close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 Mein Hartberg 2050 Lisa Handler Was wurde aus - HLW Hartberg

EinbettenHerunterladen
1
Mein Hartberg 2050
Lisa Handler
Was wurde aus?
Viel zu viel Zeit ist vergangen, seit ich das letzte Mal in Hartberg gewesen bin, dachte
sich Paula, als sie eines Abends in ihrer Wohnung auf dem Boden saß. Natürlich saß
sie dort nicht zum Vergnügen, sie hatte sich gerade dazu aufgerafft, endlich ihr
trautes Heim auf Vordermann zu bringen und einmal gründlich durchzuputzen.
Ursprünglich wollte sie heute zwar etwas ganz anderes machen, aber wenn es darum
geht, einer unangenehmen Sache auszuweichen, kann sogar Aufräumen ganz schnell
zu ihrer neuen Lieblingsbeschäftigung werden.
Als sie dort so saß und sich voll und ganz ihrer Putztätigkeit widmete, entdeckte sie
im hintersten Eck der untersten Schublade ihrer Kommode etwas, das hier eigentlich
nicht hingehörte. Es war klein, gut versteckt und befand sich hinter vielen schwarzen
und neben einigen bunten Paar Socken. Verdutzt griff sie nach dem kleinen Päckchen
und zauberte ein paar runde, graue Dinger daraus hervor. Auch wenn sie es zuerst
für Spielgeld hielt, so kam sie doch ziemlich rasch dahinter, dass sie es mit geradezu
antiken Hartberger Geschenksmünzen zu tun hatte.
Hartberg… Tja, wann war sie bloß das letzte Mal in Hartberg gewesen? Was war in
ihrer Abwesenheit aus dem Städtchen geworden? Ob es wohl seinen Charme und all
seine Besonderheiten behalten hatte?
Da ihre Beine bereits zu kribbeln anfingen und einzuschlafen drohten, rückte sie am
Boden ein Stück weiter. Währenddessen wuchs aber ihre Neugier und so kam sie
nicht weit und setzte sich, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, direkt neben die
Kommode. Dort saß sie dann eine Zeitlang und grübelte. Sie malte sich aus, wie es in
Hartberg nach all den Jahren aussehen könnte, ob sie die Stadt überhaupt gleich
wiedererkennen würde und wie sehr sie sich verändert haben würde.
2
Mein Hartberg 2050
Lisa Handler
Alle möglichen Szenarien spielten sich in ihrem Kopf ab, einmal hatte sie das ihr
vertraute Hartberg vor Augen, dann wiederum ein völlig fremdes, zu dem sie
überhaupt keinen Bezug mehr hatte. Vor allem musste sie daran denken, wie sie es
von früher kannte und mochte. Sie sah sich wieder als kleines, eisschleckendes
Mädchen mit ihrer Mutter die Fußgängerzone entlang schlendern, später dann mit
ihren alten Freundinnen die nächtliche Stadt unsicher machen. Dabei kamen ihr auch
ausgedehnte Spaziergänge durch die zauberhafte Altstadt und den Stadtpark, der
immer ihr Lieblingsplatz gewesen war, in den Sinn. Sogar mit der Allee verband sie
etwas Bestimmtes, war es doch hier, wo sie sich einst über zahlreiche Strafzettel für
Falschparken ärgerte. Es ist aber auch zum Haare-Raufen, wenn man sein Auto nur
für kurze Zeit verlässt und gleich darauf einen lieben Gruß von der
Bezirkshauptmannschaft auf der Windschutzscheibe liegen hat. Paula schwelgte noch
einige Zeit in Erinnerungen, und da die positiven klar überwogen, war der Beschluss,
der „Stadt der Sinne“ wieder einmal einen Besuch abzustatten, schnell gefasst.
Allein wenn sie daran dachte, war sie schon gespannt, ob im Groben und Ganzen
noch alles beim Alten sein würde, aber es lag auch in ihrem Interesse, den aktuellen
Gerüchten auf den Grund zu gehen. Sie konnte es bereits kaum erwarten
herauszufinden, was, von alledem, das gemunkelt wird, der Wahrheit entspricht und
was sich als nichts weiter als ein Hirngespinst erweisen würde. Denn in der Zeit ihrer
Abwesenheit war es keineswegs ruhig um die Bezirkshauptstadt geworden. Im
Gegenteil, das Geschehen rund um sie war zeitweilig in aller Munde und immer öfter
wurde ihr Name in diversen Magazinen, ja sogar im TV erwähnt. So hieß es zum
Beispiel, die Stadt habe sich zu einem beliebten Rückzugsort für die nationale
Prominenz entwickelt. Allerdings gab diese Information ja keinen Hinweis darauf,
was aus Hartberg geworden war, denn „Rückzugsort der Stars und Sternchen“
könnte man entweder so deuten, dass es sich selbst treu geblieben war und sich
nicht zum Großstadt-Dasein hinreißen ließ, oder auch, dass es mittlerweile mit „Kitz“,
und wie unsere ganzen Promimetropolen sonst noch heißen, mithalten konnte.
3
Mein Hartberg 2050
Lisa Handler
Woher der sprunghafte Aufstieg in der Gesellschaft auch kam, die Reichen und
Schönen, und natürlich ihre prall gefüllten Geldbörsen, waren gern gesehene Gäste
und wurden stets mit Freude aufgenommen. Dass sich die Stadt jetzt ganz oben auf
der Beliebtheitsskala befand, kam auch bei der Bevölkerung gut an. Man musste
diesen Vorteil nur geschickt einzusetzen wissen und schon hatte man es in den
verschiedensten Situationen um einiges leichter. Ob beruflich oder privat, wenn man
Hartberg als seinen Heimatort nennen konnte, schindete das ohne Zweifel mächtig
Eindruck, oder anders gesagt, wenn man sich dazu bekannte, aus Hartberg zu
stammen, flogen einem die Herzen gleich nur so zu.
Da das nun kein Geheimnis war, äußerten sogar ein paar ziemlich schlaue SocietyHäschen öffentlich ihren Wunsch nach der Hartberger Staatsbürgerschaft. Leider war
die Enttäuschung groß, als ihnen der Bürgermeister (oder war damals eine Frau an
der Gemeindemacht, ich weiß es nicht mehr…) mitteilte, dass dieser Wunsch wohl
unerfüllt bleiben würde, aber man tröstete sie damit, dass sich selbst eingefleischte
und gebürtige Hartberger mit der österreichischen Staatsbürgerschaft zufrieden
geben müssen.
Jetzt könnte man, genau wie unsere Paula, die übrigens immer noch in ihrer
Wohnung saß und über Hartberg, Gott und die Welt sinnierte, meinen, dass die Stadt
eine 180-Grad-Wendung durchgemacht habe, die dann zu diesem hohen Ansehen
führte, dabei hatte sich ja gar nicht sooo viel verändert. Einiges war immer noch
beim Alten geblieben. Schließlich waren es die kleinen, feinen Dinge, die ihren Reiz
auch heute noch ausmachten.
Die lokale Zeitung, zum Beispiel, berichtete weiterhin wöchentlich über die mehr oder
weniger aktuellen Neuigkeiten, die sich im Bezirk ereigneten.
Auf der Eishalle befand sich immer noch ein Dach.
In der Ballsaison verwandelte sich die Straße zwischen der Hartberghalle und dem
Herz-Zentrum, wie bisher, hin und wieder in eine Einbahn. (Was aber leider nicht
immer allen klar ist, und so sollte man hier besser auch in Einbahn-Zeiten auf
Gegenverkehr eingestellt sein.)
4
Mein Hartberg 2050
Lisa Handler
Der Ökopark stand noch an derselben Stelle, wo er damals errichtet worden war.
Jedoch war der Großteil der Bevölkerung bis heute nicht dahintergekommen, was es
mit dieser sich ständig verändernden, endlos langen, roten Zahl auf sich hatte. Fast
niemand konnte es mit Sicherheit sagen und so wurde viel spekuliert, über die
mysteriösen Ziffern. Nach wie vor kamen viele Fragen und Diskussionen auf, welchen
Sinn und Zweck sie erfüllte, ob sie überhaupt einen hatte, oder ob sie vielleicht nur
zum Spaß da war…
Außerdem wurde immer noch mit ungewöhnlichen Methoden versucht, die Jugend in
die Kirche zu bringen, oder umgekehrt, was sich immer größerer Beliebtheit erfreute
und so folgten mittlerweile schon andere Gemeinden dem trendgebenden Hartberger
Beispiel. Auch in Paulas Heimatstadt etwa waren solche speziellen Metten bereits
gang und gäbe.
Apropos Paula, sie hatte inzwischen ihren doch etwas ungemütlichen Sitzplatz auf
dem Boden gegen einen komfortableren auf der Couch eingetauscht und konnte es
kaum erwarten, mit ihren wiederentdeckten Geschenksmünzen auf Einkaufstour zu
gehen. Auf dem Sofa wartete sie übrigens auf die Rückkehr ihrer inzwischen
verlorengegangenen Aufräum-Motivation, denn die Mehrheit ihrer Socken hatte es
nicht mehr rechtzeitig zurück in die Kommode geschafft, lag jetzt ausgebreitet davor
und wartete vergebens darauf, wieder eingeräumt zu werden.
Ach ja, wie die Münzen überhaupt in Paulas Sockenschublade kamen und was sie
dort zu suchen hatten, ist zwar sowohl ihr als auch mir ein Rätsel, aber wie heißt es
so schön? Unverhofft kommt oft.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
2
Dateigröße
115 KB
Tags
1/--Seiten
melden