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Was sind Entwicklungsstörungen?
Definition, Klassifikation, Erscheinungsbild und
Behandlung
Dr. Katrin Mildenberger
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
Irsee, Oktober 2014
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Gliederung
• Teil 1
• Allgemeine Einführung, Definition
• Klassifikation
• Umschriebene Entwicklungsstörungen
• Teil 2
• Tiefgreifende Entwicklungsstörungen
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Klassifikation
Weltgesundheitsorganisation (WHO)
Internationale Klassifikation psychischer Störungen.
ICD-10, Kapitel V.
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Klassifikation
• Weltgesundheitsorganisation: Internationale Klassifikation
psychischer Störungen. ICD-10, Kapitel V.
Herausgegeben von H. Dilling, W. Mombour, M. Schmidt. Verlag Huber, Bern.
• Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des
Kindes- und Jugendalters nach der ICD-10 der WHO. 3. revidierte
Auflage.
Herausgegeben von H. Remschmidt, M. Schmidt. Verlag Huber, Bern 1994.
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Multiaxiales Klassifikationsschema
Achse I:
Achse II:
Achse III:
Achse IV:
Achse V:
Achse VI:
Klinisch-psychiatrisches Syndrom
Umschriebene Entwicklungsstörung
Intelligenzniveau
Körperliche Symptomatik
Assoziierte aktuelle abnorme
psychosoziale Umstände
Globalbeurteilung der
psychosozialen Anpassung
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Entwicklungsstörungen
• Beginn, der im Kleinkindalter oder in der Kindheit liegt
• Eine Einschränkung in der Entwicklung von Funktionen,
die eng mit der biologischen Reifung des ZNS verknüpft
sind
• Mehr Jungen als Mädchen, familiäre Häufung
• Stetiger Verlauf, der nicht die für viele psychische
Störungen typischen Remissionen und Rezidive zeigt
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Entwicklungsstörungen
• Umschriebene
Entwicklungsstörungen
Definition über
Diskrepanzkriterium
• Tiefgreifende
Entwicklungsstörungen
Definition über eine
bestimmte
Verhaltenskonstellation
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Klassifikation Intelligenz F7
• Sehr hohe Intelligenz
• Hohe Intelligenz
• Normvariante
• Niedrige Intelligenz
(IQ>129)
(IQ 115-129)
(IQ 85-114)
(IQ 70-84)
• Leichte Intelligenzminderung
• Mittelgradige Intelligenzminderung
• Schwere Intelligenzminderung
• Schwerste Intelligenzminderung
(IQ 50-69)
(IQ 35-49)
(IQ 20-34)
(IQ<20)
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Umschriebene Entwicklungsstörungen
Spezifische Störung
einer Funktion
• keine Hörstörung
• keine geistige Behinderung
• keine Cerebralparese
• keine Deprivation
• keine psychiatrische Störung
(z.B. Autismus)
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Klassifikation „UES“
• F 80 Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache
•
•
•
•
F 80.0 Artikulationsstörung
F 80.1 Expressive Sprachstörung
F 80.2 Rezeptive Sprachstörung
F 80.3 Erworbene Aphasie
• F 81 Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten
•
•
•
•
F 81.0 Lese- und Rechtschreibstörung
F 81.1 Isolierte Rechtschreibstörung
F 81.2 Rechenstörung
F 81.3 Kombinierte Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten
• F 82 Entwicklungsstörung der motorischen Fertigkeiten
• F 83 Kombinierte umschriebene Entwicklungsstörung
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Prävalenz Entwicklungsstörungen
DSM-IV
Komorbidität
F 80.0
2-3 %
1-2 %
F 80.1 +F 80.2
3-5 %
50-60 %
0.6 bis 1 %
50%
1,5%
30-40 %
F 84.0
F 70
Nach Esser und Schmid 1994, Baird et al., Fombonne et al 2005., Sarimsky
2004
Artikulationsstörung (F80.0)
Eine umschriebene Entwicklungsstörung, bei der
die Artikulation des Kindes unterhalb des seinem
Intelligenzalter angemessenen Niveaus liegt, seine
sprachlichen Fertigkeiten jedoch im Normbereich
liegen.
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Leitsymptome Sprachstörung
• Spätes Sprechen
• Geringer Wortschatz
• Äußerungslänge zu kurz für das Alter
• Ein-/Zwei-Wort-Sätze mit 3 Jahren
• einfache Hauptsätze mit 6 - 7 Jahren
• Wortstellung inkorrekt
• Wortform inkorrekt
• Erlebnisse werden nicht verständlich dargestellt
• Wortfindungsprobleme
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Expressive Sprachstörung (F80.1)
Eine umschriebene Entwicklungsstörung, bei der
die Fähigkeit des Kindes, die expressiv
gesprochene Sprache zu verwenden, deutlich
unterhalb des seinem Intelligenzalter
angemessenen Niveaus liegt, bei dem jedoch das
Sprachverständnis im Normbereich liegt.
Artikulationsstörungen können vorhanden sein.
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Rezeptive Sprachstörung (F80.2)
Eine umschriebene Entwicklungsstörung, bei der
das Sprachverständnis des Kindes deutlich
unterhalb des seinem Intelligenzalter
angemessenen Niveaus liegt.
In fast allen Fällen ist auch die expressive Sprache
deutlich gestört, Unregelmäßigkeiten in der WortLaut-Produktion sind häufig.
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Leitsymptome rezeptive Ebene
Unzuverlässige Reaktion
auf Aufforderungen
Kauderwelschsprache
Jargon
Wenig kreatives Spiel
Ungenaue Beantwortung
von Fragen
Echolalie
Unruhig, „mit den Augen
überall“
Antwortet häufig mit „ja“
Dysgrammatismus bei
teilweise korrekten
komplexen Sätze
Eigenwillig, selbstbestimmt,
soziale Schwierigkeiten
Wenig Aufmerksamkeit für
gesprochene Sprache
Sätze, die floskelhaft
wirken
(„weiß ich nicht“)
z.T. aggressiv
Zeigen kaum Interesse am
Vorlesen
z.T. zurückgezogen, ängstlich
Schulerfolg
%
100
80
60
niedriges Niveau
höheres Niveau
40
20
0
Lernbehind.
pers. SES
Rückb. D. SES
Kontrollkinder
Suchodoletz et al. 2008
Häufigkeit LRS bei USES
100
%
80
60
93
40
80
52
20
22
0
Lernbehind.
pers. SES
Rückb. D. SES
Kontrollkinder
Suchodoletz et al. 2008
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Klassifikation „UES“
• F 80 Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache
•
•
•
•
F 80.0 Artikulationsstörung
F 80.1 Expressive Sprachstörung
F 80.2 Rezeptive Sprachstörung
F 80.3 Erworbene Aphasie
• F 81 Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten
•
•
•
•
F 81.0 Lese- und Rechtschreibstörung
F 81.1 Isolierte Rechtschreibstörung
F 81.2 Rechenstörung
F 81.3 Kombinierte Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten
• F 82 Entwicklungsstörung der motorischen Fertigkeiten
• F 83 Kombinierte umschriebene Entwicklungsstörung
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Klassifikation
F 81 Entwicklungsstörungen schulischer
Fertigkeiten
•
•
•
•
F 81.0 Lese- und Rechtschreibstörung
F 81.1 Isolierte Rechtschreibstörung
F 81.2 Rechenstörung
F 81.3 Kombinierte Entwicklungsstörungen
schulischer Fertigkeiten
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Lese- und Rechtschreibstörung (F81.0)
Das Hauptmerkmal dieser Störung ist eine umschriebene und
eindeutige Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lese/Rechtschreibfertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter,
durch neurologische Probleme oder durch unangemessene
Beschulung zu erklären ist.
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Anzeichen einer Lesestörung
• Auslassen, ersetzen, verdrehen und hinzufügen von
Buchstaben, Worten oder Wortteilen
• Verlangsamte Lesegeschwindigkeit
• Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder
Verlieren der Zeile im Text, stockendes Lesen von Wort
zu Wort, aber auch von Buchstabe zu Buchstabe;
ungenaues, nicht sinnhaftes Betonen beim Lesen
• Vertauschen von Wörtern im Satz oder von Buchstaben
in den Wörtern
• Die Unfähigkeit, Gelesenes wiederzugeben
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Anzeichen einer Rechtschreibstörung
• Verdrehen von Buchstaben im Wort
• Umstellen von Buchstaben im Wort
• Einfügen falscher Buchstaben
• Auslassen von Buchstaben
• Dehnungsfehler
• Fehler in der Groß-Kleinschreibung (Regelfehler)
• Verwechslung von „d/t“, „g/k“, „v/f“
(Wahrnehmungsfehler)
• Fehleränderung: das gleiche Wort wird fehlerhaft und
zwischendurch auch richtig geschrieben
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Lese- und Rechtschreibstörung
• Intelligenzquotient >70
• Lese-Rechtschreibtest PR<11bzw. Unterhalb des kritischen PR
• Diskrepanz IQ und Legasthenietest 12 T-Wertpunkte
• Anamnese
• Schriftliche Arbeiten, Diktate
• Schulzeugnisse, Lehrerurteile
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Klassifikation „UES“
• F 80 Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache
•
•
•
•
F 80.0 Artikulationsstörung
F 80.1 Expressive Sprachstörung
F 80.2 Rezeptive Sprachstörung
F 80.3 Erworbene Aphasie
• F 81 Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten
•
•
•
•
F 81.0 Lese- und Rechtschreibstörung
F 81.1 Isolierte Rechtschreibstörung
F 81.2 Rechenstörung
F 81.3 Kombinierte Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten
• F 82 Entwicklungsstörung der motorischen Fertigkeiten
• F 83 Kombinierte umschriebene Entwicklungsstörung
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Motorische Störung (F82)
Das Hauptmerkmal dieser Störung ist eine
schwerwiegende Beeinträchtigung der motorischen
Koordination, die nicht allein durch eine
Intelligenzminderung oder eine umschriebene,
angeborene oder erworbene neurologische Störung
erklärbar ist.
Die motorische Ungeschicklichkeit ist verbunden mit
einem gewissen Grad von Leistungsbeeinträchtigungen
bei visuell-räumlichen Aufgaben.
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Ursachen
• Genetische Disposition
• Familiäre Häufung bei Sprachstörungen / LRS
• Zwillingsuntersuchungen
• Molekulargenetische Untersuchungen
• Biologische Komponente
• Gehäufte Unreifezeichen des ZNS
• Frühe Hirnschädigungen (prä-, peri- und postnatal)
• Umwelteinflüsse
• nicht ursächlich, begünstigen aber die Manifestation von
Entwicklungsstörungen
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Einnässen
Einkoten
Stottern
Ängstlichkeit
Depressivität
Umschriebene
Entwicklungsstörung
Teilleistungsstörungen
Sprache
Lesen
Rechtschreiben
Motorik
Hyperkinetische Störungen
Sozialverhaltensstörung
Aggressivität
Konflikte mit dem Gesetz
Sozialer Rückzug
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Bedeutung komorbider Störungen
• Diagnostik
• Suchen nach anderen Teilleistungsstörungen
• Suchen nach psychiatrischen Störungen
• Ausreichende Diagnostik
• Multimodale Therapie
• Umfassende Behandlung
• Gemeinsames Konzept
• Keine Überforderung
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Verlauf: Schule und Beruf
• In der Jugendzeit allgemeines Versagen in der Schule
• Bis zu 66% der Legastheniker müssen die Klasse wiederholen
• Trotz guter Intelligenz in Sonder- oder Hauptschule
• In wenig qualifizierten Berufen
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Verlauf
• Nikotinkonsum*
• Alkoholkonsum*
56%
31%
• Arbeitsverweigerung
• Strafrechtliche Verurteilung
22%
25%
*häufiger als bei anderen Entwicklungsstörungen
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Untersuchung
• Anamnese: Risikofaktoren bez. frühkindlicher
Hirnschädigung, familiäre Häufung
• Körperliche Neurologische Untersuchung, EEG, Sinnes-
beeinträchtigungen, Bildgebung
• Psychopatholog.
Emotionale / soziale Beeinträchtigung,
Aufmerksamkeitsstörungen
• Testpsychologie:
Intelligenz
spezielle Diagnostik im Bereich
Lesen, Schreiben, Rechnen, Sprache
Befund:
• Psychosoziale Bedingungen
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Achse V
• Abnorme intrafamiliäre Beziehungen (Disharmonie,..)
• Psychische Störung/Behinderung in der Familie
• Inadäquate familiäre Interaktion
• Abnorme Erziehungsbedingungen (Deprivation…)
• Abnorme unmittelbare Umgebung (Heim...)
• Akute belastende Lebensereignisse (Mißbrauch...)
• Gesellschaftliche Belastungsfaktoren (Migration…)
• Belastung mit Schule oder Arbeit (Sündenbock…)
• Belastung infolge Störung/Behinderung
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Achse VI
•0
•1
•2
•3
•4
•5
•6
•7
•8
herausragende/gute soziale Funktionen
mäßige soziale Funktionen
leichte soziale Beeinträchtigung
mäßige soziale Beeinträchtigung
ernsthafte soziale Beeinträchtigung
ernste / durchgängige soziale Beeinträchtigung
funktionsunfähig in den meisten Bereichen
schwere / durchgängige soziale Beeinträchtigung
tiefe / durchgängige soziale Beeinträchtigung
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Psychoedukation
Beratung der Eltern und
des Kindes
Schulische
Unterstützung,
Nachteilsausgleich
Umschriebene
Entwicklungsstörung
Übungsbehandlung
Sprache
Lesen
Rechtschreiben
Motorik
Psychotherapie
Verhaltenstherapie
Psychopharmakotherapie
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
§35a SGB VIII
Anspruch auf Eingliederungshilfe, wenn
1. die seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als 6
Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht
und
2. daher die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft beeinträchtigt ist
oder eine solche Beeinträchtigung zu erwarten ist
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Abweichen der seelischen Gesundheit
• Störungen nach ICD-10
• Lese- und Rechtschreibstörung
• Rechenstörung
• Krankheitswert der Störung
• Neurologische Erkrankung
• Sinnesbeeinträchtigung
• Andere körperliche Erkrankungen
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Selbstfürsorge
-Nahrung,Kleidung,Körperpflege
-materielle Grundversorgung
-Schlafen, Wohnen
-Umgang mit Gefühlen, Stress
-Zugang zu sozialen Leistungen
Alltagspraktische Fähigkeiten
-Zeiteinteilung
-Haushaltsführung
-Umgang mit Geld
-Mobilität
Soziale Beziehungen
-sprachliche Verständigung
-Familien- und Geschwisterbeziehungen
-Partner, Freunde, Gleichaltrige
-Regeln und Grenzen, Gesetzestreue
-Nachbarschaft, Wohnumfeld
Freizeit
-Angewiesensein auf fremde Hilfe
Leistungsfähigkeiten
-Aufmerksamkeit, Konzentration
-Lesen, Schreiben, Rechnen
-Bildungsbeteiligung
-Berufstätigkeit, Beschäftigung
-Interesse, Hobbys, Sport
-Teilhabe an Gruppen, Vereinen
-Teilhabe am polit. und kulturellen Leben
-Mediennutzung
-Feste und Feiern
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Abweichen der seelischen Gesundheit
Feststellung
• Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
• Kinder- und Jugendpsychotherapeuten
• Arzt oder psychologischer Psychotherapeut mit besonderen Erfahrungen auf
dem Gebiet der seelischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Beeinträchtigung - Teilhabe am Leben
• Teilleistungsstörung allein bedeutet keine bestehende oder drohende
Beeinträchtigung
• Teilhabe = aktive, selbstbestimmte Gestaltung des gesellschaftlichen
Lebens
• Sog. soziales Integrationsrisiko in den Bereichen Schule, Familie,
soziales Umfeld
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Beeinträchtigung - Teilhabe am Leben
• Drohende Beeinträchtigung
• Nach fachlicher Erkenntnis mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten
• Wesentlich mehr als 50%
• Zeitrahmen: so früh, dass noch Erfolg versprechende Maßnahmen
angesetzt werden können
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Fragen, Bemerkungen und Anregungen
zum 1. Teil
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Teil 2
Autismus-Spektrum-Störungen
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Autismus-Spektrum-Störungen
• Qualitative Beeinträchtigungen in der wechselseitigen sozialen
Interaktion
• Qualitative Beeinträchtigungen in der Sprache und Kommunikation
• Eingeschränktes, sich wiederholendes Verhaltensrepertoire
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Klassifikation von ASS
• F 84.0
Frühkindlicher Autismus
• F 84.5
Asperger-Syndrom
• F 84.1
Atypischer Autismus
• F 84.9
Nicht näher bezeichnete tiefgreifende
Entwicklungsstörung (PDD-NOS)
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Epidemiologie
• Meta-Analyse 34 Studien
über PDD Prävalenz
• 1 auf 150
• Median Alter: 8 Jahre
• Methode: 2 Phasen
(Screening/Diagnostik)
Fombonne 2005 Journal of Clinical Psychiatry





Kein Interesse am sozialen Spiel
Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Kontakten
Kein Blickkontakt, kein soziales Lächeln
Kein Versuch Aufmerksamkeit zu erregen
Eigenartige Kontaktaufnahme
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Noterdaeme, Thiemeverlag, Pädiatrietage 2011






Ausbleiben oder Stagnation der sprachlichen Entwicklung
Fehlende nonverbale Kommunikation
reagiert nicht auf Namen
Keine Wechselseitigkeit in der Kommunikation
Pedantische Sprache
Echolalie, ich-du-Verwechselungen, Floskelartige Sprache
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Noterdaeme, Thiemeverlag, Pädiatrietage 2011



Eigenartige sensorische Stimulationen/Interessen
Motorische Stereotypien
• Körperschaukeln
• Finger- /Handwedeln
Spezielle Interessen und Fertigkeiten
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Noterdaeme, Thiemeverlag, Pädiatrietage 2011
Diagnostik von ASS
Keine validen Biomarker
Verhaltensbasiert
Psychische Störung/ Konstrukt (latent)
Beobachtbares (manifestes) Verhalten
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Multidimensionale Diagnostik
Medizinische
Diagnostik
NeuroPsychologische
Diagnostik
Psychiatrische
Diagnostik
Psychosoziale
Diagnostik
KU
Neurologie
Genetik
Hören/
Sehen
Intelligenz
Sprache
TOM
Autismus
spezifisch
Komorbidität
Schule, Freundschaften,
Wohnen, Beruf
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Screening und Diagnose
Diagnostik
Elterninterview
ab 24 Mo
Diagnostik
Beobachtung
ab 24 Mo
Screening
Fragebogen
ab 36 Mo
Screening
Fragen,
Beobachtung
24 Mo
Fragebogen
4-18 LJ
Social Responsiveness Scale
(SRS)
Dimensionale
Diagnostik
MBAS
Screening
Fragen
72 Mo
ADI-R
Autism Diagnostic Interview
ADOS-G
Autism Diagnostic Observation
Schedule
FSK
Fragebogen zur Sozialen
Kommunikation
M-CHAT
Modified Checklist for Autism in
Toddlers
SRS
Die Marburger Beurteilungsskala
zum Asperger Syndrom
Diagnostisches Interview für Autismus-R
• Untersuchergeleitetes Interview (Dauer 1,5 bis 4 Std.)
• Direkte Umsetzung der diagnostischen Kriterien nach ICD-10
und DSM-IV
• Viele Fragen beziehen sich auf das Alterspektrum 4 bis 5 Jahre
• Entwicklungsalter von mindestens 24 LM
• Einsatz des ADI-R in der Regel ab 3. LJ möglich
• Ab dem 4. LJ führt das ADI-R zu validen Diagnosen
• Unterhalb der Grenze des Entwicklungsalters von 24 LM =
erheblichen Einschränkungen in der diagnostischen Validität
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Fragebogen zur sozialen Kommunikation
• Der FSK ist ein aus dem ADI-R abgeleiteter klinischer
Autismus-Screening-Fragebogen mit 40 dichotom
skalierten Items.
• Die Auswertung des Fragebogens erfolgt über den
Summenwert von 39 Items (max. Score=39), die
Störungen der sozialen Interaktion (15), der
Kommunikation (14) und repetitive Verhaltensweisen
(10) repräsentieren.
• Die Bearbeitungszeit beträgt etwa 20 Minuten.
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Mindestanforderung
Screening
Fragebogen
Diagnose/Klinik
ADOS plus Anamnese
Verlauf
Fragebogen
ADOS (mit längerem Abstand)
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
DSM 5
Task force
• Autismus-Spektrum-Störung
(keine Differenzierung mehr zwischen Autismus,
Asperger-Syndrom, atypischem Autismus, PDD-NOS)
• Soziale Kommunikation & Stereotypes Interesse &
Verhalten
• Onset-Kriterium nicht mehr altersgebunden
• Separate Schweregradeinschätzungen für beide Bereiche
• ggf. Sprache, Regression, Komorbidität als zusätzliche Codes
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Zusammenfassung
• ASS als komplexe Störungsbilder, gerade im
Vorschulalter vielfältige Differentialdiagnosen
beachten
• Bedarf mehrschrittiger Diagnostik
• Anwendung von Screening-Verfahren sinnvoll (auch
in der pädiatrischen Praxis)
• Standardisierte Autismus-Diagnostik als
Goldstandard für geschulte Fachkräfte verbessern
die diagnostische Validität
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Empirisch gut abgesicherte und ane rkannt wirksame Verfahren
Verhaltenstherapeutische Verfahren und Therapieprogramme, auch im Rahmen von Frühförderprogrammen (Lovaas, 1987, Koegel et al., 2001)
Psycho-edukative Programme wie TEACCH (Mesibov, 1997 )
Medikation für Begleitsymptome (McCracken, 2005, Poustka & Poustka, 2007)
Empirisch mäßig abgesicherte Verfahren, aber potentiell wirksam
Training der sozialen Kompetenz, auch anhand von Theory of Mind Trainings, Social Stories
oder gruppentherapeutischen Angeboten (Gray, 2000, Baron-Cohen, 2004, Herbrecht &
Poustka, 2007)
Empirisch nicht abgesichert, aber potentiell wirksam
Ergotherapie, Physiotherapie, Reittherapie, vor allem wenn in die Behandlungseinheiten lerntheoretische Elemente eingebaut werden
Zwe ifelhafte Methoden ohne empirische Absiche rung und ohne wissenschaftlich fundie rten Hintergrund
Festhaltetherapie, Diäten, Vitamine, Mineralstoffe, Sekretin, auditives Integrationstraining,
Irlen-Therapie, Facilitated Communication (FC), Affolter, Delacato
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Elternberatung
Beratung in Kindergarten/Schule
Familien entlastende Dienste
Aufbau der Kommunikation
Aufbau von sozialer Kompetenz
(Sprachtherapie, Ergotherapie,
Musiktherapie, Training der soz.
Kompetenz in Gruppentherapie)
Training Alltagsfertigkeiten
Essen
Sauberkeit
An-/Ausziehen, Spielverhalten
(TEACCH, KG, Spieltraining)
Medikation
Abbau von Störverhalten
lerntheoretische Grundlage
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Verhaltenstherapie
• Ferster 1961
Die drei Kernbereiche der autistischen Störungen sind
durch Verhaltenstherapie beeinflussbar
• Lovaas 1987, McEachin 1993
• 47% IQ Normbereich
• Integration in Regelschule
• mit 13 Jahren stabil bei 8 der 9 Kinder
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Verhaltenstherapie
Technik der
Stimuluskontrolle
– Graduelle Löschung
– Exposition
– Strukturierung des
Umfeldes
Technik der
Selbstkontrolle
– Selbstmanagement
– Aufstellen von Verträgen
– Kontingenzkontrolle
Technik der
Konsequenzkontrolle
– Kontingente Verstärkung
– Operante Löschung
– Kontingenzmanagement
– Tokensysteme
– Time-out
Kognitive Verfahren
– Rollenspiele
– Selbstinstruktion
– SOKO-Training
– Problemlösestrategien
Verhaltenstherapie
Merkmale
Initiative
Anweisung
Hilfestellung
Konsequenz
Diskretes
Lernformat
Therapeut
Natürliches
Lernformat
Kind
einfach,
flexibel
wiederholt
gleichbleibend
Hierarchie,
flexibel
Prompts, Fading
künstlich
natürlich
Verhaltenstherapie
Natürliches Lernformat/Schlüsselverhalten
• Nutzen von inhärenten Verstärkern bzw. von Situationen, die für das
Kind belohnend sind
• Initiative des Kindes steht mehr im Vordergrund
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Frühinterventionsprogramme
• Erlernen von grundlegenden sozialen und kommunikativen
Verhaltensweisen
• Erwerb von sprachlichen Fähigkeiten
• Kontaktaufnahme mit gesunden Kindern
• Beschäftigung mit Emotionen, Eigensteuerung in einer fremden
Umgebung
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Frühinterventionsprogramme
• Intensiv
20 bis 40 Stunden pro Woche,
mindestens 2 Jahre
• Individuell „one to one“, Einbindung Eltern
• Setting
Familiäres Umfeld
• Supervision
Therapeut (einmal pro Woche)
Lovaas 1987, McEachin 1993, Smith et al. 2000, Magiati et al. 2007, Bibby et
al. 2000, Cohen et al. 2006, Eikeseth et al. 2002, Eldevik et al. 2006
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
TEACCH
Treatment and Education of Autistic and related
Communication handicapped CHildren
1. Anpassung der Umwelt
2. Steigerung der individuellen Fähigkeiten
Schopler 1997, Mesiboc 1997, Panerai et al. 1997, Ozonoff et al. 1998 Mesibov et al. 1997
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Zentrale Begriffe bei TEACCH
• Strukturierung
• Strukturierung des Raumes
• Strukturierung der Zeit
• Strukturierung der Arbeit/Aufgaben
• Strukturierung von Material
• Aufbau von Routinen als Strukturhilfen
• Visualisierung
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
„Kontakt“ Gruppentraining
• Kinder (8 bis 13)
Jugendliche (13 bis 19)
• Konstante Bausteine
Eingangsrunde
Abschlussrunde
• Intelligenz >70
• Fließende Sprache
• Setting
•
•
•
•
4 bis 7 Teilnehmer
2 Therapeuten
wöchentlich oder 14-tägig
Elterngespräche
• Variable Bausteine
Emotionserkennung
Gruppenspiele
Rollenspiele
Gruppengespräche
Gruppenregeln
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
Fragen, Bemerkungen und Anregungen
zum 2. Teil
Mildenberger, Was sind Entwicklungsstörungen, Irsee 2014
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