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"Wow, was für ein Gefühl!"

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26. Oktober 2009, 00:00 Uhr
Psy chologie
"Wow, was für ein Gefühl!"
Von Jörg Blech, Ulrike Demmer, Udo Ludwig und Chris toph Scheuermann
Mühelos lernen, alles erinnern, immer f it sein - eine neue Generation von Medikamenten
verspricht geistige Höhenf lüge f ür jedermann. Segen oder Teuf elszeug? Die Möglichkeit des
IQ-Dopings ist umstritten, doch schon versuchen Hunderttausende, heimlich ihre Hirnleistung
hochzujagen.
E s hat lange gedauert, bis M aria Wes termann* s o weit war. J ahre vergingen, J ahre des
V orwärts drangs , dann J ahre der Ü berforderung, bis s ie begann, in der kleinen P ille ihre
E rlös ung zu s ehen.
A ls J ugendlic he kam Wes termann, eine zierlic he P ers on mit glattem s c hwarzem H aar, aus
Südamerika nac h D euts c hland. Sie s tudierte P harmazie, alles lief gut; eifrig s etzte s ie noc h
eine P romotion obendrauf. A n der U ni lernte s ie ihren E hemann kennen und eröffnete mit ihm
eine A potheke in einer mittelgroßen Stadt im Wes ten D euts c hlands . D as P aar bekam zwei
Kinder. Wes termanns L eben wurde ans trengend: die Söhne, das G es c häft, dazu die
ehrenamtlic he A rbeit in der Kirc he.
"A ber den Satz: ,I c h s c haff das nic ht', gab's nic ht für mic h", s agt s ie. Wes termann war eine
G etriebene, ihr Ziel: nic hts weniger als das perfekte L eben. So wie im Ferns ehen, in der
Werbung. "E s s ollte das Bes te heraus s pringen, überall, das bes te H aus , das bes te A uto, die
bes ten Kinder."
A us M ühs al wurde Zermürbung. G es undheits reformen gefährdeten den U ms atz der
A potheke, das G es c häft vers c hlang immer mehr E nergie. D ie Kinder waren s c hwierig, es
s tellte s ic h heraus , das s s ie unter A D H S litten, einer A ufmerks amkeits s törung. M aria
Wes termann half ihnen intens iv bei den H aus aufgaben, "es war ein unmens c hlic her D ruc k",
s agt s ie.
U nd dann, s ie war inzwis c hen 4 4 , wurde die A pothekerin s elbs t krank: Krebs . Ä rzte
entfernten E ileiter und G ebärmutter, der G ynäkologe verabs c hiedete s ie mit den Worten:
"Sie werden nic ht mehr die Frau s ein, die Sie vorher waren." N ic ht mehr s o leis tungs fähig
etwa? U ndenkbar. "I c h war fix und fertig."
N un war s ie reif fürs H irndoping.
M aria Wes termann s c hluc kte ihre ers te D os is Ritalin - probeweis e. I hre hyperaktiven Kinder
hatten das M ittel vers c hrieben bekommen, um s ic h bes s er konzentrieren zu können. D oc h
als P harmazeutin wus s te s ie von der zweiten, der verdec kten N utzung dies er A rznei: V iele
amerikanis c he Studenten mac hen s ic h damit für P rüfungen fit.
Sc hon wenige M inuten nac h der E innahme s pürte Wes termann die Wirkung. "Wow, was für ein
wunderbares G efühl! I c h war s ofort hellwac h, konnte wahns innig s c hnell les en. D er A kku war
wieder voll."
Hunderttausende greif en regelmäßig zur Pille
Welc h eine V erloc kung: P ille einwerfen, Ü berflieger s ein. M ühelos lernen, alles behalten, den
I ntellekt ans c halten können wie einen M otor - wer wüns c hte s ic h das nic ht? D erart
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gewappnet, ließen s ic h P rüfungen, V orträge oder Konferenzen läs s ig bewältigen; feins t
einges tellte H irnc hemie mac hte es kinderleic ht, die Konkurrenz aus zus tec hen, s einen
T raumberuf zu ergreifen und eine glänzende Karriere hinzulegen.
E s is t ein M ens c hheits traum: eine T ec hnik zu erfinden, mit der der H omo s apiens s ic h s elbs t
perfektionieren kann. O b Zen- M editation, A nti- A ging oder G enmanipulation, alles is t rec ht.
P illen, die s c heinbar ohne nennens werte N ebenwirkungen die N euronen im H irn auf Zac k
bringen, ihnen einen höheren I Q abringen, kommen da wie gerufen.
U nd die Wis s ens c haft is t s o weit. E s gibt die ers ten M ittel, die das G ehirn auf V ordermann
bringen. N oc h s ind es Blinds c hüs s e, unverhoffte N ebeneffekte von P räparaten, die entwic kelt
wurden, um unkonzentrierten Kindern, M ens c hen mit Sc hlafs törungen oder D emenzkranken
zu helfen. A ber s ie wirken auc h bei G es unden. Sie las s en auc h deren H irn s c hneller oder
konzentrierter arbeiten. D as is t den E hrgeizigen und Ü berforderten nic ht verborgen
geblieben.
N oc h s c hweigen die H irndoper, niemand mag offen darüber s prec hen. A uc h M aria
Wes termann fürc htet die Reaktionen ihrer U mwelt und möc hte ihren ric htigen N amen nic ht in
der Zeitung les en. A ber es s ind viele, jetzt s c hon: L aut einer anonymen U mfrage der
D euts c hen A nges tellten Krankenkas s e haben hoc hgerec hnet zwei M illionen D euts c he s c hon
mindes tens einmal vers uc ht, ihren Kopf c hemis c h aufzurüs ten. E twa 8 0 0 .0 0 0 tun dies s ogar
regelmäßig.
Pharmaf irmen haben Marktpotential erkannt
U nd wer wis s en will, was kommen wird, mus s nur in die U SA s c hauen. D ort is t das
s ogenannte N euro- E nhanc ement bereits weit verbreitet unter Studenten, Wis s ens c haftlern,
Börs enmaklern. Bei den Sc hülern fängt es an: L aut einer Studie amerikanis c her Kinderärzte
vom A ugus t is t die Zwec kentfremdung von M itteln wie Ritalin bei 1 3 - bis 1 9 - J ährigen
innerhalb von ac ht J ahren um 7 5 P rozent ges tiegen.
D er internationale Sieges zug der H irns c hmiermittel s c heint unaufhalts am: A ls das
renommierte Wis s ens c hafts magazin "N ature" im vorigen J ahr 1 4 0 0 M ens c hen aus 6 0
L ändern befragte, gab jeder Fünfte an, M edikamente zu nehmen, die die A ufmerks amkeit, die
Konzentration oder das G edäc htnis verbes s ern.
D ie P harmafirmen haben das M arktpotential längs t erkannt und inves tieren weltweit
M illiarden ins I Q - D oping. Ü berall fors c hen Wis s ens c haftler an verbes s erten oder neuen
Wirks toffen. Wenn s ic h s c hon mit kranken M ens c hen ordentlic h Kas s e mac hen läs s t - wie
viel mehr is t ers t aus der M as s e der G es unden heraus zuholen?
E ine Fors c hergruppe, gefördert von der Bundes regierung, hat jetzt das P hänomen N euroE nhanc ement auc h in D euts c hland auf die T ages ordnung ges etzt. A m vorvergangenen
M ontag s tellten die Wis s ens c haftler die E rgebnis s e ihrer dreijährigen A rbeit vor. Sie hatten
die zu erwartenden Folgen des P räparatekons ums unters uc ht. Sie verdammen die M ittel
nic ht, warnen aber vor einem s orglos en U mgang und geben E mpfehlungen für eine
verantwortungs volle H andhabung der P s yc hopharmaka.
I hre Kollegen in den U SA wüns c hen s ic h längs t einen unverkrampften U mgang mit den
M itteln. Sie fordern einen freien Zugang zu den P illen für jedermann. Was s oll denn s c hlec ht
daran s ein, s o fragen s ie, wenn der P ilot nac h E innahme eines H irnpotenzpräparats bes s er
fliegen, der C hirurg exakter operieren und der Wis s ens c haftler gründlic her fors c hen könne?
"Die Versuchung, immer mehr zu nehmen, war einf ach zu groß"
D as is t die gute, die fas zinierende Seite der T abletten. N ur: D ie L angzeitfolgen für die
G es undheit s ind noc h weitgehend ungeklärt. U nd es s tellen s ic h, zieht man die Freigabe der
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M ittel in Betrac ht, komplexe ethis c he Fragen. Zum Beis piel das P roblem der
C hanc engleic hheit. Sc hließlic h vers c hafft s ic h jeder Kons ument von H irnvers tärkern, ähnlic h
wie der D oper bei der T our de Franc e, V orteile gegenüber Konkurrenten. E s beginnt ein
Wettrennen, bei dem jeder verliert, der s ic h den neuen H irnc oc ktails verweigert.
T hors ten G alert, P hilos oph und M itglied jener deuts c hen Fors c hergruppe, die die Folgen des
N euro- E nhanc ement analys iert, fragt des halb, wann uns "in A nalogie zum Radfahrer E rik
Zabel der ers te L eibnitz- P reis träger unter T ränen im Ferns ehen ges tehen wird, das s er s eine
bes ten A rbeiten unter Ritalin verfas s t hat".
A ber dies es P roblem, oft s c hon für den Sport dis kutiert, wirkt geradezu trivial anges ic hts der
großen P hilos ophenfrage nac h dem I c h. Sie s tellt s ic h neu, wenn M ens c hen M ittel nehmen,
die ihr G ehirn, Sitz des Bewus s ts eins , gezielt verändern. D as G edäc htnis is t ein
maßgeblic her T eil des Selbs t; das I ndividuum formiert s ic h um das P uzzle all der
G es c hic hten, die es ges peic hert hat, s ie s ind Wegmarken der eigenen P ers önlic hkeit. Bin ic h
als o noc h ic h, wenn meine V ergangenheit plötzlic h aus E rinnerungen bes teht, die ein
c hemis c her Stoff im Kopf verankert hat?
Supermutter dank Chemie
M aria Wes termann hatte keine Zeit, s ic h um s olc he Fragen zu s c heren. V on A nfang 2 0 0 5 an
gehörte das G ehirndoping fes t zu ihrem L eben. Zunäc hs t nahm s ie lediglic h jeden zweiten
T ag eine Ritalin, s c hon bald konnte s ie auf die täglic he Ration nic ht mehr verzic hten. I hr
Körper hatte s ic h an den Wirks toff s c hnell gewöhnt. "D ie V ers uc hung, immer mehr zu
nehmen, war einfac h zu groß", s agt s ie.
Wes termann war mit den T abletten s o leis tungs fähig wie nie, s ie s c halteten auc h die
befürc hteten N ac hwirkungen der U nterleibs operation einfac h aus . M orgens s c hon managte
s ie perfekt den A pothekenbetrieb. Sie s c hmis s eine P ille ein, nahm s ic h die Kas s enums ätze
vor und konnte genau verfolgen, wie das G es c häft am V ortag gelaufen war, ohne im L aden
gewes en zu s ein. "L angs am wurde s ie mir unheimlic h", s agt Klaus , ihr E hemann.
N ac hmittags war M aria Wes termann Ü bermutter und paukte ihre J ungs durc h die
Sc hularbeiten. N ebenbei bereitete s ie V orträge für die E lterns c haft vor. Keine gewöhnlic hen
Referate, bewahre - das Ritalin in ihr s tac helte s ie zu H öherem an. Sie arbeitete das
Standardwerk über Rhetorik durc h, betrieb Werbung, s c haltete die L okalpres s e ein, am E nde
kamen 1 3 0 L eute. Rekord.
Sobald die Kinder im Bett waren, las M aria Wes termann den SP I E G E L an einem Stüc k durc h.
D ann Fac hliteratur über P s yc hologie, M edizin, P hilos ophie, T heologie. Sie vers c hlang
Sc hopenhauer und N ietzs c he. "Sie hat die Büc her nic ht geles en", erinnert s ic h ihr M ann, "s ie
hat s ie regelrec ht aufges ogen." Wes termann war in der L age, s ic h I nhalte exakt zu merken,
Zus ammenhänge herzus tellen und E rklärungen für ihr eigenes L eben abzuleiten. "J edes Buc h
war s o s pannend wie ein Krimi", s agt s ie.
Potentiell gef ährliche Nebenwirkungen
M ethylphenidat heißt der Wirks toff, der M aria Wes termann s o beglüc kte. Zunäc hs t s tellten
Ä rzte mit dem P räparat aus s c hließlic h Kinder ruhig, die unter einer A ufmerks amkeits s törung
und H yperaktivität leiden, dem "Zappelphilipp- Syndrom". I nzwis c hen s c hluc ken in den U SA
O rc hes termus iker, J ournalis ten und Wall- Street- Banker das M ittel.
A ber das wahre E xperimentierfeld des H irndopings liegt in den amerikanis c hen
U nivers itäten. M ehr als vier P rozent der Studenten werfen s ic h routinemäßig s timulierende
M ittel wie M ethylphenidat oder A mphetamin ein, s o eine Studie von 2 0 0 5 . A uf einem
C ampus räumte s ogar ein V iertel aller jungen Frauen und M änner ein, das G ehirn
pharmakologis c h aufzumöbeln, um an der U nivers ität mithalten zu können. Studenten dealen
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illegal mit den Subs tanzen, zermahlen die T abletten und ziehen s ic h das P ulver in die N as e.
"Ritalin wird inzwis c hen häufiger ges c hnupft als Kokain", s agt C laus N ormann, P s yc hiater an
der Freiburger U ni- Klinik.
Wer s ein H irn damit hoc hjagt, mus s freilic h die auf den P ac kungs beilagen angegebenen
N ebenwirkungen verdrängen: Sc hlafs törungen, H erzbes c hwerden, P s yc hos en.
Suc htmittelexperten warnen davor, das s M ethylphenidat, langfris tig eingenommen, abhängig
mac he. D es wegen fällt das M edikament in D euts c hland unter das Betäubungs mittelges etz
und mus s nac h dens elben Ric htlinien vers c hrieben werden wie zum Beis piel M orphin.
D er Sc hweizer A rzneimittelkonzern N ovartis s etzte im vergangenen J ahr mit Ritalin 4 4 0
M illionen D ollar um. D er Konkurrent J ohns on & J ohns on mac hte allein im dritten Q uartal
dies es J ahres 2 8 4 M illionen D ollar U ms atz mit dem P räparat C onc erta, das ebenfalls
M ethylphenidat enthält. D erzeit kämpft die P harmalobby in D euts c hland um die Zulas s ung
des Wirks toffs für A D H S bei E rwac hs enen.
Forscher arbeiten am perf ekten Hirndoping
D abei is t noc h gar nic ht volls tändig erfors c ht, wie das Zeug genau im H irn wirkt.
N eurowis s ens c haftler haben fes tges tellt, das s M ethylphenidat die Konzentration des
G lüc ks hormons D opamin in bes timmten T eilen des N ervens ys tems s teigen läs s t. Zudem
erhöht s ic h der Spiegel des Botens toffs N oradrenalin, der in einem T eil der G roßhirnrinde
bes timmte Rezeptoren aktiviert. D as erhöht die Konzentrations fähigkeit - aber nic ht
unbedingt die I ntelligenz, es werden lediglic h vorhandene P otentiale s timuliert.
M ethylphenidat is t nur ein M ittel der neuen N eurodrogen- Welt. Ä hnlic he Wunder vers prec hen
s ic h E rmattete von V igil mit dem Wirks toff M odafinil. O bwohl das P räparat gegen
T ages s c hläfrigkeit vor allem bei Sc hic htarbeitern einges etzt wird, s c hluc ken es
G es c häfts reis ende nac h L angs trec kenflügen gegen den J etlag s o s elbs tvers tändlic h wie
E s pres s o. E s hilft, zum ric htigen Zeitpunkt hellwac h im Kopf zu s ein: s ic h auf die P owerpointP räs entation zu konzentrieren s tatt einzunic ken. D as M edikament findet unter
J ungunternehmern im Silic on V alley wie auc h andernorts in den U SA reißenden A bs atz.
I nzwis c hen arbeiten Fors c her an noc h viel filigraner auf den D enkapparat abges timmten
P illen. Wac h und animiert? D as genügt nic ht mehr. I nzwis c hen s ind die Wis s ens c haftler s o
weit, mittels s pezieller P roteine der H irnc hemie den N euronen ein fotografis c hes G edäc htnis
einzubrennen. D as wäre er, der abs olute Kas s ens c hlager: die T ablette fürs G edäc htnis , die
Blitz- L ernpille. A llerdings gelingen die V ers uc he bis lang nur an T aufliegen.
V iaC ell in Bos ton entwic kelt ein Wac hs tums präparat für Bindegewebs zellen, die auc h im
G ehirn vorkommen, die s ogenannten Fibroblas ten. D as M ittel s oll s ie anregen, s ic h zu
vermehren; vorges ehen is t es für P atienten mit H irntumoren oder Sc hlaganfall. D er
vermutete N utzen für G es unde: N eugebildete N euronen lernen s c hneller als alte - es is t, als
würde die H ardware im G ehirn nac hgerüs tet.
"Ich war arrogant, hochnäsig, hatte eine A rt Größenwahn"
A ls V orreiter der H irnverbes s erungs fors c hung gilt E ric Kandel. D er heute 7 9 - jährige
A merikaner befas s t s ic h s eit J ahrzehnten mit den P rozes s en des L ernens im G ehirn. 2 0 0 0
bekam er den N obelpreis für M edizin, nac hdem er mit einem Kollegen die Firma M emory
P harmac eutic als gegründet hatte, die inzwis c hen vom Sc hweizer M ulti Roc he aufgekauft
wurde. N un fors c ht Kandel an gedäc htnis fördernden P räparaten. D as Ziel s eines
Fors c herteams : Subs tanzen in den N ervenzellen zu aktivieren, die wie ein T urbo für das
G edäc htnis wirken.
M aria Wes termann hatte nac h s ieben M onaten ihren Ritalin- T urbo auf zehn T abletten am T ag
ges teigert. D ie ers te Ration morgens war s tets die s c höns te für s ie, weil s ie damit wie auf
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T as tendruc k ihre inzwis c hen gewohnte L eis tungs kraft wiederhers tellte. A lle folgenden P illen
des T ages dienten dazu, dies en Zus tand s o lange wie möglic h aufrec htzuerhalten.
Sie leis tete nun s o viel wie nie, und s ie wus s te s o viel wie niemals zuvor. Sie s aß im
G emeinderat und s prudelte vor E infällen, wie man die G ottes diens te wieder voll und die
Kirc he attraktiver mac hen könnte. Zac k, das mus s man s o mac hen. Warum s ind die anderen
nur s o langs am, s o träge? Blöde H aus frauen, dac hte s ie.
D ie Büc her, all die E ins ic hten, die N eugierde ließen s ie nic ht mehr los - s ie gönnte s ic h
keine V ers c hnaufpaus e mehr. U nd s ie begann zu dozieren. Sie erzählte ihren Bekannten und
V erwandten, was s ie alles auf dem Kas ten hat. D ie empfanden s ie zunehmend als abgedreht.
"I c h war arrogant, hoc hnäs ig, hatte eine A rt G rößenwahn, weil ic h s o voller Wis s en, Kraft und
T atendrang s tec kte", s agt s ie.
Wer s ic h den N euronen- Stimulus nic ht wie Wes termann vom Rezept fürs eigene Kind
abzweigen kann, vers uc ht, ihn dem A rzt abzus c hwatzen. Wohl oft erfolgreic h: L aut einer
aktuellen A nalys e der ärztlic hen V ers c hreibungen haben hilfreic he D oktoren offenbar
mindes tens mit jedem vierten Rezept für M ittel wie Ritalin oder M odafinil M öc htegernSuperfrauen und - männern zu ihrem Kic k verholfen.
Dürf en Eltern ihre Kinder dopen?
Wie leic htfertig es - zumindes t derzeit noc h - is t, die L izenz zum H irndoping zu vergeben, das
kann I s abella H eus er, D irektorin der Klinik für P s yc hiatrie und P s yc hotherapie an der
Berliner C harité, täglic h in ihrem Sprec hzimmer beobac hten.
E inmal kam ein 2 2 - jähriger Student der Betriebs wirts c hafts lehre in H eus ers Sprec hs tunde.
A ls er zitternd vor ihr s aß, hatte er s c hon s ec hs M onate D oping und einen
N ervenzus ammenbruc h hinter s ic h. D er Student hatte tags über E phedrin ges c hluc kt, ein
A ufputs c hmittel, um s eine Bac helor- P rüfungen trotz eines Skiunfalls nac h dem s ec hs ten
Semes ter abs c hließen zu können. A bends waren dann A lkohol und Sc hlafmittel nötig, um
wieder runterzukommen. Seine M utter, eine A llgemeinmedizinerin, habe dem M ann das M ittel
vers c hrieben, erzählt H eus er.
A uc h die Weltwirts c hafts kris e hat s c hon Kunds c haft zu H eus er getrieben. E in
I nves tmentbanker in feinem italienis c hem T uc h forderte M odafinil auf Rezept. "D er wollte die
durc h die Kris e ents tandenen V erlus te aus gleic hen und nun 1 8 s tatt der s ons t üblic hen 1 4
Stunden arbeiten", erzählt die P s yc hotherapeutin.
H eus er verteufelt das N euro- E nhanc ement nic ht. "M ens c hen wollen s ic h verbes s ern, das is t
ein legitimer A ns pruc h", s agt die Wis s ens c haftlerin, "s c hließlic h leben wir in einer
L eis tungs ges ells c haft." D ie O ptimierung des Körpers is t längs t akzeptiert. Warum s ollte
man nic ht auc h die P s yc he perfektionieren? E ine s c hnelle A uffas s ungs gabe, gutes
E rinnerungs - und Konzentrations vermögen vers c haffen möglic herweis e den jobs ic hernden
V orteil in der modernen A rbeits welt.
"Spätes tens wenn die M edikamente keine N ebenwirkungen mehr haben, werden wir nic ht
darauf verzic hten", prophezeit Reinhard M erkel, Rec hts wis s ens c haftler an der U nivers ität
H amburg. "E s rollt eine ries ige Welle auf uns zu." Wie G alert und H eus er gehört M erkel zu
dem T eam der Wis s ens c haftler, das für die Bundes regierung die Folgen des N euro- T unings
unters uc ht hat.
D er J uris t s tellt Fragen, die demnäc hs t beantwortet werden müs s en: D ürfen E ltern ihre
Kinder dopen? Soll es Kontrollen an U nivers itäten geben? Werden die N euro- E nhanc ements
irgendwann allen zugänglic h s ein? O der vergrößert damit nur die E lite ihren ohnehin
bes tehenden V ors prung? Wird es bald ein Wettrüs ten der N ationen um das bes te
D opingmittel geben? Wie kann s ic herges tellt werden, das s die P räparate nur auf freiwilliger
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Bas is eingenommen und nic ht von fordernden C hefs vorges c hrieben werden?
"Nature"-Manif est löste Kontroverse aus
M it einer A rt M anifes t, ers c hienen in "N ature", wirbelten vor knapp einem J ahr s ieben
Fors c her die akademis c he Welt durc heinander. Sie plädierten darin für eine
"verantwortungs volle Freigabe" der P s yc homittel auc h für G es unde. H eute könne s owies o
jeder, der das wolle und bezahlen könne, s einen Körper und das H irn mit M edikamenten
aufrüs ten, hieß es dort. "Wir s ollten neue M ethoden begrüßen, die uns ere H irnfunktionen
verbes s ern."
Was den V ors toß bes onders bris ant mac hte, war die T ats ac he, das s Koryphäen wie M ic hael
G azzaniga, 6 9 , unter den "N ature"- A utoren waren. D er H irnfors c her arbeitet am Sage C enter
for the Study of the M ind und is t M itglied des Bioethikrats des U S- P räs identen. Seine
Bots c haft: "D ie M ens c hen benutzen eine ganze Reihe unnatürlic her M ittel, um L eis tungen zu
verbes s ern", des halb s olle der A rzt auc h P räparate dies er A rt vers c hreiben dürfen, "wenn
jemand unter bes onders großem L eis tungs druc k s teht".
A ls "kleinen Skandal" empfindet M ic hael Soyka, P rofes s or für P s yc hiatrie und
P s yc hotherapie an der L udwig- M aximilians - U nivers ität M ünc hen, das M anifes t, er hielt
"N ature" bis her für s eriös , eine I ns tanz in der Fors c hung. "D as G anze is t wirklic h
fürc hterlic h", s c himpft er. E in T abubruc h, ein V ors c hlag gegen jede medizinis c he E thik.
Soyka is t dagegen, die T abletten freizugeben, er verabs c heut die Forderungen s einer
Wis s ens c hafts kollegen. "M ir gefällt das M ens c henbild dahinter nic ht", s agt er. Sc hneller,
bes s er, mehr, mehr, mehr. E s s ei die L ogik des C omputerzeitalters , das H irn der M ens c hen
halte nic ht mehr mit. "E s geht nur noc h um D urc hhalten und mehr P ower." Warum
vers c hreiben Ä rzte keine A rbeits paus en?
"Die Mittel sind kein Kaugummi"
"G ewis s , die M ittel s ind kein Kaugummi", räumt M artha Farah von der U nivers ity of
P enns ylvania ein, die den A ufruf mit unterzeic hnet hat. "A nderers eits gibt es Sc hlimmeres :
Rauc hen etwa."
U nd was is t mit dem V orwurf, G ehirndoping führe zu einem unfairen Wettbewerb? D as kann
man genau anders herum s ehen, finden die G elehrten um Farah. A n C hanc engleic hheit
mangele es ohnehin: Studenten, die s ic h einen privaten T utor leis ten können, s eien
gegenüber ärmeren Kommilitonen im V orteil. D ie D rogen fürs G ehirn, argumentieren die
Fors c her, könnten dies en U ngerec htigkeiten s ogar entgegenwirken - man müs s e die M ittel
einfac h allen P rüflingen kos tenlos zur V erfügung s tellen.
T ats äc hlic h könnte das D open ganzer Klas s en und A bs olventenjahrgänge zu einer
beis piellos en G leic hmac herei führen, wie neurowis s ens c haftlic he U nters uc hungen andeuten:
Bei mittelmäßigen Studenten führen die M ittel nämlic h zu vergleic hs weis e großen
V erbes s erungen. Ü berdurc hs c hnittlic he H oc hs c hüler s püren nur kleine E ffekte.
M athias Berger, Ä rztlic her D irektor der A bteilung P s yc hiatrie und P s yc hotherapie des
U ni- Klinikums Freiburg, beobac htet mit V erwunderung, wie s c hnell der M arkt für die
"Kos metik der grauen Zellen" wäc hs t. E r s ieht ein P hänomen, das "in dies er Form dem
D oping in Sports tudios vergleic hbar werden wird": O bwohl s o wenig bekannt s ei über die
Ris iken und N ebenwirkungen, werde das Zeug "ins bes ondere unter C ollege- Studenten
bedingungs los ges c hluc kt".
V ielen Kons umenten ers c hienen die N ebenwirkungen zunäc hs t auc h gering. A ber dies e
M edikamente, erklärt Berger, veränderten "die V erarbeitung der I nformationen im G ehirn".
U nd: "D ie A us wirkungen auf die P ers önlic hkeit eines M ens c hen, der s ic h für E rfolge nic ht
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mehr s ehr ans trengen mus s , s ind nic ht abs ehbar." A uc h der D ruc k auf ältere A rbeitnehmer,
ihr G ehirn aufzupeppen, werde "s ic her extrem s teigen", prophezeit Berger, s obald deren
geis tige Fris c he nac hlas s e.
Zusammenbruch nach drei Jahren unter Ritalin
M aria Wes termann hatte nac h zwei J ahren unter Ritalin den H öhepunkt ihrer G ehirnleis tung
erreic ht. Sie nahm bis zu 1 8 T abletten am T ag. Sie begann zu zittern und hatte s tändig
Kopfs c hmerzen. A ls s c hlimmer noc h empfand s ie aber, das s s ie trotz s teigender D os en ihre
grandios e Konzentrations fähigkeit nic ht mehr erreic hen konnte. E s ging jetzt bergab.
Bald merkte s ie, das s s ie die Fähigkeit einbüßte, s ic h auf mehrere D inge gleic hzeitig
einzulas s en. H atte s ie s ic h in eines ihrer P rojekte vergraben, konnten die Kinder noc h s o viel
maulen. "D ie waren dann nur noc h Störfaktoren für mic h", s agt s ie, "ic h habe wie in einem
T unnel gelebt und hatte nic ht einmal ein s c hlec htes G ewis s en dabei."
Wes termann veränderte s ic h. Sie war leic ht reizbar, und "an manc hen T agen has s te ic h mic h
s elbs t". Sc hlau s ei s ie zwar gewes en, erzählt ihr M ann, aber ihr "ges under
M ens c henvers tand" war verlorengegangen: "D as war nic ht mehr die Frau, die ic h geheiratet
hatte."
D as vollges topfte G ehirn von M aria Wes termann geriet immer öfter in Konflikt mit den
A nforderungen des A lltags . A us jeder Bemerkung ihres M annes leitete s ie eine
V ers c hwörung ab. E rzählte er von einem G es präc h mit einer M itarbeiterin, s o vermutete s ie
eine L iebs c haft dahinter. Beric htete er von P roblemen der Kinder, s o vermutete s ie, ihr M ann
wolle ihr die Söhne entziehen. "A lles , was ic h mir aus dac hte, ergab einen Sinn", s agt s ie. D ie
E he wurde zur H ölle.
E rs t im M ai 2 0 0 8 , über drei J ahr nac h der E innahme der ers ten T ablette Ritalin, s ah
Wes termann ein, das s s ie H ilfe brauc hte. Sie ließ s ic h in einer Klinik für Suc htkranke
aufnehmen. A lkoholiker, T ablettenabhängige, Kokains üc htige, A us gebrannte. "D as war wie
eine H inric htung", s agt s ie, "ic h war auf dem A bs tellgleis angekommen."
Für G ötz M undle, C hefarzt der O berberg- Klinik im Sc hwarzwald, war M aria Wes termann der
ers te Fall einer G ehirngedopten. G ewundert hat er s ic h dennoc h nic ht über das s pezielle
D rama s einer P atientin. "J e mehr G as der M ens c h gibt, des to mehr innere V erankerung
brauc ht er auc h", s agt der P s yc hiater.
D ie neue M edikamentengeneration hält er nic ht per s e für etwas T euflis c hes . N ic ht die
P räparate s eien das P roblem, s ondern der U mgang mit den neuen H eraus forderungen der
A rbeits welt. M ens c hen brauc hten eine Balanc e zwis c hen äußeren A nforderungen und innerer
Ruhe. "Wer s eine P otentiale kennt und zu entwic keln weiß, is t auf dies e M edikamente nic ht
angewies en", s agt M undle.
M aria Wes termann blieb ac ht Woc hen in M undles Suc htklinik. Ritalin, s agt s ie, habe s ie in
unbekannte Sphären gehoben, aber in E rinnerung is t ihr bes onders die "dunkle Zeit"
geblieben, die T age, in denen "ic h wie durc h einen dic hten N ebel gegangen bin".
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Seele and Geist
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