close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Demenz - Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein

EinbettenHerunterladen
28
Erwerbsalternativen
BAUERNBLATT l 1. November 2014 ■
Ein Zukunftsfeld für landwirtschaftliche Betriebe
Bauernhöfe als Orte geeignet für Menschen mit Demenz
DassderBauernhoffürMenschenmehrseinkann
als eine Nahrungsmittelproduktionsstätte, ist
seit vielen Jahren bekannt. Der Bauernhof bietet
Heimat, Naturverbundenheit, Erlebnisse mit allen Sinnen und kann Menschen auf eine besondere Weise berühren. Seit über 15 Jahren bildet
die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
imBereichderBauernhofpädagogikaus.DieZielgruppe für bauernhofpädagogische Angebote
sindschwerpunktmäßigKinderundJugendliche.
Auch für ältere Menschen mit Demenz ist der
Bauernhof ein wunderbarer, inspirierender Ort.
Eine Bäuerin berichtete, dass eine demente Frau
nach langer Zeit wieder zu reden anfing, als sie
ein Huhn auf dem Schoß hatte.
Um solche Erlebnisse zu ermöglichen, bedarf
es eines Grundwissens über Demenz und angemessener Umgangs- und Beschäftigungsformen.
Auch entsprechende Kontakte zu regionalen
Kooperationspartnern wie Alzheimer-Gesellschaften oder Pflegeanbietern sind notwendig.
Ziel ist es, in Schleswig-Holstein entsprechende
Strukturen aufzubauen. Es sollen konkrete Angebote vonseiten der Bauernhöfe entwickelt
und ein Netzwerk zu Kooperationspartnern geknüpft werden.
Für alle, die sich für das Thema interessieren
und einen Einstieg suchen, bietet die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein in Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum für Demenz
jetzt eine zweitägige Fortbildung an (siehe An-
kündigung auf Seite 30). Dabei geht es darum,
eine Grundlage zu schaffen und erste Angebote
zu entwickeln.
In Österreich ist seit einigen Jahren das Projekt
„Green Care“ bei der Landwirtschaftskammer in
Wien angesiedelt. Hierbei geht es um Pädagogik,
Therapie, Pflege und soziale Dienste auf dem
Bauernhof als neuen landwirtschaftlichen Betriebszweig. Mit großem Erfolg wird dort das Projekt von Nicole Prop geleitet, siehe auch Beitrag
auf der Seite 29.
Heiderose Schiller
Landwirtschaftskammer
Tel.: 0 43 31-94 53-244
hschiller@lksh.de
Was der Bauernhof zu bieten hat
„Demenz“ – was bedeutet das?
In Deutschland leben zirka 1,5 Millionen Menschen mit einer Demenz. Schätzungen für SchleswigHolsteingehenvonüber53.000Betroffenen aus. Mit zunehmendem
Alter erhöht sich das Risiko, an einer Demenz zu erkranken. So ist
bei den über 80-Jährigen jeder
Fünfte und bei den über 90-Jährigen jeder Dritte betroffen.
Obwohl die Belastungen für Angehörige enorm sind, werden zirka
80 % der Betroffenen zu Hause versorgt, bis zu 35 % von ihnen sogar
bis zu ihrem Lebensende. Pflegepersonen sind zu zwei Dritteln die Ehepartner, zu einem Drittel geschieht
es über Generationen hinweg (hier
pflegen meist die Töchter und
Schwiegertöchter).
merkrankheit ist mit rund 60 % die
häufigste Form. Sie führt dazu, dass
in bestimmten Bereichen des Gehirns allmählich Nervenzellen und
Nervenzellkontakte zerstört werden. Dieser Vorgang ist nach heutigem Kenntnisstand nicht mehr rückgängig zu machen. Weitere bisher
nicht heilbare Demenzen sind zum
Beispiel vaskuläre (gefäßbedingte)
Demenzen, die Lewy-KörperchenDemenz und die Frontotemporale
Demenz.
Entsteht eine Demenz infolge einer anderen Grunderkrankung (zum
Beispiel durch Schilddrüsenunterfunktion, Herzinsuffizienz, Vitaminmangel, chronische Vergiftungen/Infektionen oder Tumore), so ist sie –
Was ist
Demenz?
Als „Demenz“ bezeichnet man
den andauernden oder fortschreitenden Zustand der Beeinträchtigung der Fähigkeiten des Gedächtnisses, des Denkens und/oder anderer Bereiche des Gehirns wie zum
Beispiel des Orientierungssinnes.
Folgen sind unter anderem Schwierigkeiten in der Alltagsbewältigung,
Veränderungen in der Stimmungskontrolle und im sozialen Verhalten.
Demenzerkrankungen können Der Bauernhof macht vieles möglich.
viele Ursachen haben. Die AlzheiFoto: Kirstin Kröger
rechtzeitig erkannt – unter Umständen behandelbar. Eine frühzeitige
und genaue Diagnose ist deshalb bei
Auffälligkeiten sinnvoll.
Typische Anzeichen
für Demenz
Demenzen äußern sich individuell
unterschiedlich. So spielen Krankheitsstadien und -verläufe, aber
auch die jeweilige Persönlichkeit mit
ihrer gelebten Biografie und den aktuellen Lebensbedingungen eine
Rolle. Dennoch gibt es einige typische Anzeichen. So können viele Betroffene zum Beispiel auf ihr Kurzzeitgedächtnis nicht mehr zugreifen, wiederholen sich ständig, verlegen Dinge an untypische Stellen, verlernen früher alltägliche Verrichtungen, verlaufen sich in eigentlich bekannter Umgebung oder können ihr
Verhalten nicht den Umständen entsprechend anpassen.
und passende Sinnesanregungen,
die weder unter- noch überfordern,
und das Achten auf Reaktionen und
jeweilige flexible Reagieren darauf
sind hilfreich.
Sichere und
freundliche Umgebung
Was bietet
der Bauernhof?
Eben weil Menschen mit Demenz
nur eingeschränkt selbstständig
und zielführend handeln können,
ist es umso wichtiger, ihre Umgebung und unsere Begegnung mit
ihnen so zu gestalten, dass sie sich
sicher, wohl und angenommen fühlen. Eine freundliche und ruhige
Ansprache,
Orientierungshilfen
Bauernhöfe als Orte für Menschen
mit Demenz können in dieser Hinsicht viel bieten:
Die naturbezogene Umgebung ist
inspirierend und lässt biografisch an
viele Dinge im Haushalt oder im Jahresverlauf anknüpfen. Viele sinnesanregende und strukturgebende Tätigkeiten sind möglich. Themen wie
Mit allen Sinnen Natur erleben ist inspirierend und wohltuend.
Foto: Jutta Heckmann
■ BAUERNBLATT l 1. November 2014
Erwerbsalternativen
Anbau, Ernte, Verarbeitung der Produkte sowie Tiere und Tierhaltung
können mit allen Sinnen erfahren
werden.
Solche Aktivitäten können stundenweise im Rahmen „niedrigschwelliger Angebote“ für Besuchsgruppen in erweiterten Kaffeerunden gestaltet werden. Möglich wären aber auch Tagesbetreuung,
Gastfamilien, Wohngemeinschaften
oder Urlaubsangebote. Selbst Ideen,
bauernhöfisches Ambiente in Pflegeheime zu bringen, sind denkbar.
Nötig dafür sind das Interesse an
der Zielgruppe, ein Grundwissen
über Demenz und angemessene Tierkontakte fördern Aufmerksamkeit und Aktivität.
Umgangs- und Beschäftigungsformen sowie möglichst Kontakte zu
regionalen Kooperationspartnern
wie Alzheimer-Gesellschaften oder
Pflegeanbietern.
Das Kompetenzzentrum Demenz
bietet in Kooperation mit der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein das nötige Rüstzeug und ist
gerne Ansprechpartner.
Foto: Heidi Ahlborn
Cornelia Prepernau
Kompetenzzentrum Demenz,
Alzheimer-Gesellschaft SchleswigHolstein e. V./Selbsthilfe Demenz
Tel.: 040-60 92 64 21
www.demenz-sh.de
Ein Erfolgsbeispiel aus Österreich
„Green Care“ schafft neue Perspektiven
Sozialprojekte und pädagogische,
pflegerische und therapeutische
Angebote auf Bauernhöfen als
neuer landwirtschaftlicher Betriebszweig – das ist die Idee von
„Green Care“ in Österreich.
Projektleiterin Nicole Prop sprüht
vor Begeisterung: „Wir stecken derzeit mitten in der Bewusstseinsarbeit“, sagt sie. Sie hat den vergangenen Winter für einen Vortragsmarathon quer durch Österreich genutzt,
um Green Care bekannt zu machen.
„Ich war bei Bäuerinnen-Veranstaltungen mit insgesamt mehr als 1.000
Besuchern“, sagt Prop. Ihre Arbeit
stößt auf großes Echo. Die Erweiterung der landwirtschaftlichen Produktpalette auf pädagogische, therapeutische und pflegerische Angebote und soziale Arbeit stößt allerorten auf großes Interesse. In der
jüngsten Agrarstudie zeigten sich
um 64 % der befragten Landwirtinnen und Landwirte überzeugt davon, dass sich soziale Dienstleistungen sinnvoll in die Landwirtschaft
einfügen lassen. „Die Leute sehen,
dass ,Green Care’ ein Bereich ist, mit
dem die Landwirtschaft aufzeigen
und Möglichkeiten nicht nur für
Bauern bieten kann“, sagt Prop.
Landwirtschaft
als ideales Umfeld
Das Projekt „Green Care“, das die
Landwirtschaftskammer Wien vor
drei Jahren aus der Taufe hob und
nun österreichweit vorantreiben
will, liegt im Trend. „Pädagogik,
Therapie, Pflege und soziale Dienste
in Verbindung mit Natur gewinnen
immer größere Bedeutung“, schrei-
ben die „Salzburger Nachrichten“.
„Dass sich die Landwirtschaft nun
verstärkt dem annehmen will, ist nur
logisch.“ Kaum sonst wo seien die
Voraussetzungen so gut wie auf
Bauernhöfen. „Die Bauern haben
ein gutes Angebot.“
Thema zu werden.“ Prop setzt auf
Klarheit. Sie begrenzt das Angebot
im Green-Care-Projekt auf die Bereiche Pädagogik, Therapie, Pflege und
Betreuung sowie soziale Arbeit.
„Dabei geht es darum, das Wohlbefinden eines Menschen zu unterstützen und/oder zu verbessern“, sagt
sie. Verwirklicht werden sollen dies
Natur richtet
von aktiven landwirtschaftlichen BeMenschen auf
trieben in Kooperation mit einem
Auch in anderen Medien tauchen Sozialträger.
immer öfter Berichte über „Green
Care“ auf. „Bekannte Beispiele sind
Breites Feld mit
tiergestützte Therapien für Menenormen Chancen
schen mit Behinderungen oder die
Gartentherapie“, schrieb erst vor
Das Feld für „Green Care“ ist weit
wenigen Wochen die „Wiener Zei- und die Chancen enorm. Das Projekt
tung“: „Schlaganfallpatienten, De- bietet sich als gemeinsame Plattform
menzkranke oder von Burn-out oder für zwei gesellschaftliche Bereiche
Depression betroffene Menschen an, die vor großen Herausforderunsind dafür typische Zielgruppen.“ gen stehen. Auf der einen Seite steht
Dass maßvolle Arbeit im Grünen und die Landwirtschaft, die sich in wirtan der frischen Luft einen Kranken schaftlich turbulenten Zeiten befinaufrichten kann, hätten bereits die det und nach neuen EinkommensÄrzte der Antike gewusst. „Neu hin- möglichkeiten und Nutzungen für
zugekommen ist bei ,Green Care’ die vorhandenen Strukturen sucht.
der soziale Ansatz, weshalb auch Auf der anderen Seite stehen eine
von ,social farming’ oder ,sozialer Reihe ökologischer, soziodemografiLandwirtschaft’ gesprochen wird.“ scher und medizinischer HerausforDieser reiche von Lernprojekten für derungen, die nach neuen AntworSchüler über gemeinschaftsfördern- ten und Lösungen verlangen. ,Green
de Gruppenarbeit bis zur Arbeit mit Care’ kann da neue Absätze bieten“,
Randgruppen oder Personen, die sagt Prop. Sie spürt nicht nur innersich pathologisch von ihrer Umwelt halb der Landwirtschaft großes Inteabgrenzten oder von dieser ausge- resse, sondern auch von außerhalb.
grenzt würden, schreibt die Zeitung. Längst zeigen auch große Trägerorganisationen im Sozialbereich Interesse am Konzept der Bauern. „Wir
Wie „Green Care“
kooperieren bereits mit vielen von ihabgegrenzt ist
nen“, freut sie sich. „Auch dort sucht
Solche Berichte sieht Nicole Prop man nach neuen Konzepten und verals Bestätigung dafür, mit dem Pro- sucht, sich zu profilieren“, hofft sie
jekt den Nerv der Zeit getroffen zu auf Rückenwind für die Green-Carehaben. „Es ist uns gelungen, zum Idee. „Erst unlängst traten der Agrar-
landesrat und die Gesundheitslandesrätin aus Vorarlberg an uns heran,
um einige neuartige Projekte zu kreieren.“ „Der Markt ist da“, sagt Prop.
Als Zielgruppe sieht sie Kinder und Jugendliche, ältere Menschen, Menschen mit Behinderung oder Personen, die an Krankheiten wie Burnout leiden. Alleine in Wien zählt rund
eine Million Menschen zu diesen
Gruppen, denen Green-Care-Angebote helfen können. „Für die Landwirtschaft ist es naheliegend und
wichtig, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen“, sagt Robert Fitzthum, Direktor der Landwirtschaftskammer Wien und einer der Väter
des Projektes. Ähnlich wie „Urlaub
auf dem Bauernhof“ will er „Green
Care“ für die Bauern zu einem möglichen Erwerbszweig ausbauen.
Vielfältige Möglichkeiten
für Bäuerinnen und Bauern
Die Möglichkeiten der Bauern,
sich in Green-Care-Projekte einzubringen, sind vielfältig. Im einfachsten Fall stellen die Bauern den Trägereinrichtungen Räumlichkeiten
auf einem bewirtschafteten Bauernhof zur Verfügung. „Wir wollen keine Totalvermietung, sondern sehen
,Green Care’ als Ergänzung für den
Hof“, sagt Fitzthum. Die Besitzer
können sich aber auch selbst engagieren. Die entsprechenden Qualifikationen vorausgesetzt, besteht die
Möglichkeit, selbst Dienstleistungen
im Sozialbereich anzubieten oder im
Rahmen der Organisation, die das
Projekt betreut, mitzuarbeiten. „Wir
wollen aber nicht durchs Hintertürl
Billigarbeitskräfte in die Betreuung
bringen, sondern legen großen Wert
29
Document
Kategorie
Bildung
Seitenansichten
4
Dateigröße
249 KB
Tags
1/--Seiten
melden