close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Für all jene, die sieh was trauen

EinbettenHerunterladen
Redebeitrag des Allgemeinen Studierendenausschusses der Universität Hamburg bei der
Mahnwache auf dem Joseph-Carlebach-Platz anlässlich des 76. Jahrestages der
Reichspogromnacht am 9. November 2014
gehalten von Franziska Hildebrandt
(es gilt das gesprochene Wort)
Liebe Anwesende,
liebe Antifaschisten und Antifaschistinnen,
als hier am 09.11.1938 die Bornplatz-Synagoge in unmittelbarer Nähe zur Universität verwüstet
und geschändet wurde, hatte die Uni ihre ideologische Gleichschaltung und sog. „rassische“
Säuberung längst mitvollzogen. Schon vor 1933 hatte die Verfolgung humanistischer, linker,
demokratischer und jüdischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eingesetzt.
Die Studierendenschaft der Universität Hamburg hat die Installation der faschistischen
Herrschaft in dieser Institution historisch mit zu verantworten. Es waren studentische
Verbindungen und der NS-Studentenbund, die aktiv an der (Selbst-)Gleichschaltung der
Universität sowie der Vertreibung, rassistisch und antisemitisch diskriminierter und kritischer
Mitglieder mitgewirkt haben. Im Besonderen wurde die Bücherverbrennung im Mai 1933
maßgeblich aus der organisierten Studentenschaft heraus organisiert.
Wir haben als Studierendenschaft also heute eine besondere Verantwortung, mit dem Kampf für
kritische Bildung und Wissenschaft für alle einen Beitrag dazu zu leisten, den Anfängen zu
wehren. Dafür ist heute wie damals, in der weltweiten Wirtschaftskrise, die gleiche Würde aller
Menschen ein sinnvoller Maßstab der nötigen Veränderung der Gegenwart. Wir haben daraus die
Verantwortung, die Welt wissenschaftlich zu durchdringen, die aktuellen Verhältnisse in ihrer
historischen Entstehung kritisch zu reflektieren, daraus Lösungsansätze und Alternativen zu
erarbeiten und diese gesellschaftlich im Sinne der Allgemeinheit zu verwirklichen. So können
gefährliche Wiederholungen ausgeschlossen und echte Verbesserungen begonnen werden, indem
die aktuelle tiefe Krise nicht verschärft, sondern positiv gelöst wird.
Der Antisemitismus der Faschisten diente in der damaligen tiefen Krise des wirtschaftlichen und
öffentlichen Lebens dazu, eine einfache „Lösung“ für diese vorzutäuschen. Das völlige
Aufgehen-Sollen der Menschen in der sog. „deutschen Volksgemeinschaft“ mit ihrer
aggressiven, feindseligen und antihumanistischen Ideologie sollte auch funktional dazu führen,
soziale Konflikte zu harmonisieren, zu verdecken und sie somit zu verfestigen.
Daraus ist zu lernen, um für unsere heutige Tätigkeit Ableitungen zu treffen.
Oder mit Georg Lukács 1 gesagt: „Die kollektive Verantwortung einer Nation für einen Abschnitt
in ihrer Entwicklung ist etwas derart Abstraktes und Unbegreifbares, daß sie an Widersinn
1
Was Hitler den Deutschen bedeutet. In: Der Spiegel, Nr. 12/1966.
1
streift. Und doch kann ein solcher Abschnitt wie die Hitlerzeit nur dann im eigenen Gedächtnis
als abgetan und erledigt betrachtet werden, wenn die intellektuelle und moralische Einstellung,
die ihn erfüllte, ihm Bewegung, Richtung und Gestalt gab, radikal überwunden wurde“.
Auch heute wird zur Legitimation sozialer Ungleichheit versucht, Menschen als „minderwertig“
und „Sozialschmarotzer“ zu stigmatisieren, um von den unmittelbaren Folgen einer
gescheiterten neoliberalen Politik abzulenken, die den gesellschaftlichen Reichtum radikal nach
oben umverteilt, durch Vereinzelung die gesellschaftliche Rohheit fördert und damit
sozialdarwinistischem Gedankengut Vorschub leistet.
Die Auseinandersetzung um die intellektuellen und moralischen Einstellungen verläuft in der
Universität verdichtet ab. Aktuell versucht die sog. „Alternative für Deutschland“ durch
Besinnung auf Heimat, Tradition und Nation, das tief in der Krise steckende System von
enormer sozialer Ungleichheit zu legitimieren. Ihr Begründer Bernd Lucke versucht seine
neoliberalen, rassistischen und sozialdarwinistischen Parolen als Professor der Universität
Hamburg pseudo-wissenschaftlich zu festigen. Stattdessen müssen diese Apologeten des
Neoliberalismus als Brandstifter der Krise benannt und wirkliche Perspektiven, unter anderem
durch die Umverteilung von oben nach unten, und erhöhten staatlichen Investitionen erarbeitet
werden. Die Gestaltung der Hochschulen als gemeinsame öffentliche Angelegenheit hat also
hohe Bedeutung.
Um der Losung „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ im Hochschulbereich Wirkung
folgen zu lassen, wurde 1948 vom britischen Militärgouverneur ein „Studienausschuss für
Hochschulreform“ berufen. In dem sogenannten „Blauen Gutachten“ des Studienausschusses
heißt es unter anderem: „Wir setzen uns von denjenigen Auffassungen ab, für welche nicht der
Mensch, sondern die Forschung an der Spitze steht. Wir glauben, dass Hochschulbetrieb nur
soweit gerechtfertigt ist, als er Dienst am Menschen bleibt. Dieser Dienst ist nicht auf den
Studenten beschränkt, der unterrichtet und gebildet werden soll, sondern er gilt mittelbar oder
unmittelbar dem ganzen Volk. Menschliches Leben ist gemeinsames Leben von verantwortlichen
Personen in der Welt. Nur als Teil dieses Lebens ist die Hochschule gerechtfertigt“.
Das gibt eine klare Bestimmung vor, die im Aufbruch von 1968 zu realisieren begonnen wurde,
aber durch die neoliberalen Jahrzehnte zunehmend zurückgedrängt wurde.
Mit Studiengebühren, Entdemokratisierung, Bachelor-Master-System und der chronischen
Unterfinanzierung der Hochschulen wurden der Leistungsdruck erhöht, die Wissenschaftsfreiheit
eingeschränkt und die Hochschulen zunehmend dem Wirtschaftsinteresse für Profit und
Humankapital unterworfen.
Doch diese Politik des Neoliberalismus ist gescheitert.
Studiengebühren sind abgeschafft. Anfänge einer Redemokratisierung werden erstritten.
Die derzeitige Studienreform an der Universität Hamburg ist darauf gerichtet, an die
antifaschistische Bewegung unserer KomilitonInnen von 1968 anzuschließen und damit
solidarisches Lernen aller als Beitrag zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen zu
ermöglichen.
2
Studienreform, Bildung und Wissenschaft können durch unser verantwortliches Engagement
dazu beitragen, aus der Möglichkeit einer menschenwürdigen internationalen Gemeinschaft
Wirklichkeit werden zu lassen und damit die Universität als Weltverbesserungsinstitution des
menschlichen Lebens von verantwortlichen Personen in der Welt zu realisieren.
Das macht Hoffnung für die Auseinandersetzung mit der neoliberalen Ideologie und deren
Apologeten für die progressive Entwicklung der Gesellschaft. Denn wenn die gemeinsame
soziale Lage erkannt wird, gegen die Konkurrenzideologie und daraus folgende Versuche der
Verschleierung, kann die bewusste Zusammenarbeit zu Verbesserungszwecken gelingen. Dabei
sehen wir es als unsere gemeinsame Aufgabe, auch die heutige brandgefährliche Mischung von
ökonomischer Rechenhaftigkeit, irrationaler Ideologie und Krieg alltäglich zu bekämpfen und zu
überwinden.
Im Beschluss des Studierendenparlaments über den Aufruf zur heutigen Mahnwache heißt es:
„Die Verfasste Studierendenschaft der Universität Hamburg erkennt aus ihrer Geschichte die
Aufgabe, durch couragierte Aufklärung, mit Engagement für Bildung für alle, durch kritische
Wissenschaft und als Teil internationalistischer studentischer Bewegung für soziale
Bedingungen zu wirken, die Krieg und Elend aus dem menschlichen Leben bannen und gleiche
Recht für alle Menschen verwirklichen helfen.“
Damit bestreiten wir den heißen Herbst, das aktuelle Protestsemester, für die Ausfinanzierung
der Hamburger Hochschule zum allgemeinen Wohl.
Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!
3
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
2
Dateigröße
44 KB
Tags
1/--Seiten
melden