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Ein Mensch ist, was er hinterlässt. Ich gehöre auf den Müll - Blog.de

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Ein Mensch ist, was er hinterlässt.
Ich gehöre auf den Müll, kein Thema. Mit großer Klappe das Spielfeld betreten, zu Null
wieder runter.
Klar, es wird noch gespielt. Und die zweite Halbzeit hat erst begonnen, glaube ich den
Greisen, die sich hier Seniorentische decken lassen, so weit das Auge reicht.
"Einmal Currywurst, Pommes!" Essen fassen. Abfüttern lassen. Ich spare mir die Geste,
mit der ich früher mein Notizbuch zog. Genau so gut könnte ich mich ausbreiten vor
Fototapeten, welche belebte Schankräume von Gaststätten zeigen.
Zur Geschlechtsreife hin, schmückte ich die Tür meines Kinderzimmers mit dem
lebensgroßen Poster einer Sängerin. Und im Grunde hört kein Mensch je auf, sich derart
vor lebensgroßen Postern zu ergehen.
Und wo wir nicht mit Postern Mutwillen treiben können, malen wir uns Götter aus.
Statt aber so auf sozial verträgliche Weise den Umgang mit mir selbst zu pflegen, wische
ich meine Feuchtgebiete mit Papier ab. Jenes Stehvermögen des Geschriebenen, gegen
das alles Leben treulos wirkt. Blatt für Blatt die Zeit gedachter Laufkundschaft
verschwenden.
Wobei ein Abrücken von jeder Fototapete natürlich für Qualitätsunterschiede sorgt, was
Gefühlsbekundungen betrifft: Während ich weiter auf mein erstes Petting hoffe, muss ich
meinen eingebildeten Lesern zugestehen, längst voll am Poppen zu sein. Seit jeher
entwöhnt, bin ich somit keine Dirne, von der man für etwas Wohlwollen die Brust erwarten
darf.
Beim Studieren eines Kommentares zum Grundgesetz wurde ich beschieden, zwar meine
Meinung frei heraus äußern zu dürfen, aber ich solle bitte keine Zuhörer erwarten. Als
beispielhaft empfinde ich die Prediger auf den "Erlebnismeilen", wie sie Einkaufstüten ihr
Evangelium gegenüberstellen. Ja, und da stehen die Prediger dann derart im Abseits,
dass ich ihnen Handschellen anlegen möchte, damit sie sich wenigstens etwas gewürdigt
fühlen. Überhaupt wird es schnell surreal, wenn Massen an Menschen in Stampede
geraten, etwa anlässlich eines Schlussverkaufes. Natürlich fühlt es sich dann an,
Gewehrkolben einzusetzen oder zum Ochsenziemer zu greifen. All diese
Körperöffnungen, Absonderungen, Kloaken. Rasch beginnt man, sich seiner Heiligen
Schriften zu schämen. Am meisten jedoch bestürzt der Wind, wie er am Ende über leere
Plätze fegt: Hey, da waren eben noch tausende Menschen! Beinahe möchte man
umherkullernde Pappbecher verehren, nur um nicht andauernd mit den Schultern zucken
zu müssen.
"Bitte zahlen!" Die Bedienung quittiert meine karge Mimik mit jener Hoffart, welche jungen
Vollbusigen eigen ist, die sich in der Gastronomie etwas hinzuverdienen.
Nun lag mir nie sonderlich daran, der Designhengst zu sein, mit dem Frauen ihre
Schrankwände abbezahlen wollen. Rangelassen werden, den Gipfel der Genüsse
erklimmen: Körperöffnungen solch Himmelreich zuzugestehen, scheint mir unbillig. Aber
wie die Bedienung auf mich herabschaut, das gefällt mir. Ich gebe großzügig Trinkgeld.
All diese gutbürgerlichen Phantasien, die aus Bleiben Drecklöcher machen, bis oben hin
voll mit Begehrlichkeiten. Irgendein Knochenjob, vierzig Jahre lang, fürs Häusle, fürs
Urlaubsschwein. Beschämend, wofür Menschen sich alles aufsparen.
Und am Ende fällt den Herrschaften in ihrer Tristesse selten mehr ein, als beim
Boxenstopp die Trulla zu wechseln.
Als Kind habe ich die Nächte geliebt. Meine Träume, jene unsagbaren Gesichter des
Schlafes. Wie aber jetzt, während der Nachsaison, auf menschenleerer Kurpromenade?
Ich könnte ins Meer gehen, bis das Wasser mich begräbt, ich könnte mich auf eine Bank
setzen, bis der Morgen graut: Die Belanglosigkeit, die allzu viele als "Freiheit" empfinden,
hat mich übermannt. Kein Werkzeug Gottes bin ich, keine Wiedergeburt auf ihrem Weg
durch den Kreis des Lebens. Nur ein Date mit dem Tod ist mir sicher. Meine eingebildeten
Leser werden mir zustimmen, dass es unter solchen Bedingungen schwer ist, seinen
Schritt in eine Richtung zu lenken.
Früh reduziert sich alles auf Gegebenheiten. Der örtliche Tempel, das Kaufhaus. Eltern
knien, Tanten und Onkel, also knien auch die Kinder. Vielleicht war es ein Glück, Hosen
meines Cousins aufgetragen zu haben statt Mode: Jünglinge, abgefüllt mit unverbindlichen
Liedern, sind rasch gepflückt.
Übrig geblieben bin ich. Ein Hagestolz, wie man ihn irgendwann aus seiner Wohnung
schafft. Meine Sterbegeldversicherung wird den überschaubaren Schaden decken, und
meiner Nichte habe ich den Bestatter notiert. Natürlich will sie der Urne ihres Onkels
letztes Geleit geben. Seebestattungen sind immer eine Reise wert, finde ich. Als
Heranwachsende wird meine Nichte sich bereichert fühlen von solch Begegnung mit dem
Tod, glaube ich. Das Meer, zwei, drei gängige Balladen vom Band... auf der Rückfahrt
sinnt sie vielleicht darüber nach, was für ein Mensch ihr Onkel gewesen ist?
Beschämend eigentlich, dass selbst in abseitigen Unterkünften Fernseher bereitstehen.
Wohlstand produziert Gaffer. Elend produziert Gaffer. Gaffer produzieren Gaffer. Wenn es
hoch her geht, rotten Gaffer sich zusammen. Der Mob als die Faust des Gafferseins.
Fernfahrer steigen hier ab. Mehrbettzimmer. Schweiß. Vorkasse. Ich habe das
Einzelzimmer am Ende des Ganges. Leichtes Gepäck. Fortwährend Phantasien, wie es
wohl ist, aufgefunden zu werden? Mein Notizbuch, in das ich alles übertragen habe, an
was im Leben ich jemals Gefallen fand. Klein und knapp gehalten wie irgend möglich.
Hausstandsauflösern sollte man nicht dumm kommen, finde ich. Die Arbeitshandschuhe
stelle ich mir vor, die Overalls. Ob sie handelsübliche Müllsäcke verwenden? Dann könnte
jeder seinen Kram gleich selbst entsorgen: Urlaubsfilme entwickeln, durchschauen, ab in
die Tonne! Wäre mal eine Erfahrung, oder?
Kleiderbügel aus Draht sind ehrliche Zeitgenossen, finde ich. Auch mit der Funzel an der
Decke schloss ich gleich Freundschaft. Über Absteigen habe ich früher in Romanen
gelesen. Nun bringe ich Stunden damit herum, mein Zimmer von allen Seiten zu
betrachten. Zimmer sind so viel länger, als die Menschen darin. Erfahren will ich jenen
Weltenraum mit der Zimmernummer 16, in den Reisende aller Epochen etwas hinein
gestellt haben. Träume oder Pläne vom Glück. Ich nun, Jahre, Jahrzehnte später, liege
nachts auf dem Bett und füge als Reisender den Reisenden ein Stück Lebensweg hinzu.
Unmöglich eigentlich, sich auf solche Weise verloren zu fühlen.
Bei der Bundeswehr etwa, genoss ich Kritzeleien an Spinden oder Betten: "Ich war hier
am..." Junge Menschen, wie sie Tage herunter zählten, und sich auf das freuten, was man
zu ihrer Zeit unter Freiheit verstand.
Frei bin ich ja nun gewesen. Erspart habe ich mir jenen kleinsten gemeinsamen Nenner,
welcher im Rudel zur Größe erhoben wird. Investitionen in die Vergänglichkeit sind meine
Sache nie gewesen. Kein Freak bin ich, der sich im Feuchtbiotop einer Clique oder
Arbeitseinheit wohl fühlt. Entsprechend hoch nun meine Zeche.
Der Ledereinband des Notizbuches fühlt sich an wie der Friede auf Erden. Zweihundert
eng beschriebene Seiten. Rechenschaftsbericht dessen, was viele jauchzen lässt vor
Glück: Ein Mensch ist geboren!
Hier sitzt dieser Mensch nun. Als möblierter Herr, inmitten von Vergangenheit. Sollen sie
sich nur alle aufs Boulevard trauen, Passanten ihre Urlaubsfotos andienen. Werden
sehen, was passiert.
Von all den Sozialkapitalisten scheidet mich mein Wille zur Wahrheit. Ist es nicht zum
Krepieren, wenn Leute einem gegenüber aufmerksam sind, weil man sich ihnen
gegenüber aufmerksam zeigt? Jener Kuhhandel, der sich Freundschaft schimpft. Bin ich
aber Hasenherz, mir deswegen ein Rundum-Sorglos-Paket zu schnüren, hier etwas Kino,
da etwas Folklore?
Dieser Galanteriewarenhandel des Glaubens, wo man sich nur ins Körbchen legt, was
einen anturnt. Und dazu die halbe Welt für wüstgläubig halten: Weder Studienrat noch
Kräuterweiblein setzten mich je über heilige Waschungen am Ufer des Ganges in
Kenntnis. Eine Verständigkeit, die gerade mal bis zum Gartenzaun reicht.
Oder ist es am Ende bloß der Wein? Seit jeher als Götterblut empfunden, scheint der Wein
dem Gartenzaun Flügel zu machen.
Nie habe ich die Nähe des Weines gesucht. Ich weiß nicht, wie süß Wein schmeckt und
wie herb. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, von Herzen seinen Gartenzaun zu verehren.
Vielleicht sollte ich mein Notizbuch lassen, vielleicht sollte ich lieber Wein erwerben?
Wein verbindet. Männer mit Frauen. Väter mit Söhnen. Väter mit Vätern. Das Diesseits mit
dem Jenseits. Wein muss eine wundervolle Erfahrung sein.
Mein Wagnis war immer, wann es Zeit ist für den Wein? Mit Wasser lässt sich leben, Wein
hingegen ist ein Bekenntnis. Für lau gibt es im Weine nichts. Dort am Ende wenigstens
seinen Spargroschen retten zu wollen, ist Irrsinn. Dem Weine vertraut sich an, wer kein
Leben mehr zu verlieren hat.
Ich gehe zum Waschbecken am hinteren Ende des Zimmers. Handlungsreisende stelle ich
mir vor, Berufsspieler, wie sie im Morgengrauen ihre Katzenwäsche verrichten. Meine
Phantasie, die zu Kinderzeiten verblüffte und durchaus als Begabung angesehen wurde.
Mit einem Male aber muss ich an die Begräbnisse meiner Eltern denken. Beide im
"engsten Familienkreis". Ja, es ist Zeit für den Wein.
An der Rezeption hat niemand aufgemerkt. Jenes nächtliche Kommen und Gehen der
Reisenden, ihr Ankommen, ihr Fortbleiben, wer soll sich ernstlich daran stören? Man
sperrt auf, wenn Obrigkeit danach verlangt, achtet amtliche Siegel, richtet her: ein
rechtschaffener Mensch zu sein, bedarf es wenig.
"Ich suche einen Ort, wo man tanzen kann", weise ich den Taxifahrer an.
"Jüngeres Publikum?" Ein Routinier. Besser hätte ich mir meinen letzten Fährmann nicht
vorstellen können.
"Das Little Nietzsche wird Ihnen gefallen. Studenten. Auswärtige. Gelegenheitsnutten."
Ich gebe ihm zwanzig Euro Trinkgeld für die kurze Überfahrt. Er wirkt kein bisschen
verwundert. Viele alleinreisende Herren. Und die Geschichten gleichen sich am Ende.
Das Little Nietzsche ist eine jener Gaststätten, die sich selbst als "Club" verehren.
Vielleicht, weil Wein umso mehr berauscht, je größer jene Welt draußen ist, die beim
Wasser bleibt.
Auf dem obersten Deck eines umgebauten Parkhauses gelegen, erwarte ich vom Little
Nietzsche die "harte Tür". Aber nein, man kann den Club so unkompliziert betreten wie
eine Irrenanstalt des 19. Jahrhunderts. Angenehm auch das Personal an der Garderobe,
das wirkt, als habe man ihm die Zungen entfernt. Wo man sein letztes bisschen Boulevard
abgibt, wünscht man keine Fragen, warum man an Orten wie diesem endet?
Nur noch ein Tresen aus gebürstetem Stahl zwischen mir und dem Wein. Atemlos fahnde
ich nach der richtigen Geste, nach Coolness. Aber nein, als die Reihe an mir ist, beuge ich
mich hinüber zu unserer ausgesprochen coolen Herbergsmutter: "Ich bin vierzig, ich habe
noch nie eine Freundin gehabt und ich habe noch nie Wein getrunken, obwohl ich seit fast
zwanzig Jahren bei Mutti ausgezogen bin. Was für einen Wein empfehlen Sie?"
Wäre natürlich schön, wenn das jetzt nicht vorüber gegangen wäre wie die seltsamen
Laute sterbenden Federviehs. Tatsächlich aber hält keine Brustwarze inne, mir leis: Hallo!
zu sagen. Und unsere Herbergsmutter siezt mich achtmal, ehe ein ärmlicher roter Tropfen
vor mir steht. Leben konnte ich schon nicht, sterben kann ich auch nicht.
Mein Weinglas als archimedischer Punkt am Speckgürtel fetten Vergnügens. Seit jeher
kommt es mir schlecht, wenn Fleischfresser sich herzen. Im Little Nietzsche nun erlebt
man ein volles Maß jenen Getues, das Reißzähne frech zum Lachen missbraucht. Reigen
sind es, Stammestänze. Die Philosophen an den Wänden wirken wie Lustknaben gegen
die Offensichtlichkeit, dass man das stillgelegte Parkhaus auch in seinem Urzustand hätte
anbieten können, so lange nur genügend Buddys sich einfinden. Philosophen gelten hier
wenig mehr als eine Schale Erdnüsse.
Ich nippe. Schwergängiger als Wasser, anspruchsvoller im Geschmack. Mit Durst sollte
man dem Wein nicht kommen. Wein ist die Perversion des Ochsen, der irgendwann nicht
mehr ziehen will, sondern genießen. Da kommt es gelegen, dass man im Little Nietzsche
zum Wein Muffins reicht. Ich erwerbe einmal Schokolade, einmal Blaubeere, und komme
mir mehr denn je vor wie ein Ochse.
Während ich Blaubeere mampfe, inspiziere ich parfümierte Nacken, gegelte Zotteln,
balsamierte Kinnpartien. Auf welche Weise diese Welt des Nickens und Schöntuns wohl
im Vorgang des Absamens still steht? Unter röhrenden Genussmenschen liegen, deren
Augen zu groß sind für ihre Höhlen, ja, das wäre ein schöner Fortgang der nächtlichen
Ereignisse. Ich erkundige mich bei unserer Herbergsmutter, ob es im Little Nietzsche
Darkrooms gibt. Nein? Dann bitte noch zweimal Blaubeere.
Zur Komik von Typen wie mir gehört es, seinen Sinnen Sinn abzuverlangen: Seit Stunden
tue ich meinen Ohren im Little Nietzsche Gewalt an mit, nun ja, Konversation. Gierig
belausche ich jeden Checker, der auf den Barhockern neben mir posiert, Weinkönigin um
Weinkönigin samt Hofstaat horche ich ab. Epauletten sehe ich, Hairflips ohne Zahl. Und
natürlich höre ich auch etwas. Gelehrtes mitunter, sich weltoffen gebendes. Aber
seltsamerweise verlässt keine noch so kluge Rede den Rahmen kleinbürgerlicher
Quizshows. Über Chinchillas geht es her, über Flatrates, über Frittensaucen, über Nahost.
Sozialarbeit, die keine Briefkästen kennt, nur Mülleimer.
Vor allem, was nach draußen führt, sind im Little Nietzsche schwere schwarze Vorhänge.
Fenster gibt es keine. Trotzdem schleicht sich der Morgen wie eine Drohung zwischen uns
Verbliebene. Die Weinköniginnen sind längst heimgeführt, Auswärtige um eine Erfahrung
reicher in den Hotels. Selbst das milde Licht der Raucherlounge, dem Kaminfeuer
nachempfunden, ist nicht mehr länger mit jenen Tröpfen, die sich den Abend über als
Geschäftsleute untermischten. Überall herrscht entsetzlicher Männerüberschuss.
Blaustrümpfe, daheim auf zwei Zimmern mit ihrer pflegebedürftigen Mutter, dürfen sich
jetzt begehrt fühlen. Mag sein, dass aus solchem Morgengrauen die Vorstellung eines
Totentanzes ins Umgangssprachliche gelangte. Und irgendwie bekomme ich richtig Lust
auf jene Agonie, welche Ratgeber für Alleinstehende großzügig als "Discofox"
umschreiben. Den Wein lasse ich stehen. Fiebrig nun sind meine Wangen allein von der
Vorstellung, mich als Sterbender mit Sterbenden zu vereinen im Discofox. Die Hölle wird
zur Hüpfburg.
"Feierabend?"
Das Toilettenfräulein lächelt wie jemand, der mit einem Lächeln oder mit einem
Sturmgewehr nur gewinnen kann. Nein, sie müsse noch feucht aufwischen. Aber: "Ende
Stoßzeit in Gästebereich dürfen, für Pause." Einen Blechnapf Schwarzbrot hat sie vor sich
und einen Heftroman.
"Wessen Schicksal interessiert Sie mehr, das des ausgedachten Herrn Doktor im Roman
oder das von mir real existierendem Trauerkloß?"
"Vier Euro Stunde eigenes Schicksal interessant, Herr Trauerkloß."
"Und fünfzig Euro Stunde?"
Das Toilettenfräulein schiebt den Schein als Lesezeichen zwischen die Seiten des
Heftromans. Wie Geld im Automaten seine Bestimmung findet, springt das
Toilettenfräulein sofort um auf jene Körpersprache bester Freundinnen.
"Nacht für Nacht Klo sauber machen von Trauerklößen. Nicht wollen denken Wirklichkeit.
Trauerklöße nur auf Welt, sich erleichtern."
Im Bully eines Subunternehmers sehe ich das Toilettenfräulein kauern, wie er die Kolonne
in der Frühe ablädt an Aborten mit dem Charme hunderter Ausnüchterungszellen.
Ich überreiche dem Toilettenfräulein meine Geldbörse. "Tanzen?"
Das Toilettenfräulein braucht Zeit. Misstrauen. Angst. Stolz. Was so hochkommt, wenn
Fräuleins mit dem Geld älterer Herren in Berührung gelangen. Dass ich vor meinem
Besuch im Little Nietzsche ein Duschbad genommen habe, scheint am Ende
ausschlaggebend. Mit spitzen Fingern entnimmt das Toilettenfräulein meiner Geldbörse
einhundert Euro, entnimmt ihr zweihundert Euro.
"Als Kind nicht geträumt, werden gierig Frau aus Roman."
Mir fällt auf, um eine gierige Madame der Weltliteratur mehr geweint zu haben, als um
meine Großmutter: Erst bringt Madame den Besitz ihrer Familie durch, weil sie sich nach
Liebe sehnt, dann nimmt sie Gift. Madame rührt mich tiefer, als die Mahnung meiner
Großmutter, in der Schule ja fleißig zu sein.
Während ich das Toilettenfräulein zur Tanzfläche geleite, summe ich jenes Lied, welches
Madame kurz vor ihrem Gifttod aus dem Munde eines Bettlers vernimmt: Ein schöner Tag,
ein warmer Wind, etwas Liebe sucht das Kind.
Das Toilettenfräulein und ich, wir segeln nun mit der Gleichgültigkeit. Drei Augenpaare, wie
Höhlen in den Knochen getrieben, sind unsere Zeugen. Am Rande eine Jukebox. Als
Mahnung, nicht übrig zu bleiben, bis selbst die Musik kostet.
Lüge sowas. Am Ende muss jeder löhnen für die Musik, jeder. Egal wie viel Du er mal im
Leben hatte, wie viel Jens, wie viel Sören, wie viel Thomas. Am Ende ist er wieder Herr
Soundso und hat gefälligst sein Pflegegeld zu berappen.
Aber gut, die Androhung von Liebesentzug bringt wohl mehr Menschen auf Linie, als die
Androhung von Waffengewalt. Somit fördert jedes Lügenmärchen Musik, das ein Du
antäuscht, unsere Wehrkraft und ist daher mindestens staatstragend.
"Nachtclubs sind Umerziehungslager!" raune ich dem Toilettenfräulein zu.
"Umziehen?" Ob sie ihren Kittel ablegen solle? entgegnet das Toilettenfräulein
dienstbeflissen.
Das Toilettenfräulein scheint zu begreifen, dass hier niemand seinen "Spaß" mit ihr haben
will, sondern dass jemand seinem Wehrdienst am Weib entkommen will. Hin zu Sternen,
die allein vom Wind wissen und von endlosen Weiten.
Ich gebe der Jukebox Silber für einen Oldie, den ich am ersten Abend meines
Wehrdienstes hörte, zwanzig Jahre her. Von Sunglasses handelt der Oldie und von den
Stränden Kaliforniens. Angemessener Trauerrahmen, finde ich, um in Sonnenaufgänge zu
tanzen, die mir nicht mehr gelten - und dem Toilettenfräulein auch nicht mehr so richtig.
Das Toilettenfräulein hellt auf, kaum dass die ersten Takte durchs Little Nietzsche klingen.
Als würden mit einem Male hundert Kerzen im Rund ihrer Erinnerungen leuchten. Das
Toilettenfräulein nimmt mich bei der Hand: Komm!
Wir tanzen. Jeder für sich. Abgenagt von Träumen, mühen wir uns durch vergangene
Sonnentage.
"Mehr Frieden jetzt?" emsig bemüht wirkt das Toilettenfräulein. Als wolle es kurz vor
Ladenschluss das Preis-Leistungs-Verhältnis des Little Nietzsche, ja, des ganzen Planeten
Erde in ein gerechtes Licht rücken.
"Hauptsache bewegen", ich tippe mir gegen die Stirn: "Der Kopf passt sich den
Bewegungen an."
"Kopf flexibel, jawohl. Werden nicht gleich alt." Das Toilettenfräulein tut, als hätte es einen
langen Bart. "Jahr sauber machen wie fünf nur dreckig machen Leben."
Der letzte Refrain, dann ist es vorbei. Morgen wird ein anderer Hagestolz hier stehen, ein
anderes Toilettenfräulein. Uns bleibt nur der Kehraus.
"Noch feucht aufwischen jetzt."
Ich biete dem Toilettenfräulein nicht an, vorm Little Nietzsche zu warten, bis es
aufgewischt hat. Mit dem Bully eines Subunternehmers wartet auf das Toilettenfräulein
mehr, als zwei Menschen einander geben können. Wie zwei Tiere des Waldes merken wir
noch einmal auf, das andere zu horchen, zu riechen, zu erspähen, bevor jedes sich weiter
in sein Schicksal vertieft.
Werktätige füllen bereits jenes Straßenbild, welches vom Nachtleben hinterlassen wurde.
Reste vergangenen Glücksgefühls sind rasch fortgeschafft. Entweder in Container, Eimer
oder in die Minnas der Obrigkeit.
Ich lasse mich vom Strom der Werktätigen tragen, hinein in Bahnen und Busse, bis letzte
Rinnsale zwischen den Backsteinen der Stores versiegen.
Während Werktätiges sich häufig erschöpft in der Missionarsstellung, bin ich mit meiner
Sehnsucht nach einer Mission stets zu sperrig gewesen, einfach so versiegen zu können.
Unvollendet lungere ich herum inmitten wahrer Lebensläufe, die aus dem Gröbsten
herausbringen, was ihnen zufällt. Jene Besenreinheit, mit der man getrost sonnenbraun
werden kann an den Urlaubsstränden dieser Welt.
Liebe machen geht auch im Polizeistaat. Milchschaum löffeln, nett beisammen sitzen,
Grillsaison eröffnen: alles möglich.
Morgens, halb zehn in Deutschland, wenn selbst die Kleinsten auf dem Spielplatz ihr
Tagewerk verrichten, bekommt Freiheit vor lauter Freiheit Lust, in staatliche Obhut
genommen zu werden. Geschlossene, durchregulierte Kindergärten, mit tüchtig Eisen vor
den Fenstern, von wo aus man bequem nach Freiheit brüllen kann.
Im Verhör erhört sein, sich öffnen, sich ergründet fühlen, jedes Worte protokolliert wissen.
Und all das für ein Tun, das vielleicht Laune macht. Kicks, von denen kein Weinkeller zu
erzählen weiß.
Klug erscheinen mir Sympathisanten, welche es gerade so im Mittel halten.
Prälatengrüner Schein auf Radaren, wo alles Leben drumherum schwarz ist wie
Friedhofserde. Observiert sein, während Massen vor religiösem Schnitzwerk nach einem
Hirten wimmern.
Das Milieu um den Hauptbahnhof scheint mir richtig, Fürsorge zu erfahren. Als ein Stück
Wild, das sich in seiner Freiheit hoffnungslos verirrt hat. Security. Kameras. Polizei, die mit
bloßem Wink nach Papieren verlangt. Vielleicht sollte ich Zigarettenkippen auflesen. In der
Hoffnung, dass sie als Eigentum des Hauptbahnhofs von der Security eingezogen werden.
Mich des Platzes verweisen lassen, wie meine Eltern mich einst ins Kinderzimmer
verwiesen.
Unentschlossen lächle und winke ich in jede Überwachungskamera, die ich erspähe.
Vielleicht merkt am anderen Ende jemand auf von einer Brotzeit, schaut hin, ruft herbei.
Wahrscheinlich aber kaut er getrost seine Stulle Teewurst weiter: "Penner."
Mir Spielzeugpistolen zu verschaffen, auf das zweite Frühstück hinter den Kameras zu
zielen, getraue ich mich nicht. Auch zum Stinkefinger fehlt mir der Mumm. Ein elender
Streichelzoo in mir, wo alles Bitte! muht und Danke! mäht. Haltung annehmen vor
verkrachten Existenzen aus dem Sicherheitsgewerbe, zu mehr bin ich nicht geboren.
Leben, das man im Rahmen der Waidgerechtigkeit zum Abschuss freigeben mag, das
aber gewiss niemand hegen will.
Naturgeil zu sein, ich stelle es mir wunderschön vor. Röhrend aus dem Unterholz brechen,
statt Wichsvorlagen in Klarsichthüllen zu hüten. Allein jener Stolz, mit dem naturgeile
Menschen sich am Mittagstisch von den Kartoffeln nehmen, lässt mich ins Nichts sinken.
"Ich bin." weiß der naturgeile Mensch, derweil ich zittere wie Laub unter meiner Nichtigkeit.
"Ich liebe." weiß der naturgeile Mensch, während ich mich hasse für jeden Bissen Fleisch.
Naturgeile Menschen leben die Welt wie eine Scheibe, auf deren Mitte sie residieren,
während an den Rändern alles fällt, weil die Welt eben eine Scheibe ist. Das Leben als
Sänfte, welche den naturgeilen Menschen durch alle Spielarten des Begehrens trägt.
Dagegen ich Wicht, dem das Leben wie ein Mühlstein anhängt. Ziehe mich hier durch den
Hauptbahnhof mit der Verlegenheit von Abfall, während naturgeile Menschen aus jedem
Reinstecken ein Mausoleum erbauen.
Die Spielhalle im Obergeschoss des Hauptbahnhofs wühlt mich auf. Gelb abgeklebte
Fenster mit einem Joker drauf. Weithin sichtbar thront die Spielhalle über den
Bahngleisen. Ein zärtliches Erinnern zurück in Kinderzeiten, als man mich für einige
Groschen Brötchen holen schickte. An einer Spielhalle vorbei führte mein Weg. Seltsam
fehl am Platz damals der lächelnde Joker. Ich Kind konnte ihn schwer verbinden mit jenen
älteren kittelgeschürzten Damen nebenan, die mich erwerben ließen, was ich aufgeregt
von Mamas Zettel vortrug. Ich glaubte auch zu spüren, dass der Joker nicht gutgeheißen
wurde in Angelegenheiten, die von Schrot und von Korn handelten.
Viele Brötchen sind seither erworben worden, viele ältere Damen zu Grabe getragen, der
Joker meiner Kindertage aber, der lächelt immer noch. Als wäre ich gerade erst mit ein
paar Groschen im Herzen an ihm vorbei.
Verblüfft registriere ich hinter der Fassade des lächelnden Jokers eine ältere Dame,
allerdings nicht kittelgeschürzt. Verloren fühle ich mich, keinen Einkaufszettel meiner
Mama mehr bei mir zu haben. Kehrt machen will ich, sofort.
"Wollen Sie die letzte Spielhalle vor Ihrem Tod wirklich versäumen?" Ein Flüstern. In
meinem Kopf. So weit habe ich mich Kind verloren, dass es per Sie mit mir ist. Trotzdem:
"Schön, dass Du nun bei mir bist", flüstere ich zurück.
Die ältere Dame ist sichtlich bestürzt, als ich mich ihr wieder zuwende und nach einem
späten Frühstück für zwei Personen verlange.
Brötchen mit Sesam essen wir, Brötchen mit Mohn, dazu Körbchen voll Portionen NussNougat Creme. Nebenbei füttern wir eine Reihe Daddelautomaten mit jenen Summen, die
notwendig sind, uns in Ruhe frühstücken zu lassen.
"Kein Spielzimmer hier."
"Mama und Papa mussten auch fortwährend Geld nachwerfen, sonst hätten wir uns mit
Tannenzapfen begnügen müssen oder mit Kieselsteinen, statt uns bimmelnd zu drehen."
"Da waren wir die Automaten."
"Ältere Damen gab es auch, die darüber wachten, dass Mama und Papa uns nicht ohne
Fürsorge ließen."
"Geschrien haben wir, jawohl, wenn der Laster aus rotem Plastik nicht neben unserem
Bettchen stand."
"Sollen wir einen neuen kaufen?"
"Dass rotes Plastik noch vermag, uns Schlaf zu schenken, das wärs."
"Und schreien können wir kaum mehr."
"Wenn wir dafür wenigstens für zwei Personen essen könnten."
"Der Mund hat zu tun, beide Hände sind beschäftigt. Wenn man es gescheit anstellt,
dämmert unser Kopf dabei völlig tatenlos durch die Gänge."
"Gab schon immer mehr Köche als Philosophen."
"Sind wir Köche?"
"Wir sind philosophische Mitesser."
"Wir sind fertig!"
Schon setzt die ältere Dame sich in Bewegung, abzuräumen. Genügend Trinkgeld ist auch
dabei, ihre Bestürzung in Mütterlichkeit zu verwandeln. Beinahe zärtlich, wie sie die Teller
ineinander stellt und sich unserer Krumen annimmt.
Ob es je einer Menschenseele gelungen ist, sich derart vollendet zu entfernen vom Tisch
des Lebens?
Ohne Zweifel gehört die Spielhalle zu den Hauptgängen menschlichen Seins. Hoffnung
wandelt sich in Arbeitskraft, wandelt sich in Vermögen, wandelt sich in Hoffnung.
Daddelautomaten wie Opferstöcke, in deren Zentrum eine Dreifaltigkeit jener Räder des
Lebens herrscht, die Gold und Kirschen herzeigen, während anderswo Brot und Wasser
den Weg ins Himmelreich weisen.
Nachempfunden dem Taumel unseres Daseins, seinem Wanken und Irren. Alles bereitet,
Menschen zu Händen zu degradieren.
Die Spielhalle, sie ist durchdrungen von dem Zauber verrichteten Lebens: Gewinne
summieren, Verluste in Maßen einbeziehen, so dass sich dabei runde Summen ergeben,
mag auch stets ein Gott sein Scherflein hinzutun müssen. Sorgsam geführte Kladden, die
von Kindern wissen wie von Liebesnächten, von Reisen wie von Karrieresprüngen.
Automobile stehen dort, getrennt nach Typ und Kaufdatum, schlüsselfertige Eigenheime,
Sternstunden im Fußballstadion. Am Ende zärtlich mit einem Gummiband umwickelt und
auf den Nachttisch gelegt: Fertig.
"Jedes Eichhörnchen macht sich mehr Gedanken über das Leben!" Um es einmal noch
ins Rund zu rufen. Aber außer uns beiden ist allein die ältere Dame in der Spielhalle. Und
nach unserem Trinkgeld eben, wird sie in ihrem Verständnis kaum mehr zu erschüttern
sein.
Die ältere Dame begrüßt unser angestrengtes, lauthalses Tun denn auch mit einem
Nicken: Ob wir Getränkewünsche hätten? "Wir", sie sagt tatsächlich: "Wir." Als wäre unser
beider Wir ihr ersichtlich und geläufig. Wahrlich, es reicht eine Hand voll Geld, aus
Irrenanstalten Paläste zu machen. Angeschmiert haben wir uns mit dem Leben, statt an
ihm zu wachsen.
Alles drängt zur Aktion, obwohl man sich eigentlich in Aktion wähnt. Die Nacht, den
ganzen Morgen über, immer in Bewegung. Jahrzehnte ist man an Gaststätten wie dem
Little Nietzsche vorbei marschiert, hat nüchtern einen Bogen um Spielhallen gezogen,
ohne Bedürfnisse, ja, Notdurften ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Dann endlich nimmt
man Anlauf, nächtelang, tritt ein, ist entschlossen - und blubbert ab wie Leck geschlagene
Jollen.
Jenes Muster angeblichen Erlebens, simple Sachverhalte zu komplizieren, um sie so am
Ende als Leistung zu begreifen. Drei Dates Straight Edge für einen Fick.
"Haben Sie das auch öfter", fragen wir die ältere Dame in ihrem Kabäuschen, "einfach
losrennen zu wollen."
Wo wir denn hindächten? Sie sei eine ältere Dame, brauche das Geld.
Eigenheiten im Gesicht der älteren Dame treten hervor. Wie ein besonders Gewitzter
damals in der Schule den Lehrkörper als einen Zoo aus Nilpferden und Krokodilen
karikierte. Aber die Affenmami hier ist nicht mehr witzig. Eher scheint sie am Beginn eines
furchtbaren Erwachens zu stehen. Vergleichbar vielleicht, wenn man sich unverhofft einem
Mob ausgesetzt sieht.
Mit fortschreitender Wissenschaft lassen sich bestimmt planetenartige Affengehege
bauen, ohne dass die Tiere sich auf dem Kopf fühlen. Hingehängt in ein Zirkuszelt, völlig
frei von Gittern, können die Tiere fliehen wie sie wollen, Schwerkraft hält sie stets im Rund.
Am Ende sind die Tiere wieder an jener Futterstelle, von wo ihre Flucht begann.
Glubschäugiges Umschauen unter dem Gelächter des Publikums, bevor die heimgeirrten
Tiere sich gierig über Näpfe und Tröge beugen, neue Wraps probieren.
Auch wir fahnden nun panisch nach einem Hungergefühl in uns, das sich befriedigen lässt.
Doch frisch abgefrühstückt wie wir sind, schützt uns in der Spielhalle kein Hunger vor dem
Gelächter des Publikums.
Mit einem Male grinst der Geschlechtsreifende von uns beiden, als hätte er einen Tunnel
erspäht, welcher geradewegs ins Leben führt.
"Wohin jetzt?"
"Zur Nutte."
Früher Nachmittag, als wir uns an jenem Ausgang des Hauptbahnhofes wiederfinden, von
wo aus es zu den Hotels geht, zu den Absteigen, den stundenweise mietbaren Zimmern.
Obwohl die Spielhalle nur wenige Schritte hinter uns liegt, und der Abschied von der
älteren Dame keine fünf Minuten her ist, fühlt das eben Vergangene sich an, als wäre es
nicht verlebt, sondern dem Erinnern aufgeklebt. Wie wenn unser Innerstes einen
Laufzettel herzeigt: drei Stationen noch bis Himmelfahrt.
Angst, jetzt doch. Wir schauen einander an, ob wir aus den drei Stationen vielleicht dreißig
machen könnten? Geld wäre da, wenn auch kaum für dreihundert Stationen.
Sich einmieten, preiswert, unseren Entschluss durchdenken, abermals und nochmals
durchdenken. Würde uns um des Friedens willen nur mehr einfallen, als den Viechern auf
ihren Weiden. Jetzt zur Nutte, das gleicht einer Kapitulation, ist unser eigentliches
Todesurteil.
"Wie wärs mit uns beiden?"
Wir müssen nicht lange den Bordstein entlang schleichen. Eine junge Frau. Ins
Bahnhofsmilieu gezeichnet von jenen stärkenden Pulvern, welche sicher auch im Little
Nietzsche als "Überdosis Leben" gefeiert werden.
Der Geschlechtsreifende macht jetzt die Ansagen. Keine Rede mehr davon, unser
Menschsein in irgend einer Weise zu krönen. Jetzt wollen wir auf den Affen. Möglichst so,
dass jeder Affe still beiseite steht, welch Treiben da in sein Gehege vorgedrungen ist?
Mögen uns Affenmännchen in ihrer Geilheit kaum nachstehen, so mangelt es ihnen jedoch
an List und an Heimtücke, einen Schoß nachhaltig zu öffnen.
"Wir könnten uns verloben", entzückt sich der Geschlechtsreifende, "wir könnten ein paar
Stunden miteinander verbringen: wie Sie wollen." Schließlich und endlich hat man soeben
jene Frau gefunden, nach der man Jahrzehnte in jeder Kirche des Landes betete.
Die junge Frau wirkt, als wäre in ihr etwas angeknipst worden. Auf nicht ungefährlichem
Terrain scheinen wir Nachwuchsfreier Sicherheit erworben zu haben. Nachkobern wird
zwischen uns kein Thema sein.
Natürlich, wo man denn hingehen könne, den weiteren Verlauf des Tages beratschlagen?
Die junge Frau schlägt einen gut einsehbaren Streifen Park vor, mit grün gestrichenen
Bänken, auf denen man es gerne ruhig angehen lässt, was gegenseitige Sympathie und
Fürsorge betrifft.
Jenes Wohlgefühl unter Viechern, dass es mit Fressen, Auslauf, Bällchen werfen getan ist,
bleibt einem unter Menschen verwehrt, mag man seiner Sache noch so sicher sein, dass
es der Welt zum Glück genügt, täglich ihre drei, vier Stunden Glotze reingeschüttet zu
bekommen.
Auf solch schwülem Basar des Gebens und des Nehmens kommen Nutten als
Heilsbringerinnen daher, vom Busen bis zu den Flanken mit Preisschildern ausgezeichnet.
Der zeitlos beliebte Griff in den Schritt wird so zum Glücksgriff.
Fünfzig Euro vorab, noch bevor wir auf der Parkbank in Verhandlungen treten. Als
Dankeschön, mit der jungen Frau auf rechten Pfaden zu wandeln.
Auch wenn der Geschlechtsreifende seine dicke Hose einbringt, derweil die junge Frau
allein auf ihr Leibchen setzen muss: wie wir so nett beieinander sitzen auf der Parkbank,
mal unserem, mal ihrem Knie uns zuwenden, es blitzt doch auf, das "Später!" der jungen
Frau: Anfang zwanzig mag sie sein, sicher nicht sehr lange im Milieu. Vielleicht lebt sie in
einer Kommune von Künstlern, wo jeder auf seine Weise zum Unterhalt beiträgt. Möglich,
dass es hier die Zeit über höchstens um ein kleines Herrengedeck geht, mit Spritzern dirty
Talks, während sie in Gedanken bereits Bühnen großer Clubs besteigt, wo sie, umrahmt
von gitarrenschwingenden Zotteln, der Welt völlig neue Lieder singt. Dann wären wir mit
unserer dicken Hose nurmehr Fettfleck in ihrer Biographie.
Welch Kraut dagegen unser "Früher". Dem Geschlechtsreifenden gefriert beinahe die
Hand auf der jungen Frau Knie. Sind wir einst mit Mama und Papa hier entlang spaziert,
hüpfend vorweg? Dort am Eck war das Kino-Center. Bilder übermannen uns, Melodien.
Für Augenblicke müssen wir die Verhandlung mit der jungen Frau unterbrechen. Sie streift
ihr Leibchen glatt und lässt den Kunden König sein.
Menschen zu reduzieren auf Butzen und auf Kleinkredite, beinahe unmöglich bei den
eigenen Eltern. Mag den Geschlechtsreifenden und mich die tatsächliche Geringfügigkeit
unserer Kinderzeit auch bestürzen, stets erleiden wir Verlust. Was uns anfangs erschien
als Hinauswachsen über Erziehungsberechtige, offenbarte sich als emporwucherndes
Unkraut.
Mag ein Mensch sämtliche Achttausender besteigen, er entkommt seinem Kindergarten
nicht, er wird ihm nur fremd.
Wie also nun mit der jungen Frau, die Hand an den Zaun unseres Kindergartens legt?
Jenem Flittchen Leben, das gegen Geld uns Mama sein will.
"Sicher wissen Sie einen Raum, wo wir beide unser Geschäft machen können", der
Geschlechtsreifende will das endlose Handeln mit der Welt jetzt zu einem Ergebnis
bringen, zu irgend einem Ergebnis.
Die Frau sagt ihren Businessplan auf, was möglich ist und zu welchem Preis. Der
Geschlechtsreifende nickt erleichtert über das schmale Angebot: Himmelfahrt als Jungfrau
begehen zu können, wirkt von einem Affengehege aus wie ein letztes bisschen Würde vor
der Hölle.
Dem Kino-Center am Hauptbahnhof entschwebt, frisch aufgeblasen von Trickfilmen,
fragten wir Papa einst, was es mit jenem Zweckbau auf sich habe, schräg gegenüber dem
Kino-Center, welcher noch zwischen unsäglichen Hotels wirkte wie eine Räuberhöhle.
Im Gefolge der jungen Frau betreten wir nun dies graue Getüm, das damals unfassbar
verboten schien. Und keine noch so rasche Umkehr, hinein in irgendeinen Kinderreim,
wird uns mehr retten. Es ist alles ausgeträumt.
Wir fügen uns, steigen mit der jungen Frau Türen ab. Türen. Türen. Türen. Unser Fleisch
dampft. Im Treppenhaus, durch Notausgänge, wird aus Schießscharten das Getue der
Stadt irrwitziger und irrwitziger. Leben scheint bloß zum Fortwerfen mehr gut. Aber auf
jeder luftigen Höhe herrscht Stacheldraht, trotz allem. Damit wir gefälligst an Orten
zerplatzen, deren Boden sich aufwischen lässt.
Natürlich haben wir kein oberstes Stockwerk erwartet, keinen mit Teppich ausgelegten
Flur, keine weiß gestrichenen Flügeltüren. Aber sein Schicksal hinter Pressholz erfüllt zu
sehen, das die Nummer 716 trägt, hat den Charme eines Faustschlags.
Zimmerschlüssel wie im Hotel, wo man genauso gut hätte gegentreten können, um zu
öffnen.
Kleiner Abort, gekrönt von einem Bidet. Weiter geht es ohne Umwege zu zwei auf dem
Beton liegenden Matratzen. Campingstühle dienen als Ablage.
Unsere Gastgeberin will wissen, ob sie ein Rauschmittel zubereiten soll? Gegen geringen
Aufpreis aus dem Arbeitsalltag schlüpfen und so. Wir aber schauen begeistert hinaus zum
Balkon: Dürfen wir?
Leergut, ein Aschenbecher, kein Stacheldraht. Unter uns erstes Stadtgelichter. Nie ist es
leichter, hops zu gehen, als in der Höhe.
"Schön hier!"
Die junge Frau steht mit laufendem Motor wie ein Taxi, das man warten lässt.
"Gestatten Sie uns noch etwas Zeit." Wir reichen ihr vom Balkon aus unsere Geldbörse:
"Stellen Sie bitte das Doppelte von dem in Rechnung, was Sie sonst zu nehmen pflegen."
Klärende Worte, für welchen Service wir uns entschieden haben. Der Geschlechtsreifende
gibt sich einen Ruck und wählt das "Happy End": Mit gefüllter Samenblase auf
Himmelfahrt zu gehen, wirkt peinlich. Also auf Erden nochmal Pipi machen, bevor höheren
Ortes hoffentlich großes Kino beginnt.
Ob man sie dabei nackt sehen wolle? erkundigt sich die junge Frau. Mit unserer
Geldbörse in der Hand wirkt die junge Frau wie eine aus Fleisch geformte Patronin
moderner Dienstleistungsgesellschaften.
Wir nicken den Deal ab: Wenn es ihr für diese Jahreszeit nicht zu kalt sei, dürfe sie sich
gerne frei machen. Bevor man komme, müsse sie allerdings etwas Aufenthalt
einkalkulieren. Man sei ungeübt, entschuldigt sich der Geschlechtsreifende.
Schon nestelt die junge Frau an Knöpfen und an Bändern. Aus ihrer Routine gebracht
wirkt sie, zwei Knacker halbwegs entjungfern zu müssen. Verdrossen, dass man sie für
eine Nutte hält, die ihre Freier im Zeittakt über einen Berg Wollust treibt. Als würde sie
Esel hüten, statt internationalem Publikum untenrum Frieden zu verschaffen.
Freudenmädchen ist sie, eigentlich Künstlerin, die für einige Zeit in Jugendsünde macht,
um später davon singen zu können. Auf anderen, auf großen Bühnen.
Wie aber nun wir: Unser kleines Welttheater weiterspielen und spielen, bis im Spiegel zwei
Muselmänner schwanken? Abgrundtief fremd der Balkon. Stehen einem Affenfelsen vor
und philosophieren über Leergut. Furchtbarer kann Zivilisation nicht sein.
Unter uns setzt Feierabendverkehr ein. Keine Horde johlender Schulkinder, die sich auf
das Trottoir ergießt. Sieht man von den Verliebten ab, überwiegt jene stille Freude, seine
Fassung gefunden zu haben. Stumm auch der Geschlechtsreifende. Nahende Finsternis
verlangt nach einer Entscheidung. Zurück ins Warme, sich Weiber nehmen, abwarten.
Oder der Nacht entgegen.
Ehe wir uns versehen, ruhen beide Hände auf dem schmalen Stück Brüstung, bereit,
zuzupacken. Falls wir auch nur anbändeln mit etwas, das des Lebens warmer Bruder nicht
ist. Wie ja beinahe alles herbei eilt, wenn jemand zu lange auf einem Balkon steht. Und
wer sind wir denn, die junge Frau hier im Gang ihrer Geschäfte zu beunruhigen.
Rasch zimmern wir uns das geile Lächeln solventer Kunden, die in Stimmung gekommen
sind. Als wir uns nach der jungen Frau umdrehen, sehen wir gerade noch, wie sie weitere
Fünfziger in eine Tasche ihres Leibchens stopft. Daran herrscht im Leben natürlich kein
Mangel, an Fünfzigern und an Taschen.
Rasch wirft die junge Frau ihr Leibchen auf einen der Campingstühle. Nackt ist sie. Wie
der Abgrund draußen vor dem Balkon. Unter einigem Buhei mögen Kindsköpfe nun jene
Bocksprünge wagen, welche dem Roman oder dem Volksmund entnommen sind.
Hingegen wir vor Geilheit keinen Blick verlieren wollen an die junge Frau. Uns brünstig
sehen, liebestoll und verkatert seinen Mann stehen, entspricht dem Selbstverständnis
unseres Grabes. Wie ein Baby an den Busen gehoben sein, grabschen nach jenem
Orkus, aus dem man uns einst presste. Nichts kommt dem Leben schlechter, als zögernde
Lenden. Der Geschlechtsreifende beeilt sich denn auch, Meldung zu machen über jenen
beklagenswerten Zustand unserer Lüste. Gar einen Todesfall im engsten Familienkreis
führt er ins Feld. Nurmehr Krächzen, wo wir auf den Ruf der Natur hätten antworten sollen
mit: "Hier!"
Die junge Frau, sie hat genug gehört. Was soll sie Geschäfte machen mit einem Typ, der Kimme und Korn, immer nach vorn - sein Gewehr nicht in Anschlag bringt, der nie fertig
wird. Zu brasilianisch gewachst ist sie, um einer Milieustudie beizuwohnen vom Freier, der
reden will. Keine gitarrenschwingenden Zottel, kein Publikum nirgends für Lieder über
sozialarbeitende Huren.
Bis hierhin! die junge Frau hebt beide Hände. In Fällen wie unserem sei sie bereit, der
Angelegenheit per Hand zu einigem Schwung zu verhelfen. Das ginge aufs Haus, wäre im
Preis inbegriffen. Wollen wir ihr hier aber das Hirn ficken, können wir uns geschwind mit
unseren Fünfzigern vom Acker machen. Entweder zur Tür oder zum Balkon hinaus. Sie
macht eine Bewegung, mit der man Vieh verscheucht. Und wuchtig trifft uns ihre
Hurenehre: Als Vettel noch wird sie nicht bedürftig sein, wird stockschwingend fortprügeln,
was sich an ihr Windelhöschen verirrt. Unser Existieren, mag es auch Kathedralen frönen,
fromm und fastend, bleibt für die jungen Frau auf immer etwas, das nach einer
Katzenwäsche vergangen ist. Spurenlos verendet im Bidet.
In keinster Hinsicht Kapitalist sind wir gewesen. Niemand Bankrottes, der zur Hure geht für
letzte Fontänen Glück. Wir wissen nicht, was dem Vater seine Kinder sind, was dem
Freunde sein Freund. Wir konnten unserem Leben wenig abgewinnen. Fremd daher jener
Schmerz, alles verloren zu haben, welcher animieren mag, Huren freie Hand zu lassen.
Als ewig Geschlechtsreifender stehen wir zwischen Matratze und Campingstuhl, zwölf,
dreizehn Sommer jung. Kaum je selbst sind wir unserem Sonntagsstaat an den
Reißverschluss, warum nun blau lackierte Nägel ins Frischfleisch treiben?
Mit niedergeschlagenen Lidern bringt der Geschlechtsreifende sein Bedauern zum
Ausdruck, dass unser dreier Geschäftsbeziehung nachhaltig gestört worden sei.
Tatsächlich war es ein Fehlverhalten, die junge Frau nicht sogleich als Abführmittel
körpereigener Sekrete nutzen zu wollen. Stattdessen habe man versucht, kleinliche
Seelenhygiene mit ihr zu treiben. Letztendlich brauche ja jeder Gott seine Visage. Und das
Lächeln einer jungen Frau, das nachsichtige, anerkennende, wohlwollende Lächeln einer
jungen Frau reicht leicht hin, hunderte Zwiesprachen mit Gott nicht vom Fleisch fallen zu
lassen. So durch den Hurenlohn gleichzeitig auch Ablass zu empfangen, dieser
Versuchung war der Geschlechtsreifende erlegen, ja.
Wie der Geschlechtsreifende so dermaßen auf Gott kommt, reißt die junge Frau ihr
Leibchen vom Stuhl. Als gelte es, rasch in einen Kampfanzug zu kommen. Ganz
Lebensmaschine ist sie nun, Motor eiserner Verrichtung. Auf dem Rummel zwischen
Getrieben von Karussellfiguren zu klemmen, so fühlt sich das an.
Bei Regen würden wir Kirchen behelligen, sonst wären wir auf Huren aus! Lauthals
bezweifelt die junge Frau den Wert unseres Daseins. Im Bahnhofsmilieu, wie allgemein.
Der Geschlechtsreifende gesteht zu, nimmt auf sich. Tatsächlich siezt die junge Frau uns
nun auf eine Weise, mit welcher gemeinhin das Unwesen von Schaben und anderem
Geziefer beklagt wird.
Peinlich missglückt ist unsere Geschäftsbeziehung. Ich bringe denn auch meine Hoffnung
zum Ausdruck, die Appartements rings um unsere klärenden Worte mögen unbelegt sein.
"Raus jetzt!"
Wenn man im Bahnhofsmilieu des Raumes verwiesen sei, das wissen wir wohl aus
Ratgebern, solle man sofort gehen. Sofort!
Der Geschlechtsreifende und ich, wir kehren uns schleunigst zur Tür hinaus. Ohne
Schlusswort, obwohl es noch manches anzumerken gab. Aber, wie es mit
Lebensmaschinen eben ist, mögen wir auch hundert Mal "Du" zu ihnen sagen: ohne
Schraubschlüssel findet man keinen Dreh hinein ins Getriebe. Drei Notausgänge später
noch verfluchen wir uns, mit Blümchen vorstellig geworden zu sein, wo nach der Natur der
Dinge reinste Manneskraft verlangt wird.
Auf der Straße. Abend ist es geworden. Freier eilen heim, mit Frau und Kind das Brot zu
teilen, Cliquen finden sich zum Kinobesuch, Personenkraftwagen beehren und
empfangen. Überall sitzt man beim Bier, schlendert, genießt. Der Geschlechtsreifende
schweigt. Beinahe bedrohlich nun das Schaufenster eines Sexshops. Bleiben die
schließenden Kaufhäuser, bleiben die Vororte. Wir kommen überein, nicht zu wissen, wo
wir hinwollen. Natürlich wissen wir es. Aber wir wollen nicht hin, wo wir hinwollen. Mögliche
Umwege jedoch werden weniger, immer weniger. Zwei, vielleicht noch drei.
Schulterzuckend tröpfeln wir mit letzten Rinnsalen in ein Königshaus des Konsums.
Wehende Fahnen. Marmor. Erquikende Musik. Als "Marken" bezeichnete Wappenpracht,
gereicht von behandschuhten Zofen.
Gebenedeite aller Epochen stehen uns vor Augen. In welch Duft, welch Schmuck, welch
Garderobe sie Himmelfahrt hielten.
Wir erkundigen uns nach einem Smoking, begehren Auskunft über das Angebot an
Galauniformen. Oberste Etage.
Der Fahrstuhl Richtung Herrenausstattung glänzt mit Panoramablick weit über Rat- und
Gotteshäuser hinweg. Aus den Lautsprechern schnulzen Sänger, übermannt zu sein von
so viel Himmel. Beinahe retten müssen wir uns vor Sehnsucht, wahrhaft eines Königs
Eigentum zu sein, jener Wollust, uns niederzuwerfen. Stillgestanden und zu Befehl, statt
Beute freier Liebe sein. Rittersleute, wie sie im Tode noch ihren Herren grüßen, ohne des
Schoßes zu gedenken, dessen Wärme ihnen Dasein schenkte.
Den Teppich der Herrenausstattung empfinden wir als Referenz in Sachen Flauschigkeit.
Wahrscheinlich könnte man im Flausch verrecken, ohne durch unzweckmäßige
Geräusche den Geschäftsgang zu stören. Jenes rauschende Schleifen toter Leiber, das
Kinder vor Neugier in die Hände klatschen lässt.
Einige kostbare Stoffe hängen hoch wie manch Traube am Baum des Lebens, allein durch
entsprechende Gerätschaft in Kundenhand zu bringen. Und wenig deutet darauf hin, dass
oft nach entsprechender Gerätschaft gegriffen wird.
Der Herrenausstatter wirkt, als habe er eben eine Stulle angebissen und sich rasch den
Mund getupft. Im Entgegenkommen zieht er Samthandschuhe über, nun schon deutlich
gefasster.
"Bitte?" begrüßt er uns. Als wäre zum Abendbrot ein Höhenkranker auf seinem Gipfel der
Herrenausstattung angelangt.
"Wir wollen uns zur Himmelfahrt festlich machen", buckeln wir.
Der Herrenausstatter scheint sich über das "wir" zu belustigen, hält doch gerade nur ein
alleinstehendes Männlein um seine Dienste an. Und eine Himmelfahrt findet sich in
seinem ledernen Kalender erst nächstes Jahr wieder, kleingedruckt, abwegig. Aber richtig,
als seien ihm drollige Gedankengänge bewusst geworden, mit jedem Männlein steht ja
eine ganze Sippe Männlein vor Gericht, was Geschmack betrifft, jene Ausgesuchtheit des
Empfindens. Auch das mit der Himmelfahrt scheint ihm rasch einzuleuchten, als er kurz
sich herablässt, uns zu mustern. Ein scheuchendes Zucken mit den Fingern nur: Fertig.
Noch nicht ganz auf dem Posten, längst reif zu sein für das Fallbeil zwischenmenschlichen
Urteilens, missverstehen wir die Geste des Herrenausstatters. Vor allem der
Geschlechtsreifende ließ sich eben im Fahrstuhl ja noch bespiegeln, als wären gerade erst
die Sommerferien vorüber.
Entsprechend hoffnungsfroh manövriert der Geschlechtsreifende uns in vermeintlich
schmeichelhaftere Position, möge man uns nun eines Stoffes und Schnittes für würdig
halten. Immerhin begibt sich hier jemand auf Himmelfahrt, dem von Seiten des
Lehrkörpers außergewöhnliche Wissbegier bescheinigt ist, dem überhaupt manches
Darüberstehen zu Ohren gelangte.
Nun erlebt der Herrenausstatter auf seiner Höhe viel Gebein. Und ein samthändiger
Hinauswurf ins Flachland ist regelmäßig an Verausgabungen gebunden, wie sie vom
Feinsinn gemieden werden.
Ohne viel Aufhebens scheint der Herrenausstatter sich in Tonlagen zu gefallen, welche
etwas von jenen Schlangen haben, die im verbotenen Garten mancher Mythologie Dienst
tun.
"Lustbareit verlangt stets nach Lustbarkeit..." der Herrenausstatter rückt unsere Schultern
zurecht, probiert grob an uns jene Haltung, die man gerade nennt "...will man sich zum
Ende hin nicht mit Asche pudern." Der Herrenausstatter seufzt wie über einen üblen
Geruch.
Rasch scheint er nun Ordnung schaffen zu wollen auf seiner Höhe. Er lustwandelt durch
den Showroom, streicht mal hier mal dort über glänzendes Tuch, ehe er ins Off der
Kulissen greift. Stoff kommt zum Vorschein, spröder Stoff. Ein aschgrauer Zweireiher.
Hier muss sich jemand irren, wir begehen Himmelfahrt! Ereifern will ich mich, der
Geschlechtsreifende aber steht still. Bekommt er doch für die Schule allzeit Kleidung
aufzutragen. Warum auch sollten der Geschlechtsreifende jenes Alte fürchten, welches
zwischen den Kulissen hingeknüllt liegt? Er verlangt nach keinem modischen Beweis
seiner Gegenwart, nach keinem Pfiff. Aschgraue Notdurft kleidet ihn wie geckenhaftes
Weiß.
Schon sehen wir uns im Zweireiher stehen, vor einem mannshohen Spiegel, der alle
Eitelkeiten des Showrooms auf sich zieht. Übel tragen wir an dem Stoff. Rauh, fast
harmvoll. Nichts, was verlockt zum Ausschweifen. Dennoch drehen wir uns wie zum Feste,
froh, dem Belieben unserer Freizeitkleidung entstiegen zu sein.
Mit Abstand schaut der Herrenausstatter auf unser Betragen. Jene zackige Art von
Zufriedenheit, wie man sie bei Warten findet, wenn alles regelgerecht in Marsch gesetzt
ist.
Der Herrenausstatter bestimmt uns, die Arme zu heben. Tanzschritte sollen wir
nachvollziehen, als habe man eben das Siegestor erzielt, gehen, stehen, abhocken. Am
Ende klopft der Herrenausstatter uns auf beide Schultern: Passt!
Wir probieren es mit Mienen voller Dankbarkeit. Der Herrenausstatter aber lässt sich auf
keine Duselei ein. Statt mit dem erhofften Smoking, habe er uns mit rauhem Zweireiher
gewartet, weil wir selbst in königlichem Purpur elend wirken. Schwarze Galle seien wir, der
man mit grau noch Ehre antäte. Das bitteschön mögen wir zur Kenntnis nehmen.
Dem Geschlechtsreifenden, der sich eben frisch aus den Sommerferien wähnte,
entgleisen sämtliche Gesichtszüge. Was den Herrenausstatter übrigens nicht weiter
verwundert: Es sei eine Ausgeburt des Wohlstandes, alles stehen lassen zu können, damit
sich ja niemand überhebe. Gleich wäre es, welchem Gott man opfere, wenn genug für alle
da ist. Widerwärtig nur, dass den so gezogenen Wohlstandsgören wenig mehr in ihren
Blödsinn komme, als ein Himmelreich voll Milch und voller Honig.
Während der Geschlechtsreifende beiseite steht, reißen mich meine neuen Kleidern hin:
Hohelieder von milchgewaschener Haut und von Hönigdöschen betreffend, sei ich längst
angelangt bei jenem Entsetzen, das unerhört Begehrten eigen ist: Was man denn von
ihnen wolle? Sie seien doch nur ganz normale Frauen.
Dem Herrenausstatter aber scheint solch redlich entleerte Samenblase wenig zu
bedeuten. Meine Himmelfahrt, mein fortwährendes Gequatsche mit mir selbst, so gebärde
Nutzvieh sich nicht.
"Ich bin ein Mensch!" schon ist es mir abgegangen, und tatsächlich presst der
Herrenausstatter sich sein parfümiertes Taschentuch unter die Nase. Minuten lässt er mich
so stehen in meinem Menschsein. Die Stille der Herrenausstattung, wie sich jeder Knopf
noch zwischen lauter Gebeinen wiederfinden wird. Beinahe fürchte ich, das aschgraue
Tuch, das mich so munter verführt hat zum Menschsein, ist aus eingeebneten Gräbern
gewonnen.
"Bezahlen!" kommt uns von weither zu Ohren. "Kein Mensch denkt ans Bezahlen." Der
Herrenausstatter hat sich hinter eine Kasse begeben. Aus anderer Zeitrechnung wirkt die
Kasse. Mit Elfenbein geziert, Schnitzwerk, das Mythologien verherrlicht. In
Schatzkammern Gefangene oder unter Gold Begrabene. Jenseits mehrerer
vollelektronischer Registrierkassen, findet der Herrenausstatter sich so bereit für den
Zahlvorgang.
Tatsächlich ist alles Geld gestopft in die Taschen unserer abgelegten Buchse,
zurückgeblieben im Gewirr von Verkleiden.
"Es ist ein ausgelaufenes Modell", der Herrenausstatter klingt nachlässig. Kundschaft mag
ihm untergekommen sein, welche mit hängender Zunge ihren Geschäftsgang neu
bekleidet wissen wollte.
Körpersäfte sind abwaschbar, sind wegwaschbar, hat der Mensch sich ergossen, ist er
fertig geworden, zur Erde gefallen in des Baumes Wollust.
"Es ist ein ausgegrabenes Modell." Wie Federstrich sein Lächeln, als wir begreifen. Die
Augen des Herrenausstatters tiefblau. Bevor Land war und Leben.
Dem Geschlechtsreifenden übersteigt jener Grusel, mit dem Jungs in Kriechkeller robben.
Ohne Taschenlampen, ganz Tier vor Angst.
"Sie wünschten, auf Himmelfahrt zu gehen", dient der Herrenausstatter.
Getragen als Auslaufmodell, wirkt das Leben wahrhaftig wie etwas, das sich ablegen lässt,
ja, das abgelegt sein will. Allein unser Blick in den Spiegel war ein Fehlverhalten.
Tatsächlich gibt es über die gesamte Etage des Herrenausstatters nur jenen Spiegel,
welcher uns im Auslaufmodell noch zur Eitelkeit nötigte. Hingegen wir inmitten der nackten
Wände der Verkleiden leichthin unser Erspartes zurück ließen.
Der Herrenausstatter hebt denn auch seine Hände, uns einst so Leistungswillige
herabzuregeln: Natürlich trage man Auslaufmodelle mit leeren Taschen. Bezahlen
verstehe sich nicht allzeit auf das Geben. Mit einem Klingeln, als wäre Gott an den Tresen
zitiert, öffnet sich des Herrenausstatters Kasse: Bezahlen bedeute auch, zu nehmen.
Der Herrenausstatter befiehlt unseren Händen Zierliches an. Mit einem Geldschein
umwickelt ist seine Gabe. Welkes, abgegriffenes Bildnis königlicher Hoheit. Licht die
Tablette darin, licht wie ein Abendmahl.
"Meine Empfehlung für Herrschaften, welche unter dem Talar keine Familienplanung
treiben."
Vom Liebesmahl als Vater sich zu erheben, der Geschlechtsreifende schaut ratlos bei
diesem Gedanken.
Kopuliert werden muss, mir ist kein Stück Vieh geläufig, das anders dem Leben zu Umsatz
verhilft. Wie aber weiter mit denen, die Kraft ihrer Leibesfreude nicht bestehen können, wo
Drängendes blass zur Erde verbracht wird? Derart abgetrieben, spricht wenig gegen einen
letzten Stoß hinaus aufs Meer. Im Wind, in Tagen und Nächten dem Himmel entgegen.
"Sind wir damit rasch auf offener See?"
"Keine Minute", versichert der Herrenausstatter.
Plötzlich wird mir bang in dem Auslaufmodell. Der Stoff fühlt sich an wie etwas, für das
Kinder noch in zweifelhafter Erde graben, das Erwachsene aber entsetzt von sich weisen.
Minuten suchen meine Augen die Herrenausstattung ab nach dem Geschlechtsreifenden:
Heimgelaufen vielleicht. Auf jenen Wiesen meines Hirns, an deren Ende das Elternhaus
steht, Papa bei klassischer Musik, Mama mit spätem Abendbrot.
Kindertage, wie sie sich abwaschen lassen. Im hellblauen Bademantel, weißgestreift,
duftend vor Schaum. Noch wäre ich rechtzeitig für die Trickfilme des Vorabendprogramms.
Meine Faust ballt sich um das Licht, das, in Tablettenmaß gebannt, mir leis seine Dienste
zusichert. Mag es dem Geschlechtsreifenden zur Erbauung dienen, lockt das Licht mich
allein als Erfüllungsgehilfe, Horizonte bersten zu lassen. Minuten schauen der
Herrenausstatter und ich auf meine Faust, ehe das Licht versinkt im Futteral des
Auslaufmodelles. Hinter ein letztes Aufleben befohlen, bis zum Sendeschluss Müdigkeit
mit Macht hinzutritt, um rasch für bestes Einvernehmen zu sorgen.
Das Licht, es ist nun alles, was ich noch "am Mann" habe.
"Sehen Sie!" unter der ausholenden Geste des Herrenausstatters wirkt alles Leben, als
würde es frisch aufgebügelt warten, erübrigt zu werden von der Mode und ihrer Zeit. "An
die Stange gehängt, Ämter zu bekleiden." Bloß könne niemand sich seinem Triebe
verbunden fühlen, missfallen müsse alles Bloße der steten Lese der Schöpfung. Er, der
Herrenausstatter, wache über Sitz und Form im Königreich Gottes.
Mag mir auch nicht unbedingt eingehen, warum der Herrenausstatter sich derart befördert
weiß, für den Stolz des Flaneurs ist es Jahre zu spät. Nun heißt es Stellung beziehen.
Eingraben muss ich mich mit den letztbesten Parolen, mit den letztbesten
Wahnvorstellungen.
Als habe jemand einen Ausguss eröffnet, rinnt das Blut mir aus den Fäusten. Peinlich nun,
ja beschämend, Jahre, Jahrzehnte Taschen kontrolliert zu haben, ob sich darin alles
vollzählig befindet. Dasein als Sparschwein hingeben für eine Portion Licht, es fühlt sich
gut an. Hungern müssen, sich ins Erdreich schanzen, alles, was uns anleitet wie ein Tritt in
die Fresse. Ich freue mich, Knochen zu fühlen, hart zu sein, sehnig, verwitterter Pfahl
Stacheldraht. Das Auslaufmodell, es kleidet mein Wesen. Zum ersten Male fühle ich mich
im Gewinne dessen, was uns alle Waschungen der Welt versagen. Mag sein, man
entsorgt mich so an der Autobahn. Aber wie denn sonst? Es kann der Mensch nicht
glücklicher sein, als im Winde. Eine Wiese wird man mir lassen, eine Anhöhe, ein Stück
vom Himmel.
Der Herrenausstatter steuert still drei Mäntel zur Auswahl bei. Damit Nachtfrost mir am
Ende nicht die Seele verdirbt. Man will ja niemand sein, dem Mut allein im Badeurlaub
überkommt.
Neuware, Stoff alltäglicher Witterungsumstände. Beinahe entschuldigend blickt der
Herrenausstatter, kein Auslaufmodell bieten zu können, sondern nur kleinlich Produziertes,
von dem das Boulevard sich große Abende erhofft. Wollne Bauten, Kokonen gleich,
welche Spinnen in ihrem Netz hüten. Umsponnener Fraß.
Ich wähle knochenbleiches Weiß. "Leichter kann ein Totenhemd nicht sein", lächeln wir.
Jene Mentalität von Bunkern, in denen man halb die Fahne hisst, halb geborgen sich
wissen möchte. Suchtrupps, Hubschrauber, ich weiß auf weitem Feld. Dabei schickt
niemand mehr auch nur seinen Hund nach mir.
Reisefertig stehe ich vor dem Herrenausstatter. Es bleibt nicht mehr viel. Hinter den
Fenstern ist Nacht. Keine Nacht, die herrscht, wartet, ruft, lockt. Eine Nacht, der gleich ist,
was sie Menschenkindern bedeuten mag. Wenn wir während ihrer Schicht unsere
Angelegenheiten nicht geregelt kriegen, verbleiben wir eben dem Tag. Ohne
Bestandsmeldung, was alles im Dunkel geboren und was gestorben. Fenster sind dabei
selten mehr, als trübe Spiegel unseres Daseins: Der Herrenausstatter wie ein Homunculus
, ich dagegen gleiche abgebrannter Milch, dumpf und verdorben. Jetzt gilt es, Worte zu
finden.
"Ich schaff das!" sage ich.
Der Herrenausstatter blickt mir mit einem Male scheel als Gläubiger entgegen: "Gewiss!"
vertraut er auf den Zins seines Tuns.
Danach wollte ich noch fragen, nach dem Zins. Auslaufmodelle sind so leicht ja kaum zu
bergen.
"Ich pflege ein Poesiealbum Zeitungsartikel. Vermischtes vom Tage. Und berichten wird
man doch wohl?"
Die Befähigung, aus Lauten mich zum Wort zu formen, macht kurz Pause. Selten erschien
mir etwas sinnhafter, als solch Poesiealbum.
"Eine Liebhaberei mit Tradition in den Reihen meiner Ahnen", freut sich der
Herrenausstatter. "Mein Großvater diente dem Leben bereits als Herrenausstatter. Früh
sein Empfinden für den Frieden ausgesuchten Stoffes. Hasardeure aller Couleur blieben
ihm die teuersten Kunden." Der Herrenausstatter richtet zum letzten Male meinen Mantel.
"Und so auch mir."
Dem letzten menschlichen Vorposten Sterbewohl wünschen, mein Ich erzittert.
Außerstande, all die vergangenen Herrlichkeiten seines Wahnwitzes weiterhin mit
Phantasien zu unterhalten. Beinahe wähne ich mich in der Herrenausstattung auf einem
leis sinkenden Schiff. Hier angeheizter Wohlstand, dort finstere See um den Gefrierpunkt.
Nur dass hier gar nichts, absolut gar nichts sinkt. Ich sinke, ich allein.
Der Herrenausstatter hat sich zurück gezogen. In sein Rettungsboot aus Tradition und
Poesie. Plünnen bleiben mir zum Adieu. Eine Etage mit auf Puppen gezogenen Plünnen.
Elend wenig, wenn alles Begehren sich in den Feierabend verabschiedet.
Den nächsten Morgen bilde ich mir ein. All die Latte macchiatos, stramm im Glied
geschlürft. Das Leben, wie es nach Milchhörnchen schmeckt. Ergüsse des Wollens über
jener Dürre des Seins, welche mir entgegen stiert inmitten der nächtlichen
Herrenausstattung. Schon dimmt Notbeleuchtung auf, tunkt alles in das Rot glimmender
Asche. Wie wenn unter mir Geröll urzeitlicher Behausungen knirscht. Geburt stelle ich mir
in diesem Lichte vor, Schlaf, Tod. Ganz früher war ich mal vergessen und eingeschlossen.
Als es noch einen Vater gab. Hingegen heute keine Stimmung mehr aufkommen mag.
Welche Nummer sollte ich auch wählen von dem Wandtelefon neben den Kassen? Und
hinten der Notausgang bequem ins Freie. Das letzte Gebäude vor Himmelfahrt. Ich will
nochmal in die Spielwarenabteilung!
Die Vitrinen der Spielwarenabteilung präsentieren nichts, wie es einmal war. Als Kind, da
herrschte Tag. Wir stromerten durch die Warenhäuser, dampften vor Sonne, hatten weder
hier noch dort etwas zu erledigen. Alles verweilte in Sehnsucht. Niemands Wunsch ward
erfüllt auf entsetzlich banale Weise: Fleisch, das sich anfühlt, wie Fleisch sich eben
anfühlt. Viele Sommerferien blieben wir davon befreit, Lotterbetten mit Liebe anreichern zu
müssen.
Den Brettspielen wende ich mich zu. Pappminiaturen, welche uns fernhielten von der
Ödnis ihrer als "lebendig" bezeichneten Ebenbilder. Eher würfelte ich Stunden allein mit
mir, als bei den Erwachsenen Futtertröge voll Sahne zu genießen. Fressen ja, immer
gerne, aber nicht genießen. Damals schon ahnte ich wohl, welch Sein eher Wiederkäuern
zukommt, und welch Sein zumindest den Irrwitz wahrt.
Ich nestle ein Schachspiel aus der Folie, baue es auf vor mehreren Rollen
Geschenkpapier. Spuren hinterlassen! lächle ich und schiebe die weiße Dame nach b3.
Nun steht sie, meine Gewinnvariante der Indischen Verteidigung von Großmeister
Grünfeld. Mein Zeichen Leben, für die Kassiererinnen morgen wohl nur eine Irritation ihrer
Arbeitsabläufe.
Selbst habe ich den ganzen Weg über auch nicht nach neuen Schuhen verlangt. Im
Auslaufmodell eines Anzugs mochte ich mich feiern, aber auf meine Schuhe ließ ich kein
Wort kommen. Vielleicht wäre der Geschlechtsreifende nicht heim und vielleicht wäre der
Herrenausstatter nicht fort in sein Rettungsboot aus Poesie, hätte ich beiden mehr
zugemutet als abgegriffenes Schuhwerk.
Schon offenbart sich mir ein Heldenkostüm für Kinder ab sechs Jahren: Die rot gefärbte
und mit Spinnennetz verzierte Strumpfhose schnipple ich zu zwei langen Socken. Kaum
ist das Schuhwerk wieder geschnürt, fühle ich das Kinderglück einer Geheimidentität.
Derart in Socken nehme ich mir meine letzten Meter Leben vor, wenn die Zeit gekommen
ist.
Noch aber will ich mich verschwenden im Licht der aschfahlen Spielwarenabteilung, will
Heiligabend sein und Mitternachtsmesse.
Einen Indianerhäuptling setze ich auf den Verkaufstresen, eine Puppe
"Schleckermäulchen". Beiden möchte ich erzählen aus meiner Schulzeit. Jene Freitage,
als wir in der Letzten Religion hatten bei Herrn Pusch. Wie er uns sanft predigte von
Menschen, denen das Wasser bis zum Hals steht, uns was es mit dem "Bezahlen" auf
sich habe. Derweil wir nur scharrten auf sein: Schönes Wochenende!
"Herr Pusch!" rufe ich in die Leere des Kaufhauses. "Sie sind bestimmt längst hinüber,
sind Sie nicht?" Ich warte. Kleinlaut warte ich vor dem Lehrerzimmer des Pavillons der
Klassen 5a und 5b. Alles dunkel.
"Die Wochenenden liegen hinter mir, Herr Pusch... Ich bin bereit", flüstere ich, "ich bin
bereit."
Wie wenig man die Leute kennt. Es kam vor, dass durchs Schlüsselloch gespäht wurde,
was Herr Pusch alleine in dem kleinen Lehrerzimmer treiben mochte? Vielleicht fügt es
sich vortrefflich, wenn stets Phantasien aus jenen Räumen treten, die in unserem Dasein
verblieben sind.
"Mein Gesicht gefällt Dir also?" will Herr Pusch wissen. Selbst habe er seine Schulzeit
erlitten, störte Herr Pusch eines Freitags unser Kalkulieren, wie lange es noch war bis zum
Wochenende. Nicht wenige etwa schworen darauf, fortwährend bis 60 zu zählen. Die
gerieten durch Herrn Pusch natürlich aus dem Takt. Immerhin war es ja auch lange her,
dass Herr Pusch einen Klassenlehrer hatte, dem Herrn Puschs Gesicht nicht gefiel.
"Gefällt Dir mein Gesicht?" will Herr Pusch wissen.
"Wie einem so manches gefällt, nachts, allein."
"Man kann seinen Phantasien fernbleiben."
"Sehe ich aus wie einer, der sich das leisten kann?" Zum Beweis zerre ich meine
geschnippelten Socken unter den Hosenbeinen vor.
Herr Pusch nimmt Begradigungen vor an dem Kassengestell auf seiner Nase. "Immerhin
leistest Du Dir viele Worte."
Wenn die Welt ist wie Beton, was bleibt dann mehr, als wenigstens mit seinem Blute für
ein paar Schmierereien zu sorgen? Bestimmt keine Zeugnisse inneren Reichtums, was
regelmäßig von den Grenzen der Welt geschrubbt wird.
"Nun habe ich mir Sie behalten, Herr Pusch."
"Seltsam, welch Lämmlein gegen Abend ins Hampeln geraten."
"Wahrlich die, aus denen kein Bock erwachsen ist."
"Warum nicht weiter still zurück sitzen? Es fehlt den Lämmern alles zum Bocksgesang."
"Haben Sie je einen Hinterbänkler zu Boden verbracht?"
"Nein."
"Und so muss ich dürres Stück Fleisch mich dem Schlachtblock eben aufdrängen."
Herr Pusch nickt: "Damit wenigstens Dein Fell vielleicht zu etwas gut ist."
"Niemand bin ich, der am Boden mit Teppichläufern sich eine gute Nacht wünschen will."
"Und ich Christenkind soll Deinem Schlachtblock nun Flair verschaffen?"
"Sie habe ich mir behalten, Herr Pusch."
Staunend verharren wir vor meiner Phantasie, der Herr Pusch und ich, in welch rascher
Weise Lämmer wie Christenkinder durch Phantasien dem Unterrichtsgespräch entfremdet
sind. Schwer auszudenken, würden wir einander wahrhaft begreifen. Dies irrsinnige
Gebräu fremder Leute Kindereien und Hohelieder ins Hirn geschüttet bekommen. Allein
Unverstand vermag uns zu retten vor solch Senkgruben Leben.
Ich schicke Herrn Pusch also austreten, bis mir ein Skript für ihn in den Sinn kommt,
welches meiner Himmelfahrt entschieden mehr Würde verleiht. Viel Zeit bleibt nicht. Kaum
auszudenken, wenn gleich die Nacht über mich kommt mit eisigen Böen. In den
Schlafstädten mümmeln sie Häppchen vor dem Fernseher, herzen Haustiere auf ihrem
Schoß, rufen vielleicht alle Jubeljahr mal den Bestatter. So natürlich vollzieht es sich, wie
bei den Tieren des Waldes, während ich hier in einem leeren Kaufhaus abhänge, und
gewiss anderes zu erwarten habe, als neue Staffeln alter Serien.
Eine Wahl, noch habe ich sie. Ich könnte mir in der Herrenausstattung mein Geld
wiederholen, unten bei der Unterhaltungselektronik einige Boxen Filme mitgehen lassen,
heimfahren inmitten von Pärchen, die es sich den Abend über haben gutgehen lassen. Der
Umschlag auf dem Wohnzimmertisch wäre schnell zerrissen. Stecker vom Fernseher
wieder rein, etwas Staub vom Herd, schon stünde ich bereit, auf vierundvierzig
Quadratmetern Leben weiterhin Dienst zu verrichten. Zwanzig, dreißig, vielleicht vierzig,
fünfzig Jahre. Und selbst dann wird das Radio dudeln, als habe es eben erst den
Sendebetrieb aufgenommen.
Zehn Radios könnte ich erwerben, jedes auf anderer Frequenz meine vierundvierzig
Quadratmeter Weltraum bespielen lassen, es bliebe still wie nachts auf
viertausendvierhundert Quadratmetern Warenhaus. Geräusche sind kein Leben,
Bewegungen keine Handlung. Wird auf viertausendvierhundert Quadratmetern
Milchschaum gelöffelt, ist das gegenüber den Puppen hier nur ein Mehr an umgesetzten
Fetten. Da erscheint jede Tat als Butze, die es trocken zu wohnen gilt.
Hingegen niemand dem Wind, dem Meer, den versammelten Naturgewalten nachsagen
kann, einem Vergnügen zu dienen. Selbst Vieh, welches ja angeblich nur beschränkt
Einsicht hat ins Leben, ergibt sich still seiner Weide, statt röhrend alle Viere leiern zu
lassen. Und welch höhere Pflicht erwächst aus dem Leben, als die des Todes?
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Seele and Geist
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