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05-28-10-Was bin ich wert.rtf - SWR

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Was bin ich wert?
Eine Preisermittlung
Autor:
Jörn Klare
Redaktion:
Rudolf Linßen
Sendung:
Freitag, 28.05.10 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/leben.xml
___________________________________________________________________
1
MANUSKRIPT
Autor:
Es ist ein paar Jahre her, da traf ich in einer albanischen Kleinstadt einen Teenager,
der mir erzählte, dass ihr Vater am Vortag ihre Stiefschwester für 800 Euro an einen
Zuhälterring verkauft hat, der die junge Frau voraussichtlich in ein italienisches
Bordell bringen wird.
Autor:
Bei weiteren Recherchen auch in anderen Teilen der Welt hörte ich ähnliche
"Verkaufs"-Geschichten mit immer wieder anderen "Preisen". Während Mitte des
19. Jahrhunderts ein afrikanischer Sklave in Nordamerika, auf aktuelle Verhältnisse
umgerechnet, etwa 40.000 Euro "wert" war, werden heute in vielen
Entwicklungsländern Kinder für die sprichwörtliche "Handvoll Dollar" verkauft.
Die Erfahrung, dass ein Menschenleben in Geld berechnet wird, hat mich
abgestoßen - und verfolgt. So treffe ich auch in völlig anderen Zusammenhängen auf
Varianten der Frage: Was - oder besser - wie viel Euro - ist ein Mensch wohl wert?
Etwa wenn es darum geht: wie viel Lösegeld für ein Entführungsopfer gezahlt
werden soll, oder die "Aufwandsentschädigungen", die dubiose
Vermittlungsagenturen für ein Adoptivkind aus Brasilien verlangen, Brautpreise, die
einzelne Einwandererfamilien auch heute noch in Deutschland zahlen,
Entschädigungen für afghanische Zivilisten, die von deutschen Soldaten getötet
wurden …
Die einzelnen Antworten lauten 3,5 Millionen Euro, 20.000 Euro, 15.500 Euro,
5.000 Euro. Die Bandbreite ist groß. Was aber, frage ich mich da, bin ich wert? Was
wäre wohl mein Preis? Zum Beispiel im Gesundheitswesen, wo die Kosten
vermeintlich explodieren und immer öfter die Frage auftaucht: Was darf Gesundheit,
also "Leben", also auch mein Leben eigentlich kosten?
Peter Oberender:
Wir müssen offener darüber diskutieren, was sind wir bereit letztlich für ein
zusätzliches Lebensjahr auszugeben. Das muss man dann politisch entscheiden, im
Grunde.
Autor:
Professor Peter Oberender gehört zu den entschiedensten Befürwortern einer
ökonomischen Logik im Gesundheitswesen. Er lehrte Wirtschaftstheorie an der
Universität Bayreuth, ist nach wie vor Direktor einer dort angesiedelten
Forschungsstelle und des Instituts für angewandte Gesundheitsökonomie und - wohl
nicht ganz unwichtig - Seniorpartner einer Unternehmensberatung im
Gesundheitsbereich.
Peter Obereinder:
Wir müssen immer fragen, ist es noch sinnvoll 80.000 oder 100.000 Euro zu
investieren in einem Fall, wo wir vielleicht noch sieben Tage Überleben haben?
Autor:
Ein großer Teil der deutschen Gesundheitsökonomen plädiert für ein Modell, das in
Großbritannien schon längst praktiziert wird. Einem gesunden Lebensjahr wird im
dortigen Gesundheitssystem ein Wert von etwa 30.000 Pfund beigemessen.
2
Mit Hilfe dieser Orientierungsmarke wird entschieden, ob einem Patienten bestimmte
kostspielige Behandlungen gewährt werden. So sollte es nach Oberender und
zahlreicher seiner Kollegen auch in Deutschland sein, wobei Oberender einen Wert
von eben ca. 50.000 Euro pro Lebensjahr vorschlägt. Eine Behandlung, die zwei
gesunde Lebensjahre in Aussicht stellt, dürfte demnach dann eben nicht mehr als
100.000 Euro kosten.
Peter Oberender:
Ich würde jetzt das Lebensalter als zusätzliche Variable reinbekommen. Ich würde
sagen, wenn sie 70 sind und die Kinder sind aus dem Haus, dann würde ich sagen
"Nein". Aber ich würde ihnen die Möglichkeiten geben und sagen:
100.000 bekommen sie auf alle Fälle von der Gesellschaft und die 20.000 können sie
draufzahlen. Ich sehe das Problem, dass arme Leute runterfallen würden, nur ich
kann niemandem verbieten, der bereit ist, aus seinem Vermögen das zu machen.
Autor:
50 000 Euro pro Lebensjahr. Die durchschnittliche Lebenserwartung für einen heute
geborenen Jungen beträgt knapp 77 Jahre, für ein Mädchen 82 Jahre - demnach
wäre ein ganzes Leben 3.850.000 bzw. 4.100.000 Euro wert. Eine vage Rechnung
meinerseits - mehr nicht. Zum Schluss noch eine Frage. Bergen solche Rechnungen
nicht vielleicht ein ethisches Problem? Oberender lächelt und schüttelt den Kopf.
Peter Oberender:
Das ist eine Einheit. Und zwar deshalb: Was versucht die Medizin? Die Medizin
versucht, dem Menschen zu helfen, der eine bestimmte Erkrankung hat, entweder zu
lindern, zu heilen oder zu verhindern, wenn sie die Prävention reintun. Was versucht
der Ökonom? Der Ökonom hat das Problem, wir haben knappe Ressourcen, also
einen Mangel, Defizit. Er versucht diesen Mangel möglichst zu beheben, soweit das
geht oder zumindest zu minimieren im Grund, zu lindern. Insoweit sind wir auf
ethischer Seite völlig in Ordnung, denn beide müssen leben mit der Knappheit.
Musikakzent
Josef Nussbaumer:
Es ist nicht eine Frage, ob man den Menschen bewerten soll oder will - wir müssen
es in gewissen Belangen tun.
Autor:
Josef Nussbaumer Professor für Volkswirtschaft in Innsbruck ist aufgrund seiner
Forschungen und Veröffentlichungen eine Art kritischer Experte für
Menschenwertberechnungen.
Josef Nussbaumer:
Das eine ist, dass man rechnen muss, dass man eine Durchschnittsebene bekommt.
Dass man sagt: Bei dem und dem Problem kostet mich das Retten eines Menschen
zum Beispiel das und das. Und bin ich jetzt bereit dafür das Geld hinzugeben oder
nicht?
3
Autor:
So dient die monetäre Bewertung von Menschenleben als allgemeine Grundlage für
sogenannte Kosten-Nutzen-Rechnungen. Oberender hatte es im Bereich der
medizinischen Versorgung angedeutet. Die grundsätzliche Frage, ob sich eine
Investition lohnt. Das heißt, lohnt es sich - so ein einfaches Beispiel - in den Bau
einer Ampel zu investieren, wenn dadurch laut Statistik das Leben eines Menschen
gerettet wird? Das wäre der Fall, wenn - so die Logik der Kosten-Nutzen-Rechnung der monetäre Wert eines Menschenlebens die Summe übersteigt, die für Bau und
Unterhalt der Ampel aufgewendet werden muss. Kostet die Ampel etwa eine Million
Euro, muss das Menschenleben mehr wert sein, sonst lässt sich die Investition
zumindest ökonomisch nicht rechtfertigen. Und da der Mensch ja zumindest bisher
noch ohne Preisschild geboren wird, liegt die Bewertung in der Hand der Ökonomen.
Josef Nussbaumer:
Von den Unmengen an Rechenmodellen /gibt es praktisch von der Struktur zwei
ganz große Linien. Die eine Linie ist die, dass man die Leute befragt, was sie bereit
sind zu zahlen, also: "Willingness to Pay", das ist ganz eine große Schiene. Und die
zweite große strukturelle Schiene ist die, die eigentlich hanebüchen ist, wie wir in
Tirol sagen, wo man sagt: Was ist praktisch an Lohnverlust, wenn der früher stirbt.
Das ist der Humankapitalansatz. Der hat natürlich in Zeiten, wo sehr große
Arbeitslosigkeit ist, ein riesiges Problem: Was tue ich mit dem, der gar keine
Einkommensmöglichkeit hat, obwohl er sie möchte, obwohl er arbeiten möchte?
Autor:
Humankapital. Ein umstrittener Begriff spätestens seit die Gesellschaft für deutsche
Sprache im Jahr 2004 "Humankapital" zum "Unwort des Jahres" erklärte, weil es, so die Jury - "degradiert nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen
überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen".
In der Regel wird der Wert eines individuellen Lebens im Sinne des
Humankapitalansatzes aber streng über das Markteinkommen definiert, das in
diesem Leben voraussichtlich noch erzielt werden wird. Das hat zur Folge, dass sich
dabei zwischen dem Wert - also dem monetären Wert - etwa eines Hartz-IVEmpfängers und eines Investmentbankers ein ähnlich gewaltiger Abgrund auftut wie
grundsätzlich zwischen einem alten und einem jungen Menschen.
Ist denn - so die letzte Frage an Nussbaumer - das Leben eines Menschen nicht
vielleicht doch unbezahlbar?
Josef Nussbaumer:
Das ist eine andere Sprachkategorie natürlich. Dieses "unbezahlbar" ist eine
Metaebene. Man verwendet die Sprache der Ökonomik auf einer anderen Ebene.
Was ist schon "unbezahlbar"? "Sinnlos investiert" wäre eine präzisere Größe.
Autor:
Eine konkreten Zahl möchte Nussbaumer nicht rausrücken. Interessanterweise
plädiert er aber für einen globalen Minimalwert, der jedem Menschen der Welt
zuerkannt werden soll. Dieses Minimum sollte - so Nussbaumer - jedem Menschen
eine Grundversorgung an Ernährung, Kleidung, Unterkunft, medizinischer
Versorgung und Bildung sichern. Dafür einen exakten Wert festzulegen ist aber, so
gesteht er ein, "objektiv" unmöglich. Schließlich ist die genaue Festlegung eines
Minimums eine Frage der Gerechtigkeit und damit hochpolitisch.
4
Musikakzent
Johannes Spengler:
Man braucht einen Orientierungspunkt, ja.
Autor:
Johannes Spengler, Professor für Volkswirtschaft an der Fachhochschule in Mainz
und eine Art passionierter Menschenwert-Berechner.
Johannes Spengler:
Alles mündet im Endeffekt in diesen Kosten-Nutzen-Analysen.
Autor:
Nach den neusten Berechnungen, die Spengler zusammen mit seiner Kollegin
Sandra Schaffner angestellt hat, beträgt der Wert eines Menschen in Deutschland
zurzeit knapp zwei Millionen Euro. Genauer gesagt handelt es sich dabei um den
Wert eines statistischen Lebens, basierend auf dem Zahlungsbereitschafts - oder wie
Nussbaumer es nannte - "Willingness-to-pay"-Ansatz. Die Methode wurde in den
siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in den USA entwickelt. Grundsätzlich geht
es eben darum, was ein Mensch zu zahlen bereit ist, um nicht sterben zu müssen.
Spengler erläutert an einem stark vereinfachten Beispiel:
Johannes Spengler:
Sie können die Frage verpacken zum Beispiel indem sie sagen: Du hast die Wahl
zwischen zwei Autos. In einem Auto kannst du nicht sterben und im anderen Auto
hast du eine jährliche Wahrscheinlichkeit zu sterben von einem Tausendestel.
Autor:
Wie viel ist man also bereit zu zahlen, um dieses Todesrisiko von eins zu tausend zu
vermeiden? Nehmen wir an eine relevante Gruppe ist bereit pro Kopf durchschnittlich
2.000 Euro zu geben, um dieses Risiko von eins zu Tausend für sich
auszuschließen. Dann - so die Methode - wird diese Summe in das Verhältnis zum
Risiko gesetzt. 2.000 Euro dividiert durch ein Tausendstel ergeben zwei Millionen
Euro. Und diese zwei Millionen Euro bezeichnen Spengler und Kollegen dann als
den Wert für ein statistisches Leben.
Johannes Spengler:
Weil die Wahrscheinlichkeit ist ein Tausendstel zu sterben. Statistisch stirbt einer.
Und deswegen: "statistisches Leben".
Autor:
Allerdings kommen unterschiedliche Studien mit ihren unterschiedlichen Ansätzen zu
in der Regel höchst unterschiedlichen Ergebnissen.
Die enorme Bandbreite der Werte wird in der Regen - wie Spengler erläutert - mit
Unterschieden bei den Ansätzen der Studien, den Beispielsszenarien, den
Risikowahrscheinlichkeiten, der unterschiedlichen Risikobereitschaft der befragten
Personengruppe, im internationalen Vergleich, aber auch mit kulturellen
Verschiedenheiten erklärt.
5
2008 vermerkte eine internationale Vergleichsstudie für den Wert des statistischen
Lebens in Japan 9,7 Millionen Dollar, für die USA sieben Millionen Dollar und für
Indien 1,2 bis 1,5 Millionen Dollar.
In einem Bericht des Weltklimarates hieß es aufgrund ähnlicher Untersuchungen
schon einmal, dass der Wert eines Menschenlebens in den westlichen
Industrieländern 15mal höher sei als etwa in Bangladesch.
Johannes Spengler:
Ja, ist wieder zynisch, aber ist im Prinzip so. Rein mathematisch ist das, was er sagt
natürlich korrekt. Weil das ist ja der besondere Reiz an diesen Value-of-LifeUntersuchungen, dass es nicht irgendwie der Staat ist, der irgendwas bewertet,
sondern dass es aus den Handlungen, Konsumentscheidungen,
Arbeitsmarktentscheidungen des Einzelnen kommt. Dann kann man das auch
verallgemeinern. Weil man kann sich immer auf die individuelle Ebene zurückziehen,
weil man kann sich so gegen diese Vorwürfe wehren, man sei unmoralisch.
Autor:
Dass die geringere Zahlungsbereitschaft "der Bangladeschis" aber möglicherweise
an den schlichtweg geringeren Zahlungsmöglichkeiten liegt, möchte Spengler aber
auch nicht ganz ausschließen.
2008 berichteten amerikanische Medien, dass der nationale Wert eines
Durchschnittslebens in den USA in den letzten fünf Jahren gefallen war. So hatte es
zumindest die damalige US-Regierung unter George W. Bush festgestellt. Die
Umweltbehörde hatte den Wert reduziert, indem sie unter anderem auf den
Inflationsausgleich verzichtete. Die Kritiker vermuteten hinter der Absenkung
politisches Kalkül der Bush-Administration, die schärfere Umweltgesetze verhindern
wollte. Schließlich darf - so die Logik der Kosten-Nutzen-Analysen - die Vermeidung
von potentiellen Gesundheitsgefahren und Todesfällen - etwa Kosten für neue
Luftfilter der Industrie - nicht teurer sein als der Nutzen - etwa die Summe der
monetär bewerteten geretteten Leben. Und wenn diese Leben nun monetär weniger
wert sind, dann sinkt auch der Druck, eben diese monetären Werte - und das heißt
Menschenleben - durch Investitionen zu schützen.
Johannes Spengler:
Die Gefahr ist da, man kann das sozusagen so oder so auslegen. Und man kann das
für seine Zwecke einspannen und man kann Politik so fundieren, in dem man selektiv
zum Beispiel vorgeht und nur die Studien anguckt, die einem gefallen und die
anderen weniger.
Musikakzent
Autor:
In Deutschland arbeiten zurzeit zwei Behörden mit monetarisierten Werten für ein
Menschenleben. Die Bundesanstalt für Straßenwesen hat eine eigene komplexe
Methode entwickeln lassen, die versucht, die durch einen Unfalltod tatsächlich
entstehenden Kosten und den Ausfall der "wirtschaftlichen Ressource" zu erfassen.
Demnach gehen der deutschen Volkswirtschaft durch jeden Verkehrstoten
durchschnittlich knapp 1,2 Millionen Euro verloren. Dieser Wert spielt eine
mitentscheidende Rolle bei den erwähnten Kosten-Nutzen-Kalkulationen von
Verkehrssicherheitsmaßnahmen.
6
Und das Umweltbundesamt kalkuliert bei seiner ökonomischen Bewertung von
Umweltschäden aufgrund der Methode für den Wert eines statistischen Lebens mit
bis zu 75.000 Euro für ein etwa durch langfristige Feinstaubbelastung verlorenes
Lebensjahr. Nach diversen Zinsrechnungen entspricht dies - so das
Umweltbundesamt - einem Wert von etwa einer Million Euro für ein ganzes Leben.
Musikakzent
Autor:
Zeit für eine Zwischenbilanz, Zeit also für den Taschenrechner. Mit der Frage "Was
bin ich wert?" sind eine ganze Menge Zahlen zusammengekommen.
Wenn ich jedes erreichbare Ergebnis, das auf einer auch nur halbwegs
nachvollziehbaren Methode beruht, zusammenfasse, komme ich für mich auf einen
Wert auf eine Summe von gut 1,1 Million Euro.
Diese Zahl mag - ich kann es nachvollziehen - beliebig erscheinen. Allerdings liegt
sie nah bei den Summen, mit denen etwa das Bundesamt für Straßenwesen oder
das Umweltbundesamt kalkulieren.
1,1 Millionen Euro also - meine Zahl, mein Preis, mein Wert. Ein Grund stolz zu sein,
oder?
Thorsten Halling:
Es gibt grundsätzlich keine Objektivität und gerade nicht bei solchen Berechnungen.
Autor:
Thorsten Halling, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für
Geschichte der Medizin an der Universität Düsseldorf, hat da seine Zweifel.
Thorsten Halling:
Wenn man Richtwerte etabliert muss man sich immer über das Risiko im Klaren sein.
Autor:
Im Rahmen eines mittlerweile abgeschlossenen Forschungsprojektes hat sich Halling
vor allem zusammen mit den Kollegen Jörg Vögele und Wolfgang Woelk ausgiebig
dem "Wert des Menschen" in der Bevölkerungswissenschaft gewidmet. Dass solche
Berechnungen wieder populär werden, betrachtet er ausgesprochen skeptisch.
Thorsten Halling:
Das Problem ist, das haben wir auch schon bei den historischen Beispielen gesehen,
dass das hochkomplexe, mathematische Berechnungen sind, / die aber eine
Tatsache verbrämen. Das sind die Prämissen - bei jeder Berechnung gibt es, gerade
bei diesem Thema - Prämissen: Wie sie etwas eben bewerten. Was uns sehr oft
begegnet ist, die Volkswirtschaftler argumentieren medizinisch und die Mediziner
argumentieren volkswirtschaftlich.
Autor:
In Deutschland wurde die volkswirtschaftlich motivierte monetäre Bewertung der und
des Menschen spätestens in der Phase der Hochindustrialisierung populär, als
immer mehr leistungsfähige Arbeitskräfte benötigt wurden. Weil man dem Menschen
einen monetären Wert zugestand, war es auf einmal ökonomisch sinnvoll, in seine
Erhaltung und Entwicklung zu investieren. Gesundheit bekam den Status eines
sozialen Gutes
7
Thorsten Halling:
Das war überhaupt eine Triebfeder, die Sozialhygiene so zu propagieren, dass man
einfach eine Gesundung des Volkes wieder angestrebt hat. Auch eine Aufwertung,
eine gesundheitliche und damit auch eine volkswirtschaftliche Aufwertung. Und auch
eine militärische.
Autor:
Mit der Etablierung der Sozialhygiene wurden erstmals Ende des 19. Jahrhunderts
Programme zum Gesundheitsschutz gefährdeter Bevölkerungsgruppen eingeführt.
Thorsten Halling;
Das war erst mal auf den ersten Blick menschenfreundlich und hinterher ist es von
den Nazis dann umgedreht worden.
Autor:
Schon lange vor den Nationalsozialisten hefteten Wissenschaftler bestimmten
Menschen oder ganzen Bevölkerungsgruppen einen "Nullwert" oder gar negativen
Wert an. Als fataler Ableger der Sozialhygiene entwickelte sich so die
Rassenhygiene, die dann auf die Zwangssterilisation bestimmter Gruppen oder gar
Euthanasiemaßnahmen für "wertloses Leben" drängte.
Thorsten Halling:
Es ist nie im Sinne von zweckfrei, sondern das hat immer einen Hintergrund. Und
wenn sie in den NS gehen, dass dann Leute umgebracht worden sind, das ist dann
der Endpunkt.
Autor:
"Unschuldige" Berechnungen, hinter denen also nicht irgendein Interesse steckt, hat
es, so Halling, nie gegeben.
Thorsten Halling:
Es ist immer zweckorientiert. Es ist nie einfach nur so. Wenn man dann so eine
scheinbar objektive Argumentation hat nämlich Zahlen, dann kann man natürlich
wunderbar argumentieren.
Autor:
Doch die Folgen, warnt der Wissenschaftler können gerade im Rückblick auf die
historischen Erfahrungen fatal sein.
Thorsten Halling:
Es wird halt immer schwierig, wenn aus einer Kohorte, die man berechnet, ein
Allgemeinrichtwert gemacht wird. Dann wird's schwierig, dann wird es unter
Umständen auch eben eine soziale Norm. Und dann haben sie das Problem.
Autor:
Meine 1,1 Millionen - vielleicht sollte ich mir darauf nicht zu viel einbilden. Was sich
monetär bewerten lässt, kann grundsätzlich miteinander verglichen, gegeneinander
aufgerechnet und auch ausgetauscht werden.
Musikakzent
8
Volker Gerhardt:
Es ist ein hoher Wert glaube ich, dass die Ethik unabhängig ist, und sich ihre Arbeit
nicht von den Ökonomen abnehmen lässt.
Autor:
Ein Besuch bei dem Moralphilosophen Volker Gerhardt, Professor an der Berliner
Humboldt-Universität und unter anderem Mitglied des Deutschen Ethikrates.
Ich hätte gerne noch etwas geklärt, es geht um den Anspruch vieler Ökonomen - wie
etwa Oberender - die Aufgaben der Ethik gleich mit zu übernehmen ober besser zu
kalkulieren:.
Volker Gerhardt:
Die Ökonomie - von ihr erwarten wir in gewisser Weise die Technik einer möglichst
optimalen Bedürfnisbefriedigung aller Menschen. Aber sie muss dabei bestimmte
Dinge respektieren, die unabhängig von ihr sind. Und das ist zum Beispiel die
Eigenständigkeit des einzelnen Menschen.
Autor:
Gerhardt verweist auf Kant, der den Menschen als "Zweck an sich" beschreibt,
dessen Wert gegen "unendlich" geht. So hat niemand das Recht, den Wert eines
anderen Menschen zu kalkulieren, um daraus eventuell gar entsprechende
Lebenschancen - etwa durch Gewährung oder Vorenthaltung einer möglichen
medizinischen Versorgung - abzuleiten.
Volker Gerhardt:
Da setzt dann die moderne Diskussion über den Begriff der Würde ein. Also, hinter
der Würdedebatte steht diese Einschätzung vom Wert des menschlichen Lebens,
und dass der Wert eben nicht mehr verrechnet werden kann.
Autor:
Die Würde - der Begriff ist in unserem Verständnis maßgeblich von Kant geprägt wohnt jedem Menschen inne und kann grundsätzlich nicht verrechnet werden. Sie ist
laut erstem Artikel des Grundgesetzes "unantastbar". Auch zu Beginn der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: "Alle Menschen sind frei und
gleich an Würde und Rechten geboren." Von einer möglichen Einschränkung etwa
hinsichtlich einer "ökonomischen Zumutbarkeit" ist da nicht die Rede.
Volker Gerhardt:
Wir haben eine lange Zeit sehr einfach argumentierende moralphilosophische
Theorie - die erste Phase des Utilitarismus, der sagt: Alles ethische Handeln muss
sich davon leiten lassen, dass möglichst viele Menschen glücklich und zufrieden
werden. Das ist also diese Kalkulation vom größten Glück der größten Zahl. Und
wenn da eben Hunderttausende zufrieden und glücklich oder auch nur gesichert und
in Frieden leben können, dann muss es möglich sein, auch schon mal den einen
oder anderen zu opfern. Und mit solchen Theorien haben wir ja unter totalitären
Bedingungen unsere Erfahrungen gemacht - und das geht nicht.
9
Autor:
Komplexe soziale Herausforderungen lassen sich nicht mit den Scheingewissheiten
mathematischer Formeln beantworten. So ist es höchst zweifelhaft, wenn ein Staat
das Leben seiner Bürger aufgrund ihrer potentiellen Produktivität, also ihres Nutzens
bewertet und entsprechend schützt. Und es ist nichts anderes als ein Angriff auf das
Selbstverständnis unserer Gesellschaft, wenn die Lebenschancen eines Menschen
im Gesundheitsbereich von seinem - wie auch immer kalkulierten - Wert abhängt.
Auch meine 1,1 Millionen sind da kein Schutz, sie sind ein Schritt in eine
möglicherweise fatale Richtung.
Volker Gerhardt:
Und das Wichtigste dieser These vom Wert des Individuums, vom absoluten Wert
des Individuums, der eben durch die Würde des Menschen gesichert ist, liegt darin,
dass niemand zu einer marktmäßigen, geldmäßigen, gewinnorientierten Kalkulation
durch andere gemacht wird, sondern selber entscheidet.
Buchhinweis:
Jörn Klare
Was bin ich wert? - Eine Preisermittlung
Suhrkamp Taschenbuch Verlag
268 Seiten für 14,90 Euro
ISBN 978-3518461686
10
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Kategorie
Seele and Geist
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