt zum Pharao: »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht
erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« So erbarmt er sich nun,
wessen er will, und verstockt, wen er will. Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann
noch? Wer kann seinem Willen widerstehen? Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott
rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? Hat nicht ein
Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu
nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen? Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun
wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt
waren, damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die
er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit. Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden,
sondern auch aus den Heiden.
Liebe Gemeinde!
Sigmund Freud soll es gewesen sein, der das Wort von den drei großen Kränkungen der
Menschheit in der Neuzeit in Umlauf gebracht hat. Während für die Bibel der Mensch die Krone
der Schöpfung sei, habe die moderne Wissenschaft ihn gleichsam entthront.
Die erste Kränkung soll demnach geschehen sein, als Kopernikus entdeckte, daß die Erde nicht
der Mittelpunkt des Universums ist. Die zweite Kränkung kam mit Darwins Theorie, der Mensch
stamme aus dem Tierreich ab. Die dritte Kränkung führte Freud klugerweise auf sich selber und
seine Analyse der Psyche des Menschen zurück. Müssen wir uns also damit abfinden, daß der
Mensch ein triebgesteuertes Tier ist?
Mir geht es nun in dieser Predigt nicht um die Frage, inwieweit die wissenschaftlichen Theorien
wirklich tragfähig sind. Daß sie auch Schwächen und Probleme haben, ist für viele nüchterne
Beobachter heute kein Geheimnis mehr. Es wäre auch seltsam, würde man behaupten, der Mensch
selber sei zwar ein radikal entthrontes Wesen, seine Wissenschaft oder bestimmte Ausprägungen
davon aber seien unfehlbar.
Fragen wollen wir dagegen von unserem Predigtwort her: Stimmt es wirklich, daß der
christliche Glaube den Menschen als Krone der Schöpfung überhöht? Brauchen wir als Christen die
Kränkungen moderner Theorien, um das wahre Wesen des Menschen zu entdecken, ja, womöglich,
um unseren falschen Glauben an den Menschen zu korrigieren?
Liebe Gemeinde! Der Rede von den Kränkungen des Menschen, die erst in der Neuzeit möglich
geworden sein sollen, liegt ein tiefes Mißverständnis zugrunde. Dieses Mißverständnis übersieht,
daß es größere Kränkungen für den Menschen als in der Heiligen Schrift gar nicht geben kann.
Schon die Schöpfungsgeschichte bringt da eine große Ernüchterung, wenn wir hören, Gott habe
den Menschen so gemacht, daß er einen Erdklumpen genommen und ihm Lebensodem eingehaucht
hat. Möglicherweise klingt das nicht so schön wie die Theorie von unseren behaarten Vorfahren.
Aber auch die ausgereifteste Evolutionstheorie hat noch keine Antwort auf die Frage gefunden, wo
die Seele, das Selbstbewußtsein, das Gewissen des Menschen her ist.
Und, liebe Gemeinde, die Bibel erniedrigt uns noch mehr als jene Theorie. Sie erklärt uns zu
einem Erdklumpen. Ohne den eingehauchten Lebensodem bleibt nichts als Erde. Erde zu Erde,
Asche zu Asche, Staub zu Staub. Tiefer können wir kaum sinken.
Doch zugleich gilt, daß kraft des Lebensodems Gottes, seines Heiligen Geistes, wir an die
Materie dieser Erde gebundenen Menschen eine Bestimmung haben, weil Gott uns einen Namen
und einen Auftrag gibt, diese Erde zu bewahren und zu bebauen, uns zu mehren, in einer
Gemeinschaft von Menschen zu leben, die ihn loben und ihm danken.
Dieser Auftrag, die Erde zu bewahren, das ist es, was man landläufig meint, wenn der Mensch
als Krone der Schöpfung bezeichnet wird. Doch darf man fragen, was daran falsch ist. Denn jede
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wissenschaftliche Bemühung entspringt doch letztlich diesem Auftrag, die Schöpfung zu bewahren
und sie so gut wie möglich zu erforschen.
Gegen gewissenhafte und nüchterne Forschung, die demütig bleibt und sich ihrer Fehlbarkeit
bewußt ist, ist daher nichts einzuwenden. Die Rede von den neuzeitlichen Kränkungen aber lenkt
nur vom eigentlichen Problem ab.
Denn die tiefste Kränkung, die dem Menschen widerfährt, ist diejenige, die er sich selber zufügt,
als er sich nämlich seiner Bestimmung entzieht, als er nicht damit zufrieden ist, ein beseelter
Erdklumpen zu sein, der doch von Gott mit Geist, Namen und Auftrag und einer Existenz in Liebe
und Gemeinschaft beschenkt ist. Nein, der Mensch will sein wie Gott. Das ist seine schlimmste
Selbstüberschätzung und seine tiefste Selbstkränkung.
Das äußert sich unablässig darin, daß wir Menschen Gott verantwortlich machen für alles, was
auf Erden schiefgeht, was in unserm Leben nicht gelingt. Dabei passiert unversehens eine totale
Verdrehung im menschlichen Denken.
Wollte der Mensch erst frei von Gott sein und sich seiner Überlegenheit entziehen, und läßt ihn
Gott dann tatsächlich seine eigenen Wege gehen, geht das Leben daraufhin drunter und drüber, so
daß keiner mehr dem andern über den Weg traut, so kehrt der Mensch den Spieß in dem Moment
um, in dem Gott ihn zur Verantwortung zieht.
Da will der Mensch es dann doch nicht mehr gewesen sein, der auf eigene Faust eigene Wege
gehen wollte. Es ist immer der andere, der Schuld hat, ja, letztlich ist es Gott selbst. Das zieht sich
durch die Menschheitsgeschichte bis zum heutigen Tag. „Ich kann ja nichts dafür, daß ich so
geworden bin, Gott hat mich so gemacht, er hat es zugelassen, er ist dafür verantwortlich, er
beschuldige uns bloß nicht.“
Dieses Denken erstreckt sich sogar auf die Heilsfrage. Ist es sowieso nichts als Gnade, wenn
einer selig wird, so kann doch keiner etwas dafür, wenn er verloren geht. Dann ist es doch egal, wie
wir leben. Gott hat kein Recht, uns zu beschuldigen und uns zu richten.
Doch nun passiert im Römerbrief dasselbe, was Gott schon durch seine Propheten den Israeliten
versucht hat, deutlich zu machen. Es ist, als ob Gott sagen wollte: „Wenn du dich aus der
Verantwortung stehlen willst und so tust, als habest du keine Schuld am Verfehlen deiner
Lebensbestimmung, weil dich dein Gott angeblich nicht anders – ja, sogar zu einem Sünder gemacht hat, dann bleibe bitte aber auch konsequent im Bilde: Wo gibt es einen Topf oder Krug,
der seinen Töpfer dafür beschuldigen könnte, daß er mißraten ist? Hat nicht der Schöpfer eben
dieselbe Freiheit wie der Töpfer, mißratene Gefäße zu verwerfen und neue Gefäße zu formen“ (Jer
18,1-4; Röm 9,20-23)?
Vom Hadern mit Gott ist es nicht mehr weit bis zum Leugnen des Schöpfers. Bei Jesaja ruft
Gott seinem Volk zu: Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, daß das Werk
spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht! und ein Bildwerk spräche von seinem
Bildner: Er versteht nichts! (Jes 29,16)
All diese Worte, liebe Gemeinde, sollen uns nicht zum Grübeln darüber verleiten, ob wir oder
andere nun von Gott für alle Zeit als gute oder als mißratene Gefäße gemacht sind. Sie wollen
vielmehr zur Umkehr anleiten, damit wir von mißratenen Gefäßen zu solchen werden, die Gott
brauchen kann. Diese Umkehr beginnt damit, dass wir auf jede Anklage Gottes verzichten und statt
dessen danach fragen, wie wir zu ehrenvollen Gefäßen werden.
Vorbildlich erklingt solche Buße in Gebet des Volkes in Jes 64,7-8: Aber nun, HERR, du bist
doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk. HERR,
zürne nicht so sehr und gedenke nicht ewig der Sünde! Sieh doch an, daß wir alle dein Volk sind!
Wer so spricht, rebelliert nicht mehr dagegen, „nur“ von Erde genommen zu sein oder „nur“ ein
Gefäß zu sein, sondern der entdeckt die Ehre, die Gott uns dadurch zuteil werden läßt, daß er uns zu
irdenen Gefäßen seines Lebensodems und seines Heils macht. So groß ist diese Ehre, daß sie von
Gottes ewigem Sohn selber geteilt wird, als dieser Mensch und damit „Erd und Ton“ wird, wie es
eins unserer Weihnachtslieder besingt (ELKG 412,2).
Gott will uns dazu bringen, daß wir die ganze Wirklichkeit sehen. Wir sind Gottes Geschöpfe,
nach seinem Willen gestaltet, so wie ein Tongefäß das Geschöpf des Töpfers ist. Aber, liebe
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Gemeinde, auch wenn’s zunächst demütigt, schon das ist verglichen mit der Art von uns Menschen
eine Gnade.
Denn daß wir Gottes Gefäße sind, darin liegt auch unsere Individualität, unsere
Unaustauschbarkeit begründet. Gott schafft nicht den normierten Massenmenschen und steckt ihn in
eine rote oder braune Uniform. Das Greuel des Klonens von Menschen widerspricht geradezu der
Art Gottes. Wir Menschen sind individuell aus Liebe von Gott geschaffen und getöpfert und keine
Massenware aus der Fabrik.
Dazu sollen wir nicht nur auf die Schöpfung schauen, sondern auch auf das, was Gott in der
Geschichte an und für uns tut. Paulus nennt es unsere Berufung. Seit Jesus Christus in unser
Fleisch, in unser erdenverhaftetes, sterbliches Leben gekommen ist, ist es offenbar: Wir Menschen
sind nicht nur dazu berufen, die Erde eine zeitlang zu verwalten.
Wir sind in Christus berufen, Gottes Kinder zu sein. Ja, Paulus spricht in unserem Abschnitt
über das Wunder, daß diejenigen, die ursprünglich nicht Gottes Volk waren, nämlich die Heiden,
nun ebenso vom Ruf Gottes erreicht werden wie die Juden.
Weil wir alle aus derselben Niedrigkeit, derselben Verdammnis, derselben Verlorenheit
kommen und herausgerufen werden, ist es Gnade, nichts als Gnade. Im Rückblick auf die
Geschichte stellt sich dann manche Frage. Warum hat die Gnade Israel erreicht, den Pharao aber
nicht? Warum hat in Jesu Tagen wiederum Israel in seiner Mehrheit die Gnade nicht empfangen
wollen?
Das ist und bleibt ein Geheimnis. Paulus deutet nur an, daß jeder Mensch im Guten wie im
Bösen einen Platz in Gottes Plan hat, was man dann im Nachhinein sehen kann.
Wir aber sollen nicht sinnieren, problematisieren und Theorien darüber aufstellen, warum einer
verloren geht und der andere gerettet wird. Wir sollen uns an die Berufung halten, die uns erreicht
hat.
Bist du getauft, so bist du auch berufen, so gilt dir Gottes Gnade und Erbarmen um Jesu willen,
so sieht dich dein himmlischer Vater nur noch in der Gemeinschaft mit seinem geliebten Sohn, den
er vom Tode auferweckt hat. In ihm ist dann auch das Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub
überwunden.
Schon Hiob, der in Sack und Asche saß, durfte erkennen und ausrufen: Ich weiß, daß mein
Erlöser lebt. Gott sei dank, liegt unser Heil nicht an unserem Wollen und Laufen, sondern allein
darin, daß Gott uns will und sein Sohn zu unserem Heil uns nachläuft.
Ja, bis heute währt die Zeit der Gnade. Bis heute gilt, was eines unserer Lieder besingt: „Nun,
Herr, du gibst uns reichlich, wirst selbst doch arm und schwach, du liebest unvergleichlich, du jagst
dem Sünder nach.“ (ELKG 8,9)
Jawohl, lieber Christ, bis heute jagt dein Heiland dir nach und will dir die Entdeckung
bescheren, daß das Töpfergleichnis dich nicht nur demütigt, sondern dich auch erhöht, weil es dir
zeigt, wie du die Gnade und Barmherzigkeit deines Heilandes recht empfangen und behalten
kannst.
Die Töpfer machen Gefäße. Ein Topf oder ein Krug ist viel mehr als eine Ansammlung von
Atomen, viel mehr als ein Klumpen gebrannte Erde. Ein Topf hat eine Bestimmung. Im Topf kann
gekocht werden, aus dem Topf kann gegessen, aus dem Krug kann getrunken werden. Im Topf kann
man Lebensmittel aufbewahren und zu anderen tragen.
Hat schon ein Tontopf oder ein Tonkrug eine solche Bestimmung, so noch vielmehr wir, die wir
zu Gefäßen des Lebensodems geschaffen und zu Gefäßen der Barmherzigkeit von Gott erwählt
sind.
Darum, wer die Barmherzigkeit Gottes auffangen und für sich bewahren möchte, der werde zum
Gefäß und lasse sich Füllen mit seiner Gnade, der stelle sein Herzkrüglein dorthin, wo die lebendige
Quelle fließt, der lasse sich durch Wort, Beichte und Abendmahl mit Trost voll fließen, dann wird
ihm an Leib und Seele wohl werden (ELKG 156,2).
Und wenn wir trunken sind von den Heilsgütern des Herrn, dann hat alles Sinnieren und
Spekulieren ein Ende. Dann ist uns das Heil der Welt gerade nicht egal, weil ja vermeintlich
sowieso alles vorherbestimmt ist, sondern wir gehen nun mit unserem von Trost und Liebe vollen
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Herzkrüglein hinein in unsere Welt und lassen den Trost überfließen zu den durstigen Seelen, die
den Trost unseres Gottes auch brauchen.
Und wenn wir dann am Ende der Woche ausgebrannt, erschöpft und leergetrunken und
ausgesaugt von den Anforderungen des Lebens wieder heimkehren ins Vaterhaus, dann steht
Christus, sein Sohn, wieder bereit für uns, um uns neu zu füllen mit überschwenglicher Gnade.
In diesem Haus ist es gut, nur ein Krug sein zu brauchen, nicht wieder etwas leisten zu müssen.
Hier dürfen wir einfach aufsaugen und uns füllen lassen. So öffnet sich in unseren Herzen die
Einsicht, daß es keine Kränkung ist, ein irdenes Geschöpf und Gefäß zu sein.
Vielmehr ist es die angemessene Daseinsweise für den Empfang der Gnade Gottes, der Gnade,
die darin besteht, daß ein irdenes Geschöpf kraft des Lebensgeistes Gottes, kraft des Blutes Christi
und kraft der Barmherzigkeit des Vaters ewig als Kind Gottes leben darf. Amen.
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