close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

HHL Graduierung 1. September 2012 - Deutsche Bank

EinbettenHerunterladen
HHL Graduierung
1. September 2012
Verantwortung beginnt bei jedem Einzelnen –
was Sie zu Beginn Ihres Berufslebens bedenken sollten
Festvortrag von
Rainer Neske
Mitglied des Vorstands der Deutsche Bank AG
– Es gilt das gesprochene Wort –
Magnifizienz,
Exzellenzen,
sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Mitglieder des Senats und sehr geehrte Professoren,
sehr geehrte Damen und Herren,
vor allem aber: liebe Absolventinnen und Absolventen der HHL!
Es ist mir eine große Ehre, an diesem für Sie bedeutenden Tag zu Ihnen
sprechen zu dürfen.
Sie erhalten heute Ihren Abschluss der Hochschule für Handel in
Leipzig. Hinter Ihnen liegen
 kurzweilige und wahrscheinlich auch einige quälend lange
Stunden in Hörsälen und Seminarräumen
 Praktika im In- und Ausland
 hartes Lernen für ihre Prüfungen
 banges Warten auf die Ergebnisse
 und sicherlich auch viele Partys, an deren Details sich keiner
mehr so genau erinnert – oder erinnert werden möchte...
Kurz: Sie haben alles, was man für eine exzellente Ausbildung braucht!
Nun sitzen Sie hier, mit ihren Eltern und Professoren, ihren Angehörigen
und Freunden, und haben allen Grund, stolz auf sich zu sein!
2
Es ist Ihr Tag. Sie stehen heute im Mittelpunkt. Das haben Sie sich hart
erarbeitet! Ich spreche sicher im Namen aller, wenn ich Ihnen meinen
Respekt für Ihre Leistungen ausspreche. Und ich gratuliere Ihnen von
Herzen!
Als ich diese Rede vorbereitete, dachte ich zurück an die Zeit, als ich
selbst die Universität verlassen habe. Damals wurden Anlässe wie diese
normalerweise nicht so feierlich begangen wie heute. Ich habe mein
Diplom von der Universität Karlsruhe schlicht per Post erhalten.
Sie sehen: Es ging damals deutlich nüchterner zu als heute. Ich
nachhinein finde ich das bedauerlich. Erst recht, wenn ich den
großartigen, feierlichen Rahmen am heutigen Tag sehe. Andererseits
gibt es für mich nichts Mühsameres als lange Reden. Aus dieser
Erfahrung heraus verspreche ich, mein Möglichstes zu tun.
Ich machte meine Universitätsabschluss im Jahr 1990. Während ich in
meiner kleinen Studenten-Bude für meinen Abschluss im Fach
Informationstechnologie büffelte, ereigneten sich draußen in der Welt
Dinge, mit denen niemand auch nur im Entferntesten gerechnet hatte.
Nur wenige Monate vor meinen Prüfungen war die Berliner Mauer
gefallen. Der Weg dorthin hatte hier in Leipzig mit den
Montagsdemonstrationen begonnen. Dieser Weg führte weiter bis zur
Wiedervereinigung und schließlich zum Ende des Kalten Krieges.
Innerhalb von nicht einmal einem einzigen Jahr war nicht nur
Deutschland, sondern die ganze Welt auf den Kopf gestellt.
Heute, 22 Jahre später, erscheinen diese historischen Umbrüche das
Ergebnis einer logischen Abfolge von Ereignissen zu sein. Doch das
waren sie nicht. Niemand konnte noch am Morgen des 8. November
3
1989 auch nur erahnen, was in den 24 folgenden Stunden geschehen
würde – und wie diese wenigen Stunden die Welt für immer verändern
sollten. Und niemand konnte sicher sein, dass dieser historische
Umbruch tatsächlich so friedlich vonstatten gehen sollte, wie es Gott sei
Dank der Fall war.
Wir haben damals erlebt, wie unkalkulierbar Geschichte ist. Und wir
haben erlebt, welche positive Kraft in dieser Unkalkulierbarkeit liegen
kann.
Das Ergebnis ist hier und heute sichtbar: Sie, mehr als 100 junge
Menschen aus 16 verschiedenen Nationen, erhalten in Leipzig von einer
privaten Universität einen Master of Business Administration oder einen
Doktortitel, und ein Vorstand der Deutschen Bank hält die Festrede.
Welch eine Ironie der Geschichte!
Möglicherweise wird einer von Ihnen in 20 Jahren als Alumni die
Festrede hier an der HHL halten. Und möglicherweise nimmt er, so wie
ich heute, ebenfalls Bezug auf das Jahr, in dem er seinen Abschluss in
den Händen gehalten hat. So wie ich vom Ende des Kalten Krieges
erzähle, wird er über das Jahr 2012 sprechen.
Er wird von berichten
 von einer schweren Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise
 von Bürgern, die sich Sorgen um ihr erspartes Vermögen machen
 von Angst über einen Zerfall des Euro, ja einem Ende des
Projektes Europa
4
 von einem Kontinent, der verzweifelt nach Auswegen aus der Krise
sucht und tief verunsichert ist über sein Selbstverständnis und sein
Rolle im künftigen Konzert der Weltmächte.
Ich möchte nicht verhehlen, dass die Perspektive für mich im Jahr 1990
etwas günstiger erschien als heute für Sie. Weltpolitisch herrschte
damals - bei aller Unsicherheit über die Zukunft - Aufbruchstimmung. Die
freie Welt hatte gesiegt über den Kommunismus. Es schien, als hätte der
Kapitalismus sich endgültig als das überlegene System erwiesen.
Und heute?
Wieder beweist die Geschichte ihre Fähigkeit zur Ironie. Denn nun ist der
Kapitalismus in einer existenziellen Krise. Immer mehr Menschen bis tief
ins Bürgertum hinein misstrauen den Kräften des freien Marktes. Sie
rufen nach einem starken Staat, der für Ordnung sorgen solle.
Und sie misstrauen vor allem der Branche, die den Blutkreislauf der
Marktwirtschaft sicherstellen muss: Uns. Den Banken.
Erlauben Sie mir ein paar Worte zu diesem Thema zu sagen, das im
Moment doch viele Menschen bewegt. Ich denke, Sie erwarten von mir,
dass ich zur Kritik an der eigenen Branche Stellung beziehe. In jeder
Branche können einige Wenige den Ruf aller zerstören. Diese bittere
Erfahrung müssen derzeit die Hunderttausende Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter von Banken machen. Jeder große oder kleine Skandal in der
Finanzbranche landet über die Kunden zu allererst bei den Kolleginnen
und Kollegen am Schalter oder im Beratungszimmer der Bankfilialen.
Viele von ihnen fühlen sich dabei ungerecht behandelt – und das zu
Recht.
5
Die große Mehrheit der Banker macht ihren Job verantwortungsbewusst
und zur Zufriedenheit der Kunden. Das zeigen alle Erhebungen, die wir
regelmäßig machen. Die überwältigende Mehrheit von ihnen liegt mit
ihrem Gehalt im guten Durchschnitt der deutschen Erwerbstätigen.
Das gilt für alle deutschen und europäischen Banken.
Ich halte also nichts von pauschalen Verurteilungen einer ganzen
Berufsgruppe. Aber ich halte genauso wenig davon, Kritik an unserer
Branche pauschal für ungerechtfertigt zurückzuweisen und mit dem
Finger auf andere zu zeigen.
In der Finanzbrache wurden in den Jahren vor der Krise große Fehler
gemacht.
 Unsere Branche hat in vielen Fällen den Kunden aus dem Blick
verloren und vor allem den eigenen Vorteil gesucht.
 Unsere Branche hat Finanzinstrumente erfunden, die keinen
Bezug zur Realwirtschaft haben und häufig in erster Linie zur
kurzfristigen Gewinnmaximierung dienten.
 Vielen Banken sind Risiken eingegangen, mit der sie die Existenz
des eigenen Unternehmens aufs Spiel gesetzt haben – in einigen
Fällen zu Lasten der Steuerzahler. Darunter übrigens – diese
Bemerkung sei mir erlaubt – sehr viele staatlich kontrollierte
Landesbanken...
Es gab im Geschäftsgebaren große Unterschiede zwischen einzelnen
Häusern und einzelnen Bankern. Aber das Ergebnis ist offenkundig:
6
Banken haben viel Vertrauen verspielt. Sie werden sich ihren Platz im
Wirtschaftsleben, aber auch in der Gesellschaft insgesamt neu suchen
müssen. Das wird eine ganze Generation von Bankern brauchen. Ich
lade Sie ein, uns dabei zu unterstützen. Sie können in gewisser Weise
an einem neuen Bankensystem mitbauen. Das ist eine spannende und
große Aufgabe!
Doch das Misstrauen der Menschen trifft nicht nur Banken. Es trifft unser
ganzes Wirtschafts- und Politiksystem und damit letztlich unsere
Demokratie. Die Menschen zweifeln grundsätzlich an der Vereinbarkeit
von Markt und Moral. Sie haben das Gefühl, dass es in unserer
Gesellschaft nicht mehr gerecht zugeht. Die Hälfte der Deutschen ist laut
aktuellen Umfragen mit unserer Wirtschaftsordnung unzufrieden und
fordert, sie müsse grundlegend geändert werden. Und rund zwei Drittel
der Bundesbürger sagen, die soziale Marktwirtschaft funktioniere nicht
mehr so gut wie früher. Noch dazu befindet sich unser Kontinent in einer
tiefen Krise. Nicht nur unsere Währung ist in Gefahr, viele befürchten
sogar, das ganze Friedensprojekt Europa stehe zur Disposition. Alte
nationale Ressentiments brechen wieder auf. Das über Jahrzehnte
aufgebaute Vertrauen zwischen den Europäern scheint zu schwinden –
bis hinauf zu den Staats- und Regierungschefs.
Meine Damen und Herren, das ist ein dramatischer Befund!
So drängend diese Probleme auch sein mögen, von der zumindest
gefühlten Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich bis hin zur
Zukunft Europas: Ich möchte diese Rede nicht dazu nutzen, Wege aus
der Krise aufzuzeigen. Das wäre auch anmaßend.
7
Ich möchte deshalb heute auf eine andere Frage eingehen: Was können
Sie als angehende Führungskräfte, als zukünftige Elite tun, um an der
Lösung von Problemen mitzuarbeiten und die Zukunft mitzugestalten?
Ich möchte Ihnen drei persönliche Ratschläge mit auf Ihren Berufsweg
geben und im Anschluss über drei Themen sprechen, die wir insgesamt
als Gesellschaft bedenken sollten. Lassen Sie mich mit den persönlichen
Ratschlägen für ihren Berufsweg beginnen.
Zunächst: Nicht verzagen! Misstrauen Sie den Untergangspropheten!
Jeder halbwegs normale Mensch hat vor dem Weltuntergang Angst.
Aber erstens ist der – aller Vorhersagen zum Trotz – bisher
ausgeblieben. In meiner Kindheits- und Jugendzeit war der “Club of
Rome” äußerst besorgt über die “Grenzen des Wachstums“. Andere
erwarteten das große Waldsterben, wieder andere befürchteten, das
Erdöl werde innerhalb weniger Jahre versiegen.
Angst ist aber immer ein schlechter Ratgeber. Im besten Fall lähmt sie.
Im schlechtesten, führt sie zu irrationalen Entscheidungen.
Genauso wie den Untergangspropheten sollten Sie dem Zeitgeist
misstrauen. Es gibt ein schönes Sprichwort: „Wer den Zeitgeist heiratet,
ist ziemlich schnell verwitwet.“ Laufen Sie Trends nicht blind hinterher.
Hinterfragen sie Meinungen, und je mehr Menschen der gleichen
Meinung sind, desto mehr Fragen sollten Sie aufwerfen. Stellen Sie auch
einfache Fragen. Die sind nämlich oft ziemlich schlau. Ich bin der festen
Überzeugung: Wenn in den Jahren vor der Krise mehr Leute ein paar
mehr einfache Fragen gestellt hätten, wäre uns einiges erspart
geblieben. Bilden Sie sich ihre eigene Meinung und stehen dann zu ihr.
8
Haben Sie den Mut, Fehler zu machen. Und haben Sie den Mut, auch
einmal „Nein“ zu sagen.
Ein drittes: Erweitern Sie stetig Ihren geistigen Horizont. Beschäftigen
Sie sich mit Themen, die über Ihr Fachgebiet hinausgehen. Suchen Sie
einen Ausgleich zum Beruf, sei es beim Sport, in der Musik, Literatur,
Philosophie oder Kunst und natürlich in der Familie.
Gute Führungskräfte müssen mehr beherrschen, als nur das
Handwerkszeug ihrer Profession. Sie brauchen eine umfassende
Bildung und auch einen ethischen Kompass, der sie durch das
Geschäftsleben leitet. Ein solcher ethischer Kompass kann durch die
besten Compliance-Vorschriften in Unternehmen nicht ersetzt werden,
die ja nur sicherstellen sollen, dass sich Mitarbeiter an Recht und Gesetz
halten.
Die Erweiterung des geistigen Horizonts hat auch eine zweite
Dimension: Ich habe das Gefühl, dass die Eliten unseres Kontinents
kaum noch in der Lage sind, miteinander konstruktive Diskussionen zu
führen. Häufig fehlt es aufgrund unterschiedlicher Lebenswelten und
„Silo-Denken“ schlicht an einer gemeinsamen Sprache. Gute
Führungskräfte müssen aber fähig sein, Brücken zu anderen Disziplinen
zu bauen und mit ihnen Diskurse zu führen. Dies gilt vor allem, aber
nicht nur für den Dialog zwischen Politik und Wirtschaft. Die Fähigkeit,
diesen interdisziplinären Austausch aufzunehmen, ist ein dringendes
Gebot unserer Zeit.
Sie haben noch dazu alle einen internationalen Background. Sie
sprechen mehrere Sprachen und haben bereits im Laufe Ihrer
Ausbildung ein Verständnis für andere Kulturen entwickelt. Nutzen Sie in
9
diesem Sinne auch Ihr interkulturelles Wissen! Die Herausforderungen
der Zukunft sind allesamt nicht mehr national lösbar, sondern nur global.
Mit ihrem Erfahrungsschatz bringen Sie die besten Voraussetzungen mit,
um an tragfähigen Kompromissen mitzuarbeiten.
Meine Damen und Herren,
ich hatte erwähnt, dass ich neben meinen drei persönlichen Ratschlägen
auch drei Lehren aus Fehlern nennen möchte, die wir als Gesellschaft in
den vergangenen 10 bis 15 Jahren gemacht haben, wohlwissend, dass
man problemlos einige weitere hinzufügen könnte.
Erstens: Wir müssen zurück zu einer Kultur des Maßhaltens.
Das gilt für einzelne Bereiche wie die Staatsfinanzen und die
Vergütungssysteme von Managern, das gilt aber auch für uns als
Gesellschaft insgesamt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich gehöre
nicht zu den Wachstumsskeptikern. Ohne Wirtschaftswachstum werden
wir in Europa weder unseren Lebensstandard halten noch die
Staatsverschuldung reduzieren können – ganz zu schweigen von der
Finanzierung unserer Sozialsysteme im Lichte der demographischen
Entwicklung.
Ich bin ein großer Anhänger von Innovation. Ich freue mich über jeden
Prozessor, der unser iPad noch schneller und über jede Technik, die
unseres Autos noch sicherer macht. Aber wir müssen darauf achten,
dass wir uns durch die rasante Beschleunigung unseres Lebens selbst
nicht überfordern. Lassen Sie mich drei Beispiele nennen:
10
 Als Vater von drei Kindern bezweifle ich, ob es wirklich sinnvoll ist,
junge Menschen möglichst schnell und effizient durch Gymnasien
und Hochschulen zu hetzen, anstatt ihnen die Zeit zu geben, sich
mit ein paar Themen etwas intensiver und auch interdisziplinär
auseinanderzusetzen (was keine Rechtfertigung für
Langzeitstudenten ist – Maßhalten gilt in beide Richtungen...).
 Als Vorstand eines Großkonzerns bezweifle ich, ob es wirklich
sinnvoll ist, dass die gesamte Strategie eines Unternehmens von
Medien und Märkten alle drei Monate aufs Neue anhand von
Quartalszahlen bewertet wird.
 Als Bürger bezweifle ich, ob es wirklich sinnvoll ist, politische
Entscheidungen ständig von Meinungsforschern ex post
überprüfen und dann wieder infrage zu stellen oder gar ex ante
legitimieren zu lassen.
Es gibt hier einen schwer zu lösenden Widerspruch zwischen dem
Wunsch nach schnellen Erfolgen und der Notwendigkeit, langfristige
unternehmerische oder politische Entscheidungen zu fällen. Wir werden
das Rad diesbezüglich wahrscheinlich nicht zurückdrehen können. Aber
wir müssen versuchen, uns davon frei zu machen und eine neue
Konstanz in unser Handeln zu bekommen.
Diese Kultur des Maßhaltens und der Stetigkeit gilt insbesondere für
Führungskräfte. Denken Sie immer daran, dass Ihr Denken und Handeln
diesbezüglich unmittelbar prägend ist – für das eigene Umfeld, für das
eigene Unternehmen und letztlich für die Gesellschaft insgesamt, in der
wir leben.
11
Zweitens: Wir dürfen die Solidarität mit anderen Menschen nicht aus
dem Blick verlieren - auf einer persönlichen Ebene ebenso wie in
unserer Gesellschaft insgesamt.
Die Deutsche Bank steht wie kaum ein anderes Unternehmen für eine
Leistungskultur. Wir haben den Anspruch, die besten Mitarbeiter zu
rekrutieren und sie zu Höchstleistungen zu motivieren. Ich bin ein großer
Anhänger dieser Kultur. Sie hat die Deutsche Bank über viele
Jahrzehnte stark gemacht und ist nicht zuletzt dafür verantwortlich, dass
wir heute das einzige deutsche Kreditinstitut von Weltrang sind.
Wenn wir Innovation haben und die Welt besser machen wollen,
brauchen wir Eliten, und zwar in allen Teilen der Gesellschaft – in
Unternehmen wie in der Politik, im Sport wie in der akademischen
Forschung und im Kulturleben. Ab heute gehören Sie zu dieser Elite! Sie
sollten umso dringlicher immer daran denken, dass zu herausragenden
Leistungen gehört, andere Menschen ethisch und moralisch einwandfrei
zu behandeln.
Leistung heißt auch, Schwächere mitzunehmen, sich für sie
verantwortlich zu fühlen und sie in ein Team einzubinden. Und
manchmal ist der Schwache von heute der Starke von morgen. Denn
fast jeder Mitarbeiter hat Fähigkeiten, die er sinnvoll für sein Team oder
ein Unternehmen einsetzen kann.
Was für das eigene Unternehmen gilt, gilt ebenso für die Gesellschaft
insgesamt. Vor der Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren, ist niemand
gefeit – unabhängig von der Branche, in der Sie arbeiten. Mit
ansteigendem Gehalt, und das wünsche ich Ihnen natürlich für Ihr
Berufsleben, droht jeder den Bezug zur Lebenswirklichkeit eines
Durchschnittsverdieners zu verlieren. Bewahren Sie sich den Blick für
Menschen, die im Unternehmen mehrere Hierarchiestufen unter Ihnen
12
arbeiten oder denen es schlicht weniger gut geht als Ihnen. Das gilt
insbesondere für Ihre direkte Umgebung, ob in Ihrem Unternehmen oder
in Ihrem privaten Umfeld.
Mein dritter Punkt: Wir müssen uns auf die Grundlagen der freien und
zugleich sozialen Marktwirtschaft besinnen.
Unsere Wirtschaftsordnung ist auch eine Werteordnung. Sie bringt den
Wert der Freiheit und den Wert des sozialen Ausgleichs in ein
Gleichgewicht. Und sie ist es im wahrsten Sinne des Wortes „wert“,
verteidigt zu werden. Sowohl gegen einen zu großen Einfluss des
Staates, der es definitiv nicht besser macht als der einzelne Bürger und
der sich, wenn er es doch versucht, letztlich immer selbst überfordert.
Sie ist es aber auch wert, gegen andere Wirtschafts- und Wertesysteme
verteidigt zu werden. Ich bin der festen Überzeugung: Dies wird uns als
Europäern gemeinsam besser gelingen als getrennt. Denn nur ein
geeintes Europa wird auch in Zukunft eine starke Stimme haben, wenn
es um Regelwerke und Wertvorstellungen auf globaler Ebene geht.
Ich möchte an diejenigen unter Ihnen appellieren, die Europäer sind:
Setzen Sie sich für Europa ein. Engagieren Sie sich politisch für Ihren
Kontinent, für Ihre Heimat.
Und ich möchte diejenigen unter Ihnen bitten, die aus anderen Teilen der
Welt nach Leipzig kommen sind: Werden Sie Botschafter für unseren
Kontinent! Ich hoffe, Sie haben in Ihrer Zeit hier genügend Gründe dafür
gefunden.
Liebe Absolventinnen und Absolventen,
13
wer auch immer von Ihnen in 20 oder 25 Jahren an dieser Stelle stehen
wird: Die Welt wird mit ziemlicher Sicherheit ganz anders aussehen, als
wir es uns heute vorstellen. Sicher aber ist: Es wird eine Welt und eine
Gesellschaft sein, an der Sie mit gebaut haben. Jeder an seiner Stelle.
Nun sollten Sie nicht die ganze Last der Welt auf Ihren Schultern tragen
– erst recht nicht an diesem großartigen Tag. Ich denke, Sie werden
heute vor allem ein Gefühl haben, das Sie zuletzt nach dem Abi verspürt
haben: Freiheit! Und dieses Gefühl sollten Sie genießen!
Bei allen Problemen, vor denen wir im Moment stehen, gibt es viele
Gründe, optimistisch zu sein. Sehen Sie Probleme als
Herausforderungen und Herausforderungen als Chancen. Seien Sie
dabei immer vorbereitet auf Überraschungen. Schon morgen kann die
Welt eine ganz andere sein. Wenn Sie stets neugierig und offen für
Neues sind und gleichzeitig auf der Basis eines klaren Wertegerüsts
handeln, werden Sie auf alles vorbereitet sein.
Und nun feiern Sie mit Ihren Familien, Ihren Freunden, Ihren
Kommilitonen und Ihren Professoren. Sie haben es sich verdient.
Vielen Dank!
14
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
8
Dateigröße
114 KB
Tags
1/--Seiten
melden