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"Was ist das Spezifische der Seelsorge an alten Menschen"

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"Was ist das Spezifische der Seelsorge an alten Menschen?"
Vortrag am 29.09.09 / Wolfgang Drechsel Heidelberg
Auf den ersten Blick wirkt die Frage nach dem Spezifischen der Seelsorge an
alten Menschen relativ einfach. Nahe liegt doch, einfach eine Beschreibung zu
geben, von den Rahmenbedingungen und von dem seelsorglichen Handeln, das
praktiziert wird. Doch spätestens, wenn eine solche Phänomenologie entfaltet
ist, stellt sich die Frage: Worauf bezieht sich dieses Spezifische eigentlich? Denn
jedes Spezifische muss sich auf etwas Allgemeines beziehen, und erst wenn klar
ist, welches Allgemeine gemeint ist, lässt sich auch das Besondere wirklich
herausarbeiten. Dabei reicht es nicht, einen solchen Zusammenhang einfach zu
konstatieren, sondern hier geht es immer auch um die Frage, welche Bedeutung
ein solcher Bezug hat und wie er bewertet wird.
Gerade in dieser Bedeutung und Bewertung passiert dann das Wesentliche, das
in der Praxis gravierende Folgen hat. Hat doch die Altenseelsorge in ihrer
Besonderheit in den letzten Jahrzehnten nicht nur eine fundamentale
Nichtbeachtung, sondern auch eine mehr oder weniger explizite Abwertung
erfahren – und erlebt sie noch. Was sich mit dem Motto dieser Tagung
folgendermaßen ausdrücken ließe: Ist die Altenseelsorge eigentlich ein Klotz am
Bein der Kirche oder ist sie so etwas wie ein brachliegendes Feld, in dem
möglicherweise ein Schatz verborgen ist?
Doch zuerst noch einmal zurück zur Frage nach der Besonderheit der
Altenseelsorge in ihrem Bezug zu etwas Allgemeinem. Da geht es um die Frage:
Auf welches Allgemeine soll die Altenseelsorge sich denn eigentlich beziehen in
ihrer Besonderheit? Heißt das: Ist dieses Allgemeine das professionelle Handeln
am alten Menschen insgesamt? Dann wäre das Spezifische die besondere
Bedeutung der Seelsorge im Chor der altenbezogenen Berufe. Oder ist dieses
Allgemeine das kirchliche Handeln überhaupt? Dann wäre herauszuarbeiten:
Das Besondere der Altenseelsorge z.B. gegenüber der Diakonie oder auch der
Homiletik oder meinetwegen der Erwachsenenbildung. Oder ist – wie es häufig
gemacht wird – dieses Allgemeine „die Seelsorge“ (in Anführungszeichen), im
Verhältnis zu der dann die Altenseelsorge zu profilieren wäre? In ihrem
Unterschied zu anderen Feldseelsorgen, wie z.B. der Krankenhauseelsorge, der
Gemeindeseelsorge oder auch der Notfallseelsorge. Oder ist das Allgemeine die
Frage nach der Praktischen Theologie als der Frage nach der Kommunikation
des Evangeliums unter den Bedingungen einer widerständigen Welt? In diesem
Falle wäre das Besondere der Altenseelsorge in ihrer spezifischen Weise zu
sehen, gerade diese Kommunikation des Evangeliums zu realisieren.
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Und – wie bereits angedeutet – es ist nicht nur die Frage, von welchem
Allgemeinen her ich die Altenseelsorge betrachte, sondern es geht immer auch
noch um zwei andere Grundkomponenten: nämlich 1. um die Frage, wie denn
dieses Allgemeine auch inhaltlich bestimmt wird. So wird – um nur ein Beispiel
zu nennen – ein relativ weites Verständnis von Seelsorge sehr viel mehr
Gemeinsamkeiten zwischen Pflege und Altenseelsorge entdecken als ein
theologisch enges. Und es geht 2. um die Frage, welche Bedeutung und welche
Wertigkeit dieses Allgemeine und im Verhältnis zu ihm dann die
Altenseelsorge hat. Das mag zuerst einmal recht abstrakt klingen, hat aber
eminente Auswirkungen. Denn in diesem Bereich ist die ganz reale Tatsache
anzusiedeln, dass die Altenseelsorge – wie schon angedeutet – über lange Zeit
ein Schattendasein gefristet hat gegenüber einer – auch wenn es nur selten so
ausgesprochen worden ist – „hochwertigen“, beratenden Seelsorge. Als eine Art
„Seelsorge zweiter Klasse“ gegenüber der eigentlichen Seelsorge – was seine
konkreten Auswirkungen hat bis hinein in die Gegenwart z.B. der
Ehrenamtlichenpraxis, wo im kirchlich-gemeindlichen Bewusstsein die
Ehrenamtlichen im Krankenhaus „Seelsorge machen“, während die im
Altenheim „Omas besuchen“.
Nun soll dies hier noch nicht genauer diskutiert werden. Es mag aber deutlich
werden, dass bei genauerem Betrachten der Gedanke des Spezifischen
komplexer ist, als es zuerst einmal den Anschein hat.
Aus diesem Grund heißt „die Frage nach dem Spezifischen der Seelsorge an
alten Menschen“ zu stellen zuallererst einmal: Gewohntes, Vertrautes und
Selbstverständliches – ich möchte es einmal so nennen – zu „
„entselbstverständlichen“. D.h. einen Augenblick innehalten im Gewohnten, sei
es die tägliche Seelsorgearbeit, sei es die alltägliche Denkgewohnheit, einen
Schritt neben sich zu treten und das, was bislang eben selbstverständlich war,
aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Einen solchen Schritt möchte ich nun mit Ihnen gemeinsam machen – und
zwar anhand folgender These: Im Blick auf die Frage nach der Altenseelsorge
geht es zuerst einmal überhaupt nicht um die Frage nach dem Besonderen im
Verhältnis zu etwas Allgemeinem und insbesondere nicht um ihr Verhältnis zu
einem abstrakten und normativ besetzten Begriff von Seelsorge. Sehr viel
reizvoller erscheint es mir dagegen, einmal diese Sichtweise umzukehren und
von der Altenseelsorge her die Frage zu stellen: Was ist eigentlich Seelsorge? –
um dann zu schauen, ob sich in der Folge Bedeutung und Bewertung ändern.
Sowohl der Altenseelsorge, wie auch anderer, mit ihr vergleichbarer
Seelsorgeformen.
In dieser Perspektive möchte ich jetzt mit Ihnen die Altenseelsorge betrachten.
Und zwar zuerst einmal im Blick auf die Auswirkungen der dominanten
Seelsorgevorstellung der letzten 50 Jahre, deren Altlasten in der Gegenwart
immer noch wirksam sind. Sodann im Blick auf eine Neuperspektivierung der
Altenseelsorge als eine spezifische Antwort auf die Frage: Was ist eigentlich
2
Seelsorge im Kontext der Praktischen Theologie?. Und dann im Blick auf einige
Schlussfolgerungen, die aus einer solchen „Besonderheit“ gezogen werden
können.
Ich beginne mit einem Blick auf die Gegenwart der Altenseelsorge als Ausdruck
ihrer Vorgeschichte: Wir alle wissen um die augenblickliche Situation.
Altenseelsorge ist im öffentlichen kirchlichen Bewusstsein eher marginal, ist
randständig. Die Altenseelsorger sind eher so eine Art niederer Klerus. Und das
hat etwas zu tun sowohl mit dem Feld in dem Sie sich bewegen – Alte,
Altenheim, Pflegeheim – wie auch mit dem, was sie da machen.
Blicken wir zuerst einmal auf das, was Sie da tun, bzw. darauf, was sie nicht tun.
Da geht es nicht um die spektakulären Megakrisen, wie sie in der
Notfallseelsorge auftauchen und die nicht zufällig in unserer Gegenwart von
hohem öffentlichem Interesse sind, da geht es – zumindest nicht als zentrales
Thema der Altenseelsorge – nicht um Beratung bei Problemen und Lebenskrisen
wie z.B. in der Krankenhausseelsorge. Sondern da geht es in weiten Bereichen
der Altenseelsorgepraxis zuerst einmal um etwas, das gerne unter dem
abwertenden Stichwort „Unterhaltung“ zusammengefasst wird. Also um etwas,
das eben alltäglich und häufig ganz und gar nicht spektakulär ist, sondern eher
banal wirkt und nicht von vornherein auf Effektivität, seelisches Wachstum oder
sonstige Ziele ausgerichtet ist.
Diese Besonderheit der Altenseelsorge, die sie übrigens mit der
Gemeindeseelsorge teilt – die ja auch entsprechend vernachlässigt worden ist –
passt nur schwer in die gängigen Vorstellungen von dem, was Seelsorge denn
sei und was eigentlich zur Seelsorge gehört. Dazu ein Beispiel:
Eine Szene aus der Praxisreflexion einer Vikarin: Die Seelsorgerin besucht im
Altenheim eine ältere Dame. Es entsteht ein Kontakt und die alte Dame erzählt.
So eben Geschichten und Geschichtchen aus ihrem Leben. Die Vikarin ist auf
der einen Seite ganz angetan, dass eine Beziehung entstanden ist, auf der
anderen Seite wartet sie auf das Problem: Es handelt sich ja schließlich um ein
Seelsorgegespräch. Und so bohrt sie nach und fragt gezielt, aber die Frau bleibt
bei ihren Geschichtchen, es taucht kein Problem auf. Am Schluss bedankt sich
die Besuchte. Aber die Seelsorgerin geht mit einem flauen Gefühl: Eigentlich
war das doch gar kein richtiges Seelsorgegespräch.
Nun ließe sich diese Geschichte abtun mit einer lässigen Handbewegung: „Gut,
die Seelsorgerin ist eben noch jung, die ist halt noch nicht so weit“ – wenn diese
Szene nicht gerade darin repräsentativ wäre, dass es sich hier um eine Vikarin
handelt, die in ihren Vorstellungen, Phantasien und Seelsorgeidealen immer
auch den jeweils gegenwärtigen Stand der Seelsorgeausbildung, und zwar nicht
nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis repräsentiert. Und das heißt im
Blick auf diese konkrete Situation: Da sitzt eine Vikarin und wartet auf das
Problem – wie es den von ihr erlernten Vorstellung eines guten
Seelsorgegesprächs entspricht. Und diese Vorstellung ist so dominant, dass sie
nicht mehr sieht, was an seelsorglich Wichtigem gerade geschieht.
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Oder um diese Perspektive mit einem Zitat aus der ganz seltenen Literatur zur
Seelsorge an alten Menschen zu verdeutlichen (Lücht-Steinberg, Gespräche mit
älteren Menschen 1981): „ Unter jüngeren Pastoren findet sich eine gewisse
Hilflosigkeit, wieweit sie aufgrund mangelnder Lebenserfahrung Älteren gerecht
werden können. Bereitschaft zu Altenbesuchen zeigen auch sie. Bevorzugt
geben sie sich jedoch mit Menschen ab, bei denen Änderungen im Verhalten
und in den Einstellungen möglich und sichtbar erscheinen. Von älteren
Menschen wissen sie, dass keine grundlegende Einstellungsänderung erwartet
werden kann. Mit der dadurch ausgelösten Unsicherheit können sie schwer
umgehen. Und nur zur ‚Unterhaltung’ der älteren Generation fühlen sie sich
nicht imstande, meinen auch aufgrund detaillierter psychologischer und
seelsorgerlicher Kenntnisse, dies sei zu wenig.“
Jetzt einmal ganz davon abgesehen, dass es möglicherweise einer sehr viel
höheren psychologischen und seelsorglichen Kompetenz bedarf, um eine das
Gegenüber in seiner Fremdheit wirklich ernst nehmenden Unterhaltung zu
führen und es nicht nach dem eigenen Bilde und den eigenen Vorstellungen von
psychischer Gesundheit zu formen, was in diesen zwei Beispielen zum
Ausdruck kommt, ist die Wirksamkeit und Normativität einer ganz bestimmte
Vorstellung von Seelsorge, wie sie die letzten 50 Jahre geprägt hat: Eine
Vorstellung von Seelsorge, die mit ihrer Entdeckung der Psychotherapie und
ihrer Methoden auch ganz unmittelbar die Vorstellung des Erreichens eines im
weitesten Sinne therapeutischen Zieles, einer Form der Heilung übernommen
hat – sei dies nun als Problemlösung, sei es als Entwicklungs- oder
Wachstumsförderung, sei es in der Rede von Heil und Heilung – eine solche
Seelsorge will etwas, sie will sich nicht „bloß unterhalten“.
Nun ist es keine Frage, dass mit der beratenden Seelsorge ganz wichtige und
letztlich unhintergehbare Elemente in die Seelsorge integriert worden sind – vor
allem im Blick auf Kommunikation, Beziehung und Selbsterfahrung des
Seelsorgers, der Seelsorgerin, die auch und gerade für die Altenseelsorge von
eminenter Bedeutung sind. Allerdings wurde in der Begeisterung der
Neuentdeckung, und diese Begeisterung wirkt bis in die Gegenwart, das
beratende Element mit einer eminent hohen Wertigkeit besetzt. Erst eine im
weitesten Sinne beratende Seelsorge ist wirkliche Seelsorge. Nicht zufällig hat
die KSA über Jahrzehnte ihr repräsentatives Lernfeld für Seelsorge im
Krankenhaus gehabt. Das Votum lautete dabei immer, man lerne hier eine
gefühls- und beziehungsorientierte Seelsorge, die in ihrer Ausrichtung auf ein
Umgehenkönnen mit der Krise der Krankheit als exemplarischer Ausdruck für
jede Seelsorge angesehen werden könne.
Aus der Perspektive einer solchen Deutungshoheit stellt sich so aber die Frage,
inwiefern all das, was nicht ins Konzept passt, dann noch richtige Seelsorge sein
kann.
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Dies hatte zur Konsequenz, dass auch die Altenseesorge als nicht mehr zur
eigentlichen Seelsorge gehörig identifiziert wurde, sondern als eine Art
Seelsorge, deren Notwendigkeit man zwar einsieht, die aber bestenfalls im
Sekundärbereich des Eigentlichen angesiedelt werden kann. Nicht zufällig hat
sich die poimenische Theoriebildung – zumindest im protestantischen Bereich –
über 40 Jahre nicht mit dem Thema beschäftigt, während die Altenseelsorge im
kirchlichen Bereich in die Diakonie ausgewandert ist.
Was aus dieser Perspektive deutlich wird, ist, dass die Besonderheit der
Altenseelsorge von einem therapeutisch-beratenden Allgemeinbegriff von
Seelsorge her letztlich über lange Zeit primär negativ bestimmt worden ist, was
zugleich immer auch ein strukturelles Desinteresse an ihren Inhalten wie – in der
Konsequenz – auch letztlich die benannte Abwertung zur Folge hatte.
Was in der Verabsolutierung eines solchen Seelsorgebegriffes – aus
gegenwärtiger Perspektive gesehen – schlicht nicht mehr wahrgenommen
werden kann, ist, dass in unserer christlichen Tradition letztlich immer zwei
Grundformen, zwei Grundvorstellungen von Seelsorge bestanden haben. Die
eine ist „Seelsorge als Arbeit an einer wie auch immer zu beschreibenden
Störung“, wie sie exemplarisch bei Schleiermacher zum Ausdruck kommt, bei
dem Seelsorge sich selbst überflüssig macht, wenn die von ihr bearbeitete
Störung aufgehoben ist. Und nur am Rande: Unter diesen Bedingungen
brauchen Sie als Seelsorger nicht mehr regelmäßig ins Altenheim zu gehen.
Das ist das Modell, dem auch die beratende Seelsorge verpflichtet ist. In der
einseitigen Betonung dieses Modells geht aber der andere Strang von Seelsorge
in der christlichen Tradition verloren, die in dem schlichten „und ihr habt mich
besucht“ zum Ausdruck kommt, d.h. das Zugehen auf den Anderen um seiner
selbst willen, weil auch er ein Kind Gottes, ein Bild Gottes ist. Ein Mensch in
von Gott gegebener Eigenständigkeit und Würde. „Ich will Dir in zuwendender
Liebe begegnen, als einem von Gott geliebten Menschen, wie auch immer es Dir
geht – weil ich mich selbst als einen von Gott geliebten Menschen sehe.“ Hier
geht es nicht um ein Ziel oder einen Zweck der Beziehung, sondern es ist eine
liebende Begegnung um des anderen willen, in dem sich das Antlitz Gottes
spiegelt.
Nun mögen das zuerst einmal große Worte sein; in dieser Form von Seelsorge
zeigt sich aber die entzweckte Begegnung in ihrer Alltäglichkeit, in ihrer
Kleinräumigkeit und möglichen Banalität. – Und es ist keine Frage, dass vor
dem Hintergrund dieses Verstehensmodells von Seelsorge die Seelsorge an alten
Menschen anzusiedeln ist. Um es konkret auszudrücken: Hier haben z.B. das
Zwischengespräch im Aufenthaltsraum der Pflegestation, das Anhören der
immer selben Geschichte von der Flucht damals, das Spazierengehen mit einer
Dementen im Garten ihren Ort. Eben all die Begegnungen, die aus einer
lösungsorientierten und im weitesten Sinne therapeutischen Perspektive als ein
„Zu-Wenig“ deklariert werden.
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Hier haben all diese Begegnungen ihren Ort als eine Seelsorge, die in liebender
Zuwendung um des anderen willen schlicht da ist.
Allein aus dieser Perspektive wird dann aber bereits deutlich, dass die bislang
gepflegte Konstruktion der Seelsorge von einem Allgemeinbegriff her, der auf
Gefühls- und Problemorientierung aufruht, zumindest einen weiten Bereich
möglicher Formen von Seelsorge systematisch ausblendet.
Aus dieser Perspektive ließe sich dann sogar die Frage stellen, inwiefern es nicht
gerade die Altenseelsorge sein könnte, die – als exemplarischer Ausdruck des
„Ihr habt mich besucht“ – selbst ein neues Paradigma abgeben könnte für
Seelsorge überhaupt. Stellt doch eine jede konflikt- oder problemorientierte
Seelsorge im Verhältnis zu ihr letztlich eine Art „Unterform“ dar. Doch dies
würde wiederum nur eine neue Verabsolutierung darstellen, die in ihrer
Grundstruktur von der bisherigen Sichtweise abhängig bliebe.
Aus diesem Grund möchte ich vorschlagen, dass für alle Seelsorgefelder gilt:
Vor einer jeden Bewertung von einer im Voraus schon gewussten
Seelsorgevorstellung muss für jedes einzelne Seelsorgefeld zuerst einmal für
sich die Frage gestellt werden: Was ist hier eigentlich Seelsorge? Und erst dann
kann nach so etwas wie einem gemeinsamen, allgemeinen Seelsorgebegriff
gesucht werden. In jedem einzelnen Feld bestimmen der Kontext und die
Ausrichtung auf eine bestimmte Menschengruppe mit, was hier eigentlich
Seelsorge heißt. Nur so ist es möglich, einer konkurrierenden Abwertung zu
entgehen, die auf Grund einer schon vorgegebenen gängigen
Seelsorgevorstellung immer schon weiß, was denn richtig ist.
Und das gilt für die Gemeindeseelsorge, für die Schulseelsorge, für die
Krankenhausseelsorge, für die Notfallseelsorge – und eben für die Seelsorge an
alten Menschen.
Gehen wir also einmal davon aus, dass auch für die Altenseelsorge zuerst einmal
für sich allein die Frage „Was ist hier eigentlich Seelsorge?“ gestellt werden
muss, so können wir von dem bereits Angedeuteten festhalten: Es ist eine
Seelsorge, die auf ein „Und ihr habt mich besucht“ ausgerichtet ist, auf eine
Zuwendung zum Nächsten, um Gottes willen. D.h. es geht um eine Begegnung,
die nichts von dem Gegenüber will oder von vornherein etwas für dieses
Gegenüber will, sondern in liebender Zuwendung für es da sein will, um seiner
selbst willen – als einem Menschen, der seine Würde immer schon von Gott hat
und dem zu begegnen dieser Würde angemessen sein sollte. Auf der Basis des
christlichen Glaubens.
Nun klingt dies zuerst einmal sehr abstrakt und sehr theologisch, es macht aber
zugleich deutlich, dass die Frage „Was ist eigentlich Seelsorge?“ im Blick auf
die Altenseelsorge ein theologisches Fundament mit umfassenden praktischen
Auswirkungen hat. Denn dieses ist in seiner wirklichkeitsdeutenden, aber auch
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seiner kritischen Funktion von eminenter Bedeutung für ein Verstehen der
konkreten Altenseelsorge, im Blick auf das Thema Alter wie auch auf die
konkrete Praxis – in ihrer Grundlegung wie auch in ihren Vollzügen.
Dies möchte ich an dieser Stelle an dem Thema „Liebe“ verdeutlichen: Hatten
wir in der poimenischen Theoriebildung über lange Zeit eine Art
Idealvorstellung von Seelsorge als Professionalität, die aus einer letztlich
abstinenten Haltung heraus sich in therapeutischer Distanz der Selbstentfaltung
des Gegenübers widmet, so ist relativ klar, dass eine solche Haltung im
seelsorglichen Umgang mit alten Menschen allein nicht reicht. Wer als
Seelsorger, Seelsorgerin ins Altenheim geht, der muss seine Leute wirklich
mögen. Wer ohne diese Liebe ins Altenheim geht, wer Validation als Methode
einsetzt, der bleibt draußen – das Gegenüber wird es spüren und ihm selbst ist
ein ganz zentraler Zugang verwehrt.
D.h. war vorhin bereits auf der abstrakt-theologischen Ebene von dem Thema
der liebenden Zuwendung die Rede, so gehört es zu den hochexemplarischen
Spezifika der Altenseelsorge, dass sie in ihrer Konkretion deutlich macht, dass
wir – auch wenn der Begriff in unserer christlichen Tradition vielfach
breitgetreten und seines Sinnes entleert erscheint – in einem posttherapeutischen
Kontext erneut über das Thema „Liebe“ nachdenken müssen.
Dies macht dann aber zugleich deutlich, welch hoher selbstreflexiver Anspruch
in der Ausübung von Altenseelsorge als Profession steckt, denn dieser Aspekt
der Liebe bedeutet ja keinen Rückfall in eine Art Naivität oder Unmittelbarkeit.
Er entbindet eben nicht von der Notwendigkeit eines Nachdenkens über die
eigene Professionalität, sondern ganz im Gegenteil: Wer sich nicht in seinem
Altenheim verlieren will und über die Notwendigkeit nachdenkt, sich selbst zu
schützen, um sinnvoll handeln zu können, der ist zu einer hochkomplexen
Reflexionsleistung genötigt: Wie kann ich so etwas wie eine zweite Naivität
gewinnen, in der ich – unter den Bedingungen des Nachdenkens über eine
notwendige Professionalität – es mir dennoch leisten kann, liebend auf mein
Gegenüber zuzugehen?
Wobei – durchaus analog dazu – der Gedanke einer solchen zweiten Naivität
dann genauso für alle Fragen nach der seelsorglichen Begegnung als
Unterhaltung gilt, bei der der in Gesprächsführung geschulte, durch
Selbsterfahrung hindurchgegangene Altenseelsorger seine Beratungskompetenz
zwar im Sinne einer geschulten Wahrnehmung verwendet, aber dennoch auf der
unmittelbaren Ebene des Sich-Unterhaltens bleibt.
Bereits hier wird deutlich, dass Altenseelsorge – gerade dort, wo sie es sich
leisten kann, ganz unmittelbar zu sein und nichts zu wollen, eben nicht auf der
harmlosen Ebene des „Omas besuchen“ anzusiedeln ist, sondern möglicherweise
einer sehr viel komplexeren Selbstreflexion bedarf als eine problemlösende
Beratung mit einem klar abgesprochenen Setting.
Dabei ist es selbstverständlich, dass dort, wo unmittelbar Fragen und Probleme
anstehen, auch eine entsprechende Notwendigkeit angesagt ist, mit diesen
persongerecht umgehen zu können.
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Unter dieser Voraussetzung wird dann aber noch einmal auf ganz eigene Weise
das zentrale Thema der Altenseelsorge sichtbar, das mit seinem Kontext, seinem
Bezugsrahmen zu tun hat: das Alter selbst, in seiner Fremdheit als eine eigene
Welt, in seiner Repräsentanz von Endlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens.
Und es stellt sich die Frage, wie in der Altenseelsorge diese Endlichkeit und
Fremdheit sich widerspiegeln.
Da dies ein Thema für einen eigenen Vortrag wäre, möchte ich einige zentrale
Punkte hier thesenförmig zusammenfassen:
1. Das Alter wird nach wie vor in unserer gegenwärtigen Gesellschaft
ausgeblendet bzw. negativ abgewertet. Oder aber – exemplarisch bei den so
genannten jungen Alten – aus der Perspektive der mittleren Generation
kolonialisiert und vereinnahmt (Werbung!).
2. Einer der zentralen Gründe dürfte dabei darin liegen, dass sich das Alter –
ohne dass ich es hier auf diese reine Defizit-Seite festlegen möchte – als sperrig
erweist gegen alle gesellschaftlichen Vorstellungen der Machbarkeit von Leben.
Im Blick aufs Alter wird repräsentativ Endlichkeit sichtbar, die Grenze von
Autonomie, Leistung, Gestaltung und Produktion von Leben. Dies macht Angst.
Eben denen, die diese Themen als programmatische Überschrift über ihr Leben
haben – und dies ist der Großteil der Gesellschaft, zu dem auch wir gehören.
Diese Bedrohung führt zu den benannten Abwehrszenarien wie Ausblendung,
Abwertung usw.
3. Hier liegt auch einer der zentralen Gründe für die Nichtwahrnehmung und
Abwertung der Altenseelsorge selbst. Es stellt sich die Frage, inwiefern die
dominante Seelsorgevorstellung der letzten vierzig Jahre mit ihren
Vorstellungen von Problemlösung, Wachstumsförderung und Entwicklung nicht
auf unbewusster Ebene auch als Ausdruck des gesamtgesellschaftlichen Trends
der Machbarkeit von Leben angesehen werden muss. Was dann eben die
entsprechenden Auswirkungen auf die Altenseelsorge hatte. (Nur am Rande: In
den letzten Jahren sind immer wieder Bücher und Aufsätze der Pioniere der
beratenden Seelsorge zum Thema Alter aufgetaucht. Jetzt, da sie selbst alt
geworden sind.)
4. Nun hat das bislang Gesagte auch eine ganz andere Seite: So es denn nicht
nur abgewehrt wird, bietet das Alter eine kritische und selbstkritische Instanz
gegenüber allen einseitigen Vorstellungen von Leben. Es konfrontiert mit der
Realität, die gerne ausgeblendet wird. Bildhaft ausgedrückt: Es konfrontiert mit
der Wahrnehmung: Um mein Leben in der Hand zu haben oder es in den Griff
zu bekommen, müsste meine Hand größer sein als ich selbst.
Theologisch gesprochen: Das Alter konfrontiert mit dem Thema, dass Leben
nicht machbar ist. Leben ist eine kostbare Gabe Gottes, auch in seiner
Begrenztheit und Fragmentarität.
Und allein dieser permanente Hinweis muss als wirklicher Schatz im Acker
unserer gegenwärtigen Gesellschaft angesehen werden.
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5. Diese Sicht von Leben wahrzunehmen und sie auf angemessene Weise im
Umgang mit anderen Menschen umzusetzen, gehört dann zu den zentralen
Aufgaben der Altenseelsorge. Es beinhaltet das – gerade in der Begegnung mit
alten Menschen immer wieder zentrale – Entdecken des Lebendigen als kostbare
Gottesgabe mitten im Alltäglichen, im Banalen und Harmlosen. Nicht nur in den
heil- und heilungbringenden bzw. wachstums- und entwicklungsfördernden
grandiosen Problemlösungsszenarien oder Leistungsansprüchen, die dürfen ja
auch sein, wenn entsprechende konkrete Fragen und Probleme anstehen,
sondern im Wertschätzen des Kleinräumigen, des Alltäglichen. Der ganz
normale Alltag der Altenseelsorge ist eben nicht so banal, wie er gerne – eben
abwertend – dargestellt wird, sondern hier realisiert sich auf unmittelbar
zwischenmenschlicher Ebene etwas von dem, was wir alle einmal – zumeist
weit abgehoben von jeglichem Praxisbezug – in der Systematischen Theologie
gelernt haben: Dass es um einen Gott geht, der es sich leisten kann, nicht nur
allmächtig, allwissend und allgegenwärtig zu sein, sondern selbst Mensch wird,
ein konkreter, in einer Geschichte lebender Mensch, mit all den Banalitäten und
Zufälligkeiten des Alltags.
6. Altenseelsorge realisiert so eine Absage an alle Leistungsorientierung und
wendet sich denen zu, an denen das Scheitern der Vorstellung der Machbarkeit
von Leben sichtbar wird – und die dafür auch massive Abwertung erfahren. Sie
hält so – obwohl sie selbst in diese Abwertung hineingezogen wird – ein
lebenswichtiges Thema offen. Für eine Gesellschaft, die dringend der
Infragestellung ihres einseitigen Lebenskonzepts bedarf, für eine
Seelsorgetheorie, die sich ihrer glaubensbezogenen Grundlagen immer wieder
neu vergewissern sollte, aber auch für eine Kirche, die gesellschaftgebunden
sich den wirtschaftlichen Effektivitätskriterien anpassen muss bzw. anpasst.
Gerade hier entscheidet sich repräsentativ an der Altenseelsorge, inwiefern
Kirche sich bei aller notwendigen Zeitgemäßheit durch ihre eigenen
theologischen Wurzeln immer neu in Frage stellen lässt. Hier können wir die
Altenseelsorge wirklich als theologischen und selbstkritischen Schatz im Acker
der Kirche verstehen.
7. Eine solche Perspektive hat dann aber auch Konsequenzen für die Person des
Seelsorgers, der Seelsorgerin. Wer sich dem Altenthema stellt, wird sich neben
aller beziehungsorientierten Selbsterfahrung auch grundsätzlich verändern
müssen, im Hinblick auf die bewussten und unbewussten Einstellungen, an
denen er als Glied seiner Gesellschaft Anteil hat, auf individueller Ebene in der
Frage nach dem eigenen Altwerden, aber auch im Blick auf den eigenen
Glauben, den es neu zu entdecken gilt, im Blick auf das Leben als Geschenk,
den Geber des Lebens und das eigene Getragensein – um dann in liebender
Zuwendung zu den alten Menschen gehen zu können.
Zitat eines Altenseelsorgers: „Es mag komisch klingen, aber ich bin frömmer
geworden, seit ich im Altenheim arbeite.“
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Altenseelsorge – und in dieser Hinsicht hat sie eine exemplarische Rolle auch
für alle anderen Seelsorgeformen – erschöpft sich nicht in Methoden, Beziehung
oder Gesprächsführung, sondern sie hat zutiefst etwas mit einer Haltung zu tun:
Mit einer Haltung, die – ich möchte es einmal bildhaft ausdrücken – in ihrem
Gegenüber nicht nur den hilfsbedürftigen Menschen sieht, sondern das Antlitz
Gottes. Sie begegnet so diesem Gegenüber in Ehrfurcht, Respekt und Liebe und
lässt sich selbst mit all ihrem methodischen Repertoire immer wieder neu in
Frage stellen. Wer im Gegenüber das Antlitz Gottes sieht, dem begegnet eben
nicht nur der leidende Christus, dem es aufzuhelfen gilt, sondern immer auch
sein Schöpfer und sein Richter.
Und ich denke, es ist gerade diese Haltung, aus dem christlichen Glauben
herausgewachsen, in der das Spezifische der Altenseelsorge gegenüber all den
anderen Berufen liegt, die mit alten Menschen umgehen, während sie sich
womöglich in den konkreten Umgangsweisen überhaupt nicht unterscheiden
mögen.
Sind damit einige grundlegende Perspektiven im Blick auf das Alter und die
Altenseelsorge benannt, so möchte ich jetzt noch auf einige exemplarische
Bereiche hinweisen, durch die die Altenseelsorge ihre besondere Gestalt erhält.
1. Die Altenseelsorge hat zutiefst zu tun mit dem, was Dietrich Ritschl als
Grundthema des christlichen Glaubens formuliert hat unter der Überschrift
„memory and hope“, Erinnerung und Hoffnung.
Und zwar im Blick auf die alten Menschen wie auch auf die eigenen christlichen
Wurzeln.
Hinsichtlich der alten Menschen heißt dies: Gerade dort, wo die Außenwelt
immer enger wird, immer kleinräumiger, begrenzt durch Morbidität und
Multimorbidität, eröffnen sich ganz weite Räume der Erinnerung. Nicht zufällig
ist Lebensgeschichte ein zentrales Thema der Altenseelsorge. Bei allen
gegenwärtigen Tendenzen, daraus wiederum ein neues leistungsorientiertes
Thema zu machen, wie es unter den Stichworten Lebensbilanz oder Abrundung
der Lebensgeschichte zum Ausdruck kommt, ist dieses Sich-Erinnern an
gelebtes Leben in der Fülle von Schmerz, Leid, Sich-Durchbeissen,
Glücklichsein und Freude ein wirklicher Schatz im Acker: Von den großen
Überlebensgeschichten – heute könnte man dazu auch Resilienzgeschichten
sagen – „Damals auf der Flucht“ oder „wie ich ohne Mann vier Kinder
großgekriegt habe“ bis hin zu den unendlich vielen kleinen und oft alltäglichen
Geschichten aus dem Leben. Und aufmerksam zu sein auf diese Fülle,
wertschätzend und offen dafür, was es da zu entdecken gilt, ist ein zentrales
Anliegen von Altenseelsorge. Und gerade weil diese Erinnerung nicht effektiv
ist, in dem Sinne, dass man was aus ihr machen müsste, sondern weil es darum
geht, sie um ihrer selbst willen wertzuschätzen, als geschenktes und gelebtes
Leben, wächst aus ihr Hoffnung. Hoffnung mitten in der Begrenztheit und
Einschränkung, Hoffnung auch angesichts des näher rückenden Todes.
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Mitten in einer Zeit, in einer Gesellschaft, die an Geschichte, an Vergangenheit
kaum interessiert ist und die sich vor allem auf die Gegenwart und die
Konstruktion von Zukunft beschränkt.
Gerade im diesem wertschätzenden Umgang mit der Erinnerung selbst kommt
wiederum ein zentrales christlich-theologisches Thema zum Ausdruck: Hier
realisiert sich eine christliche Haltung, die selbst aus Erinnerung und der daraus
wachsenden Hoffnung lebt. Im Blick auf die Lebens- und Liebesgeschichte
Gottes, im Blick auf eine lange und durchaus wechselhafte Geschichte des
christlichen Glaubens. Im Getragensein dieser Geschichte durch den, von dem
diese Geschichte erzählt.
Wobei aus dieser Perspektive der gesellschaftlich zumeist als Abwertung
formulierte Satz: „Da schaut die Kirche aber alt aus“, eine gänzlich neue
Bedeutung bekommen könnte.
2. Ein zweiter Punkt sei zumindest kurz gestreift: In der Altenseelsorge wird auf
plastische Weise deutlich, dass das im protestantischen Kontext oft auf die reine
Sprachlichkeit reduzierte Evangelium in noch ganz anderen, eben auch
nichtsprachlichen Dimensionen geschieht. In der Begegnung mit Dementen, mit
Sterbenden – die der Sprache nicht mehr mächtig sind. Gerade dort, wo alle
gesprächstherapeutischen Mittel versagen, kann sich Evangelium ereignen in
einer unmittelbaren, liebenden Zuwendung.
Wobei 3. von der Begegnung mit Dementen noch eine andere Dimension der
Altenseelsorge deutlich wird, die ich die überindividuelle oder auch liturgische
Dimension nennen möchte. Besonders deutlich mag dies werden z.B. in einer
Begegnung, wo die Seelsorgerin mit einem Dementen primär über das Singen
von Kirchenliedern kommuniziert – weil das das einzige ist, auf das ihr
Gegenüber anspricht, wo er direkt reagiert, – oder im Dementengottesdienst.
Aber hier wird nur auf exemplarische Weise deutlich, dass gerade die religiöse
Sprache mit ihren kollektiven, eben überindividuellen Formen in einem Bereich
trägt, in dem man sich den Grenzen des Individuellen und des individuell
sprachlich Fassbaren annähert. Es ist eine Art liturgischer Kommunikation, die
noch einmal eine ganz andere Dimension eröffnet als das unmittelbare
Gespräch. Sie wirkt aber zugleich wie ein Gefäß, in das ganz viel an Geschichte,
Erinnerung, gegenwärtigem Gefühl, Beziehungsausdruck und Hoffnung
zugleich hineingelegt werden kann und das aufgehoben ist in der
überindividuellen Lebensgeschichte des Christentums, in der Gottesgeschichte.
Weit über alle Individualität und Privatheit von Besuchtem oder Seelsorgerin
hinaus. Auch wenn solche liturgisch-überindividuelle Kommunikation von
außen betrachtet wiederum manchmal recht harmlos wirkt, so ist sie doch etwas,
dessen Bedeutung – wenn sie denn wahrgenommen wird – noch einmal eine
neue Perspektive auf das rituelle Geschehen in den anderen Seelsorgeformen
eröffnen kann.
Und es wird auf exemplarische Weise sichtbar, dass hier etwas geschieht, das
der Seelsorger, die Seelsorgerin nicht machen kann, obwohl er etwas tut. Ich
zitiere eine Altenheimseelsorgerin: „Der Gottesdienst mit demenzkranken
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Menschen erinnert mich, die ich den Gottesdienst halte, an etwas, was ich sonst,
wenn ich einen Gottesdienst vorbereite, leicht vergesse: Ich habe das, worum es
im Gottesdienst geht, nicht in der Hand, ich kann es nicht ‚machen’, sondern es
bleibt dem Wirken des Heiligen Geistes überlassen. Ich schaffe einen Raum, in
dem Gott wirkt.“
4. Dies führt ganz unmittelbar zu einem – angesichts der Begrenztheit der Zeit –
letzten Punkt, zur Frage nach Spiritualität und Religion. Dabei können wir
davon ausgehen, dass die klassische Volksmeinung „Mit dem Alter kommt der
Psalter“ im unmittelbaren Sinne sicher nicht stimmt, es stellt sich aber die Frage,
inwiefern die Wahrnehmung der Begrenztheit von Leben nicht immer auch
Fragen auftreten lässt, die man im weitesten Sinne unter dem Begriff der
Spiritualität fassen könnte. Wenn mein Leben, das größer ist als ich selbst, an
seine Grenzen kommt, gibt es dann etwas, woran ich mein Herz hängen kann,
etwas, das größer ist als das Leben selbst? – Wie auch immer solche Fragen
beantwortet werden, sei es gar nicht, sei es auf ganz persönliche Weise oder sei
es in explizit religiöser Sprache, der Altenseelsorger, die Seelsorgerin – als
Seelsorger identifizierbar – bringt immer schon qua Rolle eine Deutung mit, ist
bereits selbst eine Weise der Deutung. Sei dies nun in der Erfahrung liebender
Zuwendung, als eine „Begegnung mit einer wohlwollenden Außenwelt“, was
theologisch durchaus als eine Form des extra me zu identifizieren wäre, sei es
im Gespräch, das dem Gesprächspartner seine Selbstdeutung nicht wegnimmt,
sei es im gemeinsamen religiösen Vollzug, als Beten, Singen oder Segen.
In dieser Hinsicht ist der Altenseelsorger, die Seelsorgerin immer auch die
leibhaftige Repräsentanz einer Dimension, in der die grundlegende Passivität
von Leben aufgehoben ist. D.h. die grundlegende Passivität von Leben, die es
zwar immer auch gibt, die aber im Kontext der Frage nach Autonomie und
Selbstbestimmung häufig genug ausgeblendet wird, deren Verlust dann aber
umso heftiger und schmerzlicher erlebt wird. – Und im Aufgehobensein auch
dieser Passivität von Leben in einem größeren Rahmen – sei es in
ausgesprochen religiöser Form, sei es in der Begegnung mit der Seelsorgerin,
die selbst so etwas wie Deutung ist, kann immer wieder auch Hoffnung spürbar
werden, wie begrenzt die reale Situation auch ist.
Treten wir zum Schluss noch einmal innerlich einen Schritt zurück und stellen
noch einmal die Frage nach dem Spezifischen der Seelsorge an alten Menschen,
so mag deutlich geworden sein: Wenn ich dieses Spezifische nicht von einem
vorgegebenen Allgemeinen her betrachte, sondern zuerst einmal die Frage stelle:
Was ist eigentlich Seelsorge – aus der der Perspektive der Altenseelsorge?, so
tut sich – zuerst einmal ohne Wertung oder Abwertung – ein weites Feld auf,
das nicht nur auf einer anderen theologischen Grundlage aufruht als die sonst
übliche Seelsorgevorstellung, sondern in dem auch – gerade durch die
Verbindung mit der Frage nach dem Alter – Themen, und speziell theologische
Themen verhandelt werden, die sonst leicht und gerne in der
Nichtwahrnehmung verschwinden. Sei es die Frage nach der liebenden
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Zuwendung, die immer auch als eine Form der gelebten Rechtfertigung
verstanden werden kann, sei es die Frage nach der Realisierung von Endlichkeit,
nicht nur im Sinne einer realen zeitlichen und körperlichen Begrenzheit, sondern
vor allem auch im Sinne von Endlichkeit als Geschöpflichkeit, sei es in der
Frage nach der Geschichtlichkeit in einer sich immer mehr von Geschichte und
Tradition abwendenden und sich der „reinen Gegenwart“ zuwendenden Welt,
die ihre Aufhebung findet in der Lebens- und Liebesgeschichte Gottes, sei es in
der Frage nach einer Gerechtigkeit, die für die sich z.T. nicht mehr wehren
könnenden, nicht mehr selbst bestimmten Menschen eintritt, sei es in der Frage:
„Was ist Leben?“ – auch unter (möglicherweise) schwierigen realen
Rahmenbedingungen. Gerade die Lebendigkeit, kreative Offenheit usw. alter
Menschen beinhaltet hier eine deutliche Anfrage an die gegenwärtig geteilten
Vorstellungen von gelingendem und gelingen-müssendem Leben, die den
Geschenkcharakter von Leben aus den Augen verliert.
Es ist keine Frage, dass auf dieser Basis im konkreten seelsorglichen Vollzug
dann all die psychologischen und pastoralpsychologischen Perspektiven ihren
Ort haben, die wir alle einmal in unserer Ausbildung gelernt haben. Die
Altenseelsorge aber dürfte wohl derjenige Bereich in der Vielfalt der Felder der
Seelsorge sein, in dem die theologische Grundierung der Seelsorge auf
besondere Weise zum Ausdruck kommt, wodurch sich die Frage nach der
bisherigen Abwertung noch einmal neu perspektiviert. Könnte es nicht sein, dass
sowohl die Seelsorgetheorie insgesamt wie auch die einzelnen
Seelsorgekonzeptionen gerade von der Altenseelsorge eminent viel lernen
könnten? Könnte es nicht sein, dass gerade die Altenseelsorge eine Art Schatz
im Acker der Praktischen Theologie wie auch der Kirche darstellt, der zwar auf
den ersten Blick sich als sehr unscheinbar zeigt, dessen Bedeutung gerade in
seinem Bezug zur Basis des Glaubens aber wohl kaum überschätzt werden
kann?
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