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Jutta Bergmann-Gries Juli 2013 „Woher wir kommen und was da

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Jutta Bergmann-Gries
Juli 2013
„Woher wir kommen und was da gewesen ist“
Das 150jährige Jubiläum der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist ein guter Anlass,
nach den Anfängen der Partei bei uns im Rhein-Sieg-Kreis zu fragen. Johannes Rau hatte
dazu bereits in den 1980er Jahren in Siegburg geredet.
Bei einer Ausstellungseröffnung im April 1980 im Rathaus zum 60. Jahrestag der Gründung
eines SPD-Ortsvereins in Siegburg hatte sich Johannes Rau zu Herkunft und Antrieb der
sozialdemokratischen Arbeiterbewegung geäußert. Als 1863 der Deutsche Allgemeine
Arbeiterbildungsverein gegründet wurde, sei es um Bildung gegangen und die Bewegung sei
von der Forderung nach Teilhabe an Bildung für alle Menschen ausgegangen.
Die vergleichsweise späten Anfänge
der Sozialdemokratie im Rhein-Sieg-Kreis in den
1890er Jahren stehen in Zusammenhang mit der spät einsetzenden Industrialisierung der
Region. Sie verläuft parallel zu Entwicklungen in der Landwirtschaft und in dörflich
geprägten Handwerksbetrieben. Schiffer, Arbeitsplätze in Steinbrüchen und Kalköfen, allmählich aufkommender Fremdenverkehr im Rheinland u.a. markieren die gesellschaftlichen
Umwälzungen und den schwierigen Weg für die Sozialdemokratie im ebenso ländlich wie
katholisch geprägten Rheinland.
1890 kandidiert August Bebel im Wahlkreis Sieg -Waldbröl für den Reichstag und erhält in
Bad Honnef 4, der Kandidat der Zentrums-Partei 273 Stimmen. Bebel - gebürtiger Kölner
und einer der Männer, die die Arbeiterbewegung im Deutschen Reich gründeten - gilt als
herausragender Repräsentant der sozialistischen Utopie. Er, der „Arbeiterkaiser“, soll so klar
geredet haben, dass seine Zuhörer sich ehrfürchtig zeigten, wenn er nach vier bis fünf Stunden
Rede eine Versammlung verließ.
Das 1878 mit Stimmenmehrheit der konservativen und der meisten nationalliberalen
Abgeordneten im Reichstag verabschiedete „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ kam einem Parteiverbot im Gebiet des Deutschen Kaiserreichs
gleich. Auch nach Aufhebung der Sozialistengesetze 1890 wird die Sozialdemokratie in der
oberen Rheinprovinz bespitzelt und polizeilich überwacht. “Viele Versammlungen mussten
nachts und unter freiem Himmel durchgeführt werden, was den Ruch der Sozialdemokratie
nach Verschwörung und geheimen, wohl gar staatsfeindlichen Aktionen noch verstärkte.
Lichtscheue Gesellen war ein gern benutztes Wort für Sozialdemokraten.“1 1910 gab es einen
‚Sozialdemokratischen Verein Obere Rheinprovinz’, der in den Diasporakreisen Siegburg,
Waldbröl und Hocheifel agierte und Wahlkreisorganisationen vorbereiten sollte. Vor der
Gründung z.B. der Hennefer SPD gab es Zusammenkünfte von Arbeiter- und Soldatenräten.
Die erste große Versammlung des „Sozialdemokratischen Vereins der Kreise Sieg und
Waldbröl“ fand am 12. Januar 1919 im Lokal Walterscheid ( heutige Gaststätte „Sieglinde“)
statt. Am 25. Januar 1919 wird der SPD - Ortsverein Hennef gegründet.
Johannes Rau sagt zu den Anfängen der organisierten sozialdemokratischen Arbeiterbewegung bzw. zu den Anfängen der SPD: .“...... das war jene Zeit, in der man bis in unser
Jahrhundert hinein gut daran tat, am 1. Mai und mit der roten Nelke nicht in der eigenen Stadt
zur Demonstration zu gehen, weil es der Prokurist sehen könnte. Damals war ein Parteieintritt
ein Risiko. Damals war das Parteibuch nicht, was es heute hier und da sein kann: an
unterschiedlichen Orten für unterschiedliche Parteien eine Art Reisepass für die höhere
Beamtenlaufbahn - auf Verlangen vorzuzeigen.“2
1918 wird in Siegburg ein SPD-Ortsverein gegründet - recht spät, wegen der wirtschaftlichen
Struktur der Stadt: die ‚Königlichen Werke’, ein Rüstungs- und Munitionsbetrieb mit zeitweise - rund 20.000 Beschäftigten und einer äußerst strengen Arbeitsordnung. Schon
oppositionelle Äußerungen reichten für betriebliche Strafmaßnahmen aus. Wer zu einer
Gewerkschaft oder zu einer demokratischen Partei gehörte, wurde mit fristloser Entlassung
bestraft. Für Ober- und Niederdollendorf bzw. das heutige Königswinter wird berichtet, dass
1919 ein Sozialdemokratischer Verein gegründet wurde. Viele Hundert Menschen hofften, die
SPD werde ihre Not lindern helfen.
Arbeiterbewegung
und
Sozialdemokratie
setzten
sich
mit
Christlichen
Arbeiter-
Vereinigungen und christlich-sozialen Vereinen auseinander. Die Erfahrung, wie reibungslos
sich konservative, meist katholische Kräfte in Behörden, auch mit Unternehmern und
Politikern und besonders gut mit dem Klerus abstimmen können, begleitet den Weg der
Sozialdemokratie in der Region bis heute. Zu dem von der SPD in Königswinter favorisierten
überkonfessionellen „Moralunterricht“ kann man in der ‚Oberkasseler Zeitung’ vom 19.
Dezember 1918 lesen: “Kein Katholik, der seines Namens wert ist, kann und wird seine
Kinder in den ‚Moralunterricht’ senden. Eine vom christlichen Glauben losgelöste Moral
stellt eben eine Religion für sich dar und zwar eine antichristliche.“ 3
1
2
3
Vorwärts - gegen den Strom.75 Jahres SPD - OV Bad Honnef 1919-1994
Johannes Rau: Rede zur Eröffnung der Ausstellung’ 60 Jahres SPD in Siegburg am 11.April 1980.
Zitiert nach: Materialien zur Geschichte der SPD in Königswinter.Zusammengestellt und bearbeitet
von
Lieselotte Busch und Hilke Andreae-Hinrichs.
Vierzig Jahre später, im Januar 1958, spricht der sozialdemokratische Abgeordnete und
spätere Bundespräsident Gustav Heinemann im Deutschen Bundestag den Satz: “Die
Wahrheit ist, dass Jesus nicht gegen Karl Marx, sondern für uns alle gestorben ist.“
Für die Zeit der Weimarer Republik wird aus Nieder- und Oberdollendorf berichtet, dass
Sozialdemokraten Wählerstimmen verlieren, Kommunisten gewinnen. Für die SPD
kandidieren Arbeiter und kleine Selbständige. Sozialdemokrat Hannes Busch - Mitglied im
Gemeinderat von 1925-33 - setzt sich z.B. gegen die zu hohen Mieten in den gemeindeeigenen Häusern und Wohnungen ein. Er fordert, Arbeit zu schaffen - etwa beim Ausbau der
Kanalisation. Sozialdemokraten wenden sich gegen Hungerlöhne: die Partei wird
klassenkämpferischer....
Im März 1933 verfügt der Landrat, dass Johannes Busch sich weiteren Ausführungen seines
Mandats als Gemeinde- und Amts-Vertreter, als Kommissionsmitglied und als Träger
einzelner Ehrenämter zu enthalten habe. Kurze Zeit später berichtet die Dollendorfer Zeitung
über Hausdurchsuchungen bei Mitgliedern des Reichbanners, der KPD und der SPD. „Da der
Arbeiter Busch keinen Beruf mehr fand, schlug er sich mit Hilfe von Freunden als
Versicherungsvertreter bis 1945 durch.“4 Nach dem 2. Weltkrieg gründete er den SPDOrtsverein Ober- und Niederdollendorf wieder, dessen Vorsitzender er 15 Jahre lang war.
1970 wurde der langjährige Gemeindevertreter und Kreistagsabgeordnete mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 werden SPD-Versammlungen
in Hennef nicht mehr genehmigt. Am 13.März ’33 werden die beiden Sozialdemokraten
Wilhelm Püttman und Albert Gödtner verhaftet. Die sozialdemokratische Fraktion protestiert
dagegen, dass unschuldige, ja angesehene Personen - Wilhelm Püttman war Lehrer - bzw.
Väter ihren Familien entrissen werden. Frau Gödtner steht nach der Verhaftung ihres Mannes
mit fünf Kindern alleine da. Die sozialdemokratische Fraktion stellt folgenden Antrag:
„Der Gemeinderat möge beschließen, der Frau Gödtner einen wöchentlichen Zuschuss von 8
RM für ihre jetzt außer-gewöhnlichen Unkosten als Zusatz zu gewähren.“5 Der Antrag wird
später kommentarlos zurückgezogen. Wilhelm Püttmann wird im April, Albert Gödter im
März ’33 aus der „Schutzhaft“ entlassen.
Zwölf Jahre „Tausendjähriges Reich“ - die skrupellose Machtergreifung und menschenverachtende Machtausübung Hitlers und seiner Schergen macht immer wieder betroffen und
nachdenklich. Da ist der Veranstaltungskalender für Januar/Februar 1933 des Volkshauses in
4
5
Kleine Geschichte der SPD in Ober- und Niederdollendorf. Ca.1977.
75 Jahre SPD Hennef - Chronik. Jubiläum am 25.01.1993.
Siegburg: Am 31.Januar treffen sich Arbeiter-Samariter zum Übungsabend, das Reichsbanner Schwarz-rot-gold hat eine Zusammenkunft. Am 1.Februar gibt es einen Lichtbildervortrag der Naturfreunde, am 22. Februar hat die Freie Sportvereinigung ihr Hallentraining
und die Arbeiterwohlfahrt Nähabend. Am 3. Februar probt der Volkschor und am 5. Februar
ist die Goldene Hochzeit der Eheleute Hagedorn. Im Februar 1933 organisieren Naziführer
einen Überfall auf das Volkshaus in Siegburg. Warum?
Bei dem Überfall werden sechzehn führende Sozialdemokraten verhaftet und zu Zuchthausstrafen verurteilt. ADGB (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund) und SPD werden
zerschlagen. Das Volkshaus wird vereinnahmt. Zwei der führenden Sozialdemokraten, der
OV-Vorsitzende Karl Pierkes und der 1. Bevollmächtigte des ADGB, Mathias Klein, werden
im Zusammenhang mit dem Attentat am 20. Juli 1944 ins KZ Sachsenhausen verschleppt und
ermordet. Andere Sozialdemokraten erhalten Aufenthaltsverbot in Siegburg oder werden
nicht mehr in Arbeit vermittelt.
Sozialdemokraten sind nach 1945 ihren Weg weitergegangen. Der Weg war und ist
erfolgreich: Gleiche Bildungschancen, Sozialstaatlichkeit oder ‚Gute Nachbarschaft nach
innen wie nach außen’ - das war für Willy Brandt Friedenspolitik -
sind nur mit Sozial-
demokraten erreicht worden. Mein großer Dank gilt allen, die Dokumente zur Geschichte der
SPD vor Ort aufbereitet bzw. Chroniken erstellt haben. Einzelne Dokumentationen gibt es
auch zur Geschichte der SPD nach ’45. Diese Dokumente und ein aktueller Ausblick zeigen
den nach wie vor festen Bezug zu den Grundwerten der Sozialdemokraten an Sieg und Rhein,
zu Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.
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Seele and Geist
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