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1 Content – was ist drin? .1..1. Den Köder wittern .1..2 - Jan Eggers

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15-Minuten-Quellencheck V1.2
Jan Eggers, hr
Seite 1
CCC(C) -Der 15-Minuten-Quellencheck im Netz
„Wann immer wir nämlich glauben, die Lösung eines Problems gefunden
zu haben, sollten wir unsere Lösung nicht verteidigen, sondern mit allen
Mitteln versuchen, sie selbst umzustoßen.“ (Karl Popper)
Es gibt nichts Wahres, sondern allenfalls Annahmen, die noch nicht widerlegt sind – der
Popper’sche Positivismus empfiehlt sich auch, wenn wir uns eine Quelle aus dem Netz
erschließen und darüber nachdenken, ob wir ihr denn trauen sollten. Was wir immer tun
sollten – gerade bei der Internet-Recherche unter Zeitdruck.
Wie aber kann man schnell und effizient seiner journalistischen Sorgfaltspflicht Genüge
tun – in, sagen wir mal: 15 Minuten?1 Der britische Journalist und Journalistik-Dozent
Paul Bradshaw nennt drei Dinge, die man prüfen muss: Content, Context, Code.2 Da das
ebenso leicht zu merken wie praktisch ist, lehnt sich unser 15-Minuten-Check daran an –
und ergänzt ein viertes C: Contact.
Letzte Sicherheit werden wir auch dadurch nie haben – es geht vor allem darum, unsere
Sinne für Ungereimtheiten zu schärfen. Im besten Popper'schen Geist hilft es auch, nicht
nur nach Bestätigung zu suchen, sondern vor allem nach Widersprüchen – was könnte
unsere Quelle widerlegen?
1
Content – was ist drin?
.1..1. Den Köder wittern
Ist das, was da zu lesen ist, zu gut, um wahr zu sein – riecht also irgendwie nach einem
Köder, der nur danach schreit, verlinkt zu werden?
.1..2. Originalquelle identifizieren; Historie prüfen
Der erste Blick geht in die Historie einer Quelle: Ist die Information wirklich aktuell? Wie
lang geht die Internet-Historie der Quelle zurück? Bei Wikipedia-Artikeln: was findet sich
auf den Seiten „Versionsgeschichte“ und „Diskussion“? Je länger die Quelle in Stil und
Themenwahl vorhanden und stimmig ist, desto vertrauenswürdiger. (Aber Achtung: wer
wirklich einen großen Coup plant, kann auch schon mal ein paar Wochen Historie
simulieren – oder sich in ein Blog mit Tradition einhacken bzw. es schlicht kaufen.)
Auch vermeintlich gute Quellen schreiben ab – die Information also unbedingt bis zum
1
Ehre, wem Ehre gebührt: Die Idee für den 15-Minuten-Check geht zurück auf Marcus Lindemann; seine
Variante hier: http://www.akademie-fuer-publizistik.de/magazin/tipps-tricks/online-recherche/#c1202
(abgerufen April 2012).
Ein paar weitere Faktenchecklisten fürs Netz:
Albrecht Ude, „Die Ente bleibt draußen“, Handout zum Quellencheck im Netz für das Netzwerk
Recherche, zu finden unter http://recherche-info.de/2010/07/14/handout-quellenpruefung-online
Das von Twitter unterstützte Blog twitterjournalism.com bietet praktische Tipps, wie man einen
Tweet checkt: http://www.twitterjournalism.com/2009/06/25/how-to-verify-a-tweet/
2
Lehrreich, unterhaltsam, lesenswert: Paul Bradshaws „CCC“-Formel im Original.
http://onlinejournalismblog.com/2011/01/26/verifying-information-online-content-context-code/ (abgerufen
April 2011)
15-Minuten-Quellencheck V1.2
Jan Eggers, hr
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Urheber zurückverfolgen.3 Das gilt gerade in sozialen Netzen wie Twitter, in denen
Informationen gerne auch mal ohne Urheber weitergegeben werden – und dann oft noch
als „Eilmeldung“, „exklusiv“, „dringend“ gekennzeichnet. Der US-Redakteur Andy Carvin,
der viel und tief in sozialen Netzen recherchiert, hat das geradezu als Warnzeichen
ausgemacht: Wenn Nichtjournalisten die Sprache der „breaking news“ annehmen, dann ist
mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas faul, meint Carvin.4
.1..3. Stil und Persönlichkeit
Was schreibt der Mensch denn sonst so? Stimmt der Stil? Vermittelt die Quelle den
Anschein von Integrität und Seriosiät; wo gibt es Unstimmigkeiten?
2
Context – was ist drum herum?
.2..1. Impressum und angeblichen Urheber checken
Von wem ist die Webseite wirklich? Marcus Lindemann empfiehlt, danach zu googeln:
„impressum site:zu-checkende-website.de“. Dann: Nach dem Urheber googeln! In
welchen Kontexten taucht der entsprechende Name auf? Könnte es möglicherweise
Treffer in Foren über diese Person geben? Dann unbedingt auch bei boardtracker.com und
icerocket.com nachsehen, um Googles blinde Flecken ein wenig zu kompensieren. (Hoffen
wir, dass unsere Quelle nicht einem Stefan Müller gehört.) Wenn ich nichts über den
Urheber finde: bin ich sicher, dass es ihn gibt?
.2..2. Zeig mir deine Freunde!
Wie sehr müsste der Autor der Webseite bzw. der Information auf seinen Ruf bedacht sein?
Hat er eine offizielle Rolle – bei einer Organisation, die mir wirklich bekannt ist? Kurz:
Welche Autorität weise ich ihm zu? Kann ich sie belegen – und ist es unwahrscheinlich,
dass ein Dritter unter dem Namen der Quelle tätig geworden ist? An welchem Ort steht sie
und welchen Regeln/Gesetzen unterliegt sie?
In sozialen Netzen wie Twitter oder Facebook: Mit wem war die Quelle zuerst „befreundet“?
Passt das zur angeblichen Persönlichkeit und zum Thema? Waren das Menschen, die im
Umfeld der vermeintlichen Person zu finden sind? Sprechen sie über die Online-Person?
Mit welchen anderen Social-Media-Präsenzen steht die Quelle in Verbindung?5
In welchem Zusammenhang steht das Informationsangebot; wer verlinkt beispielsweise
auf sie (Google: „link:zu-checkende-seite.de“) und auf wen verlinkt sie selber? Hält der
Betreiber der Webseite womöglich weitere Domains, die auf seine wahren Absichten
3
Marcus Lindemann halt das für eine der zehn gefährlichsten Fallen beim Faktencheck, die er in einem
lesenswerten Artikel für den Journalist zusammengefasst hat: http://www.journalist.de/ratgeber/handwerkberuf/redaktionswerkstatt/faktenchecken-fuer-journalisten-10-fallen.html
4
„Is This The World’s Best Twitter Account? Meet Andy Carvin, verification machine”, Columbia Journalism
Review, http://www.cjr.org/behind_the_news/is_this_the_worlds_best_twitter_account.php (abgerufen
Februar 2012)
5
Zur Kreuzreferenzierung von Social-Media-Präsenzen gibt es eine Reihe von Netzdiensten, die allerdings
ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie manchmal entstehen – für Twitter war im Februar 2012
http://linkstore.ru/tinfo/ noch eine gute Wahl. Einen ähnlichen Dienst verrichtet das Firefox-Plugin „Identify“:
https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/identify/
15-Minuten-Quellencheck V1.2
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schließen lassen? Taucht Google-Werbung auf, die auf die Seite verweist?
.2..3. Zweite Quelle suchen
Das ist altes Nachrichtenhandwerk und – bei breaking news – oft kaum umzusetzen.
Zudem: Allzu oft geben die Netze nur weiter, was jemand anderes in Umlauf gebracht hat,
ohne die Originalquelle zu nennen – was nach einer unabhängigen Bestätigung aussieht
und oft nur an identischer oder ähnlicher Wortwahl zu erahnen ist.
Auch das gibt es: Es gibt keine zweite Quelle, obwohl es zu erwarten wäre bei einem
derartigen Ereignis? Merkwürdig...
3
Code
Das klingt danach, als müsste man Programmierkenntnisse haben – die würden sicher
manchmal auch helfen. Für diese Tipps allerdings muss man kein Webmaster sein:
.3..1. Verräterische Spuren?
Enthält die Quelle Rechtschreib- und Layoutfehler? Sind Fotos offensichtlich oder
wahrscheinlich manipuliert – durch Airbrush- oder Kopierstempel-Effekte? Hat – bei
Social-Media-Kanälen – das Profilbild Pixelfehler oder sieht, im Gegenteil, nach Profifoto
aus?
.3..2. Verdächtiges Foto?
Oft finden sich in der JPG-Fotodatei noch Daten über die Entstehungszeit, die verwendete
Kamera und den Urheber – die dort als so genannte Metadaten gespeichert sind. Auch
eine Bearbeitung mit Photoshop hinterlässt Spuren.6
.3..3. Verdächtige Adresse?
Ein Blick auf die DENIC-Whois-Abfrage (bzw. für internationale Seiten: auf whois.net) sagt,
wem die Webdomain gehört (Domaininhaber) und wer für Inhalte verantwortlich ist
(Administrativer Ansprechpartner) – das ist nicht völlig manipulationssicher und führt
manchmal zu toten Briefkästen, aber einen Versuch ist es wert. Oft gibt es zu
internationalen „.com“-Domains eine nationale „.de“; die Informationen bei der Denic sind
in der Regel zuverlässiger.
4
Das 4. „C“ - Contact!
In Zweifelsfällen: Gibt es eine Möglichkeit, nachzufragen? Das Netz bietet die Möglichkeit,
relativ schnell Kontakt aufzunehmen. Soziale Netze bieten die Möglichkeit, nachzufragen;
Webseiten bieten Kontakt-E-Mail-Adressen und (über Denic und Whois) häufig
Telefonnummern.
6
Paul Bradshaw empfiehlt unter anderem diese Tools: JPEGSNOOP, um nach den Spuren einer
Nachbearbeitung zu suchen http://www.makeuseof.com/tag/tell-if-that-jpg-has-been-altered-withjpegsnoop-windows/ , diese Seite zur Analyse von EXIF-Daten in Mediendateien http://regex.info/exif.cgi und
- als fortgeschrittene Technik – Error Level Analysis zur Aufdeckung von Grafikmanipulationen
http://www.errorlevelanalysis.com/ Keine dieser Techniken ist perfekt – und in keinem Fall sind
Auffälligkeiten allein ein Beweis für Manipulationen.
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Jan Eggers, hr
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Natürlich: Auch wenn ich mit dem vermeintlichen Betreiber eines Angebots gesprochen
habe, bietet das keine endgültige Sicherheit – Fälle, in denen eine täuschend echt
aussehende Website zu einer täuschend echt klingenden Telefonstimme führte, soll es
auch schon gegeben haben.
Je außergewöhnlicher die Behauptung, desto größer sei unser Misstrauen!
„CCC(C) -Der 15-Minuten-Quellencheck im Netz“ von Jan Eggers steht unter einer
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