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1. Was sozial gerecht ist, bestimmt sich vom Menschenbi

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Sächsisches Staatsministerium für Kultus
Schuljahr 2002/03
Geltungsbereich:
Allgemein bildendes Gymnasium
in kirchlicher Trägerschaft
Schriftliche Abiturprüfung
Grundkursfach Katholische Religion
- ERSTTERMIN Material für den Prüfungsteilnehmer
Allgemeine Arbeitshinweise
Ihnen werden zwei Prüfungsarbeiten vorgelegt (Prüfungsarbeit A und Prüfungsarbeit B).
Wählen Sie davon eine Prüfungsarbeit aus und bearbeiten Sie diese.
Ihre Arbeitszeit (einschließlich der Zeit für das Lesen und Auswählen) beträgt 210 Minuten.
Sie erhalten zusammen mit der Aufgabenstellung Materialien, auf die in der Prüfungsarbeit A und
in der Prüfungsarbeit B jeweils mit M 1 hingewiesen wird.
Am Ende jeder Aufgabe ist die erreichbare Anzahl von Bewertungseinheiten (BE) genannt.
Erlaubte Hilfsmittel:
Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung
Bibel
Signatur KGE/1 (KaRe-GK-ET/Ma)
Seite 1 von 6
Prüfungsinhalt
Prüfungsarbeit A
Aufgaben
1.
Erarbeiten Sie die Kernaussagen zur „sozialen Gerechtigkeit“ auf der Grundlage
von M 1.
(14 BE)
2.
Erläutern Sie die Prinzipien der Katholischen Soziallehre und deren
Zusammenhang.
(16 BE)
3.1
“Sozial gerecht ist, was auch den anderen leben lässt – und die Generationen, die
nach uns kommen.“
Belegen Sie diese Aussage mit Grundforderungen nach sozialer Gerechtigkeit aus
der Bibel.
Gehen Sie dabei mit je zwei Beispielen auf das AT und NT ein.
(2 BE, 10 BE)
3.2
Zeigen Sie die Aktualität der Aussage anhand einer kirchlichen Verlautbarung.
(6 BE)
4.
Beurteilen Sie die realen Chancen des in M 1 dargelegten Konzepts zur
Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit in der Gegenwart.
(12 BE)
Signatur KGE/1 (KaRe-GK-ET/Ma)
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M1
Erwägungen eines Theologen/Ein Referat von Bischof Joachim Wanke
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[...] 1. Was sozial gerecht ist, bestimmt sich vom Menschenbild einer Gesellschaft
her. [...]
Es ist elementar wichtig, dass in einer Gesellschaft ein Grundkonsens darüber
existiert, was zu einem menschenwürdigen Leben gehört und dass allen ein solches
Leben ermöglicht werden muß. Wir dürfen uns nicht vom Markt und seinen Gesetzen
her diktieren lassen, was soziale Gerechtigkeit ist. Da hätte beispielsweise ein
Behinderter, eben ein „Zukurzgekommener“, keine Chance. Diesen darf nicht „das
Leben bestrafen“, wie das geflügelte Wort sagt, und das gilt nicht nur von Personen,
sondern vergleichsweise auch für Teilbereiche einer Gesellschaft, etwa für die neuen
Bundesländer im Osten mit ihren speziellen Problemen oder auch für die
osteuropäischen Länder, die mit ihren vielfältigen Erblasten nach einem Neuanfang
suchen. [...] Meine Sorge ist, dass in unserer Gesellschaft der noch vorhandene
Grundkonsens hinsichtlich zweier wichtiger Voraussetzungen von sozialer
Gerechtigkeit verloren gehen könnte:
1) Der Wille, alle am gesellschaftlichen Wohlstand teilhaben zu lassen, nicht nur die
Marktteilnehmer und
2) Ein Menschenbild das nicht an der gesellschaftlichen Nützlichkeit, nicht an
Gruppenegoismus, nicht an der Breite der Konsummöglichkeiten, nicht an Rassenoder Klassenideologien sein Maß nimmt, sondern an einem Humanen, das ethisch
abgesichert ist.
2. Soziale Gerechtigkeit setzt eine durch „Rahmenordnungen“ gebändigte
Marktwirtschaft voraus.
Wir sind uns sicher darin einig: Soziale Gerechtigkeit kann nicht durch moralische
Appelle herbeigepredigt werden. Die moderne Gesellschaft besteht aus relativ
autonomen Subsystemen: Politik, Wirtschaft, Kultur, in denen unter
Wettbewerbsbedingungen und unter Konkurrenzdruck gehandelt wird, was
nachweislich am effektivsten die Entwicklung stimuliert und die Lebensräume
erweitert. Diese Systeme, also z.B. die Wirtschaft, brauchen freilich eine
“Rahmenordnung“ mit gültigen, von allen anerkannten Regeln. Die These, der Markt
reguliere sich von selbst, ist meines Erachtens falsch bzw. nur begrenzt richtig.
Natürlich bestraft der Markt Faulheit und Leistungsverweigerung. Aber er kann auch
korrumpieren und zur Manipulation verführen. Darum müssen beispielsweise
Kartell-Absprachen und andere Verdrängungsstrategien, die den Markt nicht mehr
offen halten, verhindert werden, und zwar von außen. [...]
3. Was sozial gerecht ist, steht nicht ein für allemal fest. Es muß ständig neu definiert
werden. [...]
Unsere Ansprüche sind ohne Zweifel heute gestiegen. Aber halten sie immer mit
unseren Möglichkeiten Schritt? Frühere Zeiten hatten noch nicht die ökologischen
Probleme im Blick, auch nicht die Fragen, die mit der globalen Vernetzung der
Weltwirtschaft zusammenhingen. Früher reichte eine einzige Ausbildung, die in
einem stabilen Beruf für die ganze Lebenszeit Arbeit und Brot absicherte. Heute
braucht es den bleibenden Zugang zu beruflichen Weiterbildungs- bzw.
Umschulungsmöglichkeiten, um dem flexibel gewordenen Arbeitsmarkt entsprechen
zu können. Sozial hinreichend gerecht war in der Ständegesellschaft vergangener
Signatur KGE/1 (KaRe-GK-ET/Ma)
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45 Jahrhunderte ein Versorgungsanspruch, abgesichert durch einen Patron oder die
Großfamilie. Heute bedarf es
gestufter Versicherungs- und Rentensysteme, die auch nach dem Ausscheiden aus
der Erwerbsarbeit ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Sachverstand und
demokratisch abgesicherter Konsens müssen abklären, was für uns heute jeweils
50 angemessen, „sozial gerecht“ (und bezahlbar) ist. [...]
4. Freiheit und Gleichheit sind im Blick auf eine gerechte Sozialordnung keine
absoluten Alternativen, sondern „regulative Ideen“, die wohl zueinander in Spannung
stehen, aber sich gegenseitig ergänzen. [...]
Die Freiheit für Einzel- und Gruppeninteressen muß zusammengehen mit der
55 Absicherung, dass Ungleichheiten (die unaufhebbar und wohl auch notwendig sind)
nicht den Zugang zu Grundfreiheiten und zu Grundgütern für alle verstellen. [...]
Ohne Zweifel ist es eine Illusion zu meinen, es gäbe so etwas wie eine absolute
Gleichheit in den Lebensbedingungen der Menschen. Es gibt eine moralische
Gleichheit aller Menschen, begründet in ihrer Personalität und ihrer
60 Gottesbeziehung. Es muß Gleichheit vor dem Gesetz geben, was uns gottlob heute
selbstverständlich ist. Es sollte Chancengleichheit geben, aber schon das ist nur
bedingt zu verwirklichen. Ein Beinamputierter bleibt benachteiligt – auch beim besten
Willen seiner Umwelt, ihm in jeder Hinsicht beizustehen. Die Forderung nach strikter
sozialer Gleichverteilung aller Güter schließlich ist unsinnig, ja kontraproduktiv.
65 Gerechtigkeit kann nicht darin bestehen, dass es allen gleich schlecht geht.
Erzwungene Egalisierung kann selbst wieder ungerecht sein. Sie wird nicht der
notwendigen Rollenverteilung von Aufgaben und Ämtern in einer Gesellschaft
gerecht. Und sie übersieht zudem die Schwäche und Sündhaftigkeit der
menschlichen Natur, die nicht nur Theologen konstatieren. [...] Sozial gerecht ist, was
70 auch den anderen leben lässt – und die Generationen, die nach uns kommen. [...]
Aus: Tag des Herrn, Nr. 38 vom 20.9.1998 Teil 1 und Nr. 39 vom 27.9.1998 Teil 2
Signatur KGE/1 (KaRe-GK-ET/Ma)
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Prüfungsarbeit B
Aufgaben
1.
Zeigen Sie die Problematik des Begriffs „Reich Gottes“ in M 1 nach Koch auf.
(14 BE)
2.
Verdeutlichen Sie anhand von zwei neutestamentlichen Texten „die Menschenfreundlichkeit des von Jesus vertretenen Reiches Gottes“(M 1, Z 29f).
(10 BE)
3.1. Skizzieren Sie den Auferstehungsglauben der Christen.
(4 BE)
3.2. Erschließen Sie den Zusammenhang zwischen dem Osterglauben und der
Botschaft Jesu.
(12 BE)
4.
Untersuchen Sie mit Hilfe von zwei Beispielen, was es heißt, dass das Reich Gottes
nicht in einer weltabgeschiednen Innerlichkeit existiert.
(12 BE)
5.
Interpretieren Sie den Satz des Textes M 1 „Wer die Christentumsgeschichte nicht
als die problematische Geschichte des Ringens um das Reich Gottes bei den
Menschen begreift, der entledigt sich mit der Last der Geschichte zugleich der von
Jesus eingeleiteten Realisierung des Reiches Gottes“. (Z 38 – 41).
(8 BE)
Signatur KGE/1 (KaRe-GK-ET/Ma)
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M1
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Nur als Prozeß zeitlicher Realisation des ewig vollendeten Reiches ist
Jesu “Reich Gottes” recht erfaßt.
Gott ist als Gott nicht ohne sein “Reich” mit den Menschen zu denken anders wäre er ein menschen-loser Gott, mit dem folglich Menschen, die
sich als Menschen wissen, nichts zu tun hätten. - Was Jesu Taten und
Botschaft prägt, das ist die gegenwärtig auf Erden anbrechende
Durchsetzung des Reiches, das bei Gott im Himmel bereits vollendet und
das Gottes letzte Absicht mit den Menschen und dessen höchste
Bestimmung ist. Indem es gegenwärtig sich Bahn bricht, hat der Glaube
im Augenblick der Erfahrung - etwa als “Rettung” - die ganze Erfüllung
jetzt und hier in sich (und wird gerade nicht auf eine noch ausstehende
Zukunft verwiesen). [...]
Jesu “Reich-Gottes”-Botschaft stellt keinen bloßen Anspruch auf (etwa
einen “Vollmachtsanspruch”), den er in der Gegenwart anmeldet, dessen
Bestätigung aber der Zukunft (seiner Auferweckung oder des
eschatologischen Endes) vorbehalten wäre. [...]
Ein Reden vom Reich Gottes, das in seinem Kern nicht mehr ist als ein
moralischer Appell, bleibt hinter Jesu Auftreten zurück.
Wo das Reich Gottes zum Postulat1 gerät, dieses oder jenes müsse
“allererst” oder “nun endlich” geschehen - wo insbesondere seine
“gesellschaftliche Realisierung” nur eingefordert oder gar eingeklagt wird,
da ist Jesu Sache verlassen. Als in Jesu Wirken herbeigekommen, ist das
Reich Gottes eine in der Geschichte wirkende Wirklichkeit. Welch
maßloser Anspruch, anzunehmen, es würde mittels irgendwelcher
Aktionen “gesellschafts-bestimmend”, wenn es das seit 2000 Jahren nicht
war! Die pure Forderung überfordert immer.
Jesu Reich Gottes ist darum auch kein “Ideal”, dem nachzustreben wäre:
an dem man sich mithin abmüht, ohne es je zu erreichen.
Solche “Idealisierung” verrät die Menschenfreundlichkeit des von Jesus
vertretenen Reiches Gottes.
Jesu Reich Gottes ist um Entscheidendes verkürzt, wenn es entweder um
die Innerlichkeit gebracht wird, in der sich der einzelne selbst gewinnt oder wenn dies Inwendige zu einer welt-abgewandten Gemütsprovinz
verharmlost wird. Christliche Innerlichkeit und Freiheit ist nicht derart, daß
sich der einzelne, auf sich beharrend, selbst genügt.
[...] In der Realisierung des göttlichen Reiches hier auf Erden, nicht
zuletzt in der sozialen Lebenswelt, sind Größe und geschichtliche Schuld
des Christentums beschlossen. Wer die Christentumsgeschichte nicht als
die problematische Geschichte des Ringens um das Reich Gottes bei den
Menschen begreift, der entledigt sich mit der Last der Geschichte
zugleich der von Jesus eingeleiteten Realisierung des Reiches Gottes.
Aus: Traugott Koch: Gesellschaft und Reich Gottes. In: Christlicher Glaube in moderner
Gesellschaft. Bd. 28. Hg. v. Franz Böckle u.a. Freiburg i.Br. 2l982, 22-24
1
Postulat: unbedingte sittliche Forderung
Signatur KGE/1 (KaRe-GK-ET/Ma)
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Seele and Geist
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