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Allergie - was ist das? - Prof. Marcus Maurer

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Allergie - was ist das?
Allergie - was ist das?
den Menschen lebensgefahrlieh sein können. Bei allergischen Menschen
liegt das Gegenteil einer Immunschwäche vor. Das Immunsystem wendet
sich neben wirklich gefahrlichen Eindringlingen auch gegen an sich harm­
lose Stoffe aus der Umwelt. Es werden also mehr Fremdlinge als Feinde
bewertet (und entsprechend bekämpfL) als notwendig. Unter einer Aller­
gie versteht man demnach die Bereitschaft des Körpers, auf einen eigent­
lich hannlosen Umwelts toff, gegen den eine Sensibilisierung stattgefun­
den hat, mit Beschwerden zu reagieren.
Marcus Maurer
»Kein Problem ist so groß, dass man nicht davor davonlaufen könnte.«
Charly Brown
Wie kommt es zu einer allergischen Reaktion?
Allergien sind Medienstars. Wer die immer neuen Nachrichten und Be­
richte zu diesem Thema verfolgt, wird wissen, dass die Suche nach den
Grundlagen und der Funktionsweise vonAllergien in vielen wissenschaft­
lichen Zentren weltweit auf Hochtouren läuft. Das ist gut so, denn - auch
wenn noch viele Rätsel zu lösen bleiben - verstehen wir Allergien Dank
dieser zahlreichen Studien erheblich besser als noch vor wenigen Jahr­
zehnten. Und das ist wichtig, denn noch immer sind uns Allergien einen
Schritt voraus: Allergische Erkrankungen, bereits heute eines der größten
Gesundheitsprobleme, nehmen nach wie vor zu. Es ist aber auch nicht zu
übersehen, dass die Flut der Berichte über neue Erkenntnisse aus der
Allergieforschung für die Betroffenen, vor allem allergische Kinder und
deren Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen, häufig wenig hilfreich ist
und eher verunsichert und frustriert als Mut macht. Viele neue Forschungs­
ergebnisse scheinen einander oder den (gut gemeinten) Ratschlägen von
Freunden, Verwandten, Nachbarn und Bekannten zu widersprechen. Oft
beschäftigen sich wissenschaftliche Untersuchungen mit Detailfragen oder
Grundlagen der Entstehung von Allergien, und nur selten lassen sich für
den Laien brauchbare Regeln für den Alltag ableiten. Die folgenden Ant­
worten auf Schlüsselfragen zu Allergien sollen mit den wichtigsten Infor­
mationen zu deren Ursachen, Entstehung, Beschwerden, Vorbeugung und
Behandlung einen Überblick schaJTen und die Orientierung erleichtem.
Die Entwicklung einer Allergie erfolgt in zwei Schritten, der Sensi­
bilisierungsphase und der Phase der allergischen Reaktion. Während der
Sensibilisierung gegen einen Stoff aus der Umwelt löst das Immunsystem
bei allergischen Menschen einen Fehlalarm aus. Immunzellen (Lympho­
zyten) bilden eine große Anzahl von Antikörpern gegen den vermeintli­
chen »Feind« (Allergen), die sie in den Körper abgeben. Diese Antikör­
per heften sich an Entzündungszellen im Gewebe (z. B. Mastzellen) und
im Blut und dienen gewissermaßen als Angeln, mit denen der Eindring­
ling bei einem erneuten Kontakt mit dem Körper gefangen werden kann.
Die so ausgerüsteten Mastzellen lauem also an strategisch wichtigen Punk­
ten, wie in den Schleimhäuten der Atemwege und des Verdauungstraktes
und der Haut; also solche Gewebe, in denen bei einem erneuten Kontakt
mit demAllergen zuerst zu rechnen ist. Diese Sensibilisierungsphase läuft
für den Menschen unbemerkt ab.
Erst in der Phase der allergischen Reaktion, zu der es manchmal erst
Wochen oder Jahre nach der Sensibilisierung kommt, wenn der gleiche
Eindringling erneut aufgenommen wird, erfolgt dann die eigentliche aller­
gische Reaktion. Durch das Binden des Allergens an die Antikörper auf
der Oberfläche der Mastzellen werden diese aktiviert und schütten
Entzündungsstoffe (wie Histamin) in das umliegende Gewebe aus. Die
Folge ist eine allerglsche, entzündliche Reaktion.
Was ist eine Allergie?
Was geschieht bei einer allergischen Reaktion im Körper?
Um sich gegen Krankheitserreger zu schützen, besitzt unser Körper ein
Immunsystem. Dieses sehr wirkungsvolle und komplexe Team von Zel­
len greift gefährliche Eindringlinge wie Bakterien, Viren und Parasiten an
und macht sie unschädlich. Das Funktionieren des Inununsystems ist für
den menschlichen Körper überlebensnotwendig. Werden gefährliche Ein­
dringlinge nicht erkannt oder ist das Immunsystem zu schwach, um diese
zu bekämpfen (Immundefizienz), z. B. bei einer angeborenen oder erwor­
benen Erkmnkung des Immunsystems, kommt es zu Infektionen, die für
So wie eine normale Abwehrreaktion zum Ziel hat, den Eindringling um
jeden Preis zu eliminieren, wendet sich das Immunsystem bei einer aller­
gischen Reaktion mit derselben Vehemenz gegen den Stoff, gegen den
eine Sensibilisierung stattgefunden hat. Dabei sind die Zellen des Immun­
systems nicht zimperlich und schonen weder ihr eigenes Leben noch das
umliegende Gewebe. Wenn eine Mastzelle mit Hilfe der Antikörper auf
ihrer Oberfläche einen »Feind« gefangen hat, wird sie aktiviert und schüttet
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Marcus Mauer
gespeicherte Entzündungsstoffe (z. B. Histamin) aus. Dadurch kommt es
am Ort der allergischen Reaktion, z. B. der Haut oder der Nasenschleim­
haut zu einer Weitstellung der blutantransportierenden Gefäße und zu ei­
ner Engstellung der blutabtransportierenden Gefäße. So wird das Abwan­
dern des Eindringlings in den Blutkreislauf und damit in andere Körper­
teile erschwert, während neue Abwehrzellen aus anderen Teilen des Kör­
pers besser an den Ort des allergischen Geschehens gelangen können.
Die ausgeschütteten Entzündungsstoffe locken darüber hinaus weitere
Abwehr-, Fress- und Abräumzellen aus dem Blut an und erhöhen die
Durchlässigkeit der Gefäßwände. Die einströmenden Entzündungszellen
können so den Fremdling umzingeln und unschädlich machen.
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Allergie - was ist das.?
der Atemwege und des Magen-Darm-Traktes. Eine allergische Reaktion
kann unmittelbar nach dem Kontakt mit einem Allergen, gegen das der
Körper sensibilisiert ist, ausgelöst werden (Sofortreaktion). Sie kann aber
auch erst nach vielen Stunden eintreten, man spricht dann von einer ver­
zögerten Reaktion. Bei den im Kindesalter häufigsten Allergien handelt
es sich vorrangig um Sofortreaktionen (siehe auch die folgenden Beiträge
in diesem Band). Generell beruht die Mehrheit der Beschwerden auf den
Bemühungen des Körpers, das Allergen nach dem Eindringen in den Kör­
per möglichst schnell zu bremsen und das Eindringen von weiteren Aller­
genen zu verhindern (z. B. vermehrte Schleimproduktion der Atemwege
bei Asthma, um Allergene wegzuspülen; Niesreiz beim Heuschnupfen,
um die Nasenschleimhäute zu reinigen, Juckreiz der Haut, um Auslöser
zu entfernen).
Was sind die Auslöser von Allergien?
Alle Substanzen, die eine allergische Reaktion auslösen können, werden
Allergene genannt. Die meisten und die am häufigsten vorkommenden
der mehr als 20.000 bekannten Allergene sind natürlichen Ursprungs (wie
beispielsweise Pollen, Milben, Schimmelpilze und Tierhaare). Sie wer­
den nach der Art, wie sie vom Körper aufgenommen werden, unterteilt in:
• Nahrungsmittelallergene, wie Milch, Ei oder Fisch
Aeroallergene oder »Luftallergene«, wie Pollen, Tierhaare oder Schim­
melpilze
Kontaktallergene, wie nickelhaitiger Schmuck, Kosmetika, Wolle oder
Latex
• Injektionsallergene, die durch einen Stich eindringen, wie Bienen- und
Wespengift oder Medikamente.
Darüber hinaus gibt es die Gruppe der so genannten Pseudoallergene (z. B.
Farbstoffe, Konservierungsmittel, Röntgenkontrastmittel), die das gleiche
Krankheitsbild wie »echte« Allergien hervorrufen können. Pseudo­
aIlergische Reaktionen werden durch einen direkten Angriff des Pseudo­
allergens auf das Immunsystem, z. B. durch eine Aktivierung der Mast­
zellen, hervorgerufen. Da die Sensibilisierungsphase bei einer Pseudo­
allergie fehlt, kann die Reaktion schon beim ersten Kontakt mit dem Aus­
löser, z. B. einem Lebensmittel, dass zum ersten Mal gegessen wird,
auftreten.
Wie äußert sich eine Allergie?
Warum wird man allergisch?
Alle Kinder haben Kontakt mit Pollen, Milben und Tierhaaren, und doch
kommt es nur bei einem Teil von ihnen zur Ausbildung von Allergie­
Antikörpern gegen diese Allergene. Der Grund dafür wird in einer geneti­
schen Veranlagung zur Ausbildung einer Allergie gesehen. Seit langem ist
bekannt, dass Allergien familiär gehäuft auftreten. Die Wahrscheinlich­
keit, dass ein }(jnd eine Allergie entwickelt, verdoppelt sich bei einem
allergischen Elternteil. Wenn beide Eltell1 allergisch sind, ist sie bereits
fünf Mal so hoch. Diese vererbte Veranlagung oder Bereitschaft zu aller­
gischen Reaktionen wird auch als Atopie bezeichnet. Ob sich eine allergi­
sche Erkrankung entwickelt, hängt darüber hinaus aber von einer Viel­
zahl von Faktoren ab, auf die großer Einfluss genommen werden kann.
Allergierisiko bei familiärer Belastung (in Prozent)
Vater und MuHer haben die
gleiche Allergie
Mutter und Vater allergisch
Bruder und Schwester
allergisch
MuHer ader Vater allergisch
Ohne familiäre Belastung
Allergien können für ein Vielzahl von Beschwerden an fast allen Organen
verantwortlich sein. Am häufigsten betroffen sind Körperstellen, die Kon­
takt zur Umwelt haben, also die Haut und die Schleimhäute der Augen,
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Marcus MaLler
Wie kann einer Allergie vorgebeugt werden?
Neben der familiären Belastung wird das Risiko eines Kindes, an einer
Allergie zu erkranken, vor allem durch das Ausmaß der Belastung mit
Allergenen und Schadstoffen im Säuglingsalter bestimmt. Hier bieten sich
für die Eltelll allergiegefährdeter Neugeborener viele Möglichkeiten, die
Wahrscheinlichkeit und/oder Ausprägung einer allergischen Erkrankung
zu verringern oder das Auftreten der Erkrankung hinauszuzögern, was für
die Entwicklung des Kleinkindes bereits einen wichtigen Erfolg bedeu­
tet. Die allgemein gültige Regel für allergiegefährdete Säuglinge: so we­
nig Allergene und Schadstoffe wie möglich, lässt sich auf alle Lebens­
bereiche anwenden. Hier einige Beispiele:
• kein Fläschchen mit Milch oder Milchersatznahrung in den ersten
Lebenstagen (ausgenommen ist Glukoselösung)
• vier- bis sechsmonatiges ausschließliches Stillen; falls das Stillen nicht
möglich ist oder nicht gewünscht wird, Verwendung VOn hochgradig
hydrolysierten Säuglingsnahrungen (Absprache mit einer Diätassisten­
tin oder einem Kinderallergologen unbedingt erforderlich I)
• sehr langsame Beikosteinführung ab dem 6. Monat (anfangs nur aller­
genarme Lebensmittel, wie Kartoffel, Fenchel, Kohlrabi, Blumenkohl,
Brokkoli im Abstand von 3-7 Tagen einführen)
• hochpotente Nahrungsmittelallergene wie Hühnerei, Fisch, Nüsse erst
im zweiten oder dritten Lebensjahr einführen
• Rauchverbot in der Familie
• Schaffen eines allergen armen Milieus, d. h. Verzicht auf Haustiere,
Hausstaubmilben im Kinderzimmer weitgehend eliminieren.
WeIche Anzeichen weisen auf eine
allergische Erkrankung hin?
Allergien sind nur dann leicht zu erkennen, wenn der Zusammenhang
zwischen einem allergieauslösenden Stoff und der allergischen Reaktion
offensichtlich ist, z. B. Kreislaufversagen nach einem Wespenstich. In der
Regel sind Allergien jedoch weitaus schwieriger festzustellen, und selbst
bei Symptomen der Haut und der Schleimhäute der Atemwege oder des
Verdauungstraktes, die unvermutet und ohne effiichtlichen Grund auftre­
ten oder ungewöhnlich lange andauern, wird oft erst spät eine Allergie
vermutet.
Wenn ein Kind an mehreren der folgenden Beschwerden leidet, sollte
an eine Allergie gedacht und ein Kinderarzt und/oder Allergologe aufge­
sucht werden:
• Haut: Rötungen, Juckreiz, Ekzem, Ausschlag, »Milchschorf« im Säug­
lings- und Kleinkindalter, Nesselfieber (Urtikaria).
Allergie - was ist das?
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Verdauungstrakt: Häufiges Erbrechen, Durchfall, Verstopfungen, häu­
fige und langandauernde Bauchkrämpfe, Blähungen.
• Atemwege: Häufige und langandauernde »Erkältungen«, verstopfte
Nase, Atemnol bzw. Kurzatmigkeit, chronischer Husten, häufige Oh­
renschmerzen.
• Allgemein. Ruhelosigkeit, Antriebslosigkeil, starkes Schwitzen, uner­
klärliche Stimmungsschwankungen, Konzentrationsstörungen.
Wie wird eine Allergie festgestellt?
Wenn bei einem Kind der Verdacht auf eine Allergie besteht, beginnt die
oft schwierige Suche nach dem verantwortlichen Auslöser (keine Allergie
ohne Allergen I). Bei dieser kniffligen Detektivarbeit müssen aus den tau­
senden von möglichen Tätern zuerst die »Hauptverdächtigen« heraus­
gefiltert und schließlich der »Schuldige« (oder die Schuldigen) überführt
werden. Die Diagnose einer Allergie durch den Arzl erfolgt deshalb in
vier aufeinander folgenden Schritten: Anamnese, Tests, Blutuntersuchun­
gen, Provokation.
Die ausführliche Anamnese (Krankengeschichte), die zusammen mit
der körperlichen Untersuchung amAnfangjeder Allergieerkennung steht,
hat das Ziel, durch viele Fragen nach den Lebensumständen und Details
des täglichen Lebens heiße Spuren aufzudecken und den Kreis der ver­
dächtigen Ausläser möglichst klein zu ziehen. Als Nächstes wird getestet,
ob gegen diese möglichen Allergene eine Sensibilisierung vorliegt. Die
einzelnen Substanzen werden dabei auf die Haut oder unter die Haut ge­
bracht, die bei einer Sensibilisierung eine entzündliche Reaktion mit Rö­
tung und Schwellung zeigt (Reibetest, Pricktest). In den meisten Fällen
lassen sich die Auslöser einer Allergie so bestimmen. Zusätzlich kann
eine Blutuntersuchung auf Antikörper gegen bestimmte Allergene oder
eine Provokationstestung angebracht sein. Hierbei wird der vermutliche
Auslöser vom Arzt in kleiner Menge verabreicht, um zu testen, ob der
KÖtper mit einer allergischen Reaktion reagiert.
Was kann gegen eine Allergie getan werden?
Der wirksamste Prinzip der Behandlung einer allergischen Erkrankung
ist das Vermeiden des Allergens (Allergenkarenz). Dies ist oft leichter
gesagt als getan, weil das verantwortliche Allergen nicht zu finden ist
oder eine Sensibilisierung gegen mehrere Allergene besteht oder weil es
in der täglichen Praxis unmöglich ist, dem betreffenden Allergen völlig
aus dem Weg zu gehen. Neben der Allergenkarenz, die im Mittelpunkt der
antiallergischen Behandlung stehen muss, gibt es eine ganze Reihe von
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Medikamenten und therapeutischen Veri'ahren, die bei Allergien gut wirk­
sam sind. Die Grundzüge der Behandlung der wichtigsten Allergien bei
Kindern sind in den folgenden Kapiteln dargestellt.
Warum nehmen Allergien zu?
Es bestehen heute keine Zweifel mehr, dass dieAnzahl der allergiekranken
Kinder in den letzten Jahrzehnten rapide zugenommen hat. Zahlreiche
Studien belegen, dass sich die Zahl der Allergien im Kindesalter in den
letzten 20 Jahren verdoppelt hat, sodass heute ca. ein Viertel der Kinder
im Einschulungsalter unter Allergien leidet.
Die brisante Frage nach dem Grund für diesenAnstieg lässt sich (noch)
nicht eindeutig beantworten. Es ist aber bekannt, dass Beschwerden der
Atemwege in Gebieten mit hoher Schadstoffbelastung besonders gehäuft
auftreten. So reagieren z. B. Kinder, die täglich mehr als eine Stunde lang
Autoabgasen ausgesetzt sind, häufiger allergisch auf Pollen als Kinder in
ländlichen Wohngebieten. Der Grund dafür könnte sein, dass die durch
Autoabgase vorgeschädigten Schleimhäute der Atemwege empfindlicher
und fürAllergene leichter passierbar sind. Außerdem stellten Wissenschaft­
ler fest, dass Allergene durch die Schadstoffe in der Luft verändert wer­
den, und es ist denkbar, dass diese mit Schadstoffteilchen beladenen All­
ergene leichter Allergien verursachen.
Dieser Hypothese ist entgegenzuhalten, dass ein Vergleich der Allergie­
häufigkeit bei Kindern in Ostdeutschland und Westdeutschland gezeigt
hat, dass Vorschulkinder in der ehemaligen DDR wesentlich seltener Aller­
gien entwickeln als im deutlich weniger schadstoffbelasteten Westen.Auch
Kinder in Schweden sind häufiger allergisch als ihre Altersgenossen in
Polen. Einige Wissenschaftler sehen den Grund dafür in der unterschied­
lichen Zusammensetzung der Luftschadstoffe.Andere argumentieren, dass
die westlichen Wohnverhältnisse mit klimatisierten, wenig gelüfteten, mit
Teppichböden ausgelegten Wohnräumen die Belastung durch Allergene
wie Hausstaubmilben und Schimmelpilze erhöhen. Eine dritte Erklärung
sieht den Grund in der Abnahme der Wurmerkrankungen bei Kindern in
Westeuropa, unter der Annahme, das sich deren Immunsystem, das sich
seltener mit Parasiten auseinander setzten muss, anderen Aufgaben, wie
z. B. der Entwicklung von Allergien zuwendet.
In der Tat sind die jüngeren Kinder in Großfamilien weniger häufig
von Allergien betroffen als ihre älteren Geschwister. Das spricht dafür,
dass ein mit Infektionen beschäftigtes Immunsystem weniger geneigt ist,
sich gegen »falsche Gegner«, nämlich harmlose Umweltstoffe, zu wen­
den. Häufige Erkrankungen im Kindesalter scheinen demnach »para­
doxerweise« gegen Allergien zu schützen. Diese Hypothese wurde vor
kurzem bestätigt, als Forscher zeigen konnten, dass japanische Kinder
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umso häufiger Allergien entwickeln, je weniger sich deren Immunsystem
mit dem Erreger der Tuberkulose auseinander gesetzt hat. Gleichzeitig ist
aus anderen Untersuchungen bekannt, dass häufige Infektionen im
Säuglingsalter die Wahrscheinlichkeit einer später auftretenden Allergie
erhöhen.
Aus diesen (ausgewählten) Teilinformationen lässt sich das Puzzle der
Allergieentstehung natürlich immer noch nicht vollständig zusammen­
setzen. Klar scheint zu sein, dass sehr viele verschiedene Faktoren auf die
Entstehung von Allergien Einfluss haben und dass erst deren weitere Er­
forschung ein genaueres Bild über bestehende Zusammenhänge schaffen
wird.
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