close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Ja, Bregenz. Was ist das eigentlich? Bregenz ist - Net HS-Data

EinbettenHerunterladen
BREG E N Z
J
a, Bregenz.
Was ist das eigentlich?
Bregenz ist vorerst einmal einfach dunkel. Um nicht zu sagen finster.
Na klar, denn schließlich ist ja Nacht, wenn man in Bregenz im Jänner nach 19
Uhr mit dem Zug ankommt und aussteigt.
Da ist es zwangsläufig finster, spätestens nach Verlassen des Bahnhofsgeländes.
Wenn man dabei jedoch in einer Stadt ankommt – und als solche wähnt sich ja
Bregenz wahrscheinlich – ist man doch über diese totale Finsternis, die einen draußen auf den Straßen, vielmehr auf der Straße, der – eh klar – „Bahnhofsstraße“,
empfängt, baß erstaunt.
Es gibt zwar schon so was, das man gemeinhin in der so genannten zivilisierten
westlichen Welt als Straßenbeleuchtung bezeichnet, nur erscheint (im wahrsten
Sinne des Wortes) diese wie eine fünfzehn Wattbirne alle hundert Meter.
7
8
Dieses Licht ist dahingehend als ausreichend zu bezeichnen, den schwarzen
Asphalt mit seinen aufgemalten weißen Parkflächen oder, wenn schraffiert, mit seinen Nichtparkflächen zu erkennen. Den grauen Randstein – vermutlich aus Granit –, der den Gehsteig baulich von der Fahrbahn abhebt, erstolpert man dann
jedoch schon wieder eher zufällig, als ihn als solchen erkennen zu können.
Daneben, wo eigentlich zu dieser Zeit Schnee liegen sollte, schimmert schlummernd das schale Grün eines Rasenstreifens, das zumindest dann als solches erkennbar wird, wenn ein Auto vorüberfährt.
Wenn schon nicht die Straßenbeleuchtung, dann spendet doch zumeist ein urbanes Ambiente mit hell erleuchteten Geschäften, Lokalen und sonstigen Werbetafeln auf Hauswänden oder Dächern Licht und Orientierung.
Nicht wirklich zwingend hier.
Zwar handelt es sich um das Bahnhofsviertel – und das Hafenviertel liegt gleich
nebenan –, aber nicht einmal irgendwelche, sonst in solchen Gegenden üblich rot
beschienenen Auslagen mit spärlich bekleideten Mädchen hinterm Schaufenster
oder in der Eingangstüre spenden hier Erleuchtung, von Trost sowieso ganz zu
schweigen. Einzig die vorbeirasenden Fahrzeuge erhellen manchmal kurz die
Nacht. Und Daherbrausen können sie zweifelsfrei, denn keine zehn Minuten nach
meiner Ankunft hätte mich auch schon ein Auto an einer ampelgeregelten Kreuzung auf dem Zebrastreifen umgefahren, wäre ich nicht bereitwillig und vor allem
rasch zurückgetreten.
Immerhin hing noch die Weihnachtsbeleuchtung zwischen den Häusern, und
deren Stern- und Glockenformationen waren von hier unten einigermaßen gut zu
erkennen – schließlich waren sie der Straßenbeleuchtung ja deutlich näher –, lediglich gestrahlt hatten sie nicht mehr.
Offensichtlich nicht ganz zu unrecht sagt man den BewohnerInnen dieses Landstriches nach, sparsam sein zu können.
Sobald man dann die Bahnhofsstraße, wo der vorbeifahrende Autoverkehr zumindest kurz für sogar blendende Lichtverhältnisse sorgte, verläßt und eine Nebenstraße als vermeintliche Abkürzung zur Unterkunft wählt, reduziert sich die
amtliche Straßenbeleuchtung auf eine 1,5 Watt-Birne alle zweihundert Meter.
Hier allerdings, in dieser Einfamilienhaussiedlung, hilft praktischerweise jeder
Privathaushalt mit seinen Bewegungsmeldern aus, die an nahezu allen Eingangstüren und Garageauffahrten montiert sind und wirklich klaglos funktionieren. Dieses Licht strahlt dann nicht selten mit 200 Watt, und mühelos sind Pracht und
Prunk der dort parkenden Autos, Art und Farbe des Gartenzaunes und die Höhe
und Breite der Einheitshecke aus Thujen zu erkennen.
Und vor allem sind zum ersten Mal problemlos die eher klein gehaltenen Straßenschilder auch wirklich lesbar.
„Weniger Staat, mehr privat“ war irgendwann einmal ein Wahlslogan.
Was darunter in der Bregenzer Vorstadt zu verstehen ist, offenbart sich hier,
wenn auch nur kurzfristig erhellend.
9
Ob die Vorarlberger Landesregierung diese private Lichtinitiative entsprechend
fördert, entzieht sich meiner Kenntnis. Schließlich spart die Gemeinde sich dadurch einen Haufen öffentlicher Beleuchtungskosten. Aber vielleicht investiert sie
ja all das Ersparte wieder in neue Wahlkampfslogans. Denn Geld soll ja zirkulieren.
Die Effizienz dieses Systems ist dennoch in Frage zu stellen: Nicht nur einmal
beobachtete ich, lange bevor ich selbst in das Sensorenfeld eines Bewegungsmelders kommen konnte, daß die Flutlichtanlage neben der Haustüre anging und ich
dadurch gerade noch erkennen konnte, wie eine ob so viel Helligkeit verängstigte
Katze blitzschnell unter einem der allseits parkenden Fahrzeuge verschwand. Diese
dürfte dann vermutlich solange dort ausgeharrt haben, bis die gewohnte Finsternis wiedergekehrt war, um sich anschließend neuerlich aus ihrem Versteck hervorzutrauen und damit jenen Teufelskreis auszulösen, der, kurz gefaßt, sich so darstellen läßt:
Katze will nachts von A nach B.
Bewegungsmelder reagiert.
Flutlicht geht an.
Katze erschrickt.
Flucht unters nächste Auto.
Warten auf die Dunkelheit.
Neuerlicher Versuch, von A nach B zu kommen.
11
N E U L I C H BEI DER GRI EC HE NMAFIA
12
N
achdem es in Bregenz offensichtlich nur Pizza, Sushi, Kebab oder chinesisch
zu essen gibt, aber kein normales, bodenständiges Wirtshaus zu finden war,
ging ich abends abwechslungshalber einmal zum Griechen.
Ein schmales, lang gestrecktes Lokal mit gezählten 28 Sitzplätzen. Gegenüber
dem Eingang eine riesige, alte Pudel aus den Sechzigern mit Weißweinflaschen
und Mannerwafferln in der überdimensionalen Kühlvitrine.
Dazwischen der Gastraum mit Tischen aus massivem, hellem Fichtenholz, das
eher an den Ikeakatalog denn an einen Griechenlandurlaubsprospekt erinnerte.
Ebenso waren die Sessel aus massiver Fichte, nur die Sitzfläche bestand aus dem
so griechisch anmutenden Schnurgeflecht. Die Wände in Weiß gehalten, mit ein
paar Allerweltsgriechenlandbildern. Aber auf jeden Fall nix blau.
Bei meinem Eintreffen waren vier Gäste im Lokal. Ein Paar bezahlte gerade, das
andere machte sich alsbald über die Vorspeisen her.
Da ich ja alleine war und bleiben sollte, nahm ich an
einem der schmalen Tischchen Platz, die für zwei Personen konzipiert waren.
Die Tischplatte war zwar aus Massivholz gefertigt,
der Unterbau allerdings aus Vierkantrohren. Stahl, wie
ich ziemlich schnell merken sollte. Erstens war
es grundsätzlich nicht sonderlich warm im
Lokal und zweitens fühlte ich alsbald die
metallische Kälte, die auf meine, zwischen den Tischbeinen eingeklemmten
Knie abstrahlte. Der erste – nordische –
Eindruck stimmte also nicht nur sichtbar,
sondern auch spürbar.
Das Essen – Suvlaki natürlich – war nicht
aufregend, aber auch nicht schlecht, zumindest der dazu gereichte, frisch gebackene,
warme Brotfladen wird sich als eine kulinarische Bereicherung – vielleicht – in Erinnerung halten.
In dem lautstärkemäßig angenehm ruhigen Lokal – also nix mit griechischer Folk-
14
loremusik untermalt – vernahm ich während des Essens plötzlich das Geräusch
quietschender Reifen vor der Eingangstür, wie bei heftigem Bremsen, und gleich
darauf stürmte ein junger Mann ins Lokal Richtung Schank und begrüßte den Wirt
überschwenglich.
Offensichtlich trug er eine neue Lederjacke, die zunächst lautstark und ausführlich bestaunt und dann vom Wirt sogar persönlich anprobiert wurde. Eine
schwer zu beschreibende Frau erschien kurz im Halbdunkel zur Küchentüre, verschwand aber gleich wieder, nach anerkennendem Schulterklopfen, dahinter.
Ihre Unterhaltung war laut, fremdländisch, für mich nicht zuzuordnen, untermalt von heftigem Gestikulieren. Hauptsächlich von Seiten des Lederjackenträgers.
Der Wirt, der vom Alter her gut und gerne der Vater des Neuankömmlings sein
hätte können, verfiel dabei zunehmend in Regungslosigkeit.
Irgendwann schlug er beide Hände vors Gesicht und verharrte in dieser erbarmungswürdigen Stellung viele lange Sekunden, während der Junge weiter auf ihn
einredete.
Unvermittelt schlug der Wirt mit seiner Faust laut und hart gegen den Türstock
zur Küche. Zweimal.
Kurz hintereinander.
Wenige Augenblicke später sank er wieder innerlich in sich zusammen und
lehnte behutsam seine Stirn gegen das Holz, das er zuvor noch so heftig geschlagen hatte.
Wieder vergingen lange, diesmal stille Sekunden.
Schließlich rappelte er sich wieder hoch, brachte seinen Kopf in eine aufrechte
Position, holte seine Geldtasche hervor, legte viele imponierende Scheine auf die
Theke, zapfte ein Bier und stellte es seinem Gegenüber hinzu. Wortlos.
Dieser machte es sich mittlerweile auf einem Barhocker vor der Pudel bequem,
fischte eine Zigarette aus seiner Lederjacke hervor, zündete sie an, trank und grinste sichtlich zufrieden ins Lokal.
Ob es sich jetzt bei diesem monetären Besitzwechsel darum handelte, daß ein
Vater seinem Sohn, ein Onkel seinem Neffen, ein Freund seinem Freund finanziell
unter die Atme griff, greifen wollte, greifen mußte oder es sich um meine erste, persönlich erlebte Schutzgeldzahlung in der Griechen- oder sonstigen Mafia handelte,
vermag ich nicht zu beurteilen.
Denn schließlich hatte ich fertig gegessen, meine eingezwängten Knie begannen
kältebedingt zu schmerzen, also zahlte ich und ging.
Aber wahrscheinlich hab ich einfach nur zu viel Krimis geschaut.
15
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
1
Dateigröße
136 KB
Tags
1/--Seiten
melden