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IOL-Implantation: Was Männer und Frauen als Patienten unterscheidet

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Interview
IOL-Implantation:
Was Männer und Frauen als Patienten
unterscheidet
Nachgefragt bei Dr. med. Magda Rau, Cham
Dr. med. (CS) Magda Rau
Die aus Prag stammende Augenärztin
Dr. med. (CS) Magda Rau führt in ihrer
privaten „Augenklinik Cham“ ambulante Operationen durch und ist Belegärztin am Kreiskrankenhaus Cham.
1992 ließ sie sich mit ihrer Praxis im
oberbayrischen Furth nieder und operierte Katarakte, damals schon ambulant. Die Privatklinik eröffnete M. Rau
im Jahr 2000 mit dem Schwerpunkt
refraktive Chirurgie. Neben dem refraktiven Linsenaustausch wendet
sie eine eigene Methode der Eximerlaser-Behandlung an: die LASEKViskodissektion (siehe Interview in
der OPHTHALMO-CHIRURGIE 2005,
Seite 308). Auch in der Glaukomchirurgie ist die Augenärztin an Innovationen beteiligt: Als eines der vier ersten
Zentren in Deutschland implantierte
sie seit 2009 rund 68 Patienten den
Micro-Stent Cypass zur Augeninnendrucksenkung.
Männer können nicht zuhören, Frauen nicht rückwärts einparken. Das
sind zwei der gängigsten Beispiele,
die gern auch provozierend genannt
werden, wenn es um die Unterschiede zwischen Mann und Frau geht.
Mögen dies Vorurteile sein, die einer
faktischen Grundlage zunehmend entbehren – klar ist, dass es Unterschiede
gibt: Sogar in der Kataraktchirurgie
sind die Nachfahren von Adam und
Eva (oder Lucy, des in Afrika gefundenen möglicherweise ältesten Skeletts
einer Frau) nicht gleich, wie die Ophthalmochirurgin Dr. med. Magda Rau
von der Augenklinik Cham während
der Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Intraokularlinsen-Implantation, Refraktive und Interventionelle Chirurgie (DGII) berichtete.
OPHTHALMO-CHIRURGIE wollte
Genaueres darüber wissen, wo hier
die Unterschiede zwischen den Geschlechtern liegen.
OPHTHALMO-CHIRURGIE: Frau Dr.
Rau, worin unterscheiden sich Männer und Frauen – in den Erwartungen
an den eigenen Refraktionsausgleich
und in ihren Ansprüchen bei der Sehschärfe in die Ferne und in die Nähe?
M. Rau: Manche Verhaltensforscher
behaupten, die Verhaltensformen
haben sich seit der Steinzeit nicht
geändert. Übertragen auf das Sehen
bedeutet dies, dass die Männer, die
ursprünglichen Jäger, den weiten,
klaren, ungestörten Blick in die Ferne
OPHTHALMO-CHIRURGIE 23: 337 – 339 (2011)
haben wollen, die Frauen, die Sammlerinnen, wollen vor allen im Nahbereich gut sehen.
Die Ansprüche an die Sehschärfe in
der Nähe, an die Lesebrille, sind bei
der Generation mit der traditionellen Rollenverteilung, aber auch bei
berufstätigen Männern und Frauen
verschieden. Die Frauen verlangen
bei der Verordnung einer Lesebrille
eine im Schnitt um +0,25 bis +0,5
Dioptrien höhere Addition als Männer der gleichen Altersgruppe. Wir
untersuchten den als optimal empfundenen gewählten Leseabstand in
der Gruppe von 100 Männern (durchschnittliches Alter: 38 Jahre) und 100
Frauen (durchschnittliches Alter: 36
Jahre). Der durchschnittlich gewählte
Leseabstand betrug bei Männern 43,1
cm und bei Frauen 38,3 cm. Auch
die jüngeren Frauen wollen den Text
näher an das Auge halten. Eine alternative Erklärung könnte sein: Frauen
sind in der Regel kleiner und haben
daher auch kürzere Arme. Die Durchschnittsgröße betrug in dem Zeitraum
von 5000–2000 v. Chr. bei Männern
163,5 cm und 151,5 cm bei Frauen.
Im Jahr 2005–2009 waren in Deutschland Männer im Schnitt 178 cm groß,
Frauen 165 cm. Die unterschiedliche
Körpergröße korreliert mit der Länge
der Arme, die gewiss den Leseabstand
mit beeinflusst.
OPHTHALMO-CHIRURGIE: Was erklärt dieses Verlangen nach einer höheren Nahaddition bei Frauen?
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Interview: IOL-Implantation – Was Männer und Frauen als Patienten unterscheidet
M. Rau: Die Frauen wollen mit der
Lesebrille kleine Schriften lesen,
Handarbeiten verrichten, Nähen, Zubereitungshinweise bei Lebensmitteln
und Beipackzettel für Medikamente
lesen. Männer hingegen wollen Zeitung in etwas weiterem Abstand lesen,
basteln und Geräte bedienen können.
Obwohl die Ansprüche an das Sehen
bei berufstätigen Frauen und Männern
die gleichen sind, sitzen die Frauen
meistens näher am Computer, pflegen
die Zeitungen und Bücher näher zu
halten. Auch die Betrachtungsweise
im Spiegel ist zwischen beiden Geschlechtern verschieden. Frauen wollen beim Schminken im Spiegel die
kleinsten Details sehen, gehen ganz
nahe an diesen heran, Männer bleiben
hingegen beim Rasieren in weiterer,
sicherer Entfernung von Spiegel.
„Studie mit 1 365 Patienten:
Frauen mit Brillenfreiheit im
Nachbereich zufrieden; Männern
ist die Fernsicht wichtiger“
OPHTHALMO-CHIRURGIE: Sie haben unterschiedliche IOL-Typen implantiert und die postoperative Zufriedenheit ermittelt. Worin unterschieden
sich Männer von Frauen dabei?
M. Rau: Die Frauen waren nach der
Implantation der multifokalen Linse
zufrieden, die ihnen zur vollkommenen Brillenfreiheit im Nahbereich
verhalf. Die Männer waren unzufrieden mit IOL, die zwar einen guten Visus in der Nähe ermöglichen, jedoch
geringfügig das Sehvermögen in die
Ferne beeinträchtigten. Sie klagten
entschieden häufiger als die Frauen
über erhöhte Lichtempfindlichkeit
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und Halos. Diese Erfahrungswerte
belegte ich durch die Ergebnisse einer
Vergleichstudie, in die 1 365 Patienten
eingeschlossen waren.
OPHTHALMO-CHIRURGIE: Refraktive oder diffraktive multifokale IOL
– kamen alle Patienten gleich gut mit
diesen Intraokularlinsen zurecht?
M. Rau: Mit refraktiven multifokalen IOL mit zentraler Zone für die
Nähe und diffraktiven multifokalen
IOL (Tecnis Addition +4,0; Restor
Addition +3,0) ist meines Erachtens
eine höhere Zufriedenheit bei Frauen
zu erzielen. Die refraktive IOL mit
zentraler Zone für die Ferne, die refraktiven IOL der zweiten Generation
wie Rezoom sind IOL, die zu hoher
Zufriedenheit vor allem bei Männern
führen. Eine zeitgemäße Option der
optischen Korrektur für Katarakt-Patienten oder auch bei refraktivem Linsentausch stellt die Implantation einer
refraktiven und einer diffraktiven
Multifokallinse bei dem selben Patienten dar, kurz gesagt: Mix & Match.
Meine Vorgehensweise ist aufgrund
meiner langjährigen Erfahrungen bei
Männern und Frauen unterschiedlich.
Es wird grundsätzlich eine „staged
implantation“ durchgeführt. Das
heißt: Es wird mit der Implantation in
das zweite Auge 4 Wochen gewartet.
Bei einer beidseitigen Katarakt bei
Männern beginne ich mit der Implantation der refraktiven multifokalen
IOL (MIOL) Rezoom in das dominante Auge. Nach 4 Wochen findet
eine augenärztliche Untersuchung
mit einem ausführlichen Gespräch
statt. Bei Zufriedenheit mit der bereits implantierten multifokalen IOL
bleibe ich bei demselben Typ. Aufgrund der schon vorhandenen Daten
wird die Kalkulation optimiert. Falls
geringfügige Besserung des Nahvisus
„Staged implantation:
Bei Männern wird als erstes
das dominante Auge mit einer
refraktiven MIOL versorgt ...“
gewünscht wird, kalkuliere ich die refraktive MIOL leicht in den Minusbereich, in der Größenordnung von etwa
-0,5 Dioptrien. Auch bei einseitiger
Katarakt beginne ich bei den Männern
mit der Rezoom, da meines Erachtens
die Zufriedenheit mit dieser refraktiven multifokalen IOL sehr hoch ist.
Bei Frauen mit beidseitiger Katarakt
beginne ich mit dem nicht dominanten
Auge und implantiere die diffraktive
MIOL Tecnis mit einer Addition von
+4,0, wenn vollkommene Unabhängigkeit von der Lesebrille gewünscht
wird oder die Restor (Addition +3,0).
Bei Zufriedenheit nach 4 Wochen
bleibe ich bei diesem IOL-Typ. Falls
eine bessere Sehschärfe im mittleren
oder im Fernbereich gewünscht wird,
kombiniere ich mit einer refraktiven
Rezoom.
Die neue asymmetrische multifokale
IOL, Lentis Mplus (Oculentis), implantiere ich vorwiegend bei Männern
und jüngeren, berufstätigen Frauen.
Das asymmetrische Design reduziert
weitgehend die optischen Nebenwirkungen, nämlich Halos und Glare.
Da diese störenden optischen Phänomene, die meistens die Unzufriedenheit der Patienten verursachen, bei
LentisM plus minimiert sein können,
erzielt diese Linse hohe Zufriedenheit vor allem bei Männern und bei
berufstätigen Frauen. Obwohl ich
bereits 120 Lentis Mplus implantiert
habe, hat bisher kein Patient einen
Linsenaustauch wegen Unzufriedenheit verlangt. Ist der Patient mit dem
Sehvermögen im Nahbereich nicht
OPHTHALMO-CHIRURGIE 23: 337 – 339 (2011)
Interview: IOL-Implantation – Was Männer und Frauen als Patienten unterscheidet
ganz zufrieden, dann kalkuliere ich
die Lentis Mplus für das zweite Auge
im Minusbereich auf zirka -0,5. Bei
deutlicher Unzufriedenheit versorge
ich den Patienten mit einer diffraktiven MIOL Tecnis.
„... bei Frauen wird zuerst
das nicht dominante Auge
operiert und eine diffraktive
MIOL imlantiert.“
OPHTHALMO-CHIRURGIE: Wie Sie
auf der Tagung 2011 der DGII in
Frankfurt berichtet haben, war das
Verlangen nach einer Explantation
bei Männern größer. Wie erklären Sie
sich das?
M. Rau: Die Gefahr, einen unzufriedenen Mann nach der Implantation
der MIOL vor sich zu haben ist wesentlich größer, als eine unzufriedene Frau beruhigen zu müssen. Der
schlechte Fernvisus, die Glare und
Halos, werden als besonders störend
empfunden; der klare „Jägerblick“
sollte eben möglichst erhalten bleiben.
Die Aufklärung des Mannes muss
daher in diesem Zusammenhang
sorgfältig verlaufen. Die gewünschte
Leseentfernung sowie die möglichen
Glare und Halos müssen demonstriert
und ausführlich besprochen werden.
Von 1 365 multifokalen IOL in die-
ser retrospektiven Studie musste ich
wegen Unverträglichkeit 8 entfernen,
davon 7 bei Männern.
OPHTHALMO-CHIRURGIE: Könnte
es nicht sein, dass Männer ihre Unzufriedenheit schneller kundtun?
M. Rau: Natürlich stellen sich dabei
einige Fragen, die wir hier nicht beantworten können: Sind Frauen geduldiger, können sie eher abwarten,
bis sie sich an das neue optische System, die Multifokallinse gewöhnt haben? Können sich die Frauen den sich
ändernden Umständen besser anpassen? Oder sind Frauen konfliktscheuer und gehen der Auseinandersetzung
aus dem Weg, bis die Adaptation stattgefunden hat? Sind Frauen eitler und
wollen die lästige Lesebrille, die „alt“
macht, um jeden Preis loswerden?
OPHTHALMO-CHIRURGIE: Was würden Sie aus Ihrer Erfahrung dem Ophthalmochirurgen für das präoperative
Aufklärungsgespräch empfehlen?
Welche Punkte sollten unbedingt angesprochen werden?
M. Rau: Zum einen sollten die verschiedenen Ansprüche der Frauen
und Männer an die multifokale Linse
berücksichtigt sein, zum anderen ist
eine individuelle Beratung vor der
Operation dringend erforderlich. Es
ist absolut wichtig, eine ausführliche
Besprechung vor der Implantation
einer multifokalen Linse zu führen.
OPHTHALMO-CHIRURGIE 23: 337 – 339 (2011)
Was für einen Beruf übt der Patient
oder die Patientin aus, in welchem
Abstand wird gearbeitet? Müssen
kleine oder größere Gegenstände bearbeitet werden? Wie ist die bevorzugte Entfernung bei der Arbeit am
Computer im Büro, welche Schriftgröße möchte der Patient noch ohne
Brille lesen können? Was für eine
Sportart, welche Hobbys werden betrieben? Wird oft oder nur selten in
„Die Berücksichtigung der
Unterschiede zwischen den
Geschlechtern in der Akzeptanz
von multifokalen Linsen führt zu
höherer Patientenzufriedenheit.“
der Nacht Auto gefahren? Die Antworten der Patienten auf diese Fragen geben uns eindeutige Hinweise
darauf, ob die multifokale IOL überhaupt – und wenn ja, für welche Patienten geeignet ist.
Die Berücksichtigung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der
Akzeptanz von multifokalen Linsen
führt zu höherer Patientenzufriedenheit nach der Implantation dieses
IOL-Typs. Dieser geschlechtsspezifische Aspekt erleichtert die Wahl der
optimal auf die Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten MIOL.
Die Fragen stellte
Dr. med. Dr. phil. Ronald D. Gerste.
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