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Erfahrungsbericht oder: Was ich in Rom gesehen und studiert habe

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Erfahrungsbericht oder: Was ich in Rom gesehen und studiert habe
Wie schreibt man nur einen halbwegs strukturierten Erfahrungsbericht über eine derart
unstrukturierte, oder besser: „eigenwillig“ strukturierte Stadt? Nach einem Jahr in Rom, in dem ich
nicht nur Philosophe und Germanistik, sondern auch intensiv – und nicht immer ganz freiwillig –
die Stadt „studiert“ habe, will ich einen Versuch wagen … .
Organisation
Anfangs hatte ich vor für ein Semester zu bleiben, wie es dem Erasmus-Standard entspricht.
Dementsprechend hatte ich mich auch beworben, was über den Fachkoordinator der
philosophischen Fakultät, Herr Dr. Vinco, lief, da Philosophie mein Hauptfach ist. Dass Rom meine
erste Wahl war, ist kein Zufall. Einige Jahre zuvor war ich schon mit einer Jugendgruppe dort
gewesen und hatte somit schon einen ungefähren Eindruck von der Stadt, wusste ungefähr was
mich erwartet. Im Voraus gilt es natürlich in der Regel zu klären, was für Lehrveranstaltungen
einem für den persönlichen Studienverlauf noch fehlen, und es schadet auch nicht im Voraus
auszuloten, was von den geplanten Kursen im Ausland man wie zu Hause anrechnen lassen kann.
Aber auch diesbezüglich kann ich kaum etwas sagen, da ich auch innerhalb von Deutschland schon
einmal Uni und Fach gewechselt hatte und somit ohnehin schon auf einem etwas außerplanmäßig
Stand war.
Was die Formulare betrifft, die es auszufüllen gilt, kann ich nur dazu raten, erst einmal ruhig
zu bleiben. Hier in Italien wird das Vorlesungsprogramm auch gerne noch während des laufenden
Semesters spontan abgeändert. Daher ist es zwar sinnvoll für die persönliche Planung, schon einmal
das Learning Agreement auszutüfteln, trotz mangelnder Information (eben z.B. noch nicht
vorhandenes Vorlesungsverzeichnis), aber die Erasmus-Zuständigen wissen um das Problem und
haben dementsprechend Verständnis. Es sind auch großzügige Fristen vorhergesehen, die nötige
Änderungen im Learning-Agreement möglich machen. Generell hatte ich oft das Problem, dass ich
Angaben machen sollte, die ich schlichtweg nicht machen konnte weil mir selbst die nötigen
Informationen fehlten. Aber zum Glück ließ sich am Ende alles irgendwie lösen, dank der
Hilfsbereitschaft der Erasmus-Zuständigen und etwas Improvisationstalent.
Nach ungefähr drei Monaten habe ich mich dann entschieden, den Aufenthalt auf ein ganzes
Jahr zu verlängern – was mir zuerst fürchterlich kompliziert erschien. War es aber überhaupt nicht.
Denn es handelt sich auch nicht um mehr als einige zusätzliche Formulare, die es gewissenhaft
einzureichen gilt. Natürlich ist es nicht immer garantiert, dass eine Verlängerung möglich ist, und
ich habe auch ein wenig „gezittert“ bevor ich erfahren habe, dass meinem Antrag stattgegeben wird.
Im Allgemeinen ist es immer besser gleich zu wissen, wie lange man bleiben möchte. Allerdings
bereue ich nicht, die zuvor keineswegs in Betracht gezogene Verlängerung spontan gemacht zu
haben. Denn man weiß ja vorher nie, wie man tatsächlich vor Ort zurechtkommen wird. Ich
jedenfalls war anfangs doch noch recht unsicher, wie ich mit dem Studium in Italien
zurechtkommen würde. Aber als ich dann erst einmal gemerkt habe, wie gut es tatsächlich klappt,
und mich außerdem eingelebt hatte, war ich mir meiner Sache sicher.
Einige erschrecken sich auch an der Anzahl der ECTS-Punkte, die (mehr oder weniger)
verlangt werden. Ich selbst habe in meinen zwei Semestern 57 credit points, also im ersten Semester
30 und im zweiten 27 gemacht – und fand es wirklich nicht „schlimm“, durchaus gut machbar.
Natürlich geht es nicht, ohne einiges an Aufwand zu investieren, um die Prüfungen zu bestehen.
Allerdings war ich – anders als oftmals in Deutschland – recht gelassen, weil ich mir gesagt habe,
es sei ja nicht so schlimm, wenn ich nicht bestehe, weil man dafür in meiner Situation Verständnis
haben müsste. Am Ende hat aber doch alles geklappt, vielleicht gerade deswegen. Die Botschaft die
ich jedenfalls gerne an zukünftige Erasmus-Studenten weitergeben würde: bitte erschreckt euch
nicht schon im Voraus an den Anforderungen. Und solltet ihr unterm Semester merken, dass ein
Kurs eure Fähigkeiten in extremem Maße übersteigt, ist es jederzeit möglich, mit den Dozenten zu
reden. Also: nur Mut, erst einmal probieren und ruhig später mit der Hinzugekommenen Erfahrung
das Programm anpassen!
Dies und Ähnliches erfährt man übrigens auch bei den Informationsveranstaltungen, die
sowohl die Uni Heidelberg als auch die italienische Uni anbieten. Ich kann nur dazu raten, dort
nicht zu fehlen, weil man dort alle wichtigen Informationen, eventuell auch Neuerungen mitgeteilt
bekommt und sich den einen oder anderen extra Gang ins Erasmus-Büro spart.
Die Reise nach Rom ...
Über das Fliegen kann ich persönlich nichts sagen, da ich den Zug genommen habe. Dies ist
daher recht bequem, weil man direkt an Roms Hauptbahnhof Termini ankommt und sofort
Anbindung ans städtische Verkehrsnetz hat. Die beiden Flughäfen Fiumicino und Ciampino liegen
hingegen etwas außerhalb. Allerdings kann Fliegen oft günstiger sein, das hängt allerdings vom
Gepäck ab, das man hat. Im Zug hat man übrigens die Wahl zwischen Schlaf- und Sitzwagen, und
ich persönlich würde den Sitzwagen empfehlen: man schläft ohnehin nicht viel, und die Nacht ist
viel schneller vorbei als man glaubt. Besonders wenn man das Glück hat, auf ein paar interessante
und angenehme Gesprächspartner zu treffen. Noch kurz ein paar Worte zum Gepäck: auch wenn
man bei der Vorbereitung das Gefühl hat, sich für den schlimmsten Fall einrichten zu müssen: es ist
weder notwendig, noch lohnt es sich, übermäßig viel mitzuschleppen. Man kann eigentlich alles
zum Leben Notwendige, und selbst überflüssigen Schnickschnack zur Einrichtung des
Studentenzimmers (eine Freundin zum Beispiel hat sich dort einen Teppich gekauft) völlig
problemlos in Rom vor Ort zu günstigen, studentenfreundlichen Preisen finden. Es genügt, sich gut
zu informieren wo es was (einigermaßen günstig) gibt. Bedenkt man das, kann man sich unnötiges
Schleppen von unnötigen Sachen auf dem Hinweg ersparen. Überhaupt war es eine der
Schlüsselerfahrungen des Erasmusaufenthaltes für mich festzustellen, wie wenig ich eigentlich
wirklich brauche. Hier in Rom hatte ich ungefähr die Hälfte der materiellen Ausstattung meines
Studierzimmers in Heidelberg, und es kam mir immer noch viel vor.
… und die vielen kleinen Reisen innerhalb von Rom
Vielleicht ist es überflüssig das explizit zu sagen, aber: Rom ist eine große Stadt. Und
dementsprechend sind auch die Distanzen von A nach B einzuschätzen. Es sind einem fast
unendlich viele Möglichkeiten geboten, etwas zu unternehmen, die aber – zumindest gefühlt – fast
genauso unendlich weit weg liegen.
Zunächst empfehle ich jedem ein Atac-Abo. Atac ist die Gesellschaft der öffentlichen
Verkehrsmittel in Rom, und das Netz reicht ziemlich weit, deckt das allermeiste ab, auch die nähere
Umgebung Roms und sämtliche Außenstadtbezirke. Wer nur ein halbes Jahr bleibt, fährt eventuell
gut mit den Monatstickets, wer über 6 Monate bleiben will oder vielleicht nach dem halben Jahr
Erasmus noch einen Privaturlaub anhängt, für den kann sich sogar eine Jahreskarte lohnen.
Allerdings gibt es keinen Rabatt für Studenten, zumindest nicht für ausländische. Ich habe es recht
hartnäckig versucht, aber am Ende wurde mir am Schalter mitgeteilt, dass alle Erasmus-Dokumente
und auch sonstige Papiere der Uni in meinem Fall keine Bedeutung hätten, und ich musste mir das
reguläre Jahresticket für 250 Euro kaufen.
Es gibt, außer an der Abfahrtsstelle, generell keine Fahrpläne für Busse. Manche fahren in
geregeltem Takt, also alle 15 Minuten, oder alle 30. Auf andere muss man warten und hoffen, dass
der Bus überhaupt einmal kommt. Ich kann generell empfehlen, in der Nähe der Metro oder von
einer Express-Buslinie (die meistens Nummern wie 10, 20, 30, 40 u.s.w. Haben) zu wohnen,
andernfalls bringt man sich selbst um die Möglichkeit der Mobilität und somit auch um die Chance,
auch neben der Universität noch ab und zu etwas von der Stadt mitzunehmen und zu erleben. Einige
andere Eigenheiten des Verkehrs(systems) folgen gleich noch. Um nicht nur zu erschrecken, sei
auch gesagt. Die Metro funktioniert in der Regel prima, immerhin das. Und auch die Nachtbusse –
die einzigen, die tatsächlich nach Plan fahren – sind doch recht zuverlässig.
Für (Tages)Ausflüge bieten sich wunderbar die Cotral-Busse an (die blauen), die von
Anagnina oder auch Ponte Mammolo (Metro B) abfahren. So kommt man beispielsweise bequem
nach Castel Gandolfo, Tivoli oder andere schöne Orte in der etwas weiteren Umgebung Roms.
Verkehr
Dem Verkehr sei ein eigener Abschnitt zugestanden, vor allem um einige Worte der
Warnung loszuwerden. Bleiben wir einen Augenblick bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Gerade
eben noch voll des Lobes, muss ich im Bezug auf die Metro gleich wieder enttäuschen: sollte man
das Pech haben, dass es während man in Rom ist zu extremen Regenfällen kommt, sieht es düster
aus. Nicht nur draußen, sondern auch für die Fortbewegung in der Stadt. Denn sobald es etwas zu
stark regnet wird die Metro aufgrund von Überflutungsgefahr zugemacht und es bleiben nur noch
die Busse. Aber auch als Fußgänger ist die Fortbewegung außer Haus kein Spaß: die Fußwege (wo
es denn welche gibt), ebenso wie die Straßen, sind oft derart heruntergekommen, dass man früher
oder später an einen kleinen See kommt, und man gezwungen ist einen kleinen oder auch großen
Umweg zu machen. Meine Empfehlung: als erstes Gummistiefel kaufen, oder zumindest
wasserdichtes Schuhwerk. Auch wenn die Autos an einem vorbeifahren und dabei zufällig gerade
einen kleinen Teich auf der Fahrbahn passieren, wird über Wasserschutz in jeder Form froh sein,
wer ihn hat.
Aber noch einmal zurück zur Metro. An dieser Stelle einige ganz praktische Hinweise. Was
wahrscheinlich den meisten klar ist: man sollte den Berufsverkehr meiden, wo möglich. Auch muss
man auf seine Wertsachen aufpassen. Ich selbst bin auch einmal beklaut worden, und das obwohl
ich wirklich aufgepasst habe. Natürlich ist von Rucksäcke absolut abzuraten. Am besten ist es
überhaupt, möglichst nicht wie ein Ausländer/“Tourist“ auszusehen und zu wirken. Allerdings
kenne ich auch Italiener, denen es schon passiert ist, dass sie in der Metro bestohlen wurden.
Wichtig ist generell, Menschenmassen wo möglich zu meiden und zum Beispiel die Treppe anstatt
der völlig überlaufenen Rolltreppe (wo oft ein sehr diebesfreundliches Gedränge herrscht) zu
nehmen. Ich will aber auch niemandem Angst machen, im Gegenteil: wenn man draußen auf der
Straße allein oder in einer kleinen Gruppe unterwegs ist und seine Sachen bei sich hat, passiert
normalerweise nichts, in dieser Hinsicht ist Rom eine sehr sichere Stadt. Und auch im Uni-Bezirk
kann man sich absolut gelassen bewegen.
Am Ende gilt es auch immer gut zu überlegen, ob man nicht tatsächlich schneller ist, wenn
man sich mit der Metro nähert und den Rest zu Fuß geht, anstatt anschließend an die Metro noch
einen Bus nehmen zu wollen, auf den man ganz schön lange wartet und eben nie weiß, wie lange
noch. Und Busfahren ist zudem aus einem anderen Grund nicht gerade berauschend: oft sind die
Busse heillos überfüllt, und man kommt weder hinein, noch hinaus. Wenn man in der Lage ist zu
atmen, kann man sich schon glücklich schätzen. In dieser Hinsicht ist die Infrastruktur etwas
spärlich entwickelt: nur ein Bus (abgesehen von den Fernbussen), aktuell die Linie 20 (Express),
fährt direkt zu den Fakultäten „lettere e filosofia“, „economia“ und „ingegneria“ der Uni Tor
Vergata. Dementsprechend ist dieser Bus trotz hoher Frequenz der Abfahrtszeiten eigentlich ständig
überfüllt, jedenfalls vormittags und am frühen Abend.
Noch ein Wort der Warnung: in der Regel machen sich die meisten Erasmus-Studenten, die
6 Monate bleiben, ohnehin keine Gedanken darüber. Dennoch: wer auf die Idee kommen sollte, sich
ein gebrauchtes Fahrrad zu kaufen, um sich auch hier wie nach deutscher Gewohnheit am
Studienort fortzubewegen: vergesst es! Es ist viel zu gefährlich, und das Netz der Radwege ist so
gut wie nicht vorhanden, die Straßen absolut nicht dazu geeignet.
Aber auch als Fußgänger, der sich mit dem Autoverkehr zu konfrontieren genötigt ist, muss
man einiges wissen. Den oft gibt es keine Möglichkeit, einen Ort zu Fuß zu erreichen, weil der
einzige Übergang von A nach B zwischen zwei hohen Zäunen/Mauern eine Schnellstraße ist, die so
dicht an die Zäune/Mauern angrenzt, dass es keine Chance gibt das Ziel zu Fuß zu erreichen und
man eine halbe Stunde auf den Bus warten muss, wenn er denn kommt. Aber auch wo es
Zebrastreifen gibt, ist es als ob es sie nicht gäbe. Denn Zebrastreifen kommen hier ungefähr einer
minimal höheren Wahrscheinlichkeit, doch nicht überfahren zu werden, gleich. Also: nicht
überfahren lassen! Leider nehmen die Autofahrer hier generell keine Rücksicht, und ich habe im
Laufe der Zeit ganz automatisch angefangen, mich bei den Autofahrern zu bedanken, die an einem
Zebrastreifen freundlicherweise angehalten haben anstatt mich warten zu lassen, bis einmal zufällig
sowieso kein Auto kommt.
Wohnen
Zuerst habe ich in CampusX gewohnt, anscheinend eine Art Studentenwohnheim, das aber,
wie sich nach und nach herausgestelt hat, alles andere als ein Studentenwohnheim ist weil es mit
einem solchen kaum etwas gemeinsam hat. Ich hatte mich darum schon von Deutschland aus
gekümmert, weil ich Angst hatte, direkt vor Ort nichts zu finden und ewig im Hotel bleiben zu
müssen oder auf der Straße zu stehen. Hätte ich gewusst, dass es tatsächlich nicht allzu schwer ist
etwas zu finden, hätte ich es wohl auch so gemacht wie die meisten und selbst vor Ort gesucht.
Nach fünf Monaten habe ich dann gewechselt, in ein privates Zimmer. Aber der Reihenfolge nach.
CampusX ist in erster Linie eine verhältnismäßig teure Unterkunft. Das Doppelzimmer fängt
bei 360 Euro an, Einzelzimmer in 2-er WGs bei ungefähr 450. Die Nähe zur Uni ist der einzige
große Vorteil: man kommt zu Fuß dorthin, innerhalb von 15 Minuten ca. (das hängt von der
Fakultät ab, ich gehe von der facoltà di lettere/economia/ingegneria aus). Aber um wo anders
hinzukommen benötigt man gefühlte Ewigkeiten. Es gibt eine Bushaltestelle in der Nähe, wo aber
ungefähr sechs Mal am Tag(!) ein Bus vorbeifährt. Ungefähr eine viertel Stunde entfernt befindet
sich die Haltestelle des Express-Busses, der recht zuverlässig ist. In der Gegend gibt es nichts, was
zu Fuß erreichbar wäre. Wer kein Auto hat, ist regelrecht aufgeschmissen. Einen Supermarkt
erreicht man nur mit dem Bus, und bis auf einige wenige Cafés ist in der industriellen Gegend nicht
einmal ein Park, in dem man spazieren/joggen gehen kann. Das Gelände der CampusX-Anlage ist
zwar selbst nicht klein, allerdings meiner Meinung nach etwas eintönig, um sich dort jeden Tag
aufzuhalten. Es ist komplett eingezäunt, der Sicherheit wegen, und komplett videoüberwacht. Es
gibt keine Waschmaschinen in den Appartments, man kann dafür die in den Waschräumen für stolze
3,50 Euro (womöglich wurden die Preise, zusammen mit den Mietpreisen, inzwischen noch weiter
angehoben) pro Waschgang benutzen. Immerhin ist die Anlage sauber und einigermaßen ruhig.
Allerdings ist dort alles mit extrem empfindlichen Rauchmeldern ausgestattet, die auch gern einmal
um drei nachts losgehen. Was aber vor allem schade ist: man trifft dort kaum Italiener an. Wer sein
Englisch trainieren möchte, ist dort gut aufgehoben; wer Italienisch lernen oder seine Kenntnisse
verbessern will geht besser woanders hin. Weiterer Minuspunkt: die Zimmer sind minimalst
ausgestattet. Ich musste in den ersten Wochen mehrmals zu Ikea fahren, um mir Kochtöpfe,
Geschirr, einen Besen und Ähnliches zu besorgen. Das waren für mich, von dem Aufwand
abgesehen, alles weitere Kosten, die sich zu den stolzen 360 Euro Miete – für ein Doppelzimmer! –
hinzuaddiert haben. Um nicht nur Schlechtes zu sagen: die Zimmer dort, wie auch die ganze
Anlage, waren sauber und ordentlich hergerichtet. Allerdings war wohl auch das eher Glück, denn
als ich Freunde in anderen Apartments dort in CampusX besucht habe, hatte ich nicht immer diesen
Eindruck. Einige Male funktionierte auch das Gas nicht (überwiegend infolge eines
Sicherheitssystems, das bei jedem versehentlich ausgelösten Feuerallarm im Gebäude automatisch
alle Leitungen in allen Zimmern blockiert), und erst nach mehrmaligem Nachfragen beim
Management an der Rezeption (das ja eigentlich genau für solche Fälle da sein sollte) kam jemand,
um danach zu schauen. Mein Fazit: nicht zu empfehlen.
Nach fünf Monaten bin ich daher dort ausgezogen und habe mir ein Einzelzimmer – das
sogar im Monat 20 Euro weniger als das Doppelzimmer vorher gekostet hat – gesucht. Da ich dann
schon wusste, worauf ich achten muss, habe ich mich ungefähr in der Mitte zwischen Uni und
Metro platziert, wo zudem erstklassige Einkaufsmöglichkeiten bestanden, eine gute Busanbindung
vorhanden war und wo ich vor allem sehr nette italienische Mitbewohner hatte. Überhaupt kann ich
empfehlen mit Italienern zusammen zu wohnen: man lernt (zumindest in der Regel) nicht nur nette
Leute kennen, sondern hat auch Einblick in den echten italienischen Lebensalltag. Und wenn man
Glück hat, kann man sich das eine oder andere Rezept für die Studentenküche beibringen lassen. Zu
meiner Überraschung wurde in unserer Dreier-WG selbst der Putzplan peinlich genau eingehalten,
es war generell immer sauber und eigentlich nie laut. Das Apartment lag zwar in einer
verkehrsreichen Gegend, aber das ist in Rom fast nicht zu vermeiden. Und ich habe mich insgesamt
in dieser zweiten, privaten Wohnung viel wohler gefühlt, vor allem weil ich dort wesentlich mehr
Möglichkeiten hatte, etwas zu unternehmen.
Das Studium an der Universität Tor Vergata
Die meisten Fakultäten der Universität Tor Vergata oder auch „uniromadue“ liegen weit
außerhalb des Zentrums, nur die Giurisprudenza befindet sich immerhin noch in der Umgebung von
Anagnina, dem einen Kopfbahnhof der Metro A. Ich war an der facoltà di lettere e filosofia. Dort ist
in einem Gebäudekomplex alles untergebracht, was es an geisteswissenschaftlich-humanistischen
und sprachlichen Fächern gibt. Erster unterschied zum deutschen System: hier studiert man oft nur
ein Fach. Die Philosophiestudenten, die ich hier kennengelernt habe, studieren alle ausschließlich
Philosophie. Nur moderne Sprachen sind eine Ausnahme, hier studiert man in der Regel eine
Kombination von drei oder vier Fremdsprachen. Die Lehrveranstaltungen sind fast nur Vorlesungen,
also Frontalunterricht. Das heißt, man hört zu und schreibt mit. Einige Dozenten aber, wie z.B.
Professorin Fattori, die deutsche Literatur unterrichtet, gestalten die „Vorlesungen“
glücklicherweise interaktiv, so wie wir Deutschen es etwa von Seminaren gewohnt sind. Und zum
Glück ist die Uni recht klein, sodass in einem Kurs selten massenhaft Zuhörer sitzen. Im Gegenteil,
es gibt viele kleine Räume, in denen man sich geradezu wie in ein Klassenzimmer aus der eigenen
Schulzeit zurückversetzt fühlt. Fürs Erasmus empfiehlt es sich auch immer, nicht ausschließlich
nach Interesse, sondern auch nach dem am deutlichsten sprechenden Dozenten auszusuchen. Das
hilft ungemein, vor allem am Anfang, wenn man noch etwas Schwierigkeiten mit der Sprache hat.
Die Arbeitsmoral ist hier keineswegs lasch. Die Italiener haben nahezu alle ein bisschen (oft
nicht nur ein bisschen) Zukunftsangst – wegen der zumindest momentan kritischen wirtschaftlichen
Lage, gerade was den Arbeitsmarkt betrifft – und lernen deswegen wie blöd. Das ist aber
keineswegs zynisch gemeint, im Gegenteil – man kann sich die Italiener in dieser Hinsicht sehr gut
zum Vorbild nehmen. Andererseits stimmt es leider auch, was man ja oft hört, nämlich dass hier
über weite Strecken auswendig gelernt wird. Es ist nicht gerade eine Art zu studieren, die einen als
Menschen tiefgreifend verändert, einen im Denken und Urteilen selbstständiger und reifer macht.
Natürlich hängt es vom Einzelnen Studenten und auch vom Dozenten ab. Aber allgemein werden
diese Werte hier meinem Eindruck zufolge nicht gerade stark gefördert. Dass die Italiener (die ich
kennengelernt habe) trotzdem kluge, kritisch und selbstständig denkende Persönlichkeiten sind,
haben sie anderem und anderen zu verdanken, jedenfalls am wenigsten der Universität.
Auch gibt es kein „Unileben“, wie ich es aus Heidelberg gewohnt bin. Strukturen wie ein
„Cineforum“ und Ähnlicher sind hier gerade erst am Entstehen. Die offizielle studentische
Vertretung ist zwar sehr aktiv, jedoch fehlt ein wenig die Beteiligung der ganzen anderen. Das liegt
sicherlich auch daran, dass die Uni hier kein klassischer Aufenthaltsort ist. Die meisten Studenten
wohnen aus finanziellen Gründen noch zu Hause, und zwar meist ein gutes Stück weit entfernt.
Man kommt zur Vorlesung und verschwindet danach auch gleich wieder. Dementsprechend sind
gemeinsame studentische Aktivitäten auch nicht üblich, da sie nicht „notwendig“ sind wo niemand
da ist, der daran teilnehmen würde.
Die Mensa ist, wohl aus demselben Grund, recht klein. Für die (immer noch wenigen) die
aber regelmäßig dort essen dann doch wieder etwas zu klein. Man steht eine Weile Schlange, aber
abgesehen davon gibt es wenig zu meckern. Natürlich bin ich als Heidelberger Studentin verwöhnt
und musste mich hier auf eine geringere Auswahl einstellen. Aber man bekommt jedes Mal (wenn
man das denn schafft) ein Brötchen, ein „primo“ (meist Pasta), ein „secondo“ (Fleisch oder
vegetarische alternative), einen Salat und einen Nachtisch, das gehört alles zu einem StandardMittagessen dazu. Die Preise werden von Zeit zu Zeit geändert, aber es bleibt immer im
bezahlbaren Rahmen, ich würde es sogar als recht günstig bezeichnen. Ich selbst habe die Mensa
ziemlich oft besucht und war mit der Qualität sehr zufrieden: es hat mir immer gut geschmeckt, ich
habe über die ganze Zeit hinweg nie etwas Ungenießbares auf meinem Teller vorgefunden. Was
allerdings sehr seltsam ist (und woran ich mich auch im Laufe eines Jahres nie wirklich gewöhnt
habe) ist die Art zu essen. Man verwendet nämlich ausschließlich Plastikgeschirr, Plastikbesteck
und Plastikbecher die anschließend weggeworfen werden. In Sachen Nachhaltigkeit besteht hier
also noch ordentlich Nachholbedarf.
Die Prüfungen sind so gut wie gar nicht organisiert. Es gibt zwar wie in Heidelberg ein
Online-System, in dem man sich vorher registrieren muss. Aber im Endeffekt herrscht nahezu
Anarchie. Man erscheint am Prüfungstag zum „appello“ und meist wird erst dann überhaupt einmal
eine Reihenfolge festgelegt. Und wenn es zu viele sind wird der Rest der Studierenden, der am
ersten Tag übrig bleibt, einfach auf den nächsten Tag bestellt. Man muss schon gute Nerven haben,
um die Warterei ohne jegliche Gewissheit, wann man denn nun an die Reihe kommen wird,
durchzustehen. Aber ich habe glücklicherweise auch „appelli“ erlebt, bei denen außer mir nur vier,
fünf andere Studenten angemeldet waren, einen sogar wo ich ganz allein war. Als Faustregel gilt
hier: man weiß nie.
Eines war andererseits wirklich großartig: meine italienischen Kommilitonen waren stets
hilfsbereit, wenn ich etwas wissen wollte und haben sich auch wirklich bemüht, mir weiterzuhelfen.
Ich werde sicher nicht vergessen, wie mir immer wieder ohne Weiteres, als ob das ganz
selbstverständlich wäre, eine freundschaftliche Hand gereicht wurde – von Unterstützung beim
Umzug bis hin zu zahlreichen Malen wo mir Freundinnen angeboten haben, doch sicherheitshalber
bei ihnen zu übernachten, wenn es für die letzte Metro-Bus-Verbindung zu spät war oder das neue
WG-Zimmer noch nicht sofort frei und bezugsfertig war.
Die Sprache
Ich hatte Italienisch bereits in der Schule gelernt, fünf Jahre lang. An der Uni in Heidelberg
habe ich allerdings zur Auffrischung noch einen Sprachkurs gemacht, direkt in dem Semester vor
dem Erasmus Aufenthalt. Und dieser war auch nötig. Denn ich hatte zu dem Zeitpunkt für
anderthalb Jahre nicht mehr gesprochen, gelesen und geschrieben was sich dann doch bemerkbar
macht. Danach waren meine Voraussetzungen allerdings schon recht gut, und ich hatte eine gute
Basis für den Start hier.
Allerdings ist es doch noch einmal etwas völlig anderes, dann auch tatsächlich in Italien zu
sein und mit Italienern zu sprechen, die eben nicht extra langsam reden wie es die geduldigen
Sprachlehrer in Kursen gewöhnlich tun. Und natürlich fehlen einem konstant Vokabeln, man muss
sich sehr auf den Kontext verlassen um mitzukommen. Allerdings braucht es meiner Meinung nach
nur wenige Wochen, bis man sich einmal in die Sprache eingefunden hat, zumindest einigermaßen.
Italienisch zu sprechen, sodass die anderen einen verstehen, ist nicht schwer. Korrektes Italienisch
ist wiederum eine andere Sache. Ich selbst habe mich, eben aufgrund meines bereits
fortgeschrittenen Niveaus, darin versucht und gemerkt, dass es immer noch vieles dazuzulernen
gibt. Jedenfalls bin ich selbst nach einem Jahr noch nicht müde geworden und erweitere ständig
meine Vokabelliste. Eines sollte man immerhin bedenken: Italienisch ist, auch wenn es einfach
wirkt, eine doch nicht so wahnsinnig simple Sprache (allerdings auch nicht super komplex) und
gerade daher faszinierend, will aber eben auch richtig gelernt sein. Und was nach einiger Zeit,
nachdem man sich der ganzen Unterschiede bewusst geworden ist, umso mehr erstaunt: sehr viele
Dinge, vor allem Redewendungen, sind oftmals nahezu identisch mit dem Deutschen, und viele
Sätze die einem selbst vermeintlich stümperhaft übersetzt vorkommen, sind am Ende sogar richtig,
wenn man einen Italiener fragt.
Was ich sehr empfehlen kann, sind Sprach-Tandems. Mir hat das sehr geholfen weil die
Motivation zu sprechen ungemein größer ist als wenn man sich in einer Gruppe von ErasmusStudenten aufhält, die dann am Ende doch meist einen lustigen Mix aus Englisch und Italienisch
sprechen. Es ist (für diejenigen, die das zum ersten Mal machen) sicher zuerst
gewöhnungsbedürftig, die andere Person zu korrigieren. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran.
Für mich war es außerdem sehr spannend, einige Philologie-Studentinnen kennenzulernen, mit
denen ich mich bei der Gelegenheit auch über eines meiner Lieblingsthemen austauschen konnte,
nämlich linguistische Konzepte und Probleme, die im Sprachvergleich relevant werden. Ich selbst
bin hauptsächlich über die Uni an meine Tandem-Partner/innen gekommen und kann in erster Linie
die Vermittlung über das Erasmus-Büro empfehlen. Auch gibt es einige Internetseiten, wo man
suchen kann (allerdings ist dort bekanntlich Vorsicht geboten). Ich selbst habe jedenfalls durchweg
positive Erfahrungen gemacht.
Der große Vorteil eines Erasmus-Studiums in Rom – im Vergleich zu anderen Orten in
Italien – ist, dass man hier bis auf das „Romano“ kaum Dialekt spricht. Somit lernt man auch
wirklich Italienisch und nicht „Sizilianisch“ oder Ähnliches. Ganz zu schweigen davon, dass der
Start leichter fällt wenn das, was man auf der Straße und an der Uni hört, einigermaßen mit dem
Hörmaterial der in Deutschland absolvierten Italienisch-Kurse übereinstimmt.
Noch einmal eine andere Sache ist natürlich das Bewältigen von Fachliteratur für die Uni
auf Italienisch. Gerade das aber hat mir sehr weitergeholfen, um „ganz nebenbei“ meine
Sprachkenntnisse zu verbessern. Und ich war positiv überrascht, dass die Bücher, die ich für die
Uni zu lesen hatte, überwiegend in einem sehr angenehmen, lesbaren Italienisch geschrieben waren
(im Gegensatz zu vielen deutschen Autoren der Philosophie/Germanistik, die bisweilen vielmehr
Wortakrobatik betreiben, als den Stoff verständlich darzustellen). Mein einziges Problem war, dass
ich für einen italienischen Text immer sehr lange gebraucht habe. Mit den Büchern für die
Prüfungen bin ich selten wirklich fertig geworden, habe mir eher einzelne wichtige Passagen
vorgenommen. Und je nach Text kam es auch vor, dass ich jeden zweiten Satz etwas im Wörterbuch
nachschlagen musste. Aber das alles soll nicht zur Abschreckung gesagt sein, sondern nur einen
realistischen Eindruck davon geben, worauf man sich einlässt.
Die Italiener selbst übrigens verbleiben Fremdsprachen gegenüber meist in einer
„ehrfurchtsvollen Distanz“. Das heißt konkret: wer in der Schule Englisch gelernt hat, erinnert sich
meist dunkel an einzelne Wörter und versucht, Situationen in denen Englischsprechen nötig ist,
elegant zu umgehen. Wer es von den Italienern ein bisschen besser beherrscht, bekommt mit Mühe
und einer recht holprigen Aussprache einige Sätze heraus, wobei man aber stets deutlich merkt, wie
viel Anstrengung dabei mitspielt. Für uns Deutschen die wir die Sprache lernen wollen, ist das
natürlich positiv: man hat kaum eine Chance, dauernd auf Englisch auszuweichen und ist
gewissermaßen gezwungen, Italienisch zu sprechen. Und ein weiterer Pluspunkt dabei: es kann im
Allgemeinen sehr, sehr lustig sein, mit einigen motivierten Italienern ein paar Worte auf Englisch zu
wechseln. Ich jedenfalls habe mich dabei prächtig amüsiert.
Leben in Rom
Rom ist laut. Rom ist voll. Und chaotisch. Fast überall stinkt es nach irgendetwas. (Zum
Verkehr und den Verstopfungen in Bussen habe ich, denke ich, weiter oben schon genug gesagt.)
Rom ist eben eine heillos überbevölkerte Stadt. Umso erstaunlicher ist es, doch immer wieder (fast)
vollkommen stille, ruhige Ecken zu entdecken, wo man doch immerfort überall nichts als Leute und
noch mehr Leute vorfindet. Der Geheimtipp lautet: nachdem das touristische Standardprogramm
absolviert ist und das Colosseum langsam langweilig wird, darf man sich getrost auch mal in die
Außenbezirke wagen. Die sind zwar teilweise weniger „schön“, dafür aber kulturell sehr reizvoll.
Wer sucht, der findet: Kino, Theater, studentische Literaturzirkel und und und – Events aller Art und
zu niedrigen Preisen (dazu gleich mehr unter „Kultur“). Außerdem findet man, neben den
bedeutenden und berühmten Kunstschätzen im Zentrum Roms, auch viele sehr schöne kleinere und
mindestens genauso interessante Denkmäler, Parks, Brunnen und Villen und Ähnliches, wenn man
sich einmal etwas „nach außen“ wagt. Nicht nur Rom selbst, auch das gesamte Umland ist eine
unglaublich reiches und intensives Stück Italien, wo man Natur und Kultur über und über finden
kann (wenn man nur will und die nötige Offenheit an den Tag legt) und sich nie wirklich sattsehen
und -staunen wird. Gerade die „Castelli Romani“ (so bezeichnet man die Gemeinden in den Albaner
Bergen, von denen Castel Gandolfo die bekannteste sein dürfte) lohnen mehr als nur einen Besuch.
→ Kultur
Rom hat eine Menge an kulturellen Veranstaltungen jeder Art zu bieten. Man muss nur ein
wenig die Augen offen halten, dann findet man bestimmt das Richtige. Besonders gefallen haben
mir persönlich die kleinen Theater und Kinos, die selbst in einer Mega-Stadt wie Rom regelrecht
Wohnzimmer-Atmosphäre verbreitet haben. Natürlich gibt es jede Menge Gründe ins italienische
Theater oder Kino zu gehen. Vor allem aber ist es eine super Gelegenheit, die Sprache zu trainieren.
Zugegeben, man sollte vielleicht am Anfang nicht gleich das Schwerste wählen, und Theater mit
Untertiteln gibt es wohl auch in den seltensten Fällen. Allerdings hat mir gerade der gnadenlose
„Sprung ins kalte Wasser“ sehr geholfen, um mein Hörverstehen zu trainieren; überflüssig zu sagen,
dass es eine allgemein sehr vergnügliche Art des Lernens ist. Besonders kann ich das Kino „detour“
in der Via Urbana empfehlen, zudem das „Quattro fontane“ in der gleichnamigen Straße, wo auch
internationale Filme und Independent-Produktionen gezeigt werden. Auch der „Circolo degli artisti“
ist für junge Leute interessant, dort gibt es hauptsächlich Konzerte. Im Sommer findet man eine
ganze Reihe von Kino-Events, teilweise auch Open-Air, die über die Stadt verteilt stattfinden. Das
bekannteste ist vielleicht das „Casa del cinema“ im wohl zentralsten Park Roms rund um die Villa
Borghese. Dort kann man im Sommer Kino im Freien genießen, im Winter und Herbst drinnen, und
das meist gratis (auch die Vorführungen im Saal)!
Was mir persönlich sehr gut gefallen hat: anders als ich es von Deutschland zu Hause
gewohnt bin, ist hier keine so extreme Trink-Kultur verbreitet. Ich selbst habe zumindest kaum
jemanden kennengelernt, der „zum Trinken“ ausgehen wollte. Wenn man etwas unternimmt, ist es
vielmehr um der Gesellschaft Willen: man trifft sich mit Freunden, isst eventuell gemeinsam zu
Abend, manche trinken vielleicht ein Glas Wein oder ein Bier und basta. Eigentlich habe ich nie ein
Besäufnis erlebt, und auch generell kamen mir die Italiener in dieser Hinsicht auf angenehme Weise
recht zurückhaltend – um nicht zu sagen vernünftig – vor.
Den Rest, also was man über Umgangsformen und Ähnliches wissen muss, lernt man dann
von selbst, wenn man einmal in Italien ist; deswegen sind detaillierte Beschreibungen darüber an
dieser Stelle überflüssig. Eines kann ich allerdings als Fazit sagen: ich habe bei Weitem keinen
Kulturschock erlebt. Italien befindet sich in Europa, und die kulturellen Unterschiede sind sehr fein,
oft kaum wahrnehmbar. Und wenn ich persönlich noch bedenke, dass Rom die erste richtig große
Stadt ist, in der ich gelebt habe, würde ich das meiste, was für mich anders oder neu war, eher
darauf zurückführen als auf die Tatsache, dass es in Italien war.
→ Gratis
Der Vorteil einer großen Stadt wie Rom ist, dass es immer wieder äußerst günstige
Möglichkeiten gibt, sein alltägliches Leben zu bestreiten und seine Freizeit zu gestalten. Zwar muss
man wissen, wie, muss ein wenig auf „Entdeckungsreise“ gehen und unterwegs die Augen offen
halten. Aber die Möglichkeiten sind vorhanden, man muss sie nur finden.
Neben den bereits erwähnten Kinoangeboten möchte ich noch das „Museo della liberazione“
wärmstens empfehlen, wo man freien Eintritt hat und das wirklich gut gemacht ist. Die
wahrscheinlich allseits bekannten Vatikanischen Museen gewähren jeden letzten Sonntag im Monat
freien Eintritt. Zudem wurde erst kürzlich, im Juli 2014, ein neues Gesetz eingeführt dem zufolge
auch die anderen Museen einmal im Monat freien Eintritt (oder in bestimmten Fällen einen
Sonderpreis von 1 Euro) gewähren müssen. Dann gibt es noch das Goethe-Institut, das von Zeit zu
Zeit Filmvorführungen veranstaltet (meist auf Deutsch mit italienischen Untertiteln), die ebenfalls
mit freiem Eintritt lockt. Außerdem kann man, sofern das Wetter einigermaßen mitspielt, gemütlich
die ganzen öffentlichen, zu Villen zugehörigen Parks anschauen, auch das zum Nulltarif und
durchaus ein schönes Programm für einen freien Tag. Sehr schön sind Villa Celimontana, Villa
Doria Pamphili, Villa Torlonia und Villa Sciarra. Außerdem lohnt sich ein Spaziergang im Parco
degli Acquedotti, im Parco del Torre Fiscale und im riesigen Parco della Caffarella; in letzterem gibt
es auch einige interessante Ruinen und Mauer-Überreste zu entdecken. Und das Schönste: es ist
ganz und gar nicht überlaufen dort.
→ Essen
Ganz wichtig ist natürlich die erstklassige mediterrane Küche, auf welche die Italiener auch
sichtbar stolz sind. Mit gutem Grund, wie ich finde. Auch wenn ich selbst meistens zu Hause oder
in der Mensa gegessen habe, kann ich doch mit Überzeugung sagen, dass Pizza und Pasta in Italien
einfach noch einmal etwas ganz anderes als zu Hause in Deutschland sind. Und ich habe es probiert,
jetzt ist es anhand meines Beispiels erwiesen: man kann durchaus gut auf einer Pasta-Pizza-Basis
überleben. Aber im Ernst, hier lebt es sich wirklich gut, kulinarisch gesehen. Einiges ist sicherlich
gewöhnungsbedürftig, zum Beispiel die Zeiten des Abendessens. Ich habe mich immer wieder
gefragt, wie die Italiener das so lange aushalten, das Warten bis um 21:30 Uhr, oft auch bis um zehn
oder später abends, wenn dann endlich zu Abend gegessen wird, was man hier wohl treffender mit
dem altmodischen Begriff „Nachtmahl“ bezeichnen könnte. Insgesamt aber, muss ich zugeben, habe
ich den Unterschied als gar nicht mal so groß empfunden. Nur eines hat mir wahrhaft gefehlt:
Schwarz- und Körnerbrot, sowie allgemein der Bäcker, bei dem man morgens seine Brötchen holen
geht. Aber dafür wird man mit vielerlei anderen Vorteilen entschädigt.
Was man hier in Rom unbedingt probieren sollte ist das „suppli“, oder auch scherzhaft
„suppli al telefono“ genannt, wegen der Mozzarella. Aber was das genau ist, gilt es selbst
herauszufinden. Überflüssig zu erwähnen, dass es hier eine fast unendliche Auswahl an gelati gibt.
Besonders auf der Via Tuscolana, in der Nähe der Metro Subaugusta/Giulio Agricola/Lucio Sestio
findet man eine Menge wirklich guter und dabei günstiger Eisdielen, Imbisse und Restaurants. Und
auch der „aperitivo“ gehört einfach dazu, den muss man mindestens einmal gemacht haben um
Italien erlebt zu haben. Das ist schlechthin die günstigste und reizvollste Möglichkeit, zu Abend zu
essen. Das Konzept ist folgendes: man bestellt ein Getränk und kann sich dazu entweder an einem
Buffet bedienen, das je nach Lokal mehr oder weniger üppig ausfallen kann, oder es werden kleine
Snacks an den Tisch gebracht. Und vor allem bezahlt man selten mehr als 10 Euro, was die Sache
für Studenten attraktiv macht.
→ Bibliotheken
Sprach- und Geisteswissenschaftler fragen sich natürlich unweigerlich: wie komme ich
einigermaßen schnell, bequem und günstig an Bücher heran? Dafür muss man in Rom zwar
gelegentlich einiges an Wegstrecke auf sich nehmen, aber es lohnt sich allemal. Auch deshalb, weil
man hier in einer Buchhandlung auf ein nicht direkt vorhandenes Buch, das erst bestellt werden
muss, ungefähr 10 Tage warten muss. Die Unibibliothek selbst ist ganz ordentlich, allerdings ist die
Ausstattung mit spezifischem Material etwas begrenzt. Vielleicht bin ich aber auch in dieser
Hinsicht etwas zu verwöhnt von Heidelberg her. Abhilfe schafft, zumindest für
Germanistikstudenten, die Bibliothek in der Villa Sciarra, wo das Italienische Institut für
Germanische Studien (Istituto Italiano di Studi Germanici) seinen Sitz hat. Man muss sich zwar
vorher anmelden, es steht aber allen Studenten offen und verfügt über eine beeindruckende
Sammlung von Büchern rund um (nicht nur) deutsche Literatur, inklusive einer Menge an
Forschungsbeiträgen.
Dann gibt es natürlich die Nationalbibliothek, in der man aber als ausländischer Student
leider nichts ausleihen kann. In dieser Hinsicht sind die kommunalen Bibliotheken der Stadt Rom
praktischer. Dort kann man sich kostenlos einen „Bibliopass“ (oder für 5 Euro eine „Bibliocard“,
die noch weitere, besondere Vorteile und Serviceleistungen miteinschließt) ausstellen lassen und
damit alle kommunalen Bibliotheken nutzen, inklusive Ausleihe. Für Studenten an der Tor Vergata
bietet sich beispielsweise die Bibliothek „Raffaello“ direkt bei Anagnina an, die relativ gesehen
ganz in der Nähe liegt. Auch in der Bibliothek „Casa delle traduzioni“ mitten im Zentrum lohnt es
sich vorbeizuschauen: ein sehr nettes und ruhiges Plätzchen das man dort, wo es sich befindet, alles
andere als erwartet.
→ Rom im Sommer
Vor allem: leer! Herrlich leer! (Und wer Rom schon voll erlebt hat, zum Beispiel während
einer internationalen Pilgerwoche oder ähnlichem, wird verstehen, was ich meine.)
Das bedarf natürlich einer näheren Erklärung. Und die heißt Sonne. Wenn die Tage länger
werden, werden sie gleichzeitig kürzer, zumindest hier. Genauer gesagt verkürzt sich der Tag auf
ungefähr acht Stunden: drei am Morgen (ca. 08:00 bis 11:00) und fünf am Abend (ca. 19:00 bis
00:00). Den Rest der Zeit verbringt man wahlweise mit Schlafen oder Vor-sich-hindämmern, auf
keinen Fall aber draußen in der vernichtenden Mittagshitze sondern immer in den rettend kühlen
eigenen vier Wänden. Ende Juli/Anfang August findet dann eine beispiellose und bis auf den letzten
Römer alle mitreißende Flucht ans Meer statt. Maximal einige Hotelbetreiber und Arbeitende im
Gastronomiegewerbe hält es in der Stadt, und natürlich trifft man immer auch ein paar Touristen an.
Davon abgesehen findet man eine träge, eingeschlafene, verlassene Stadt vor. Gerade das ist
wunderschön, denn man hat – trotz der nicht leugenbaren Hitze – die Stadt weitgehend für sich,
insbesondere die weniger „bedeutenden“ Gegenden. Leider ist auf der anderen Seite auch vieles
geschlossen (Bibliotheken, Bars, Caffés und Restaurants, selbst einige Museen und Parks). Dabei ist
die Hitze selbst durchaus erträglich, wenn es sich nicht gerade um einen extremen Sommer handeln
sollte.
Sonstiges/Wissenswertes
Eines sollte man als Deutsche(r) wissen: es ist für Deutsche in Italien grundsätzlich nicht
möglich, irgendwo zu spät zu kommen. Man glaube mir, ich habe es hartnäckig versucht, immer
wieder. Es hat nie geklappt.
Einstelen sollte man sich auch auf den Smog und insgesamt recht ungenießbare Luft.
Schrecklich – in meinem Empfinden – sind die vielen Raucher. Man braucht hier, gerade als
Nichtraucher, Lungen aus Stahl, um zu überleben. Es wird immer und überall geraucht. Ehrlich, ich
weiß nicht warum es hier überhaupt Leute gibt, die älter als 50 werden (dieser leicht zynische
Kommentar sei mir einmal gestattet). Besonders wenn man Raucher ist und gerade mit dem Entzug
begonnen hat, ist Rom nicht gerade der ideale Aufenthaltsort, wie ich mir denke. Für mich, die ich
nie geraucht habe und entsprechend einen wahnsinnigen Ekel vor Zigarettenrauch empfinde, war es
zunächst wirklich hart. Es ist eben schade, wenn einem im Sommer selbst die Lust auf einen
Aperitivo im freien vergeht, weil die Raucher dort für nicht-atembare Luft sorgen. Aber genug
gemeckert – dies sollten nur einige Worte der Warnung sein.
Wen es interessiert: es gibt auch eine katholische Unikapelle (in Rom ist ja ohnehin fast alles
und jeder katholisch, auf dem Papier sowieso und meist auch in Wirklichkeit) auf dem CampusGelände, in der Nähe der facoltà di ingegneria und der economia (nicht zu verwechseln übrigens
mit dem kleinen Kappellen-Raum im „CampusX-Gelände“!). Ich selbst hatte das Glück, auf den
Chor der Gemeinde zu stoßen, wo ich dann auch das ganze Jahr über geblieben bin. Dort singen fast
ausschließlich Studenten und andere junge Leute, und es macht wirklich Spaß. Das ist in erster
Linie Rita, der charismatischen Chorleiterin, zu verdanken: immer gut gelaunt, energiegeladen und
„italienisch“ bis in die Fingerspitzen. Sowieso ist die Gemeinschaft, die ich in dieser Gruppe erlebt
habe, eine sehr schöne und alles andere als selbstverständliche Erfahrung gewesen. Also an alle
katholischen (oder auch orthodoxen und ähnlich konfessionelle) eine wärmste Empfehlung
meinerseits, sich das einmal anzuschauen. Außerdem gibt es immer auch vielerlei Aktivitäten der
Gemeinde gerade für junge Leute und gerade da, wo die Uni nichts organisiert. Ich war
beispielsweise auf einer Pilgerfahrt nach Napoli dabei, eines der Highlights meines Erasmus-Jahres.
Oder die gemeinsamen Weihnachts-Konzert, auch die werde ich so schnell nicht vergessen.
Fazit
Ich weiß, dass es geklaut ist, aber dennoch würde ich auf mein Erasmus hier, alles in allem,
unter dem Motto „die Welt zu Gast bei Freunden“ zurückblicken. Ich habe in dieser weltoffenen,
dynamischen Stadt Rom unerwartet schnell sehr viele interessante Leute kennengelernt und es
herrschte fast überall eine selten friedlich-harmonische Atmosphäre, die wahrscheinlich in der Form
selbst in Europa selten und daher gar nicht hoch genug zu schätzen ist. Freundschaft schließt man
hier sofort, und auch wenn nicht alle enge Freunde werden können ist es keineswegs ungewöhnlich,
von den Italienern schon nach kurzem so behandelt zu werden, als kenne man sich schon ewig.
Rom ist keine Stadt, in der ich leben würde, langfristig gesehen. Dafür ist sie eine Spur zu laut, zu
verkehrsreich und – ja, ich gebe es zu – auch zu chaotisch. Aber für eine gewisse Zeit lang ist es
einfach fantastisch, dort zu sein und aus dem Vollen schöpfen zu können. Denn voll ist Rom
zweifellos: voll von Möglichkeiten, überreich an Geschichte(n) und dicht übersät mit den schönsten
Plätzen, Kirchen, Villen und Parks die man sich vorstellen kann. Wer am Ende nicht furchtbar müde
nach Hause zurückkehrt, wer nicht mindestens zwei Paar Schuhe kaputtgelatscht hat, wer sich hier
auch nur eine Minute lang fragt was er denn mit seiner freien Zeit anfangen soll – der hat definitiv
etwas falsch gemacht.
Außerdem ist Rom ein Ort zum Zurückkehren. Nicht nur wegen des Münz-Rituals am
Trevibrunnen, sondern vor allem weil selbst Jahre nicht reichten, all die Schönheit und all das
Leben dieser Stadt zu fassen. Eine Stadt zum Zurückkehren, weil Rom – wie ich nach Weihnachten
in Deutschland und nach einem „Kurzurlaub“ bei einer Freundin in Basilikata gemerkt habe – trotz
seines nervtötenden Verkehrschaos, bei all dem Lärm, der Abwesenheit öffentlicher Toiletten und
allem was sonst noch nervt bei jeder Rückkehr dennoch immer wieder unmittelbar seine
Faszination zurückgewinnt, selbst wenn man kurz zuvor noch vollkommen in die fantastisch
friedliche Ruhe der Albaner Berge verliebt war. Rom ist definitiv ein Ort zum Zurückkehren, dafür
sprechen auch meinerseits gesammelte empirische Beweise (allerdings nicht gerade repräsentativ,
was die Zahl der Beispiele anbelangt). Nachdem das erste Semester vorbei war und die meisten
Studenten zurückgekehrt waren, habe ich Ende meines zweiten Semesters hier einige (und zwar
nicht wenige) Leute wiedergesehen, die derart begeistert von Rom waren, dass es sie – sei es zum
Urlaub mit der Familie, sei es um in den Semesterferien italienische Freunde wiederzusehen – noch
einmal nach Rom gezogen hat.
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Seele and Geist
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