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KANN ALLES, WAS ICH WILL - Horizont

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KANN ALLES, WAS ICH WILL
Man hat ihnen von Kindesbeinen an beigebracht, dass sie
etwas Besonderes sind, sie mit materiellem Wohlstand
und außergewöhnlicher Ausbildung gefüttert: Jetzt drängt
Generation Me in die Arbeitswelt und gibt Old Economy
und Führungskräften Rätsel auf. Text von Dagmar Lang
weg, ständig auf der Suche nach
Schnell enttäuscht. Markus B. ist
etwas Besserem, einem Arbeitsplatz,
28 Jahre alt. Er verfügt über ein abgewo man seine persönlichen Interesschlossenes Jus- und BWL-Studium,
sen ausleben, seine Fähigkeiten optiein Post-Graduate in Harvard, Ausmal einsetzen kann und niemand
landsaufenthalte seit seinem 15. Leetwas dabei findet, wenn man einbensjahr und kommt aus einem gutmal um 15 Uhr auf den Golfplatz
bürgerlichen Umfeld. Vater CEO eines
fährt oder sich eine kleine Auszeit
Markenartikelunternehmens, Mutter
von drei Monaten nimmt. Markus B.
Anwältin. Länger als ein Jahr hat es
ist ein typischer Vertreter einer
der hochtalentierte junge Mann noch
Generation, die die amerikanische
nie in einem Unternehmen ausgehalten. Ob Anwaltskanzlei, Werbeagentur, Psychologin Jean Twenge so treffend
in ihrem Buch „Generation Me“ beAutomobilhersteller oder Pharmakonschreibt: gut ausgebildet, verwöhnt, „Das ist die Macht
zern, nach ein paar Monaten war die
der Demografie.“
mit großen Ambitionen, schnell ent- Günther
Luft draußen. Zu wenig Freiraum, zu
Tengel,
täuscht von der Realität der Welt,
viele Vorschriften, spießige Kollegen,
Amrop Jenewein
unstetig und oftmals sehr unglückzu fixe Arbeitszeiten, zu wenig Feedlich. „Es sind jene jungen Menschen,
back, ein inkompetenter direkter Vorvon denen wir Personalberater im
gesetzter. Da macht die Arbeit dann
Halbjahres- oder Jahresabstand
keinen Spaß mehr, für die geliebten
Bewerbungen kriegen“, analysiert
Hobbys Golf und Tennis bleibt zu wenig Zeit, die Freundin – selbst eine be- die Personalberaterin Nicole Ebhart.
„Sie sind tief in ihrem Inneren ungnadete Jobhopperin – meckert auch
glückliche Menschen, die noch nicht
schon. Also ist man wieder einmal
60
„Auf sich fokussierte
Mitarbeiter kann
ich nicht brauchen.“
Luigi Schober,
Young & Rubicam
verstanden haben, dass es in jedem
Job darum geht, gute Beziehungen
herzustellen.“ Für den Chef der
Werbeagentur Young & Rubicam,
Luigi Schober, sind die Vertreter der
Generation Me noch kein Thema:
„So einer kommt nicht einmal zur
Lifttür herein. Auf sich selbst fokussierte Menschen kann die Agentur
nicht brauchen.“ Günther Tengel,
CEO von Amrop Jenewein, ist hingegen überzeugt, dass die Wirtschaft
sich mit dem Phänomen Generation
Me dringend auseinandersetzen
muss, auch wenn sie es heute noch
nicht tut. „Das ist die Macht der
Demografie“, sagt Tengel. In fünf
bis zehn Jahren werden die Unternehmen allein in Österreich 30.000
bis 50.000 Menschen in der Altersgruppe 30 bis 40 suchen; da wird es
ohne klassische Vertreter der Generation Me gar nicht gehen. Gab es
in der Vergangenheit lediglich das
Bestseller 9|10 2012
AMROP JENEWEIN, KARL MICHALSKI, WERNER LINSBERGER, SPAR, EWK INTERNATIONAL
Thema „Alt trifft auf Jung“, so wird
sich dieser Konflikt nach Tengels
Meinung dramatisch verschärfen.
Zumal sich Generation Me so bipolar darstellt: hochbegabt, kreativ
und belastbar – aber nicht gewillt,
einengende Strukturen und Hierarchien zu akzeptieren. „Da kann es
schon vorkommen, dass mir ein
Bewerber sagt: Gerne fliege ich von
Montag bis Freitag dreimal die
Woche nach Hongkong, Shanghai,
New York. Aber Freitagmittag ist
Schluss und am Wochenende bin
ich nicht erreichbar. Und übrigens:
Nächsten Sommer habe ich mit
meiner Familie zwei Monate USA
eingeplant.“ Oder ein Sabbatical in
Senegal in einem SOS-Kinderdorf.
Denn die Generation Me ist auch
auf der Sinnsuche und findet diesen
nicht selten in karitativen Tätigkeiten. Ebenfalls erschwerend: Generation Me wünscht eine permanente
Bestseller 9|10 2012
Feedbackschleife – aber „verträgt
nicht den Funken einer Kritik“ (Jean
Twenge). „Ja, das ist in der Tat eine
Herausforderung, weil Führungskräfte heute immer weniger gut konstruktiv kritisieren können“, meint
Georg Unger von Edward W. Kelley
& Partners, der als Headhunter auf
die Marketing- und Medienszene
spezialisiert ist. Er ist ein Fan dieser
neuen Generation, die oft fünf Sprachen spricht und eine Bereicherung
für jedes Unternehmen sei. Diese Erfahrung hat auch das österreichische Handelsunternehmen Spar gemacht. Sprecherin Nicole Berkmann
meint: „Ein paar solcher jungen
Leute zu beschäftigten ist aus unserer Sicht gar nicht so schlecht. Sie
bringen in der Zeit, in der sie da
sind, durchaus hohe Leistung und
vor allem unkonventionelle Ideen,
die man nutzen kann, wenn man
als Unternehmen dafür offen ist.“
Bislang beschäftigt Spar allerdings
nur wenige Vertreter der Generation
Me. „Unsere erfahrenen Recruiter
achten ja auch auf die Persönlichkeitsstruktur beim Einstellungsprozess.“ Bei Siemens ist man in der
Causa eher verhalten. „Mitarbeiter,
die ausschließlich auf den eigenen
Vorteil bedacht sind, haben es bei
uns sicher schwerer, da unsere typischen Arbeitsfelder sehr stark durch
Zusammenarbeit gekennzeichnet
sind“, erklärt Stefan Lange, Head of
Recruiting & Personalentwicklung
von Siemens Österreich. „Dort
wollen die sicher nicht arbeiten“,
lacht Unger. „Old Economy geht gar
nicht.“ In der Tat wollen 50 Prozent
der Jungen in Start-ups tätig sein,
weiß Günther Tengel. „Da prallen
eben Vorstellungen und Realität
aufeinander und diese Kluft wird
noch viel schlimmer werden.“ Rudi
Kobza, CEO von Lowe GGK, hat
sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und findet die Beschreibung von Jean Twenge: „Du
kannst alles tun und schaffen,
was du willst! Lebe deinen Traum!
Du bist etwas Besonderes“ im Prinzip eine Einstellung, die zu einer
Agentur wie Lowe GGK passt. Und
„Wir beurteilen
Menschen nicht
nach Generationen.“
Rudi Kobza,
Lowe GGK
„Es kann durchaus
sinnvoll sein,
sein
einige von ihnen
zu beschäftigen.“
Nicole Berkmann,
Spar
„Mich faszinieren sie.
UndUnd
Old Old
Economy
sie.
geht
gar nicht.“
Economy
geht
Georg
Unger, Edward
gar nicht.“
W.
Kelley
& Partners
Georg
Unger,
Edwar
W. Kelley & Partners
„solange es nicht in Narzissmus
kippt, soll jeder Spaß haben, wenn
was weitergeht“. Prinzipiell brauche
die Werbebranche Menschen, die
zwei Facetten mitbringen: „Können
und Wollen“. „Das gilt für die Generation Me wie für die Generation We,
wobei wir bei Lowe GGK Menschen
nicht danach beurteilen, welchem
Generationsbegriff sie entsprechen.“
Für Konflikte zwischen Jung und Alt
sorgen insbesondere die veränderten
Werthaltungen. „Die Generation Me
hat von ihren Eltern gesehen, wohin
es führt, wenn man sich im Job bedingungslos aufreibt. Darauf haben
sie keine Lust und sagen das auch
ganz deutlich“, erzählt Günther
Tengel. Wobei wiederum diese Bipolarität irritiert: „Sie sind irrsinnig gut
mit ihren Eltern, leben zum Teil
unglaublich lange im Hotel Mama,
aber sie wollen nicht so leben wir
ihre Eltern.“ Und die beurteilen ihre
Umwelt ganz anders. „Wenn mein
17-jähriger Sohn wissen will, ob es
regnet, schaut er nicht beim Fenster
hinaus, sondern geht auf die App
der Hohen Warte.“ Die virtuelle Welt
ist die Wahrheit. Und im Gegensatz
zu den Baby Boomers stellt die
Generation Me „Autoritäten nicht in
Frage, sondern sie respektieren sie
einfach nicht“, schreibt Jean Twenge. Das erfordert nach Tengels Meinung einen völlig neuen Führungsstil, der Vorgesetzte dazu zwingt, in
ihrem Fach up to date zu bleiben,
sonst haben sie bei den Jungen keine Chance auf Anerkennung. Die
Frage, was aus der Generation Me
in den USA und Europa wird, wenn
griechische und spanische Verhältnisse um sich greifen, will sich
Tengel gar nicht ausmalen. „Damit
können sie sicher nicht umgehen.“
Denn ein Gutteil der Grundlagen der
Generation Me beruht auf der Tatsache, dass sie die dritte Generation
ohne Krieg, behütet und in materiellem Wohlstand aufgewachsen ist.
Die Frage, wie es Markus B. geht,
wenn er plötzlich keinen Job mehr
findet, nicht einmal einen, den er gar
nicht will, müssen wir hoffentlich
nicht so schnell beantworten.
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Seele and Geist
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