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1 In allem, was geschieht, ist Sinn - AGEH

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In allem, was geschieht, ist Sinn
Höhen und Tiefen einer Glaubenserfahrung
Mary Moran lebt seit 43 Jahren in Uganda. Fast ihr ganzes Arbeitsleben hat sie in Afrika verbracht, ein Leben, in
dem es Höhen und Tiefen gab. Auch ihr Glaube ist kein starres Gebilde, sondern verändert sich. Als Christin
setzt sie sich auch mit dem Buddhismus und anderen Religionen auseinander. Gott war fern, nah und immer
wieder anders.
Zwischen Zweifel und Vertrauen
Über die eigene Spiritualität zu schreiben ist kein leichtes Unterfangen. Wie soll man ein so persönliches Thema
angehen, wo beginnen? Vielleicht ist es ja ähnlich wie bei den Anonymen Alkoholikern, wo die Mitglieder, den
„Neulingen“ Mut und Kraft geben, indem sie über ihre eigene Geschichte und die Erfolge erzählen.
Ich bin 68 Jahre alt und lebe seit 1963 in Uganda. Meine Spiritualität ist so alt wie ich selbst und hat mich durch
all meine Entwicklungsphasen und Krisen begleitet. Oft denke ich, Gott hat es nicht leicht, mich zu erreichen. Ob
das an meiner Kindheit in einer elfköpfigen Familie liegt, an der daraus folgenden Notwendigkeit, sich
abzugrenzen – ich weiß es nicht. Im Vergleich zu anderen scheint mir das Lernen besonders schwer zu fallen,
weil ich mich verweigere und immer sehr mit mir zu kämpfen habe. Auch meine Freundschaften und
Beziehungen zu Mitmenschen sind nicht ohne Brüche: Manchmal spüre ich tiefes Vertrauen, Freude und Liebe,
dann wieder plagen mich Zweifel, Furcht, Misstrauen und Konflikte. Ganz gleich, welche dieser Phasen man
gerade durchlebt, die Beziehung selbst bleibt bestehen. Der Glaube an Gott, an etwas, das größer ist als ich,
der Glaube daran, dass in allem, was geschieht, ein Sinn zu finden ist – ob ich ihn nun entdecken kann oder
nicht – hat mir stets neue Lebenskraft geschenkt. Das ist wohl die Kernaussage: Ich glaube an Gott, wie auch
immer man Ihn nennen mag, und ich glaube daran, dass mein Leben Sinn und Zweck hat. Damit bekommen
gute wie schlechte Zeiten ihren Sinn.
Vorbild an Lebensfreude
Zu Anfang meines Lebens wurde mein Glaube dadurch geprägt, dass ich in einer katholischen Familie in Irland
aufwuchs, zehn Jahre lang eine Nonnenschule besuchte und einige meiner Onkel Priester waren. Als Kind hat
mich besonders die enge Beziehung zu einem Onkel geprägt, der als Trappistenmönch unvorstellbar viel Liebe,
Lebensfreude, Dankbarkeit, Freiheit und Frohsinn verbreitete. Er vermittelte nie den Eindruck, sein Leben sei
durch Regeln, Furcht, Anpassung oder Gehorsam geprägt. Als Kind war er mein Vorbild und auch heute noch
wünsche ich mir, ihm ähnlich zu sein.
Mit 21 trat ich in einen Orden ein, dem ich 34 Jahre lang angehörte. 22 Jahre unterrichtete ich als Ordensfrau an
einer weiterführenden Schule in Uganda. Für eine junge Nonne, die glaubte, dass außerhalb der Kirche kein Heil
zu finden sei, waren das spannende Jahre. Ich unterrichtete Katholiken, Protestanten, Siebenten-TagsAdventisten, Pfingstler, Muslime unterschiedlicher Traditionen, Hindus und Sikhs. Sie alle glaubten an Gott, das
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Heilige, an die Rituale, die Heiligkeit, die Güte. Sie alle brachten ihrem Gott Gehorsam entgegen und hatten ein
ebenso großes Interesse, mir ihren Gott näher zu bringen, wie ich ihnen den meinen. Unser Dialog gründete
sich auf Freundschaft, Liebe und Vertrauen. Über die Jahre hat mich die Beziehung zu den Schülern tief in
meinem Herzen verändert: Ich hörte auf zu glauben, dass es nur einen wahren Glauben gibt, dass der Glaube
nur eine einzige Vorstellung von Gott zulässt. Stattdessen begann ich an einen Gott zu glauben, den man weder
greifen noch beschreiben kann, einen Gott, wie er sich in allen mystischen Traditionen findet. Ich glaubte fortan,
dass alle Wesen des Universums miteinander verbunden sind. Wie der große muslimische Schriftsteller A. H.
Almaas glaube ich, dass uns allen bei der Geburt etwas Göttliches innewohnt, das im Laufe unseres Lebens und
im Alltag verschüttet wird; dass unsere Lebensaufgabe darin besteht, diese göttliche Kraft als Möglichkeit
freizulegen und Wirklichkeit werden zu lassen. Dieser Wandel im Glauben hat viel Kraft gekostet.
Persönliche und berufliche Krise
Nach 24 Jahren in Uganda durchlebte ich eine meiner schwersten Glaubenskrisen. Die harte Arbeit vieler Jahre
schien mir auf einmal wertlos zu sein. Ich selbst hielt mich für so bedeutungslos, dass Gott sich wohl kaum für
mich interessieren würde; daher hörte ich auf, mir viele Gedanken über Gott zu machen. Mir schien, all meine
Bemühungen könnten ihn nicht beeindrucken. Idi Amin war zu dieser Zeit an der Macht und Chaos,
Ermordungen, Zerstörung, Betrug und Unsicherheit waren an der Tagesordnung. Meine Arbeit als Lehrerin und
alles andere schienen mir angesichts der großen Unsicherheit vollkommen bedeutungslos zu sein. Gut erinnere
ich mich an ein Gespräch mit einer befreundeten Ordensschwester auf dem Schulgelände, mit der ich die
Bewunderung für die Schriften und das Interesse für das Leben von Antoine de Saint-Exupéry teilte. Auf ihre
Frage nach meinem Befinden antwortete ich, ich sei wie der Geschäftsmann in „Der kleine Prinz“ damit
beschäftigt, die Sterne zu zählen. Ich verwandte die Metapher, um zum Ausdruck zu bringen, wie sinnlos mir
meine Arbeit, mein Leben und das Miteinander mit anderen vorkamen. Ich hatte so fest daran geglaubt, dass
der persönliche Einsatz und das Pflichtgefühl der Schlüssel zu Erfolg und Glück seien. Psychologisch betrachtet
und unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Suchtforschung handelt es sich bei einer solchen Einstellung um
eine Art Größenwahn gepaart mit geringem Selbstwertgefühl. Wer sich zu viel Bedeutung beimisst, macht sich
zum Mittelpunkt des Universums, meint, die Welt falle in sich zusammen, wenn er sie nicht zusammenhält. Man
beginnt alles zu kontrollieren, legt ein zwanghaftes Verhalten an den Tag und hat es schwer mit sich und den
anderen.
Ein „neuer“ Gott
Doch was für ein Segen! Die ugandische Äbtissin unseres Klosters fragte mich, ob ich nicht in ein Haus unseres
Ordens in Kalifornien umziehen wollte. Für mich war das wie eine Einladung in den Himmel, ohne zuvor sterben
zu müssen. Die folgenden zehn Jahre in Kalifornien wurden zu einer ganz besonderen Zeit. Mit Hilfe von
Psychotherapeuten, spirituellen Mentoren, Lehrern und Freunden machte ich mich auf eine Reise, die mich von
Grund auf verwandeln sollte. Nachdem ich vieles hinterfragt und durchlitten hatte, beschloss ich, die religiöse
Gemeinschaft, der ich über viele Jahre so viel zu verdanken hatte, zu verlassen. Es war an der Zeit, geistlich
und psychisch zu reifen. Es war Zeit, mich mehr um mein Leben zu kümmern. An die Stelle des gestorbenen
Gottes trat für mich ein „neuer“ Gott. Die Gegenwart Gottes, die ich in mir spürte, war liebevoll und
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verständnisvoll, sie maßte sich kein Urteil an. Und ich begriff, dass ich mir über viele Jahre ein Bildnis von einem
gestrengen Gott gemacht hatte, für den nur Erfolg und Höchstleistungen zählten.
Metapher für Verwandlung
Als Jesus starb, fuhr er hinab in die Hölle, um die verlorenen Seelen zu retten. Auferstanden von den Toten zog
er ein in das Reich der Herrlichkeit. Für mich ist die Passionsgeschichte eine Metapher für die Verwandlung, die
all diejenigen erfahren, die nach Spiritualität suchen. Das Hinab in die Hölle bedeutet für mich das Hinabsteigen
in das eigene Sein, in die Finsternis, wie sie der Heilige Johannes in der Kreuzigungsszene beschreibt, wo man
das „verlorene Selbst“ oder das Göttliche, wie es Almaas nennt, wiederfinden kann. Jede spirituelle Tradition
beschreibt diesen Vorgang auf ihre Art. Immer geht es dabei um einen Zerfallsprozess, in dem das falsche
Selbst dahingeht, eine Ent-täuschung, einen Todeskampf und eine Auferstehung oder ein Erwachen.
Nach zehn Jahren in Kalifornien verließ ich das Kloster und kehrte als Laie nach Uganda zurück. Eine
kalifornische Freundin schenkte mir Kassetten, die während einer Freizeit mit Thich Nhat Hanh für Menschen in
helfenden Berufen entstanden waren. Dieser buddhistische Mönch aus Vietnam lebt heute in Frankreich und
lehrt in vielen Ländern der Welt Meditation und sinnvolles Leben. Die Einführung in diese anspruchsvolle Art zu
leben hat meinen Glauben und meine spirituelle Praxis seither immens bereichert. Die buddhistische
Psychologie hat meine Lehrtätigkeit geprägt und buddhistische Meditationsübungen haben mein Verständnis
von Gesundheit und Heilung verändert.
Verschiedene Wege
Erst jetzt, nach langer Vorrede, komme ich zur Antwort auf die Frage nach meiner Spiritualität: Auch wenn ich
weiterhin praktizierende Christin bin, ist das Christentum für mich eher eine Kultur als eine Religion, die den
einzig wahren Gott gefunden hat. Ich besuche die Messe, empfange die Sakramente, kenne die katholische,
christliche Spiritualität gut und fühle mich in ihr zu Hause. Auf dieses gemeinsame christliche Fundament, auf
dem ich seit meiner Geburt stehe, mag ich nicht verzichten. Andererseits studiere ich die Aufzeichnungen und
Schriften von Pema Chodron, einer buddhistischen Nonne, die sagt, die ständige Suche nach einer sicheren
Grundlage sei Folge der Angst, sich der eingeborenen Grundlosigkeit und Vergänglichkeit zu stellen.
Was mich heute am Leben hält, mich in schweren Zeiten nicht aufgeben lässt, ist die Gewissheit, dass ich jeden
Moment leben will, so gut und so sinnvoll ich kann. Ich habe gelernt, Scheitern und Erfolg anzunehmen, mir
selbst mit Mitgefühl zu begegnen, wenn ich lieblos, zornig, neidisch oder nachtragend bin. Wie Jesus, der uns
einen Weg gewiesen, wie Buddha, der einen Lebensweg gelehrt hat, wie Menschen unterschiedlichster
Kulturen, Hautfarben und Religionen, die versucht haben, ein gutes Leben zu führen, so beginne auch ich,
Segen und Fluch mit Gleichmut anzunehmen. Gleich, ob der Weg klar erkennbar ist, verworren bleibt oder im
Nebel liegt: Ich will lernen, dem Leben und Gott zu danken. Wie Thich Nhat Hanh möchte ich den Himmel, die
Blumen, die Kinder, Flüsse, Berge, den Frühling, den Wasserfall und den Ozean im Anderen erkennen und ein
Bewusstsein erlangen, das mich auf die Knie fallen und beten lässt.
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Mary Moran
Die Psychologin Mary Moran arbeitet als AGEH Senior Expert und ist als Leiterin des Counsellors Trainings
Centre verantwortlich für das psychosoziale Programm des St. Francis Family Helper Programme in
Mbara/Uganda. Finanziell unterstützt wird ihre Arbeit von Misereor.
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Seele and Geist
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