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Artikel aus GEO.de (Sommer 2006) - SPD Dortmund

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GEO.de - Was Billig-Tickets wirklich kosten - Reisen › Reisetipps
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GEO SAISON Nr. 07/08 2006 - Nationalparks in Deutschland
TEXT VON HEIKO REUTER
Was Billig-Tickets wirklich kosten
Sie freuen sich über die günstigen Angebote der Spar-Airlines?
Wir auch. Allerdings: Unterm Strich zahlen alle drauf - die
Schnäppchen werden mit üppigen Steuergeschenken
subventioniert
Für 19 Euro nach London, für 29 Euro nach Venedig - längst haben wir uns daran gewöhnt, dass
ein Flugticket viel weniger kostet als ein Fahrschein für die Bahn. Und auch daran, dass der Spaß
dann doch teurer wird, als die Werbung versprochen hat, weil Steuern, Service- und
Flughafengebühren aufgeschlagen werden. Darüber regt sich niemand mehr auf. Die versteckten
Kosten aber, die jedem Steuerzahler aufgebürdet werden, ob er nun mit Günstig-Airlines fliegt
oder nicht - die bleiben meist unbeachtet.
Provinzpisten
Allein in Deutschland gingen in den vergangenen
Jahren ein gutes Dutzend Billigfluggesellschaften an
den Start. Ryanair, Easyjet, Germanwings, Air
Berlin, Deutsche BA und andere profiitieren von der
"Geiz ist geil"-Mentaliät. Schon jetzt heben 28
Prozent der Passagiere in Europa "zum Taxipreis"
(Hapag-Lloyd Express) ab. Die meisten
Luftverkehrsexperten rechnen damit, dass der
Marktanteil der Billigflieger weiter zunehmen wird.
Schon bald dürften mehr als 40 Prozent aller
Passagiere in Flugzeuge der so genannten "no
© Air Berlin
frills"-Airlines (kein Schnickschnack) steigen. Und
das, obwohl sich auch die Tarife der großen
Fluggesellschaften ändern - inzwischen fliegt sogar Lufthansa für 99 Euro von Hamburg nach
Barcelona. Viele Gründe, warum Billigflieger so günstig fliegen, sind bekannt. Die
Fluggesellschaften haben gelernt, die Kosten zu reduzieren: Sie haben weniger Personal als
etablierte Linien, zahlen niedrigere Gehälter, Kaffee und Snacks an Bord kosten extra, die
Anschlussflüge werden nicht aufeinander abgestimmt, dafür sind die "Umlaufzeiten" kürzer
(schnellere Abfertigung am Boden, die Flugzeuge sind länger in der Luft). Zudem werden
bevorzugt abgelegene Airports und Provinzpisten angeflogen, auf denen nur wenig Verkehr
herrscht. Dort wird zügig abgefertigt, die Flughafengebühren sind niedriger. Doch Airports wie
Hahn im Hunsrück, Altenburg-Nobitz in Ost-Thüringen oder Weeze am Niederrhein locken nicht
nur mit Dumpingtarifen für die Abfertigung. Oft bieten sie den Airlines obendrein auch noch
"Marketing-Zuschüsse" für die Eröffnung neuer Strecken.
Finanzielles Fiasko
Das kann den Fluggesellschaften erhebliche Zusatzeinnahmen bescheren. Da die Regionalflughäfen
in aller Regel der öffentlichen Hand gehören, werden die Tickets der Billigflieger mit Steuergeldern
subventioniert. Laut einer Studie der Deutschen Bank arbeiten nur fünf der 39 Regionalflughäfen
in Deutschland wirtschaftlich. 33 von ihnen fertigen weniger als 100 000 Passagiere pro Jahr ab.
Branchenexperten zufolge aber liegt die kritische Größe für den kostendeckenden Betrieb eines
Flughafen bei 500 000 Fluggästen im Jahr. Häufig seien die Pisten in der Provinz "teure
Prestigeobjekte der Regionalfürsten". Denn Flughafenbau ist Ländersache, ein bundesweit
abgestimmtes Konzept existiert nicht. Manche Landesregierung scheint nach dem Prinzip "Versuch
und Irrtum" zu investieren: Man errichte einen Flughafen - etwa den in Erfurt -, locke mit
Subventionen eine Airline an - in diesem Fall Ryanair -, und kaum zieht sich die Fluglinie zurück,
brechen die Passagierzahlen ein, und es droht ein finanzielles Fiasko.
Bezeichnend auch der Fall des Airports Niederrhein in Weeze, den die Billigairline V-Bird
ansteuerte: V-Bird musste schon nach einigen Monaten Betrieb im Jahr 2005 Insolvenz anmelden,
in Weeze ging die Zahl der Fluggäste daraufhin um satte 26 Prozent zurück. Die Banken wollten
für den Flughafenausbau in der beschaulichen 10 000-Einwohner- Stadt kein Geld geben. Da
sprang die Kommune ein, zusammen mit dem Landkreis Kleve stellte sie ein Darlehen in Höhe von
20 Millionen Euro zur Verfügung. Nach Expertenschätzungen belaufen sich die Zuschüsse für die
21.06.2008 23:49
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vielen Mini-Airports in Deutschland auf mehrere hundert Millionen Euro - pro Jahr.
Unfairer Wettbewerb
Auch bei größeren Flughäfen fließen reichlich Subventionen. Beispiel Dortmund: 1,7 Millionen
Passagiere hoben im vergangenen Jahr von der
Ruhrpott-Piste ab - 48 Prozent mehr als 2004. Doch
das Plus wurde teuer erkauft, mit niedrigen
Flughafengebühren, "passagiervolumenabhängigen
Rabatten" und "substanziellen Marketingbeiträgen"
für die Eröffnung neuer Routen (so lautet das
Versprechen in der Broschüre für Investoren). Nicht
zuletzt diesem Förderprogramm ist es
zuzuschreiben, dass der Airport trotz seiner
stattlichen Zuwächse Verluste in zweistelliger
© Germanwings
Millionenhöhe schreibt.
Mehrheitlich gehört der Flughafen den Dortmunder
Stadtwerken. Und die "begleichen das Minus mit den
Gewinnen aus der Lieferung von Strom, Gas und Wasser", so Eberhard Kanski vom Bund der
Steuerzahler. Dass man mit dem morgendlichen Duschbad den Billigflieger Easyjet unterstützt,
nennt Kanski einen "Skandal". Für genauso ungeheuerlich hält der Steuerexperte, dass auch große
Verkehrsflughäfen wie Köln/Bonn üppige Vergünstigungen erhalten. Der einstige Regierungsairport
entrichtete bisher für das 1000 Hektar große Flughafengelände eine Jahrespacht von nur rund
einer halben Million Euro. "Der Düsseldorfer Airport muss für ein kleineres Gelände ein Vielfaches
an die Stadt abführen", so Kanski. Kein Wunder, dass sich Köln/Bonn und nicht Düsseldorf zu einer
der größten Drehscheiben für Billigflieger in Deutschland entwickelt hat. 6,1 Millionen Gäste
reisten im vergangenen Jahr mit Low-Cost-Airlines vom Konrad- Adenauer-Flughafen aus in die
Welt. Zwar muss Köln/Bonn nach einem Gerichtsurteil jetzt 1,65 Millionen Euro für das Gelände
berappen, ein weiteres Verfahren ist noch anhängig. Doch unter dem Strich ist das immer noch
günstig. "Für derart komfortable Sonderkonditionen muss letztlich jeder einzelne Bürger
aufkommen", sagt Rainer Schwarz, Chef des Düsseldorfer Flughafens, ab Juli Leiter der Berliner
Flughäfen. "Das ist nicht akzeptabel. Wettbewerb muss fair geführt werden."
Doch was ist die Alternative? Nur noch von wenigen Flughäfen aus teuer fliegen? Würden alle
Vergünstigungen über Nacht abgeschafft, wäre mancher Billigflieger flugunfähig. Um Arbeitsplätze
nicht zu gefährden, geht die EU nicht grundsätzlich gegen regionale Beihilfen vor.
Üppige Steuergeschenke
Nur allzu üppige Steuergeschenke sollen unterbunden werden. Wie etwa das Subventionspaket,
von dem Ryanair am Brüsseler Flughafen Charleroi
profitierte: Der Airport erließ den Iren die Hälfte der
Landegebühren, zudem sollten sie 15 Jahre lang pro
Passagier vier Euro für Werbezwecke erhalten. Doch
auch nach der EU-Entscheidung gegen die Praktiken
in Charleroi treibt die Subventionitis Blüten. Seit
Mai fliegt der kleine Regionalcarrier Cirrus vom
Airport Kiel-Holtenau nach München. Weil außer den
Lufttaxi-Unternehmen Sylt Air und Rheinair keine
andere Linienfluggesellschaft den Flugplatz an der
Küste ansteuert, spendierten die Stadt Kiel und das
© easyjet
Land Schleswig-Holstein fast zwei Millionen Euro
Starthilfe, verteilt auf zwei Jahre. Nicht einmal
Cirrus Airlines rechnen mit mehr als 35 000
Fluggästen im Jahr. Das würde bedeuten, dass der Steuerzahler jedes Ticket mit rund 29 Euro
sponsert. Manche Airports, munkelt man in der Branche, missachten die Brüsseler Direktiven
konsequent und verlangen im Prinzip gar keine Flughafengebühren. Gerüchten zufolge lässt sich
Ryanair vom Flughafen Hahn sogar die Ausbildung von Piloten und Crews bezahlen.
Nichts gegen Tickets, deren günstige Preise sich gutem Kostenmanagement und effizienter
Auslastung verdanken. Darüber hinaus aber dürften die meisten Urlauber ehrliche Flugpreise
bevorzugen - und diese auch bezahlen, selbst wenn sie ein paar Euro höher liegen als die jetzigen
Angebote. Besser so, als den eigenen Urlaub und den anderer Reisenden per Steuererklärung
teilzufinanzieren.
21.06.2008 23:49
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