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1 Augsburg, 9.2.2010 Ein paar kritische Anmerkungen zu: Was ist

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Augsburg, 9.2.2010
Ein paar kritische Anmerkungen zu:
Was ist von neuen Versuchen zum Verständnis
Gottes zu halten?
(besonders mit Bezug auf das Buch von M. Kroeger) von Hanns Leiner
Ich habe mir das Buch bereits 2005 gekauft und angefangen, es zu lesen, aber das bald wieder
aufgegeben unter dem starken Eindruck: So geht es nicht! Dieser Eindruck hat sich mir nun
bei der Lektüre der Zusammenfassung von G. Hegele erneut bestätigt und bestärkt. Was
Kroeger hier betreibt und empfiehlt, das läuft m.E. nun eben doch auf Auflösung und
Ausverkauf von Theologie und christlichem Glauben hinaus, die in einer allgemeinen
Religiosität untergehen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß und wie man auf diesem Wege
einem christlichen Verständnis Gottes näher kommen könnte. Ein Gottes“bild“ dürfen und
können wir uns ja sowieso nicht machen. Das scheint mir jedoch bei Kr. im Namen der
menschlichen Autonomie zu geschehen. Droht sich auf diese Weise nicht genau das zu
wiederholen, was L. Feuerbach in Sinne seiner religionskritischen Theorie propagiert hat:
Der Mensch formt sich Gott nach seinem Bilde!?
Ich will meine Anfragen in aller Kürze in drei Einwände zusammenfassen:
1. In dem Buch und in den bisherigen Beiträgen wird nach Gott gefragt „etsi Christus non
daretur“: Wenn ich recht gelesen habe, so wird im Zusammenhang mit der Suche nach einem
heute plausiblen Gottesverständnis überhaupt nirgends von Jesus Christus gesprochen. Dabei
gehört doch zum Grund- und Kernbestand christlichen Gottesglaubens das Bekenntnis, daß
Gottes Herrlichkeit und Wesen – in erster Linie – erkannt werden „im Angesichte Jesu
Christi“ (2.Kor 4,6). Gerade weil ein naiver Theismus angesichts der Wirklichkeit der Welt
und des Menschen ebenso zum Scheitern verurteilt ist wie ein genauso naiver Atheismus,
wird Jesus Christus für eine wirkliche Gotteserkenntnis unverzichtbar. Hat Luther nicht recht
mit seinem erschreckenden Diktum: „Gott außerhalb von Christus zu suchen – das ist der
Satan“?
Dieser christologische Defizit der Bemühungen um ein neues „Gottesbild“
hängt für mich zusammen mit einem zweiten Mangel:
2. Es wird hier nach Gott gefragt „etsi biblia non daretur“: Ich bin wahrhaftig kein Vertreter
eines Biblizismus. Aber wo kommen wir hin, wenn wir nicht auf die Erfahrungen mit Gott
hören, die uns im biblischen Zeugnis begegnen, und uns nicht mit ihnen auseinandersetzen?!
Wenn der „autonome Mensch“ (der hier so oft apostrophiert wird) meint, dies nicht mehr zu
können und zu brauchen, dann wird er sich sein eigenes (=eigenmächtiges) Gottesbild
zurechtmachen und muß sehen, wie er damit zurechtkommt, nur mit christlichen
Gottesglauben wird das dann nichts mehr zu tun haben. Damit komme ich zu meinem dritten
Einwand:
3. Haben wir es denn beim Christentum einfach mit einer Religion unter anderen zu tun? So
wird allerdings christlicher Glaube in dem, was ich bei Kroeger gelesen habe, immer wieder
bezeichnet. Ich bin zwar kein Barthianer (mehr), aber haben er und auch D. Bonhoeffer nicht
darin recht, daß sie sagen: Wir haben es bei der christlichen Gottesoffenbarung nun eben
doch mit etwas anderem als mit einer „normalen“ Religion zu tun?! Es mag ja sein, daß die
christliche Kirche im Lauf ihrer Geschichte (seit dem Frühkatholizismus und dann später
1 besonders deutlich im Katholizismus überhaupt) die Person und Botschaft Jesu in die
allgemeine Religion „heimgeholt“ hat. Vielleicht war das religionspsychologisch für das
Überleben des christlichen Glaubens sogar unvermeidlich; aber bei Jesus selbst höre und
spüre ich etwas ganz anderes: Einen durchaus religionskritischen Zug, der sich auch bei
Paulus fortsetzt. Jesus Christus ist als „das Ende des Gesetzes“ nicht nur das Ende der
jüdischen Religion, sondern auch das Ende der allgemein menschlichen Religion überhaupt.
Deswegen finde ich es hochproblematisch, ihn und seine Botschaft so
selbstverständlich unter dem Oberbegriff Religion zu subsumieren, wie Kroeger das zu tun
scheint. Das führt dann eben doch zwangsläufig zum Synkretismus, selbst wenn er sich
dagegen wehrt. Wenn man den Gottesglauben und das Gottesverständnis dem Gefühl und
Erfindungsreichtum des autonomen Menschen überläßt, dann landet man konsequenterweise
bei den Göttern der Religionen. Die sind dann tatsächlich sehr verschiedenartig, gut und böse,
nahe und fern, janusköpfig und widersprüchlich, nicht zufällig oft grausam, raubtierhaft und
gefährlich. Wir landen nämlich auf diesem Wege bei dem, was Luther mit gutem Recht den
„verborgenen Gott“ genannt hat. Der eigenmächtige Rückfall in die Welt der Religionen wird
m.E. teuer erkauft, nämlich um den Preis des Verlustes der Gewißheit eines – oft gegen allen
Augenschein – rettenden, liebenden menschlichen Gottes. Darauf will ich auch mit dem Titel
meines Buches „Der verborgene Schöpfer“ aufmerksam machen: In der Natur ist Gott für uns
ebenso tief verborgen wie etwa in der Geschichte. Beides ist Gottes „Mummerei“ (Luther).
Weil in den bisherigen Überlegungen diese Probleme des Gottesglaubens so wenig
thematisiert wurden, möchte ich zur Ergänzung und Bestätigung meiner Gedanken auf einige
weitere Literatur aufmerksam machen, in der sehr ernsthaft und offen reflektiert wird, wie
schwierig, widersprüchlich und teilweise geradezu unheimlich „die Sache mit Gott“ für uns
ist:
M. Luther: De servo arbitrio (deus absconditus!) J. Moltmann: Der gekreuzigte Gott,
Kaiser Verlag, 1972 E. Jüngel: Gott als Geheimnis der Welt, I.C.B. Mohr, 1977
P.
Lonning: Der begreiflich Unergreifbare, Vandenhoeck & Ruprecht, 1986
W. Gross und
K. J. Kuschel: Ich schaffe Finsternis und Unheil, Grunewald, 1992
U. H. J. Koertner: Der
verborgene Gott, Neukirchener, 2000
W. Dietrich, C. Link: Die dunklen Seiten Gottes,
Neukirchener, 2000 W. Thiede: Der gekreuzigte Sinn, Gütersloher, 2007
Schließlich möchte ich noch die Fragen weitergeben, die mir beim Lesen der längeren
Zusammenfassung von Kroeger durch Hegele gekommen sind:
„Abnahme der Zustimmung zur kirchlichen Lehre“: Kann das für uns oder überhaupt für die
Wahrheitsfindung maßgeblich sein? Es geht ja bei dem Zielkonflikt zwischen Relevanz des
Gottesglaubens und der Identität des Inhalts dieses Glaubens in erster Linie darum, die
Identität zu bewahren.
„Gottesverständnis an ein eher naturwissenschaftliches Weltbild angepaßt“: Hängt das
„Gottesbild“ wirklich vom NW-lichen Weltbild ab? Und welche Folgen soll das haben? Ist
im sog. modernen Weltbild Gottesglaube nicht mehr möglich, wie der Atheismus (z.B. eines
szientistisch- atheistischen Dawkins) behauptet?
„Versuche der Neuformulierung, die sich sehr weit von herkömmlichen Verständnis- und
2 Redeweisen entfernen“: Mit welchem Recht, mit welcher Notwendigkeit, in welche Richtung
und zu welchem Ende geschieht das?
„Forderung eines non-theistischen Gottesbildes durch Kroeger“: Das müßte näher ausgeführt
werden: Soll dabei etwa wieder eine „Theologie nach dem Tode Gottes“ erneuert werden?
„Viele Menschen sind (bei der Suche eines Gottesbildes“) in Neuland unterwegs oder
schauen danach aus“: Welche Rolle spielt eigentlich bei dieser Fragestellung noch die Bibel
und Jesus Christus?
„Vieles Neue liegt bereit...“: Welche Bedeutung hat denn die Kategorie der Neuheit? Ist das
Neue eo ipso das Bessere, Richtige, oder gar Wahre?
„Neuinterpretation der fundamentalen Grundlagen und Uranliegen“: Die werden leider nicht
genannt? Welche sollen das sein?
„Verweigerung der fälligen Transformation durch die Kirche“: Kann man angesichts der
vielfältigen Bemühungen das so pauschal sagen? Außerdem: Muß man nicht doch auch
danach fragen, was dabei herauskommt?
„Verluste und Abschiede“: Welche sind z.B. gemeint? Was davon ist vertretbar, was bleibt
aber vom „Alten“ unverzichtbar? Ich vermisse auch hier inhaltliche Aussagen!
„Befreiung, Bereicherung und Erweiterung“: Wiederum meine Frage nach inhaltlichen
Beispielen: Welche? „Von anderen Positionen und Sichtweisen zu lernen“: Von welchen und
was? Warum eigentlich nicht auch von unserer eigenen Tradition (die doch immer
unbekannter wird) lernen?
„Synkretismus“: Besteht nicht wirklich die Gefahr der Vermengung und dabei des Verlustes
des Ureigenen? Vor allem, wenn man so wie hier einfach zugesteht, daß
„diese Wahrheit
aber viele Gesichter hat“. Ich vermisse es gerade an dieser Stelle, daß auch nicht einmal
angedeutet wird, welches das Gesicht unserer Wahrheit ist (2. Kor 4,6!).
„...ohne darum die Beziehung zur Kirche und zum christlichen Glauben aufgeben zu wollen“:
Ist das ernst gemeint? Führt die Art und Weise des Vorgehens hier nicht doch dazu? Nämlich
zu einer nicht mehr christlich zu nennenden Ausprägung oder Füllung der
Gottesvorstellung?!
„Autonomie aller Menschen“: Dies Schlüsselwort von Kroeger wirft bei mir eine Reihe von
Fragen auf. So unkritisch und ungebrochen, wie hier die menschliche Autonomie bejaht wird,
vermag ich es nicht zu sehen. Natürlich kommt dem Menschen innerweltliche Autonomie zu
– wobei man von einer christlichen Reflektion darüber schon nach ihrer Begründung fragen
sollte (die ich in der Gottebenbildlichkeit des Menschen finde). Ich sehe sie jedoch schon
vom 1. Artikel her dadurch problematisiert, daß wir uns ja nicht im „Urstand“ befinden; offen
gefragt: Wie sieht es denn mit der Autonomie des sündigen Menschen aus? Kann sie nicht
mit dem menschlichen Egoismus sehr fragwürdige Züge annehmen: Machtstreben,
Herrschsucht, Rücksichtslosigkeit, Hochmut und Größenwahn bis zur Hybris der
Gottgleichheit usw.? Das gilt auch für den geistigen Bereich: Einbildung, Rechthaberei,
Verbohrtheit, Unbelehrbarkeit, bis hin zur Verstockung. Für den religiösen Bereich habe ich
3 schon auf die Versuchung zur „Götterfabrik“ hingewiesen. Was kommt denn bei dem „Recht
zur Ausbildung eigener Religion“ heraus, auch an Aberglauben, Wahngebilden,
verführerischem Enthusiasmus bis hin zum religiösen Fanatismus?! Wir haben das doch etwa
in Gestalt des NS- Führerkults und seiner bösen Folgen sehr realistisch erlebt.
Doch wie sieht es dann mit der Autonomie des Christen aus? Immerhin fragt Kroeger
wenigstens, „ob „Die Freiheit eines Christenmenschen“ Luthers die Autonomie im heutigen
Verständnis einschließt“: Wenn man Luther ernst nimmt, kann die Antwort natürlich nur nein
lauten, denn das geht schon aus der dialektischen Doppelthese zu Beginn dieser Schrift
hervor! Deren 2. Hälfte wird – wie so oft – einfach übergangen und unterschlagen: „Ein
Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“. Das gilt
sogar in einem doppelten Sinne: theologisch und ethisch: Theologisch, weil diese Freiheit
ihren Grund allein in der völligen Bindung an Christus hat. „Ich lebe, doch nun nicht ich,
sondern Christus lebt in mir“, oder: „Unser keiner lebt sich selber...so leben wir dem Herrn.“
Der Paulus, der sich durch Christus „zur Freiheit“ und damit auch gegenüber dem Gesetz zur
Autonomie befreit weiß, sieht sich zugleich als „Knecht Jesu Christi“. Oder Luther am Ende
der Freiheitsschrift: „Ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus ...“. Er
ist also frei und autonom gerade weil und sofern er im Glauben unauflöslich mit Christus
verbunden und an ihn gebunden ist. Das aber meint die heutige Rede von Autonomie eben
gerade nicht! Ethisch gilt das zudem insofern, als der Christ durch die Liebe Christi
verpflichtet ist, sie weiterzugeben. Auch das sagt Luther hier ganz klar. Das angefangene
Zitat geht weiter: „... und seinem Nächsten, in Christus durch den Glauben, im Nächsten
durch die Liebe...“. Sicher, diese Liebe ist keine Fremdbestimmung, sondern eigentliche
Erfüllung. Deswegen spricht Luther gerne davon, daß die Werke des Christenmenschen
„freie Werke“ sind, die er gerne und gewissermaßen von selbst und von sich aus tut. Aber
nicht so, als ob er sie auch lassen könnten; in einem tiefen Sinn ist er dazu eben verpflichtet
(Darum heißt es in CA 6 zu Recht: „..., daß der Glaube gute Früchte und gute Werke
hervorbringen soll.“). Auch so gesehen ist es leider nichts mit der völligen Autonomie des
Menschen. Daß ihm gegenüber der Offenbarung Gottes in Christus und damit auch dem
biblischen Zeugnis von ihm keine autonome Eigenständigkeit zukommt, erübrigt sich
eigentlich zu sagen. Denn daran hängt unser Heil und Leben. Wenn wir demgegenüber frei
wären, wäre dies ja in unser Belieben gestellt, und damit mindestens in Frage gezogen.
Kurzum – wenn wir beim reformatorischen Glauben bleiben wollen, ist es nichts mit dem
modernen Konzept der Autonomie.
„die religiöse Lage eines Marktes mit seinen Angeboten“: Was besagt oder beweist das? Im
übrigen war es zur Zeit des Lebens Christi und der Apostel auch nicht anders im römischen
Weltreich. Ich sehe aber nicht, daß sie daraus die Konsequenz einer Selbstrelativierung
gezogen hätten!
„Wählen, was zu uns paßt“: Ist das wirklich ein Wahrheitskriterium? Öffnet diese Einstellung
nicht Tür und Tor zu jeder postmodernen Beliebigkeit? Gibt es dann überhaupt noch so etwas
wie eine gemeinsame, christliche Identität?
„Wahl zwischen Lebenskonzepten und
Gottesbildern selbst verantworten“: Das ist natürlich richtig, daß wir die Verantwortung
tragen müssen; doch wie soll die Wahl geschehen? Nach welchen Kriterien soll sie sich
4 vollziehen? Wird das auf diese Weise nicht nur die Wahl nach dem eigenen, individuellen
Geschmack sein? Konkret gefragt: Welche Rolle spielen dabei die biblischen Schriften? Ich
meine, es geht nicht anders, als daß wir als Christen die zugrunde legen. Es bleibt ja noch
immer die schwierige hermeneutische Frage der rechten Auslegung; aber wir haben dann
wenigstens so etwas wie eine gemeinsame Basis. Die hier bei Kroeger gegebene Basis
genügt mir nicht:
„So müssen Autonomie, Selbständigkeit und Mündigkeit auch in
religiöser Hinsicht hermeneutische Schlüsselbegriffe im Prozeß und Bewußtsein ihrer
religiösen Neubegründung und Neuinterpretation erhalten bleiben“: Bei dieser Beschreibung
des Menschen, seiner Möglichkeiten und Aufgaben wird überhaupt nicht auf die Tatsache
Bezug genommen, daß der Mensch Geschöpf seines Schöpfers ist, der dadurch in eine
Urbeziehung gestellt ist, die ihn trägt, aus der er nicht herauskommt, die ihn auch als Sünder
nicht entläßt und zu der er wieder zurückkehren soll und darf. Der Mensch erscheint in dem
Entwurf von Kroeger fast als autonomer Schöpfer seiner selbst, so ähnlich, wie er im
Existenzialismus und auch Atheismus gesehen wird. Wie soll auf diesem - fragwürdigen –
Hintergrund es gelingen, ein rechtes, lebendiges und den Menschen tragendes Verständnis
Gottes zu gewinnen? Zumal von der christlichen Gotteserkenntnis: „So wie Jesus, so ist Gott“
nirgends auch nur entfernt die Rede ist!? 5 
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