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«Hey, ich bin Musiker – ich verstehe von nichts was.» - NZZ Folio ...
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NZZ Folio 11/08 - Thema: Image
Inhaltsverzeichnis
«Hey, ich bin Musiker – ich verstehe von nichts was.»
Seit einem Vierteljahrhundert gehören Die Ärzte zu Deutschlands erfolgreichsten Punkbands. Wie lebt
es sich mit 45 als Teil der Jugendkultur?
Von Gudrun Sachse
Die Ärzte Farin Urlaub, Bela
B. und Rodrigo González
(von links nach rechts).
Die Ärzte gehören zu den erfolgreichsten Musikgruppen Deutschlands. Die Berliner Punkrock-Band gründete sich 1982. Seit 1993 besteht
sie aus Farin Urlaub, 45, (Gesang, Gitarre, Bass), Bela B., 46, (Gesang, Schlagzeug), Rodrigo González, 40 (Gesang, Gitarre, Bass). Der
Name Die Ärzte entstand der Legende nach, weil Bela B. in den Plattenläden eine Band mit dem Anfangsbuchstaben Ä vermisst hatte.
Zuletzt erschien ihr Album «Jazz ist anders». Sie erhielten zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 2008 einen Preis für ihr Lebenswerk.
Haben Die Ärzte einen Imageberater?
Bela B.: Meine Imageberater sind Farin Urlaub und Rodrigo González.
Rodrigo González: Meiner ist der von Gerhard Schröder.
Farin Urlaub: Nein, so was brauchen wir nicht. Wenn heute fast jeder einen beschäftigt, dann sind wir das «fast».
Bela: Wir brauchen keinen, weil wir nicht erst seit gestern zusammen sind und nichts mit Zeitgeist verkaufen.
Ihre Musik ist an Ihre Persönlichkeiten gebunden. Wie sehen Sie sich?
Farin: Manchmal sind wir total überrascht, wie wir rüberkommen, super negativ, aber auch unverdient positiv. Die Wahrheit liegt natürlich –
wie so oft – beim Positiven.
Bela: Natürlich hat jeder von uns ein Bild von sich…
Farin: … hier, ich zeigs Ihnen mal.
Bela: … wir wollen dem entsprechen, wie wir uns fühlen. Zu dritt wollen wir einfach eine Band sein, zu der wir selber gerne ins Konzert
gingen. Das ist unser einziges Ideal.
In den 26 Jahren, in denen Sie zusammen sind, verändert man sich – oder sollte es zumindest.
Farin: Sich richtig zu verändern, geht ja nur mit Botox.
Bela: Wir haben uns definitiv entwickelt, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen und uns vorwerfen: ihr seid ja immer noch albern und
scherzt auf der Bühne herum – mit dem Unterschied, dass wir das heute vor 40 000 Leuten machen und nicht mehr vor 40 wie früher.
Farin: Früher haben wir zwanghaft in jedes auch ernste Lied eine Pointe eingebaut. Wir dachten, unsere Fans erwarteten das von uns.
Diesen Zwang verspüren wir heute nicht mehr. Mit dem Alter wurden wir entspannter. Heute können wir auch mal ein ganzes Lied ohne zu
grinsen aufnehmen. Das hat aber auch mit der Sicherheit zu tun, die einem der Erfolg gibt.
Bela B., wie wichtig ist Ihnen, was andere über Die Ärzte denken?
Bela: Unsere Verantwortung den Fans gegenüber ist die, dass es uns wirklich total egal ist.
Farin: Und es wird auch nie ein Glaubwürdigkeitsproblem geben, weil wir uns nie verstellt haben.
Bela: Meine einzige Qualitätskontrolle für die Songs sind die beiden da. Bei Rodrigo ist das etwas anders, der fragt den Imageberater von
Gerd Schröder. Ne, echt, wir erfüllen die Erwartungshaltungen, indem wir sie eben gerade nicht erfüllen.
Wie wichtig ist denn ein gutes Image überhaupt im Musikgeschäft?
Farin: Früher gab es nur den PR-Strategen, der versucht hat, etwas so zurechtzulegen, damit die Leute es verstehen. Heute kann man sich
alles kaufen, es gibt da echt gute Werbeagenturen – ich will jetzt keine Namen nennen. Mittlerweile wird mit dem Image ja komplett
gelogen.
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05.11.2008 23:48
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Bela: Ne, in der Musik wurden schon seit Elvis gutaussehende weisse Jungs gesucht, gefunden und um sie herum ein Image kreiert.
Rodrigo: Die Industrie braucht die Images, weil die davon lebt, das ist wie in der Politik – rechts oder links – Rock, Punk oder Fun-Punk.
Farin: Für die Rezensenten ist es sicher wichtiger als für die Fans, denk ich.
Bela: Es wird honoriert, wenn du ein originelles Image hast. Vor Amy Winehouse gab es in der Musikszene einen Menschen wie sie noch
nicht – die Musik natürlich schon. Auf jeden Fall hat ihr Image zu ihrem Erfolg beigetragen.
Farin: …ne, das stimmt nicht, so eine gab es schon mal, wie hiess die: «Oh Lord, wont you buy me…»
Bela: Janis Joplin.
Farin: Die hatte auch so ein Image.
Bela: Ne. Winehouse ist anders. Die sieht ja aus wie vom Mond. Die ist gleichzeitig stylish, magersüchtig und hat obskure Freunde.
Farin Urlaub, wie entscheiden Sie, was Sie auf der Bühne tragen?
Farin: Das fragen Sie jetzt genau den Falschen. Ich trage aus Prinzip seit acht Jahren ein schwarzes T-Shirt auf der Bühne. Nicht immer
dasselbe. Ich habe zehn Stück.
Und vor diesen acht Jahren?
Bela: Da trug Farin jahrelang ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «If you can read this you are sitting on my face».
Farin: Ne, so eins hatte ich nicht. Doch? Echt? Cool.
Bela: Jeder Mensch, der das Selbstbewusstsein hat, sich vor vielen Menschen auf der Bühne zu produzieren, muss eine gefestigte
Persönlichkeit haben, das ist viel wichtiger als das richtige Outfit. Ich habe kürzlich Iggy Pop gesehen, das ist ja echt ein Charakter, der
Mann…
Mit über 60 rennt Iggy Pop mit blossem Oberkörper und geöffneter Hose über die Bühne, weil man es so von ihm erwartet. Kann ein Image
nicht auch zur Bürde werden?
Bela: Das empfindet der bestimmt nicht so. Der hatte Monsterhits, dann lange eine Flaute – das ist dem egal, wie der aussieht, der will
produzieren und auftreten, und die Konzerte, die ich von ihm gesehen habe, waren geil.
Sollte ein Künstler nicht handeln, wenn sein Image nicht mehr zur Substanz passt?
Farin: Wie viele Musiker haben denn wirklich noch Substanz? Die meisten sind selbstverliebte Selbstdarsteller.
Rodrigo: Buh!
Farin: Na stimmt doch, ich doch auch.
Bela: Okay, wenn wir nur noch Oldie-Shows machen würden und unsere alten Songs spielten, dann hätten wir ein echtes Problem. Aber wir
würden nie in Shows auftreten, die heissen: «Das waren die Hits der 1980er Jahre».
Farin: Das ist die Plattform für Künstler, die sich musikalisch nicht weiterentwickeln, entweder weil sie sich nicht trauen oder weil sie ihr
Pulver verschossen haben.
Ist ein Imagewandel nicht irgendwann zwingend, weil man in der angestammten Rolle unglaubwürdig wirkt?
Farin: Das ist doch ein gesellschaftliches Problem. James Brown und Johnny Cash waren im hohen Alter noch phantastisch. Ausserdem
lässt sich das Publikum nicht blenden, sonst wären alle, die einmal erfolgreich waren, auch erfolgreich geblieben.
Rodrigo: Also ich hoffe, dass ich genügend gute Freunde habe, die mir rechtzeitig sagen: Alter, was du da machst, sieht echt scheisse aus.
Dann würde ich meinen Auftritt sicher in Frage stellen. Selbst bekommt man Peinlichkeiten oft gar nicht mit, weil man ständig nur von
Leuten umgeben ist, die einem den Arsch pudern.
Bela: Natürlich gibt es Künstler, die nur noch von den Hits vergangener Tage leben. Das müssen wir nicht. Wir können uns von Songs, die
uns irgendwann mal peinlich sind, zumindest bei Konzerten trennen. Die Gefahr, so richtig peinlich zu werden, trifft doch nur auf ne Band
zu, die nicht mehr produktiv ist, so was wie Sweet, die zehn gute Jahre hatten, zum Teil immer noch leben und immer noch auf Tour sind.
Wenn wir uns mal trennen, werde ich sicher nicht als einer der Ärzte auf Rock-Oldie-Tour gehen, nur weil mir das Publikum fehlt. Da
möchte ich lieber vorher erschossen werden. Andererseits sehe ich auch Leute mit Würde, wie Lenny Kilmister von Motörhead oder eben
Iggy Pop. Und das Spätwerk von Johnny Cash hat seinem ganzen Leben die Krone aufgesetzt. Das ist für mich ein Sonnenstrahl. Nicht,
dass ich vorhabe, bis fast achtzig auf der Bühne zu stehen, dazu bin ich zu hedonistisch, ich lebe hier und jetzt.
Rodrigo: Wenn ich Johnny Cashs bester Freund gewesen wäre, hätte ich zu ihm gesagt: Alter, sing mal lieber keine
Depeche-Mode-Nummer.
Bela: Ich fand die super.
Besonders schlecht altert es sich vermutlich als Punkband?
Bela: Wir haben uns erst spät zum Punk bekannt. Und haben gemerkt, dass das, was wir machen, viel mehr als Punk war. Mittlerweile sind
wir viel zu reich, um glaubwürdig auf der Bühne zu stehen und zu sagen: Leute, jetzt geht hier die Revolution ab. Das mag arrogant klingen,
aber wir sind grösser als dieser Begriff – wir sind aus den Schubladen rausgewachsen.
Vielleicht auch ein bewusster Entscheid, um länger auftreten zu können?
Bela: 1984 kam unser erstes Album heraus. Wir wollten damals nicht auf der Bühne stehen und brüllen: Bullen sind Schweine. Das fanden
wir total langweilig.
Farin: Weil wir das davor eben schon gemacht hatten, das kannten wir schon.
Bela: Aber Ihre Frage hört sich jetzt so an, als wären wir schon zu alt für den Scheiss.
Ich denke an die nächsten 25 Jahre der Ärzte.
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05.11.2008 23:48
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Farin: Aber wir nicht. Mit 19 dachten wir nie und nimmer daran, mit 25 noch in derselben Band zu spielen. Wenn wir ein Album machen,
denken wir als höchstes Ziel noch an die Tour – aber nicht darüber hinaus. Wir haben zum Glück auch keine Verträge, die uns dazu
zwingen würden. Wir sind frei.
Bela: Wir haben zigmal mit Motörhead gespielt. Der Sänger ist 65 und macht immer noch dasselbe mit Würde. Aber witzig ist schon, dass
uns viele Fans als alte Säcke kennenlernen. Aus der Sicht eines 14-Jährigen sind wir ja Methusalem. Viele Fans können sich gar nicht
vorstellen, dass wir in den 1980ern bereits Musik gemacht haben, als die noch nicht geboren waren. Die müssen uns aus einem anderen
Grunde toll finden – ich weiss jetzt zwar auch nicht, warum… und eigentlich will ich es auch gar nicht wissen.
Farin: Es ist doch ganz einfach: In dem Augenblick, in dem ich mich auf die Bühne stelle und versuche, wie 19 zu wirken, da bin ich total
peinlich. Aber wir haben jetzt auch einen Teil im Programm, in dem wir einen Seitenwechsel mit Nordic-Walking-Stöcken machen. Wir
machen uns einfach noch älter, als wir sind. Ich denke, das hilft uns, unpeinlich zu sein.
Bela: Neulich las ich im Internet eine Konzertkritik, die uns einen Strick daraus drehen wollte, dass sich zwei von uns die Haare färben.
Dabei haben wir das immer schon gemacht – die alte Geschichte zum Punkrock. Ich habe das mal ne Weile sein lassen…
Farin: … ich auch – aber es sah einfach übel aus.
Bela: Strassenköterblond sieht auf der Bühne einfach nicht so geil aus. Zumindest nicht bei uns. Bei Richard Ashcroft schon. Der hat auch
Bühnenschminke und so. Wir nicht. Wir sind einfach super ausgeschlafene Jungs.
Alice Cooper sagte von sich, auf der Bühne die Rolle des Psychokillers zu spielen – welche Rollen spielen Farin Urlaub, Bela B., Rodrigo
González?
Bela: Das ist diese Mär von der zweiten Person, die auf der Bühne töten könnte, die dann jemand ganz anderes ist – das ist völliger
Quatsch. Man ist immer ein und derselbe. Natürlich machen wir vor unserem Briefträger kein Entertaining.
Farin: Speak for yourself. Meine Bäckerin muss morgens immer eine La-Ola-Welle hinlegen… Ich frag dann: Na, wer bin ich, wer bin ich?
Bela: So wenig, wie ich das ergründen möchte, möchte ich wissen, warum man uns gut findet. Dann nämlich begebe ich mich in die
Gefahr, Erwartungen erfüllen zu wollen. Schliesslich will jeder geliebt werden.
Rodrigo: Ich will nur lieben, nicht geliebt werden.
Wer benötigte Ihrer Meinung nach dringend einen Imageberater?
Farin: Ich finde, die meisten Leute kommen viel zu gut rüber, weil sie einen Berater haben. Künstler, Sportler werden doch total überhöht
dargestellt. Der rennt halt schnell, aber was hat der sonst geleistet? Leute hingegen, die echt etwas bewegt haben, sind entweder nicht
fotogen, oder es würde die Aufmerksamkeitsspanne des üblichen Medienkonsumenten sprengen, zu erklären, warum der jetzt so wichtig
ist.
Bela: Ich wünschte, der Teil des italienischen Volkes, der Berlusconi gewählt hat, wüsste besser über Imageberater Bescheid.
Farin: Das ist das Gleiche mit dem amerikanischen Wahlkampf. Wer wird gewinnen und aus welchen Gründen?
Und, wer gewinnt?
Farin: Hey, ich bin Musiker – ich verstehe von nichts was.
Bela: Der Unterschied zwischen uns und anderen Bands ist vielleicht, dass fast jede andere sagen würde: Obama wird gewinnen, der ist
die Rettung des Planeten, aber so einfach ist das nicht.
Rodrigo: Weil McCain gewinnen wird…
Bela: … weil man das Volk mit einberechnen muss. Diese Erkenntnis macht maximal den Unterschied zwischen uns und anderen Bands
aus. Wir stossen nicht populistisch in ein Horn. Aber ich wollte noch was sagen: Britney Spears zum Beispiel, ein White-Trash-Mädchen mit
optisch guten Anlagen, lernt tanzen, verkörpert den Jungmädchensex und dreht jetzt komplett frei – die ist so berühmt, ihr Image so
gewachsen, aber irgendwie gibt es keinen mehr, der sie vor allen Peinlichkeiten bewahren kann. Wichtig ist doch, dass du dich von einem
Image zu einer eigenständigen Person entwickelst, dann kannst du es auch in der Branche überstehen… Bei Robbie Williams dachten
auch alle, mit dem ist es vorbei, aber weit gefehlt, der lässt sich noch in der Kleidung beraten, aber sonst in nichts.
Von wem lassen Sie sich beraten?
Farin: Wir nehmen die Musik ernst, aber uns nicht so wahnsinnig.
Ich dachte auch eher an Bela B., den bestangezogenen Mann der Band.
Farin: Hey, Moment mal, ich kann auch gehen.
Bela: Maximal wird die Freundin gefragt. Kann ich das tragen? Die sagt dann: Du kannst doch alles tragen, Baby.
Farin: …du kannst auch meine Tüten tragen.
Bela B., wann kam es zum ersten Tattoo?
Bela: Wir waren angetrunkene Jungpunks. Max Müller und ich. Mit 15 haben wir uns mit Nadeln gegenseitig was in den Arm gestochen.
Ein erster Imageentscheid?
Bela: Der Totenkopf hier oben auf dem Arm – damals war der noch ein bisschen weniger bunt, war möglicherweise schon ein Schritt in die
Richtung, was ich gern sein will…
Farin: Ein Totenkopf?
Bela: …ich liess ihn mir mit 16 machen. Als Symbol des RocknRoll brauchte ich ein Tattoo, das war mir wichtig. Klar war das eine
Entscheidung für eine Richtung und auch ein Image. Ich könnte mir all das weglasern lassen, aber das würde Jahre dauern. Und ich will
das nicht. Es war einer der Schritte im Leben, für die ich mich dauerhaft entschieden habe – anders als bunte Haare und Irokese.
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05.11.2008 23:48
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Farin: Das verändert sich doch ständig. Im Moment ruhe ich in mir. Ich kann jetzt nicht für die anderen sprechen.
Rodrigo: …die ruhen auch in dir.
Farin: Es ändert sich und bleibt doch gleich: Plus ça change, plus cest la même chose.
Bela: Wieder so ein Spruch aus seinem Phrasenbuch. Vor Interviews schlägt er darin immer nach, um einen möglichst intelligenten
Eindruck zu hinterlassen.
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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