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Gesamtschule
in Nordrhein-Westfalen
IV/2007
Aktuelle Bildungspolitik
Dietrich Scholle
„Denn sie tun nicht, was sie wissen“
Anmerkungen zum Bildungskongress des Deutschen Städtetages
am 22./23.11.07 in Aachen
Tosender, lang anhaltender Beifall für Klemm und Schleicher und ihre
Thesen und Schlussfolgerungen zu den Themenschwerpunkten Selektivität und Qualität, Beifall für jeden Redner, der die strukturellen und qualitativen Defizite des deutschen Schulsystems anprangert, keine Pfiffe,
sondern Zustimmung für die Brandmarkung des deutschen Schulsystems
mit einem Zitat aus der ersten PISA-Studie „als System struktureller Demütigung“ - nicht nur für Schülerinnen und Schüler, sondern auch für
Lehrerinnen und Lehrer, wie der Vortragende hinzufügte.
Über tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten den Weg in die alte Kaiserstadt gefunden. Eingeladen hatte der Deutsche Städtetag zu seinem Kongress „Bildung in der Stadt. Kommunale Bildungsverantwortung in Zeiten gesellschaftlichen Wandels“.
Immer wieder betontes Anliegen des Städtetages, der ca. 4700 Städte und
Gemeinden mit insgesamt 51 Millionen Einwohnern vertritt, ist die Stärkung seines Einflusses und seiner Verantwortung für die kommunale Bildungslandschaft. Die Städte spüren unmittelbar die Mängel des Schulund Bildungssystems und deren Folgen.
Bereits die Einladung setzte deutliche Akzente:
Die Ergebnisse internationaler Studien haben neben Qualitätsmängeln
auch eine hohe Selektionswirkung des deutschen Bildungswesens offen
gelegt. Die Bildungschancen junger Menschen in Deutschland sind in
hohem Maße abhängig von der Herkunft und der ökonomischen Situation
von Kindern und Jugendlichen.
Beide Befunde - Qualitätsmängel und Selektion - sind für Deutschland
mit seinem Anspruch auf demokratische Teilhabe und Chancengleichheit
sowie seiner leistungsfähigen und exportorientierten Wirtschaft nicht
hinnehmbar. Eine durchgreifende und langfristig tragfähige Reform des
Schul- und Bildungswesens mit den Zielen der Qualitätsverbesserung und
der Schaffung von mehr Chancengerechtigkeit ist erforderlich.
Zu den beiden zentralen Stichworten – hohe Selektionswirkung und
Mängel in der Qualität – waren als Experten Klaus Klemm von der Universität Duisburg-Essen und Andreas Schleicher, Abteilungsleiter bei der
OECD und verantwortlich für die PISA-Studien, eingeladen.
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Knapp und präzise trug Klaus Klemm seine Thesen vor:
1. Die Bevölkerungszahl geht insgesamt zurück Dabei gibt es zwei interne Umstrukturierungsprozesse und Grundtendenzen:
a) Der Altersaufbau der Bevölkerung verändert sich zu Lasten der
Quote der Erwerbstätigen.
b) Aufgrund der schichtenspezifisch unterschiedlichen Verteilung
der Geburtenrate steigt der Anteil der Kinder und Jugendlichen
aus benachteiligten Schichten, u.a. aus Bevölkerungsgruppen
mit Migrationshintergrund.
2. Die regionale Verteilung der Bevölkerung ist durch sozialräumliche
Segregation gekennzeichnet. In den Städten verschärft sich die
räumliche Trennung nach den Kriterien Einkommen, Zahl der Kinder und ethnische Herkunft. Einzelne Stadtteile unterscheiden sich
scharf nach materieller Armut und Reichtum, nach Kinderreichtum
und Kinderarmut, nach Migranten- und Nichtmigranten-Anteil.
3. In dieser Situation wirkt das gegliederte, auf Selektion angelegte
Schulsystem in Deutschland als „Verstärker“ der sozialräumlichen
Segregation.
4. Abgesehen von einer Veränderung der selektiven Schulstruktur als
grundlegender Voraussetzung sind weitere Problemlösungsbeiträge
notwendig, z.B. im Ausbau der vorschulischen Betreuung und im
Ausbau ganztägiger Angebote. Ersteres hilft nachweislich allen
Schülerinnen und Schülern, ist somit zu begrüßen, baut aber nicht
wirksam die sozialen Unterschiede ab, zweites geht entschieden zu
langsam voran.
Provozierend schließlich die letzte These mit der Frage, woher der Veränderungsdruck kommen könnte. Klemm stellte hier an einem städtischen
Beispiel die Korrelation zwischen Wahlbeteiligung und sozialräumlicher
Struktur her, illustriert durch die Quote der Kinder mit und ohne Befund
bei der Einschulungsuntersuchung. Ergebnis: Dort wo die Zahl der Befunde am geringsten ist, ist die Wahlbeteiligung am höchsten und umgekehrt. Schlussfolgerung: Die eigentlich Betroffenen treten nicht wirksam
für ihre Interessen ein. Deshalb Klemms Appell an das Auditorium: „Sie
alle, die hier sitzen, sind vermutlich nicht betroffen. Sie wissen aber sehr
genau, um was es geht.“
Die Ausführungen von Klaus Klemm über die sozialräumliche Segregation zwingen m. E. zu einer ergänzenden Betrachtung der Schulstrukturdiskussion. Selbst mit einer Schule für alle Kinder und Jugendlichen ist
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die sozialräumliche Segregation zunächst einmal ein Ausgangstatbestand
mit erheblichen Wirkungen. Eine Gemeinschaftsschule in einem Stadtteil
mit einer sozialen Problemlage ergibt eine andere Schule als die in einem
gutbürgerlichen Viertel. Werden dann nicht Einzugsbereiche festgelegt,
so werden wir Wanderungsbewegungen erleben, die die problematischen
Effekte verschärfen. Jede Großstadt mit mehreren Gesamtschulen kennt
dieses Phänomen schon heute.
Die Veränderung der Schulstruktur hin zu einem integrierten System allein wird nicht ausreichen. Darüber hinaus wird über besondere Ressourcenzuteilungen gesteuert und ausgeglichen werden müssen. In diesem
Zusammenhang hob Klemm das Instrument der besonderen Stellenzuweisung nach einem Sozialindex hervor, das die jetzige Landesregierung
für den Bereich der Grund- und Hauptschulen bereits eingeführt hat.
Unter dem Titel „Anforderungen an eine neue Bildung“ trug Andreas
Schleicher Untersuchungsergebnisse und Schlussfolgerungen für ein
Schulsystem und eine Schulbildung im Zeitalter der Wissensgesellschaft
vor. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen standen Qualität und Chancengleichheit des Bildungssystems. Chancengleichheit versteht er dabei ausdrücklich nicht als Widerspruch zu Qualität, sondern als entscheidendes
Merkmal von Qualität. So verwunderte es nicht, dass er an zahlreichen
Stellen Bezug auf den vorhergegangenen Vortrag von Klaus Klemm
nahm.
Sein von ihm schon häufiger gehörter Einleitungssatz, die Schülerinnen
und Schüler des 21. Jahrhunderts würden von im 20. Jahrhundert ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern in einem Schulsystem, das aus dem 19.
Jahrhundert stamme, unterrichtet, findet auch auf diesem Kongress nahezu ungeteilten Beifall.
Schlaglichtartig erläutert Schleicher den Übergang von der Industriegesellschaft in die Wissensgesellschaft als Paradigmenwechsel mit neuen
Merkmalen und Anforderungen: deutliche Abnahme manueller Tätigkeiten, weniger Bedarf für Abfragewissen, zunehmende Bedeutung von kreativem, innovativem und problemlösendem Anwendungswissen sowie
der Fähigkeit zur Kommunikation und Interaktion. Hieraus ergeben sich
gravierende Folgen für die Ziele, Medien und Methoden von Unterricht.
Individualisiertes und gemeinsames Lernen müssen als zwei Seiten der
gleichen Medaille verstanden werden.
Im globalen Wettbewerb um die genannten Fähigkeiten ist Deutschland
nur Mittelmaß. Ein deutliches Wettbewerbshemmnis sieht Schleicher in
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der gegliederten Schulstruktur sowie in der frühzeitigen Sortierung auf
die weiterführenden Schulen. Er illustriert dies an dem Ergebnis einer internationalen Erhebung unter 15-jährigen Jugendlichen zu der Frage, wer
das Ziel eines Studiums verfolge. In Deutschland haben nur 20% der Jugendlichen diese Frage positiv beantwortet, ein Wert, der noch deutlich
unter den realen Entscheidungen für ein Studium liegt. Schleicher erklärt
dieses Ergebnis mit der frühen Verteilung der Jugendlichen auf verschiedene Schulformen. Die dadurch geprägte Selbsteinschätzung und Erwartungshaltung führt zu einer zu frühzeitigen Festlegung und Begrenzung
von Zielen und zur Blockade von Entwicklungspotentialen.
Ich ergänze: Wenn man die Bildungsziele der verschiedenen Schulformen so abzugrenzen versucht, wie es das neue NRW-Schulgesetz tut,
nämlich in eine grundlegende, eine erweiterte und in eine vertiefte allgemeine Bildung darf man sich über ein solches Befragungsergebnis nicht
wundern. In einem späteren Vortrag (Professor Dr. Max Fuchs) wurde
mit Bezug auf die jüngsten UNESCO-Studien und die Berichte des Sonderberichterstatters der UN für das Recht auf Bildung Vernor Muñoz Villalobos aus Costa Rica zu Recht die Frage gestellt, inwieweit diese Selektion des Zugangs zu allgemeiner Bildung nicht ein Verstoß gegen das
verbriefte Menschenrecht auf Bildung (§ 26 der Menschenrechterklärung)
ist.
Weiterhin kritisierte Schleicher die hohen Kosten von Fehlsteuerungen
im System. Abschulung und Wiederholung gehören zu den sozial und
materiell teuren Steuerungsmechanismen eines auf Selektion angelegten
Schulsystems. Er empfahl, die so gebundenen Mittel wie in anderen Ländern präventiv einzusetzen.
Schließlich stellte er die Relation der Einflussfaktoren Elternhaus und
Schulsystem im Ländervergleich dar. Dabei ergab sich, dass der Einfluss
des Elternhauses immer eine wesentliche Rolle spielt, in Deutschland aber im Gegensatz zu anderen Ländern durch das Schulsystem nicht ausgeglichen und korrigiert wird.
Neben dem zentralen Merkmal der Chancengleichheit hob Schleicher
noch weitere Qualitätsfaktoren hervor wie intensive Fort- und Weiterbildung im System, Vernetzung von sozialen und medizinischen Unterstützungssystemen mit der Schule, mehr Freiräume und mehr Verantwortlichkeit für Schulen. Dies seien notwendige Voraussetzungen, damit
Schulen den sich wandelnden und zunehmenden gesellschaftlichen Bedürfnissen gerecht werden können.
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Die nachmittägliche Podiumsdiskussion zum Kongressthema dümpelte
nach den beiden engagierten und mit großem Beifall aufgenommenen
Vorträgen mehr recht als schlecht vor sich hin, bis Dr. Johannes Meier,
Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, Fahrt in die Diskussion
brachte, indem er sie auf die seines Erachtens wundeste Stelle zurücklenkte, die Selektionsproblematik im deutsche Schulsystem. Er stellte die
Frage nach dem Selbstverständnis und der Verantwortung der Privilegierten in diesem Lande und nahm damit den von Klaus Klemm am Schluss
seines Vortrages ins Publikum gespielten Ball wieder auf. Der Leverkusener Oberbürgermeister sprang aus dem Auditorium zur Seite und spitzte noch etwas zu, indem er nach den (Eigen-)Interessen der Eliten und
Entscheidungsträger in diesem Land fragte. Ein Hauch von historischer
Aufklärung zog durch den Saal. Und der Vorsitzende des Schulausschusses der KMK ergänzte: Im Grunde gehe es um die gleichen Fragen wie
vor vierzig Jahren. Aus der Bildungsdiskussion Ende der 60er, Anfang
der 70er Jahre sei die Gesamtschule, als Schule für Alle gedacht, nur als
ergänzendes Angebot hervorgegangen, und das auch nicht in allen damaligen Bundesländern. So habe das Kernproblem, das Problem der sozialen Auslese nicht gelöst werden können. Und so stelle sich erneut die
Strukturfrage. Ein Ausweichen sei heute nicht mehr möglich und zu
rechtfertigen.
In einem der Arbeitsforen ergänzte eine Teilnehmerin sinngemäß: Was
haben die Herren auf dem Podium denn gelernt? Die sind doch seit Beginn der Diskussion dabei. Und jetzt trauen sie sich nicht. So viel zum
Thema „lebenslanges Lernen“.
Diese vierzig in der Schulstruktur- und Gerechtigkeitsfrage quasi verlorenen Jahre entsprechen in etwa den zwei Generationen, die Andreas
Schleicher für notwendig hält, um ein Bildungssystem an den entscheidenden Stellen erfolgreich zu reformieren. Andere Länder haben diese
Zeit genau dafür genutzt.
Schade, dass die Verfasser des am gleichen Tag in der „ZEIT“ erschienenen Aufrufs „Schluss mit dem Streit!“ mit ihrer Forderung nach einer
„pragmatischen Zwei-Wege-Lösung“ mit dem Gymnasium als Königsweg hier nicht zugehört haben. Genau sie sind gemeint. Als Intellektuelle,
als Entscheidungsträger und sozial Privilegierte Verantwortung übernehmen, heißt etwas anderes, als den bereits auf der Straße liegenden Kompromiss zu fordern.
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„Denn sie tun nicht, was sie wissen“
Der Aachener Stadtdirektor und Vorsitzende des Schul- und Bildungsausschusses des Deutschen Städtetages erhielt in seinem Schlusswort
noch einmal vehementen Beifall für seine Forderung nach mehr Gestaltungsfreiheit der Städte, nach einem wohnortnahen und bedarfsgerechten
Schulsystem, nach Überwindung des derzeitigen, in manchen Ländern
fünffach gegliederten Schulsystems aus bildungspolitischen, sozialpolitischen, demografischen und ökonomischen Gründen. Nur, welche Struktur an die Stelle des gegliederten Systems, wie viel Glieder noch vertretbar sind, sagte er nicht. Das sagt auch die von ihm zum Abschluss des
Kongresses vorgestellte „Aachener Erklärung“ des Deutschen Städtetags
nicht.
Mehr Klarheit ist zur Zeit in einem kommunalen Interessenverband mit
Rücksicht auf die unterschiedlichen politischen Mehrheiten bei seinen
Mitgliedern wohl auch nicht zu erwarten.
Immerhin: Groß ist der Konsens in der Wahrnehmung und Bewertung der
Probleme, Einigkeit besteht über den Änderungsdruck und die Notwendigkeit von Veränderung, groß ist der kommunale Wunsch nach mehr
Gestaltungsfreiheit, weniger groß ist die Einigkeit bezüglich der konkreten Schritte.
So bleibt am Schluss die Umkehrung des bekannten Bibelzitats im Ohr,
die der Oberbürgermeister von Celle, Stellvertreter des Präsidenten des
Deutschen Städtetages, in einem Diskussionsbeitrag formulierte: „Denn
sie tun nicht, was sie wissen.“
Anmerkung am Schluss:
Dieser Kongressbericht fokussiert bewusst auf die Beiträge zu den Themen ‚Qualität und Selektivität des Schulsystems in Deutschland’.
Nicht nur aus Sicht der Kommunen ist Bildung aber mehr als Schule und
Schule mehr als Unterricht. Insofern muss hingewiesen werden auf die
vor allem in den Arbeitsforen sichtbare Breite der Themen, die sich unter
anderem mit den wichtigen Kooperationskomplexen „Schule und Jugendhilfe“ sowie „Schule und Kultur“ beschäftigten.
Informationen über den Bildungskongress des Deutschen Städtetages finden sich auf dessen Homepage unter: www.staedtetag.de.
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