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1 Das Anagramm "Was für ein Mistwetter", fluchte - Philipp Porter

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Das Anagramm
"Was für ein Mistwetter", fluchte Kommissar Hofer leise vor
sich hin, als er seinen Weg zwischen morschen Brettern,
herumliegenden Kübeln und Schafskacke suchte, um zum Tatort
zu gelangen. Er hasste Außeneinsätze an solchen Tagen.
Weshalb wurden Leichen immer bei schlechtem Wetter
gefunden? Er hatte, soweit er sich zurückerinnern konnte, noch
nie einen Leichenfund bei Sonnenschein. Aber über diese
Tatsache zu sinnieren war wohl vergebens.
"Und, was haben wir?" Die Frage warf Hofer in die Runde der
Männer hinein, die rings um einen Mann standen, der rücklings,
wie vom Blitz getroffen, mit weit ausgestreckten Armen und
gespreizten Beinen im nassen Gras lag. Sein Gesicht war
blutverschmiert und offensichtlich war er tot.
"Ich würde sagen, so gegen Mitternacht. Genauer nach der
Obduktion, wie immer."
Hofer schaute zu Dr. Greuslich hinab, der gerade seinen spitzen
Thermometer
aus
dem
Toten
zog,
mit
der
er
die
Lebertemperatur gemessen hatte. Mit einem Papiertaschentuch
wischte er die dünne Sonde ab und packte sie in seinen
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Aluminiumkoffer
zurück,
den
er
ständig
mit
sich
herumschleppte.
"Todesursache? Tatwaffe? Verwertbare Spuren? Täter?" Hofer
sah dabei fragend in die Runde.
"Vermutliche Tatwaffe ist wohl ein stumpfer Gegenstand mit
ausgeprägter Struktur. Ein Brett, ein Balken, ein Stein, wir
wissen es noch nicht. Wir haben nur das hier", und dabei hielt
ihm der junge Kollege Schmitt, der seit einem halben Jahr auf
der Station war und Hofer zur Seite gestellt wurde, eine
Sprühdose mit roter Farbe und eine Impfpistole eines Veterinärs
entgegen.
Hofer nahm beides an sich und schaute sich die Funde, die in
Plastiktüten steckten, an. "Was ist das?"
Schmitt deutete wortlos auf die Schafe, die dicht gedrängt, ein
paar Meter weiter, auf einem Haufen standen. Ärgerlich starte
der Bock der Herde herüber und blökte Hofer an. Erst jetzt
bemerkte Hofer die roten Buchstaben auf dem Rücken der Tiere.
Mit einem schnellen Blick versuchte er sie zu zählen.
"Es sind vierundzwanzig. Neunzehn Schafe, ein Bock und vier
Lämmer. Es sind aber nur einundzwanzig mit Buchstaben. Es
scheint so, dass wir den Kerl jetzt haben, der auch die anderen
sechs Herden besprüht hat. Die Vorgehensweise ist jedenfalls
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identisch. Mit der Impfpistole können wir nun auch mit
Bestimmtheit nachweisen, dass die Schafe mit einem Serum
geimpft wurden und dass die einstweilige Verfügung des
Veterinärs, keines der Tiere für den Verzehr freizugeben,
berechtigt war."
Hofer sah Schmitt, auf dessen Erklärung hin, müde an. Schön.
Sie hatten diesen verdammten Mistkerl, der die Odenwälder
Lammwochen sabotieren wollte. Doch nun hatte er einen Mord
am Hals und nicht nur markierte Schafe, die einen Impfstoff
intus hatten, der für die Tiere harmlos, sie aber vor dem nahen
Tod beschützten, da der Viehdoktor sie zum Schlachten nicht
frei gab. Und noch etwas hatte er: diese gottverdammten
Buchstaben. Die Presse machte sich schon lustig über ihre
Dienststelle, da sie das Rätsel bisher noch nicht gelöst hatten.
"Haben wir einen Namen?", fragte Hofer und deutete dabei auf
den Mann hinab, der noch immer zwischen ihnen im nassen
Gras lag.
"Er heißt Herden. Professor Dr. Herden. Biologe. Lützelbacher
Gemeinderat. Ein Grüner und ein militanter Tierschützer." Hofer
starrte seinen jungen Kollegen überrascht an. "Er hat seinen
Personalausweis dabei. Und da ich regelmäßig das Echo lese,
kenne ich unsere Kommunalpolitiker hier im Kreisgebiet."
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Hofer nickte. Das hatten die Jungen ihm voraus. Interesse an
allem und jeden. Wandelnde Lexika. Gewaschen mit allen
Wasser. Studierte. Im Internet zu Hause und jegliche
Informationen riefen sie mit ihren neumodischen iPhone oder
wie diese Dinger auch noch hießen, bereits an einem Tatort ab.
"Und? Was ist das mit den Buchstaben auf den Schafen? Was
wollte uns dieser Dr. Herden damit sagen? Und vor allem, wer
hatte eigentlich ein Interesse an seinem Tod? Steht das auch in
der Zeitung?" Schmitt zuckte sichtlich zusammen.
"Nein. Aber das mit den Buchstaben bekomme ich noch heraus.
Und Verdächtige gibt es wohl genug. Jeder, der eine markierte
Herde hat und auch jeder Gastwirt in der Region, der seine
ganze Aktivitäten auf die Lammwochen ausgerichtet hat, kommt
wohl in Frage. Es gibt wohl Duzende, die diesem Schafssprüher
nichts Gutes wünschten."
Hofer nickte zustimmend. Es tat ihm bereits leid, dass er seinen
jungen Kollegen so angefahren hatte. Doch die nahe
Pensionierung und diese offensichtliche Vorgehensweise seiner
Dienststelle, ihm einen jungen studierten Kollegen zur Seite zu
stellen, brachten ihn regelmäßig, wenn er darüber nachdachte, in
Rage.
"Gut, dann zuerst die Alibis der Schafzüchter und dann ..."
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"Sie
waren
gestern
Abend
alle
zum
jährlichen
Schafskopfturnier, drüben im Heckenhof. Es gibt Duzende von
Zeugen."
"Und, jeden schon befragt?", zischte Hofer ärgerlich. Da war es
wieder, diese Übereifrigkeit der jungen Kommissare.
"Nein, noch nicht. Aber die Bestätigung von zweien habe ich
schon."
"Von wem?" Die zwei Wörter kamen wie aus der Pistole
geschossen und Hofer bemühte sich, noch wenigsten einen
professionellen Gesichtsausdruck hinterher zu schicken.
Schmitt deutete mit seinem Kinn in Richtung eines alten
Schuppens, bei dem zwei Kollegen in Uniform und zwei
Männer standen.
"Der linke, der mit dem großen Hut, heißt Waldschmitt und der
andere, der mit dem dicken Bauch, ist ein gewisser Hallstein.
Dem Waldschmitt gehört die Weide und er hat den Leichnam
auch gefunden. Der Hallstein hat keine Schafe, war aber
ebenfalls im Heckenhof zum Schafskopf."
"Soso. Na dann." Hofer machte einen großen Schritt über den
Toten hinweg und nahm Kurs auf den alten Schuppen. Als er
dort ankam, schaut er sich erst den Zeugen Hallstein und dann
den Zeugen Waldschmitt von Kopf bis Fuß an. "Soso. Sie haben
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also den Toten gefunden?" Waldschmitt nickt. "Und?", fragte
Hofer und deutete auf die Schafe.
"Dass mit der Wolle ist nicht so schlimm, aber dass mit diesem
Zeug, das dieser Irre den Schafen gespritzt hat, das ist schon ne
schöne Sauerei. Mir geht da ein schönes Sümmchen durch die
Lappen."
"Und da habt ihr dem Doktor aufgelauert und ihm mit nem Brett
eins übergezogen, was? Dass er dabei hops geht, war wohl nicht
mit eingeplant!" Hofer schaute so mürrisch, wie er nur konnte.
Waldschmitt schaute ebenso mürrisch zurück. "Wir haben den
Mann nur gefunden. Wir haben nix mit dem seinen blutenden
Schädel zu tun."
"Soso. Nix damit zu tun", wiederholte Hofer und schaute
nachdenklich zurück zu der Leiche. "Zeugen? So gegen
Mitternacht?"
"Jede Menge", antwortete Hallstein und rieb sich dabei seinen
Wanst. "Das Spiel ging bis um Einse und dann haben wir noch
alle den Sieg vom Haxler gefeiert. Der Wirt vom Heckenhof
kann's bezeugen."
Hofer wollte noch etwas sagen, da kam Schmitt herangelaufen.
Aufgeregt wedelte er dabei mit seinem neuen Spielzeug, diesem
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iPhone, in der Luft herum. "Ich glaube ich hab es. Nur ganz
verstehen tue ich es noch nicht."
Hofer zog die Augenbrauen nach oben. Er wusste bereits, was er
jetzt zu hören bekommen würde. Auf diesen Gedanken war er
schon vor Tagen gekommen.
"Ich habe die Buchstaben, die auf den Schafen stehen, im
Internet auf einer Seite eingegeben. Eine spezielle Seite, die
Anagramme erzeugt, sie verstehn?"
Hofer nickte gelangweilt. "Und? Was haben Sie gefunden?"
"Na ja, schon, aber der Sinn? Es sind immer nur drei Wörter
ohne Zusammenhang. Zum Beispiel: MAERCHENWALD,
LOEWE und MOND oder LOEWEN, DACHWANDLER und
MEMO und so geht’s weiter, aber ohne Sinn."
"Und das haben Sie mit Ihrem neuen kleinen Spielzeug
herausgefunden?"
Schmitt nickte stolz und Hofer schüttelte den Kopf. "Na, dann
suchen Sie mal schön weiter, bis Sie den Sinn der
einundzwanzig Buchstaben gefunden haben."
Hofer ging zurück zu Professor Dr. Herden, der noch immer im
Gras lag. "Du, Greuslich, kannst du mir mal das Blut abwischen.
Ich möchte mir den Kopf des Professors doch mal genauer
ansehen."
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Dr. Greuslich ging zu seinem Auto und nahm einen mit Wasser
gefüllten Kanister heraus. Als er neben Hofer stand und das
Wasser über den Kopf des Professors schüttete, sagte er leise:
"Du weißt es schon. Nicht wahr?"
Hofer grinste. Sein alter Freund kannte ihn gut. "Wenn ich das
gleich sehe, was ich denke, dass ich gleich sehen werde, dann ja.
Ansonsten wird's wohl schwierig."
Und dann nickte Hofer befriedigend. Der Abdruck auf der Stirn
von Professor Dr. Herden bestätigte seinen Verdacht. "Soso. Na
dann! Verhaften können ihn wir wohl nicht. Dummer Unfall
würde ich sagen."
Auch Dr. Greuslich schaute sich den tiefen markanten Abdruck
auf der Stirn des Professors genau an und dann folgte er Hofers
Blick, der geruhsam auf dem Bock der Herde ruhte, dessen
Hörner mit einem Hauch roter Farbe überzogen waren.
"Ist wohl die Strafe Gottes", sagte Hofer und ging dann laut
lachend davon. "Ach ja, noch etwas: Der Professor hat wohl
auch ein wenig Werbung gemacht, mit seinem Buchstabensalat.
Aber dass, lieber Kollege, werden Sie morgen ganz groß in der
Zeitung
lesen.
Zum
Auftakt
der
ODENWAELDER
LAMMWOCHEN."
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Seele and Geist
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