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Public Health Forum 22 Heft 82 (2014)
http://journals.elsevier.de/pubhef
€ konomischer Status und psychische Gesundheit
Sozioo
Thomas Lampert, Lars Eric Kroll, Ulfert Hapke und Frank Jacobi
Der sozioo¨konomische Status hat sich
in einer Vielzahl nationaler und internationaler Studien als wichtige Determinante der Gesundheit und der Lebenserwartung erwiesen (Marmot,
2004, Mackenbach, 2006, Richter
und Hurrelmann, 2009). Personen
mit niedrigem sozioo¨konomischen
Status sind vermehrt von chronischen
Erkrankungen
wie
Herzinfarkt,
Schlaganfall, Diabetes mellitus, chronischer Bronchitis und verschiedenen
malignen Tumoren betroffen. Außerdem berichten sie ha¨ufiger von Beeintra¨chtigungen des allgemeinen Gesundheitszustandes und der gesundheitsbezogenen Lebensqualita¨t. Die
Differenz in der mittleren Lebenserwartung bei Geburt wird in Deutschland im Vergleich der niedrigsten mit
der ho¨chsten Statusgruppe mit 5 bis 10
Jahre beziffert (Lampert et al., 2007).
Studien zum Zusammenhang zwischen dem sozioo¨konomischen Status
und der psychischen Gesundheit sind
hierzulande vergleichsweise selten, erfahren aber vor dem Hintergrund der
weiten Verbreitung von psychischen
Sto¨rungen in der Bevo¨lkerung und
der damit verbundenen hohen individuellen wie gesellschaftlichen Kosten
eine zunehmend sta¨rkere Beachtung.
Im Folgenden wird berichtet, welche
Erkenntnisse die bundesweit repra¨sentativen Gesundheitssurveys des Robert
Koch-Instituts bislang zu dieser Thematik geliefert haben und welche Forschungsperspektiven mit der aktuellen
,,Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland‘‘ (DEGS1) und
dem angeschlossenen Zusatzmodul
,,Psychische Gesundheit‘‘ (DEGS1MH) verbunden sind.
Eine wichtige Datengrundlage fu¨r
Analysen zum Zusammenhang zwi-
schen dem sozioo¨konomischen Status
und der psychischen Gesundheit
wurde durch das Zusatzmodul ,,Psychische Gesundheit‘‘ zum Bundes-Gesundheitssurvey 1998 bereitgestellt
(Jacobi et al., 2004). Mit diesen Daten
konnte u.a. gezeigt werden, dass Personen mit niedrigem sozioo¨konomischen Status, gemessen u¨ber Bildung,
Beruf und Einkommen, ha¨ufiger von
affektiven, somatoformen und Angststo¨rungen betroffen sind als Personen
mit mittlerem und hohem sozioo¨konomischen Status (Lampert et al., 2005).
Weitere Auswertungen ergaben ein erho¨htes Risiko psychischer Sto¨rungen
fu¨r arbeitslose im Vergleich zu erwerbsta¨tigen Personen (Rose und
Jacobi, 2006) und fu¨r alleinerziehende
Mu¨tter gegenu¨ber Mu¨ttern, die mit einem Partner zusammen leben (Helbig
et al., 2006).
In den nachfolgenden Gesundheitssurveys des Robert Koch-Instituts wurde
die psychische Gesundheit zwar nicht
gleichermaßen umfassend und differenziert erhoben, anhand einzelner Indikatoren sind aber Aussagen zum Zusammenhang mit dem sozioo¨konomischen Status mo¨glich. Beispielsweise
verdeutlichen die Daten der Studie
,,Gesundheit in Deutschland aktuell‘‘
(GEDA) aus den Jahren 2009 und
2010, dass die Angeho¨rigen der niedrigen im Vergleich zu denen der hohen
Statusgruppe ein ho¨heres Risiko fu¨r
Depressionen haben (Lampert, 2013).
Dabei treten die Unterschiede im mittleren Lebensalter bei Ma¨nnern sta¨rker
hervor als bei Frauen. Im ho¨heren Lebensalter hingegen zeigen sich nur bei
Frauen signifikante Unterschiede zwischen den Statusgruppen (Abb. 1).
In der GEDA-Studie 2010 wurde
mit dem Mental Health Inventory
(MHI-5) außerdem ein international
bewa¨hrtes Screening-Instrument zur
Erfassung von Beeintra¨chtigungen
der psychischen Gesundheit eingesetzt
(Berwick et al., 1991, Hapke et al.,
2012). Dabei sollten die Befragten angeben, ob sie in den letzten vier Wochen ,,sehr nervo¨s‘‘, ,,so niedergeschlagen waren, dass sie nichts aufheitern konnte‘‘, ,,ruhig und gelassen‘‘, ,,
entmutigt und traurig‘‘ und ,,glu¨cklich‘‘ waren. Die Ergebnisse sprechen
dafu¨r, dass Ma¨nner und Frauen mit
einem niedrigen sozioo¨konomischen
Status in allen betrachteten Altersgruppen ha¨ufiger eine erhebliche
Beeintra¨chtigung der psychischen
Gesundheit aufweisen (Abb. 2,
Lampert, 2013). In einer weiterfu¨hrenden Analyse konnten diese Unterschiede unter Verwendung der Bildung als Statusindikator besta¨tigt
werden. Zudem erwiesen sich belastende Arbeitsbedingungen und eine
geringe soziale Unterstu¨tzung als Risikofaktoren der psychischen Gesundheit (Hapke et al., 2012).
Angesichts des multifaktoriellen Geschehens im Bereich der Gesundheit
kommen eine Vielzahl von Erkla¨rungsansa¨tzen fu¨r die beobachteten sozioo¨konomischen Unterschiede in der
psychischen Gesundheit in Betracht,
unter anderem (Lampert et al., 2005):
materielle Deprivation (Unterversorgung mit den basalen Dingen
des Lebens)
eingeschra¨nkte Teilhabe (Ausschluss
von Konsum- und Erlebnismo¨glichkeiten, die fu¨r die Mehrheit der Bevo¨lkerung selbstversta¨ndlich sind)
erho¨htes Stresserleben (z.B. bezu¨glich Sicherung des Lebensunterhalts, vermehrte Traumatisierung)
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Abbildung 1. 12-Monats-Pra¨valenz fu¨r Depressionen nach sozioo¨konomischem Status bei 18-ja¨hrigen und a¨lteren Ma¨nnern und Frauen.
Datenbasis: Studie ,,Gesundheit in Deutschland aktuell‘‘ 2009 und 2010 (gepoolter Datensatz, n=43.024, Lampert, 2013).
Abbildung 2. Erhebliche Beeintra¨chtigungen der psychischen Gesundheit in den letzten vier Wochen nach sozioo¨konomischem Status bei 18ja¨hrigen und a¨lteren Ma¨nnern und Frauen. Datenbasis: Studie ,,Gesundheit in Deutschland aktuell‘‘ 2010 (n=21.939, Lampert, 2013).
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kurzfristige Orientierung, aus der
eine ho¨here Bereitschaft zu gesundheitsriskantem Verhalten resultiert
preka¨re
Arbeitsmarktanbindung
(Verunsicherung und Angst vor einem sozialen Abstieg)
ungleiche Ressourcen (mit der
Ho¨he des Einkommens vergro¨ßert
sich der Spielraum fu¨r eine gesunde
Erna¨hrung, Erholungsmo¨glichkeiten und direkte Ka¨ufe von
Gesundheitsleistungen)
gesundheitsbedingte ,,soziale Selektion‘‘ (psychische Erkrankungen
vermindern die Chancen auf dem
Arbeitsmarkt)
Forschungsperspektiven der DEGS1Studie
Mit dem an die ,,Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland‘‘
(DEGS1) angeschlossenen Zusatz-
Literaturverzeichnis
Berwick DM, Murphy JM, Goldman PA, Ware
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general population: Results from the German
modul ,,Psychische Gesundheit‘‘
(DEGS1-MH) sind erstmals seit
1998 wieder bundesweit repra¨sentative, standardisierte und auswertungsobjektive Angaben zu Symptomen, Syndromen und Diagnosen
ausgewa¨hlter psychischer Sto¨rungen
mo¨glich (Jacobi et al., 2014). Die
Daten ero¨ffnen auch mit Blick auf
den Zusammenhang zwischen dem
sozioo¨konomischen Status und psychischen Sto¨rungen weitreichende
Forschungsperspektiven.
Geplant
sind zum einen Auswertungen, die
die bisherigen Befunde zum Zusammenhang zwischen sozioo¨konomischem Status und dem Risiko fu¨r
psychische Sto¨rungen replizieren
und vertiefen. Zum anderen wird
ein besonderer Schwerpunkt auf
dem Thema Arbeitswelt und psychische Gesundheit liegen. Hierbei wer-
den sowohl die Auswirkungen von
Arbeitsbelastungen als auch die von
Arbeitslosigkeit auf die psychische
Gesundheit betrachtet, jeweils unter
Beru¨cksichtigung des sozioo¨konomischen Status. Umgekehrt werden
Beeintra¨chtigungen der Arbeitsfa¨higkeit infolge von psychischen Erkrankungen sowie daraus erwachsende soziale Nachteile fu¨r die Betroffenen untersucht.
Health Interview and Examination Survey
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Der korrespondierende Autor erkla¨rt, dass
kein Interessenkonflikt vorliegt.
http://dx.doi.org/10.1016/j.phf.2013.12.014
PD Dr. Thomas Lampert
Robert Koch-Institut
FG27 Gesundheitsberichterstattung
General-Pape-Str. 62-64
12101 Berlin
t.lampert@rki.de
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Einleitung
Eine Vielzahl an Studien weist den sozioo¨konomischen Status als einflussreiche Determinante der Gesundheit und
Lebenserwartung aus. Der Beitrag beschreibt, welche Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen dem sozioo¨konomischen Status und der psychischen Gesundheit fu¨r die Allgemeinbevo¨lkerung in Deutschland vorliegen. Außerdem wird
dargestellt, welche weiterfu¨hrenden Forschungsperspektiven mit der,,Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland‘‘
(DEGS1) und dem angeschlossenen Modul zur psychischen Gesundheit verbunden sind.
Abstract
There is ample evidence for socio-economic status being a strong determinant for life expectancy and health. This study
reports results regarding the association of socio-economic status and mental health in the general population of Germany.
Additionally, future perspectives for the analysis of mental health inequalities using the first wave of the German Health
Interview and Examination Survey for Adults (DEGS1) and a special module on mental health are discussed.
Schlu¨sselwo¨rter:
Soziale Ungleichheit = Social inequality, sozioo¨konomischer Status = socioeconomic status, Arbeitslosigkeit = unemployment, psychische Gesundheit = mental health, Gesundheitssurvey = health survey
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