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Die Sonne geht auf Man, was für eine Nacht. Ich bin völlig erschöpft

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Die Sonne geht auf
Man, was für eine Nacht. Ich bin völlig erschöpft und meine Augen fallen immer wieder zu.
Keine Ahnung wie lange ich mich noch über Wasser halten kann. Der absolute Gegensatz
zum Enthusiasmus von gestern.
Es war einer dieser bedeutungsschweren Samstagabende, auf die man ungeduldig wartet um
dann doch wieder das selbe langweilige Zeug zu machen, wie auch sonst immer.
Ich war bis zum Rand gefüllt mit Energie und guter Laune, also wollte ich ins „Hip“ gehen,
einen der abgefahrensten Clubs der Stadt. Der Ort, an dem der jugendliche Absturz der Upper
Class seine Selbstzerstörung auslebt.
Am Abend habe ich noch eine Dusche genommen, mich halbwegs anständig gekleidet, um
nicht wie diese verkommenen Teenies auszusehen, die noch nicht bemerkt haben, dass das
Leben auch unter massivem Drogeneinfluss nicht einfach verschwindet und um mir den Spaß
zwischen den ganzen Freaks zu garantieren habe ich vor dem Aufbruch noch das bisschen
Koka aufgebraucht, das von letzter Woche übrig geblieben ist. Ich dachte alles Weitere würde
sich dann von selbst ergeben.
Der öffentliche Verkehr hat mich bis kurz vor den Club gebracht und die letzten paar Meter
lief ich durch das belebte Zentrum der Stadt. Das Tolle an Koks ist, dass du dich im Rausch
wie der Übermensch schlechthin fühlst. Ich lief durch die Masse von Passanten mit stolz
geschwellter Brust und was sich mir auch in den Weg stellen könnte, mein Panzer aus
Selbstsicherheit hätte es einfach in den Boden gestampft. Aber meistens geht diese geballte
Energie einfach ins Leere, weil sich keine ernstzunehmenden Hindernisse ergeben, solange
man auf der Fußgängerzone spaziert und wenn die Droge sich dann nach und nach abbaut,
wenn du am morgen aufwachst und die der Wirklichkeit stellen musst, fällst du in tiefe
Depressionen. Du weinst grundlos und mit enormer Ausdauer. Du kannst den Leuten kaum
ins Gesicht sehen, weil du dich wie das beschissenste Arschloch überhaupt fühlst. Es amüsiert
mich immer wieder, wenn ich über die Ironie in dieser Stimmungsschwankung nachdenke.
Sogar jetzt noch.
Über den ganzen Tag verteilt hatte ich alle meine Kollegen angerufen, selbst die, mit denen
ich sonst kaum etwas unternehme, und habe sie anstandslos vollgequatscht, aber keiner von
diesen Schlappschwänzen wollte mich begleiten. „Nö, kein Bock. Dieser Scheiß ist doch
immer das Selbe...“, hatten sie gesagt. Ich dachte mir: „Na gut, ihr Penner. Dann gehe ich
eben allein!“ Wie gesagt, ich war kaum zu bremsen. Ich dachte irgendetwas würde ich in
diesem Schuppen schon anstellen können; Und wenn es nur ein kleiner One night stand sein
sollte. Besser als nichts.
Ich hatte ja keine Ahnung...
Es muss etwa 23:30 Uhr gewesen sein, als ich das „Hip“ erreichte und vor dem Eingang stand
schon eine riesige Schlange. Ich habe die wartenden Teenies beobachtet, wie sie sehnsüchtig
vor ihrem kleinen Lagerhallen-Paradies standen; Alle in schicke Schwarz-Weiß
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Kombinationen gekleidet. Wie ein Horde Kellner, die aufgeregt an die Arbeit will. In diesem
Schuppen gehöre ich schon zum älteren Klientel und aus meiner Jugend kenne ich ein paar
Leute mit guten Positionen darin, also konnte ich mit schadenfrohem Lächeln an all den
kleinen Spastis vorbei und der Spaß konnte sofort beginnen.
Zuerst habe ich mich an die Bar gestellt und ein paar Minuten damit verbracht meinen
Verstand mit Drinks zu betäuben, während ich mich im Laden umsah. Er war gut besucht und
die Musik war in Ordnung also entschloss ich mich, noch zwei Tequila hinterher zu schütten
und mich dann auf die Tanzfläche zu schleifen, um nach ein paar Frauen Ausschau zu halten.
Das Schöne an einem Alkoholrausch ist, dass er es schafft, selbst in banalen und unsinnigen
Situationen Enthusiasmus zu mobilisieren. Mag der Abend noch so langweilig sein, sobald
der Alkoholpegel im Blut stimmt, fällt einem schon etwas ein.
Ich bin also eine Zeit lang auf der Tanzfläche geblieben und habe die Musik genossen. Man,
es ist wirklich ein grandioser Anblick, diesen Hirnamputierten bei ihrer Selbstverherrlichung
zuzusehen. Ich kann es nur jedem empfehlen, sich einen dieser fast- oder gerade eben
Volljährigen, mit glänzend gegelter Sportfrisur und engen, zerrissenen Designerklamotten in
seiner chemischen, nach Alkohol und Zigaretten müffelnden Extase zu beobachten. Dieser
unnahbare, gefühllose Gesichtsausdruck, der gleich vermuten lässt, dass man es hier mit
einem besonders krassen Typen zu tun hat. Und um das Bild abzurunden ist daran nichts
offensichtlicher, als die von coolness überspielte Schüchternheit in seinem Tanz. Großartig!
So habe ich mich ein paar Minuten auf der Tanzfläche amüsiert. Ich beobachtete diese Kids
bei ihrem abartigen, industrialisierten Paarungsritual, bei dem sie übereinander herfallen wie
ein Haufen degenerierter Affen, bis die Drinks mir schließlich ein paar aufdringliche Signale
aus der Magengegend ins Hirn sandten und ich mich genötigt sah, die Toilette aufzusuchen.
Ich habe keine Ahnung warum, aber aus irgendeinem Grund stehen vor Frauentoiletten immer
riesige Schlangen, während Männertoiletten beinahe leer sind. Und als wäre nichts dabei wird
man in einer solchen Situation auch immer mindestens einer Frau begegnen, die mit frechem
Lächeln aus einer der Kabinen im Männerklo kommt, während man zu den Pissoires geht.
Und so auch auf dieser Toilette. In ihrer Verlegenheit lächelte sie mich blöd an um den Effekt
ihrer waghalsigen Tat ein wenig zu intensivieren und dann verschwand sie in der Tür. Ich
stellte mich an die Wand mit den Pissoirs, die so leer war, dass sie fast unheimlich wirkte; wie
eine verdammte, nach Pisse stinkende Geisterstadt. Mit einem leichten, hallenden Plätschern
verabschiedete sich der verdaute Alkohol und ging dankbar seiner Wege. Als Frau wäre ich
total aufgeschmissen, denn wenn ich pinkeln gehe, dann muss ich auch pinkeln. Um so lange
zu warten, bleibt da keine Zeit.
Ich habe nicht bemerkt wie er reinkam, aber als ich mein Geschäft erledigt hatte und
entspannt meine Augen wieder öffnete, stand er neben mir. Seine Kleidung war durchaus
akzeptabel; Mit den legeren Levi‘s und dem sportlich-eleganten Hemd machte er sogar einen
coolen Eindruck auf mich. Er hatte ein wenig Gel in seinem blondschwarzen Haar und er trug
drei-Tage Bart. Er war etwa in meinem Alter, schätze ich.
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„Die Wilden meiner Generation.“, dachte ich über dieses Phänomen Mensch, das sich vor
dem Pissoir neben mir positioniert hatte und erleichtert stöhnte. Sein Auftritt hatte etwas
anstößiges, aber das wurde von seiner gepflegten Erscheinung weit genug verdeckt, um die
Norm nicht zu beleidigen.
„Man, diese kleinen Schwachköpfe da draußen. Eine völlig bescheuerte Generation. Extase
aus Fernsehen und chemischen Drogen.“
„Ja.“, erwiderte ich. „Eine Horde wildgewordener Kellner.“
Er lachte laut, sodass der Hall seiner Stimme zwischen den weiß gefliesten Wänden des WCs
hin und her sprang.
„Großartig!“, sagte er, als er seine Hose wieder geschlossen hatte und sich zu mir umdrehte.
„Darauf gebe ich einen aus.“
Er griff in seine Hemdtasche und nahm zwei Neon-Gelbe Pillen heraus. Mit angewinkeltem
Arm hielt er sie auf seiner Handfläche und bot mir eine an. Dieser kleine Snack kam mir sehr
gelegen, denn das Koka hatte schon lange nachgelassen und um weiter zu feiern war es
notwendig, meinen Verstand weiter zu betäuben. Also griff ich zu und bedankte mich.
Und hier fing der Abend an.
Wir gingen zur Bar und ich bestellte uns ein paar Drinks, um die Zeit zu überbrücken, die die
Drogen brauchen würden, bis sie wirkten. Ich hatte diese Pillen nie zuvor gesehen, aber
irgendetwas an diesem Typen sagte mir, dass sie verdammt gut waren.
Er stellte sich vor und sagte, sein Name sei Marc. Er war 25, also genauso alt wie ich. Er
arbeitete als freier Journalist, als Koch in italienischen und Griechischen Restaurants, bei der
Müllabfuhr... „Immer da wo ich gerade gebraucht werde“, sagte er mir einem dreckigen
Grinsen. Er war wahrscheinlich auch aus der Stadt, aber seine Antwort auf diese Frage war
unklar.
Mitten in unserem Smalltalk ist Marc dann aufgestanden und hat sich mit wenigen Worten auf
die Toilette verzogen. Das war der Augenblick, in dem die Wirkung der kleinen Pillen
deutlich spürbar wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen Zweifel mehr, dass sein Zeug
gut war, denn wenn die ersten Wellen dich schon so aus dem Konzept bringen, steht bereits
fest, dass du in spätestens fünfzehn Minuten völlig neben der Spur bist; unfähig deine
Gedanken und Emotionen zu kanalisieren.
Und so war es dann auch. Bis Marc wieder neben mir saß hatte ich die Statur eines vergifteten
Tieres angenommen. Diese Pillen waren nicht die gewöhnliche Aufputschmischung, die einen
nach wenigen Stunden ungehalten aus der Höhe fallen lässt, dass man schmerzhaft auf den
Boden schlägt. Diese Dinger waren in höchstem Grad psychedelisch. Ich war kaum noch in
der Lage mich zu konzentrieren. Der Club hatte sich unter den vielen Lichteffekten zu etwas
in der Art einer schimmernden Tropfsteinhöhle verwandelt. Die Temperatur war unerträglich.
Und in diesem Chaos, indem meine überreizte Wahrnehmung zu kollabieren drohte, schaffte
es irgendeine sorgfältig dosierte Substanz in diesen Wunderdingern auch noch, meinen
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Körper bei der Stange zu halten. Ich hatte nicht mal eine Chance mich zu ergeben. Es war ein
sehr harter Trip, aber objektiv betrachtet waren diese Pillen ein Meisterwerk chemischer
Rauschsubstanz.
Ab diesem Zeitpunkt sind meine Erinnerungen verschwommen, aber ich kann mich erinnern,
dass ich von der Bar aus auf die Tanzfläche rüber schwebte und es dürfte dann etwa zehn
Minuten gedauert haben, bis ich sie schweißgebadet und nahe dem Zusammenbruch wieder
verlies. Ich lief zur Bar rüber und bestellte mir eine kühle Limo. Alkohol war in meiner
Verfassung unvorstellbar; Zucker war schon nicht ohne. Allerdings muss bei der Bestellung
irgendetwas schiefgelaufen sein, denn ich hielt ein Bier in der Hand, als Marc mich an einem
der Stehtische aufsammelte. Ich hatte ihn schon völlig vergessen und erkannte ihn im ersten
Moment nicht wieder, aber er war nicht so verwirrt wie ich und schaffte es meine Erinnerung
wieder wachzurütteln.
Ich sagte ihm, dass ich es in diesem Laden nicht mehr lange aushalten würde, weil diese
gottveredammten Kellner einfach zu viel Hitze produzierten. Er stimmte mir zu. Er sagte
auch, dass er für uns beide sowieso noch größere Pläne habe. Ich verstand nicht was er
meinte.
Wir warteten nicht mehr lange. Als einer dieser Verrückten neben mir stolperte und fiel,
bekam ich es mit der Angst zu tun und richtete ein Chaos an, indem ich erst auf ihn drauftrat,
dann mein Gleichgewicht verlor und auf meinem Weg zum Boden noch zwei Stehtische
voller Flaschen und Gläser mit mir nahm.
Marc hob mich schnell vom Boden auf und schleppte mich auf die Straße.
Draußen empfing mich die besänftigende Ruhe der Nacht. Der Lärm war in dieser Betonkiste
hinter mir eingesperrt und nur sein dumpfes Hämmern drang schwach durch ihre Wände. Die
Wellen hatten sich endlich beruhigt. Ich atmete ein paar Mal tief durch und dann war ich
wieder in der Spur. Mehr oder weniger.
Meine Wahrnehmung war immer noch sehr getrübt, aber in dieser Atmosphäre haben die
Gegenstände wenigstens ihr Eigenleben eingestellt. Ich habe kaum eine klare Erinnerung an
die Bilder aus dem Club, aber ich kann mich noch in etwa erinnern, wie es sich anfühlte in
diesem Lichterlabyrinth völlig den Überblick zu verlieren. Panik kroch meine Wirbelsäule
rauf und ich konnte nichts mehr verarbeiten; mein Hirn war völlig blockiert. Im Grunde
genommen kann ich froh sein, dass ich keine ernsthaften Schwierigkeiten bekommen habe.
Jetzt, im Licht der Straßenlaternen, wurden die Wellen sanfter. Es kamen nicht mehr so viele
Reize auf mich zu, weder optisch noch akustisch und die Situation war endlich wieder
überschaubar. Das einzig ungewöhnliche war, dass alle Gegenstände um mich herum in
Richtung eines Fluchtpunktes verzerrt waren, der irgendwo über mir schweben musste. Die
Laternen, Mülleimer, Hydranten und sogar die Gebäude bogen sich alle zu einer Mitte hin.
Ein unglaubliches Bild.
Marc stand ungerührt neben mir und musterte mich, wie ich die Umgebung studierte und als
er mich dann vorsichtig anstieß um meine Aufmerksamkeit zu bekommen erschreckte ich und
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wäre fast wieder gefallen. Meine Sinne müssen immer noch in Alarmbereitschaft gewesen
sein.
„Lass uns spazieren gehen“, sagte er mit ruhiger Stimme.
Er hatte eine tiefe, männliche Stimme, die, wie sein Auftreten, vorsichtig die Grenzen des
guten Geschmacks tangierte. Ich schmachtete diesem Klang nach und sagte abwesend so
etwas wie: „Gute Idee… Spazierengehen… klingt vernünftig.“
Er lachte mit derselben Stimme und wir gingen los.
Unterwegs begann er die Fragen zu stellen. Er fragte mich, was ich mit meinem Leben so
anstelle und ich antwortete ihm, dass ich einen anständigen Job hätte, der mich recht viel
beschäftigte, dass ich Musik und Filme und Frauen mag und ansonsten gerne mit Freunden
das Leben feiere. Er sagte etwas im Sinne von: „Eine gute Einstellung.“, dann wurde seine
Miene finster und er fügte mit bedeutungsschwangerem Ton hinzu, dass es traurig wäre, wenn
meine Feste immer so aussehen würden, wie an diesem Abend. „Sieh dich nur an.“, sagte er
und deutete mit seiner Hand auf meine Statur. Ich musste kurz darüber nachdenken, aber dann
stimmte ich ihm zu. Er hatte recht. Eine Party mit Hirnamputierten Teenies und dazu ein
ausufernder, hochgefährlicher Pillentrip, der meine geistige Verfassung einer Psychose nahe
brachte. Ich erklärte ihm, dass mir nicht viele Möglichkeiten blieben. Hier draußen, in dieser
riesigen Kleinstadt sei nun mal nicht sehr viel zu holen.
Ich glaube bei diesem Thema wurde ich etwas sentimental. Es muss an den Drogen gelegen
haben. Sie hatten eine neue Richtung eingeschlagen. Die Reize aus der Umgebung
verschwanden von meinem Radar und ich konzentrierte mich ganz auf das Gespräch. Ich
erzählte mit rührender Stimme und schenkte ihm volles Vertrauen, während ich mein Herz
ausschüttete.
„Weißt du, ich würde auch gerne mehr aus meinem Leben machen, aber ich bin in dieser
Wüste eingesperrt. Kein Tropfen Wasser weit und breit. Verstehst du, was ich meine...“ So
muss es sich etwa angehört haben und etliche Meter gegangen sein. Wahrscheinlich habe ich
im Rausch auch verbrüdernde Phrasen wie: „Du bist echt in Ordnung“ eingeschoben. Ich
weiß nicht mehr, was ich ihm alles erzählt habe, aber als ich mich wieder auf die Umgebung
konzentrierte, war meine Orientierung längst dahin. Ich hatte keine Ahnung mehr, wo wir
waren.
„Wo sind wir?“, fragte ich etwas skeptisch.
„Keine Ahnung,“ sagte Markus, „Scheiß drauf. Was spielt das für eine Rolle?“
Bei diesem Satz fiel mir auf, dass er lange nichts mehr gesagt hatte. Ich hatte den Klang seiner
Stimme fast schon wieder vergessen und es hörte sich ungewohnt und fremd an Signale aus
seiner Richtung zu erhalten. Er war die ganze Zeit ruhig geblieben und hat meinen
Ausführungen gelauscht, ohne sich von meiner Sentimentalität anstecken zu lassen. Ich kann
mir lebhaft vorstellen wie diszipliniert und cool er dabei ausgesehen haben muss; Aber ich
kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich muss die ganze Zeit geschwafelt haben. Keine
Ahnung.
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„Wie spät ist es?“, fragte ich. Ich brauchte dringend einen Fixpunkt, an den ich knüpfen
konnte.
Er reagierte gar nicht auf meine Frage, sondern sagte in seiner Kühle ohne mich anzusehen:
„Heute Abend ist die Zeit gekommen das Leben endlich gebührend zu feiern. Was haben wir
zwei Muschis mit unserem angestellt, als uns herumzudrücken, so weit es möglich war. Unser
gesamtes Leben haben wir damit verschwendet nutzlos und faul zu sein. In fast jeder
Hinsicht. Wir müssen endlich aufstehen. Wir müssen unser Leben endlich in die Hand
nehmen. Unsere Erziehung hat uns gelehrt, überall kleine Lücken zu suchen und uns schnell
durchzumogeln; Bloß nirgendwo anstoßen. Aber heute Abend werden wir...“, Er macht eine
Pause und nahm einen tiefen Zug der frischen Nachtluft. Ich sah mit großen Augen zu ihm
auf. Er hatte mir aus der Seele gesprochen. Seine Stimme klang furchteinflößend und doch
wie eine Offenbarung; als hätte ich die Stimme Gottes gehört..
„ Man kann an seinem Leben so viel rumnörgeln wie man will, am Ende ist man selbst Schuld
wenn man nichts daraus macht.“
„Was willst du aus deinem Leben machen? Hast du eine Idee?“
Ich war von dieser Frage überfordert. Seine Rede hatte einen so starken Eindruck bei mir
hinterlassen, dass mein Hirn nicht mehr in der Lage war eigenständig zu arbeiten.
Er hatte Recht mit dem, was er sagte und dass ich nicht gleich eine Antwort wusste, bestätigte
seine Worte nur. Ich konnte ihm nicht Antworten, weil ich die Verantwortung fürchtete, die
eine Antwort mit sich brachte.
Was will ich aus meinem Leben machen?
Mein Hirn begann Phantasien darüber auszuspinnen. Eine Flutwelle von Transmittern wurde
ausgeschüttet und entfesselte die verschiedensten Emotionen; Wünsche, Hoffnungen, Träume.
Ich wollte irgendetwas Gutes daraus machen. Ich wollte eine Frau glücklich machen. Ich
wollte einer Familie ein gutes Zuhause bieten können. Ich wollte eine anständige Arbeit, bei
der ich mich entfalten kann, nicht so einen 0815 Kack wie bisher. Ich will Anerkennung.
Vielleicht auch ein bisschen Macht. All diesen traditionellen und postmodernen Schwachsinn,
der einem täglich ins Hirn geknetet wird.
Ich wollte mein Leben endlich in die Hand nehmen.
Aber auf dieser verlassenen Straße, in der Mitte dieser Nacht war ich von meinen Zielen weit
entfernt und als ich das realisierte, ging mir ein Licht auf.
„Ich will mich bewegen!“, sagte ich entschlossen, „Ich will vorankommen!“
„Ja!“, sagte er. „Das ist die richtige Einstellung.“
Mein Enthusiasmus ist gleich auf ihn übergegangen.
„Was willst du machen?“, brüllte er mich an. Die Nervosität war ihm deutlich anzusehen.
Von seiner unnahbaren Coolness war nichts übriggeblieben.
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„Laufen!“, schrie ich zurück wie ein bedingungslos gehorsamer Soldat. „Ich will all diese
Scheiße einholen, die ich seit Jahren laufen lasse. Ich will rennen.“
Ich konnte kaum glauben, wie viel Energie sich plötzlich in mir mobilisierte. Sie pulsierte
durch meinen gesamten Körper.
„Das ist die richtige Einstellung.“ sagte Marc. „Dann lass uns keine Zeit mehr
verschwenden.“ Und wir rannten sofort los.
Ich rannte wie ein Geistesgestörter durch die leeren Straßen. Die Laternen waren noch an und
in Kombination mit meinem Rausch ergaben die vorbeiziehenden Gebäude in ihrem Licht ein
wunderbares Bild. Ich schrie. Ich schlug auf vorbeihuschende Straßenlaternen und es war, als
käme Musik aus ihren Metallgehäusen. Ich konsumierte die vorbeiziehende Landschaft; Ich
sog Zeit und Raum in mich auf und als ich sie wieder ausatmete, gehorchten sie mir. Endlich
waren wir eins.
Ich habe keine Ahnung, in welche Himmelsrichtung wir gelaufen sind, aber ich weiß, dass
meine Beine immer noch Hochgeschwindigkeit drauf hatten, als die Wirkung der Pillen
nachließ. Die Straßenlaternen gingen unterwegs aus, aber ich konnte Marc immer ganz dicht
hinter mir hören. Wir beide liefen um unser Leben und eine Niederlage stand nicht zur
Debatte.
Ich denke, zwischendurch haben wir sicher die eine oder andere Pause eingelegt, um eine
Zigarette zu rauchen, oder so etwas, aber alles in allem müssen wir trotzdem verdammt viel
gelaufen sein. Ich kann mich noch erinnern wie ich schließlich erschöpft stehen blieb und
nach Luft schnappte. Marcs Schritte waren noch ein paar Meter hinter mir, aber sie näherten
sich mit hohem Tempo; immer noch mit hohem Tempo. Wahrscheinlich sind wir in
irgendeinen Randbezirk der Stadt gelaufen. Es gab fast ausschließlich Wohnhäuser und
Laternen waren alle ausgeschaltet. Im Dunkel konnte ich nur noch Grautöne wahrnehmen;
keinerlei Farbe.
Ich stand dort auf dem Bürgersteig, die Hände auf die Knie gestützt und ruhte meinen
verschwitzten und völlig erschöpften Körper einen Augenblick lang aus. Als Marc ankam, sah
er mich missbilligend an und fragte: „Was soll das werden?“
„Alter, bist du nicht am Ende?“, fragte ich ihn und hoffte sein Verständnis zu wecken. Aber er
hatte nichts für Schwäche übrig.
„Am Ende? Du hast noch einiges an Strecke vor dir, mein Freund. Du bist 25 Jahre; da
warten sicher noch 50 weitere auf dich und du willst jetzt schon aufgeben? Das sieht dir
ähnlich, du verweichlichter Krüppel.“
Ich hörte ihm zu; immer noch nach Luft ringend. Das tolle an chemischen Drogen ist, dass
man seinen Körper maßlos überstrapazieren kann. Beschwerden oder Bedürfnisse zu
artikulieren schafft er erst, wenn er schon weit über seine Grenzen hinaus gegangen ist.
Hunger, Durst, alles kein Problem. Aber die Schwächen meiner Kondition haben sich
unmissverständlich artikuliert. Einige Stellen, vor allem die Kniegelenke, schmerzten bereits.
Ich wollte in mein Bett. Ich konnte definitiv etwas Ruhe gebrauchen.
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„Das sieht dir ähnlich, du mieser Schlappschwanz. Auf dem Höhepunkt gibst du einfach auf.
Das hier ist ein verdammter Kampf und du steckst mitten in der entscheidenden Schlacht.
Zeig deinem Schweinehund endlich wer der Boss ist. Lass ihn nicht gewinnen. Du darfst ihn
nicht gewinnen lassen.“
„Los, du Schlappschwanz, komm hoch!“
Was er sagte machte Sinn. Es drang ungefiltert zu meinem Vernunftzentrum durch und
überzeugte mich von Grund auf. Ich hatte so lange gekämpft und wenn all diese Anstrengung
jetzt umsonst wäre? Wenn es soviel Kraft gebraucht hätte, um zur letzten, entscheidenden
Schlacht zu gelangen, dann war jetzt die Zeit gekommen, um alles herauszuholen, was in mir
steckte. Gewonnen hatte ich noch nichts, so viel stand fest, aber es gab immer noch alles zu
verlieren.
Ich richtete mich auf, sah Marc mit ernster Miene in die Augen, holte einmal tief Luft und
rannte los; mit aller Kraft. Mit mehr Kraft als auf der gesamten bisherigen Strecke. Ich holte
das Letzte aus meinem Körper heraus, um diesem Gefecht mit allem aufzuwarten, was ich zu
bieten hatte.
„Gut so, mein Junge!“, hörte ich Marc hinter mir rufen. Seine Stimme schallte durch die leere
Straße.
Meine Muskeln brannten vor Anstrengung, aber in diesem Sprint entfesselte sich mein ganzes
Potential. Ich fühlte mich endlich frei. Ich weiß nicht, ob ihr dieses Gefühl kennt, aber wenn
man seine eigene Schwäche überwindet, fühlt man das Leben in voller Intensität. Als hätte
der kleine Samen namens Seele, der irgendwo tief in uns vergraben ist, endlich einen Tropfen
Wasser gefunden und einen Trieb durch die Dunkelheit geschickt, der es tatsächlich bis ans
Licht schaffte. Der Kreis ist geschlossen; Man kann mit dem Lauf der Zeit endlich mithalten.
Ich schloss meine Augen und genoss diese Freiheit. Ich hatte dieses Gefühl lange vermisst.
Mein Körper vollbrachte endlich Höchstleistung. Er hatte das Laster des Wartens abgelegt
und ich fühlte mich stark genug, um die Dinge endlich selbst in die Hand zu nehmen. Körper
und Geist arbeiteten in völliger Harmonie.
Und dann fühlte ich den Crash gegen eine ein Meter vierzig Hohe Betonmauer. Ich fühlte wie
meine linke Kniescheibe bei dem Aufprall in kleine Stücke splitterte; Ich fühlte wie der harte
Stein tiefe Risse in meiner Haut hinterließ, als ich darüber stürzte, ich fühlte den freien Fall
für etwa zwei Meter und dann fühlte ich den zerschmetternden Aufprall in einer Baugrube,
der mir das andere Bein und einen Arm brach.
Ich glaube auch mein Schädel wurde beim Aufprall verletzt. Meine Sicht ist verschwommen
und mir ist übel. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie lange ich noch durchhalte.
Ich habe nach Marc geschrien; Ich habe ihn um Hilfe angefleht, aber dieser Bastard lehnte
sich über die Mauer, sah zu mir herunter, sein Körper in die Grautönen der Nacht gefärbt,
dass ich ihn kaum noch erkennen konnte, und sagte nur: „HAHA. Du Vollidiot.“ Er machte
nicht die geringste Anstalt um mir zur Hilfe zu kommen. Aber das Beste kommt noch: Ich
sah ihn fassungslos an, Blutverschmiert und mit Schmerzen am ganzen Körper, während er
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sich dort oben über die Mauer lehnte und über mich lachte. Unter Shock und Erschöpfung
blinzelten meine Lider in spastischen Krämpfen, um ein schärferes Bild zu bekommen und
wie sich meine Augen wieder und wieder öffneten, war Marc plötzlich verschwunden.
Einfach weg. Ich hörte nicht einmal Schritte oder sonst irgendein Geräusch. Er hat sich
einfach in Luft aufgelöst.
Verdammt. Ich schreie seit zwei Stunden um Hilfe, aber anscheinend kann mich niemand
hören. Ich denke, ich bin irgendwo bei den Docks. Heute ist Sonntag. Schlechte Karten.
9
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Seele and Geist
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