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Der Melkroboter: Hält er, was er verspricht? - Olma Messen St.Gallen

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MEDIEN-INFO
7. Internationale Fachmesse für Nutztierhaltung, landwirtschaftliche
Produktion, Spezialkulturen und Landtechnik
St.Gallen, 22. – 25. Februar 2007
Fachtext
Der Melkroboter: Hält er, was er verspricht?
Ein Melkroboter ist heute kein Hirngespinst mehr. Er kann eine wirkliche Hilfe
für Mensch und Tier sein. Ein Beispiel aus der Praxis.
Ein heller Stall und eine gute Luft sind der erste Eindruck, den der neue Laufstall
von Familie Ivo und Silvia Sager in Lömmenschwil SG auf den Besucher macht. Es
ist einer der etwa hundert Ställe in der Schweiz, in dem ein Melkroboter die Kühe
melkt. Dieser würde kaum auffallen, wäre er nicht rot lackiert, das Kennzeichen der
Firma Lely.
Es ist 8.30 Uhr, einige Kühe fressen, andere liegen in den Tiefboxen mit Einstreu,
eine Kuh befindet sich gerade in der Melkstation, und eine andere steht davor. Es
herrscht Ruhe im Stall. Gerade das ist es, was Ivo Sager an seinem neuen Stall so
schätzt. Seine Kühe können tun, was sie wollen, und er selbst ist nicht mehr an
feste Melkzeiten gebunden. „Wenn ich früher zum Melken in den Anbindestall kam,
dann musste etwas laufen“, sagt Sager. Erst recht beim Heuen oder während der
Obsternte, dann musste alles schneller gehen. Der Melkroboter dagegen hat immer Zeit, er wird nicht ungeduldig und arbeitet auch zu den Arbeitsspitzen optimal.
Kuh muss frei stehen können
Kuh Sabrina betritt die Melkstation; der Computer erkennt sie und gibt etwas Kraftfutter in den Trog. Alles Kraftfutter wird in der Station gefüttert. Das macht die Station attraktiver. Kaum steht Sabrina im Stand, schiebt sich der Melkarm unter sie.
Jede Zitze wird zwischen zwei Bürsten sachte gereinigt, dann suchen Laserstrahlen das Euter nach den Zitzen ab und die Zitzenbecher werden nacheinander angesetzt. Sabrina steht nicht ganz ruhig. Manchmal drängt sie etwas nach vorne.
Der Melkarm passt sich an und geht ebenfalls nach vorne. Dies ist mittels einer
Waage unter dem Standplatz der Kuh möglich und erlaubt, die Station so gross zu
bauen, dass die Kuh ungehindert stehen kann.
„Wir haben die bessere Kontrolle über die Milchqualität als im Melkstand“, hält
Sager fest. Da jeder Zitzenbecher über einen eigenen Milchschlauch bis zur Milchglocke verfügt, lässt sich die Leitfähigkeit und die Zellzahl jedes einzelnen Viertels
bestimmen. Und damit nicht genug: Jeder Zitzenbecher wird von einem separaten
Pulsator gesteuert. Die Elektronik passt den Saugtakt dem Milchfluss des jeweiligen Viertels an, so dass keine Zitze überlastet wird. An einem Display hinter der
Station lässt sich ablesen, wie viel Milch die einzelnen Viertel von Sabrina geben.
Ist die Kuh fertig gemolken, leitet der Roboter die Milch entweder in den Milchtank,
oder in separate Kessel. Voraussetzung ist natürlich, dass der Landwirt seinen
„Knecht“ auf dem Laufenden hält, welche Kuh gekalbt hat oder welche behandelt
wurde.
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Am Bildschirm im Büro neben dem Melkraum liest Sager die Informationen ab, die
ihm der Melkroboter liefert. Bei der Zellzahl des hinteren rechten Viertels von Kuh
Jura erscheint heute ein Sternchen. Sie ist höher als normal, und eine Kontrolle
des Viertels ist angesagt. Es erfordert Disziplin, die Daten täglich gewissenhaft
anzusehen. Auf der anderen Seite ist der Landwirt flexibler. Er muss zum Beispiel
das Heuen wegen des Melkens nicht mehr unterbrechen.
Auf absolut freiwilliger Basis
Die Kühe haben den Laufstall im Juli 2006 bezogen. Zuvor waren sie in zwei Anbindeställen untergebracht. Zum Angewöhnen an den Melkroboter führte der
Landwirt jede Kuh drei Mal täglich in die Melkstation. Drei Wochen nahm er sich
dafür Zeit. Danach suchten alle Kühe von sich aus die Station auf. Alle 35 Kühe
lernten dies; keine musste wegen des Melkroboters ausgemerzt werden. Jetzt
werden die Kühe durchschnittlich 2.8 Mal am Tag gemolken. Nicht jedes Mal, wenn
eine Kuh in die Station geht, wird sie gemolken. Sager kann steuern, dass eine
Kuh, welche viel Milch gibt, häufiger gemolken wird als eine Kuh mit weniger Milch.
Die Kühe finden ihren individuellen Rhythmus. Der Tierhalter legt vor allem Wert
darauf, dass die Kühe im Stall alles auf „absolut freiwilliger Basis“ machen können.
Ein gelenkter Umtrieb kam für ihn deswegen nicht in Frage. Die Kühe sollen entweder fressen, liegen oder gemolken werden, aber nicht warten müssen. Wenn
eine Kuh im Warteraum zum Beispiel wegen ranghoher Kühe schlechte Erfahrungen mache, dann werde sie das nächste Mal nur ungern dorthin gehen.
Weiden ist möglich
Eine Melkstation ist in der Lage, 60 bis 70 Kühe zu melken, und im Stall hat es
Platz für 84 Kühe. Wie gut das Melken geht, wenn nicht nur 35, sondern 70 Kühe
im Stall sind, muss sich noch zeigen. Sager hat die Erfahrung gemacht, dass er
seine Kühe problemlos ein paar Stunden auf die Weide lassen kann, ohne dass sie
in dieser Zeit zum Melkroboter können. Ob dies auch mit grösserer Tierzahl möglich ist? Sager ist optimistisch. Es gäbe sogar einen Betrieb, der den Melkroboter
mit Vollweide praktiziere. Auf jeden Fall sei es ein Vorteil, mit wenigen Tieren pro
Station anzufangen. Das gäbe nicht zuletzt dem Tierhalter mehr Zeit, den Melkroboter kennen zu lernen. Er hat mehr Zeit, um zu reagieren, wenn einmal etwas
nicht funktioniert, obwohl ein verlässlicher 24 Stunden-Service vorhanden ist.
Lohnende Investition
Für den Melkroboter inklusive Einbau hat der Landwirt 250'000.- Franken bezahlt,
und der Service kostet jährlich 6'000.- Franken. Trotz der hohen Investitionskosten
ist für Sager der Melkroboter wirtschaftlicher als der Melkstand, weil sich damit
speziell auf seinem Betrieb eine ganze Arbeitskraft einsparen lasse. Nicht zuletzt
erwartet Sager vom Melkroboter eine um 1'000 kg höhere Milchleistung. Für Sager
ist die Sache klar: Mensch und Tier haben beim Melkroboter mehr Lebensqualität.
Beide stehen weniger unter Stress. Der Mensch kann seine Zeit flexibler gestalten,
und auch das Tier kann frei wählen, was es tun möchte und somit ranghohen Herdengenossinnen besser ausweichen. Der Melkroboter allein genügt jedoch nicht,
sondern das Stall- und Betriebskonzept müssen harmonisieren.
Betriebsspiegel:
- Familienbetrieb: Ivo und Silvia Sager mit fünf Kindern in Lömmenschwil SG
- Tierbestand: 35 Milchkühe, Milchkontingent: 200 000 kg
- Landwirtschaftliche Nutzfläche: 24.5 ha, davon 22 ha Grünland, 2 ha Obstanlagen, 0.5 ha Gemüsebau/Beeren
- Hofladen für Direktverkauf von Obst, Gemüse und verarbeitete Produkte.
- Zusätzliche ganzjährige Arbeitskräfte: Schwager, Lehrling und Lehrtochter
Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht:
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Eine Studie des Landwirtschaftszentrum Eichhof in Hessen (Deutschland) führt zu
der Schlussfolgerung, dass ein Melkroboter wirtschaftlicher sein kann als ein
Fischgräten-Melkstand. Die Studie verglich die Verfahrenskosten des Melkroboters
mit denjenigen eines 2 x 6 Fischgräten-Melkstandes, und zwar bei zwei gleich
grossen Herden von 60 Milchkühen im selben Stall und bei gleicher Fütterung. Die
Gesamtbilanz des Melkroboters schnitt um 0,5 Cents pro Kilogramm Milch besser
ab als beim Fischgräten-Melkstand.
Zwar waren beim Melkroboter die Jahreskosten für Technik und Gebäude sowie
für geringere Fett- und Eiweissgehalte der Milch grösser als beim FischgrätenMelkstand, aber die Einsparungen bei der Arbeitszeit, die höhere Milchleistung
durch mehrmaliges Melken und die Reduktion der Tierarztkosten überstiegen die
Mehrkosten.
Weitere Informationen
Olma Messen St.Gallen
Tier&Technik
Splügenstrasse 12, Postfach, CH-9008 St.Gallen
Tel. +41 71 242 01 99 / Fax +41 71 242 02 32
tier.technik@olma-messen.ch / www.tierundtechnik.ch
St.Gallen, Januar 2007
Autor: Michael Götz (Dr. Ing. Agr.), LBB-Landw. Bauberatung GmbH,
Säntisstrasse 2a, CH-9034 Eggersriet
Tel. 071 877 22 29, migoetz@paus.ch, www.goetz-beratungen.ch
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Bildlegenden (Bilder auf CD-ROM "Bilder_Melkroboter")
(Bei Abdruck bitte Fotograf angeben)
Abbildung 1
Der Melkroboter befindet sich zwar ganz vorne im Stall, aber er fällt kaum auf.
(Foto: Michael Götz)
Abbildung 2
Die Melkstation vom Stall aus gesehen.
(Foto: Michael Götz)
Abbildung 3
Der Melkarm passt sich den Bewegungen der Kuh an.
(Foto: Michael Götz)
Abbildung 4
Zwei rotierende Bürsten reinigen die Zitzen nacheinander.
(Foto: Michael Götz)
Abbildung 5
Der Roboterarm findet die Zitzen mittels Laserstrahlen und setzt die Zitzenbecher
nacheinander an.
(Foto: Michael Götz)
Abbildung 6
Milch, welche nicht in den Milchtank soll, wird automatisch in separate Behälter
geleitet.
(Foto: Michael Götz)
Abbildung 7
Ivo Sager betrachtet den Melkroboter als einen Melker, der sich nicht aus der Ruhe
bringen lässt und immer gleich melkt.
(Foto: Michael Götz)
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Seele and Geist
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