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Kreatives Schreiben, ja kann man so was denn studieren - HKB

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Kreatives Schreiben, ja kann man so was denn studieren?
Ein Bericht von Katrin Zimmermann
Die Frage, ob man Schreiben studieren kann, habe ich seit Beginn
meines Studiums in Kreativem Schreiben und Kulturjournalismus
an der Universität Hildesheim so oder ähnlich unzählige Male
beantwortet:
Natürlich kann man das studieren, genau so, wie man auch Musik,
Theater oder Kunst studieren kann. Man muss ein gewisses Talent
im Umgang mit Sprache haben und Lust, sich intensiv mit Texten
und ihrer Machart zu beschäftigen. Es ist ein Studium, das einem
einerseits
literaturtheoretische
Kenntnisse
vermittelt
und
andererseits Hilfestellungen bietet , die es einem ermöglichen, die
eigene literarische Produktion zu erproben und es einem hin und
wieder erleichtern, dies e voran zutreiben. Das bedeutet nicht, dass
man durch ein solches Studium automatisch SchriftstellerIn wird.
Die Vorstellung, es sei erstes, zwingendes Ziel einer solchen
Ausbildung,
Erachtens
junge
eines
AutorInnen
der
heran
grössten
zu
züchten,
Missverständnisse.
ist
meines
Von
den
Absolventen einer Musikhochschule erwartet ja auch keiner, dass
sie alle Solisten werden. Natürlich freut man sich, wenn’s beim
einen oder anderen klappt, aber niemand behauptet , dass es eine
Patentschmiede für AutorInnen geben kö nne. Es geht also nicht nur
um Literaturproduktion, sondern ebenso um das Erwerben von
Kenntnissen in den Bereichen des Lektorats, der Übersetzung, der
Vermittlung, der Kritik usw. Für mich stellt Kreatives Schreiben vor
allem eine Alternative zum klassisc htraditionellen Studium der
Literaturwissenschaften
dar;
es
ist
ein
berufsfeldbezogenes
Studienfach mit Schwerpunkt auf der Gegenwartsliteratur, das
einen auf eine literaturschaffende Tätigkeit in der Lehre, der
Literatur- oder der Medienindustrie vorbereitet. Bereiche, in denen
professionell geschulter Umgang mit Texten aller Art durchaus
nicht immer selbstverständlich ist.
Und wa rum ausgerechnet in Hildesheim?
Eine weitere Frage, die mir sehr oft gestellt wird. Bislang war
Hildesheim neben Leipzig der einzige Ort im deutschsprachigen
Raum, an dem ein Schreibstudium möglich ist .
Die
Praxis
des
Schreibens
Ausbildungsstätten
ebenso
wie
die
noch
wird
immer
Forschung
an
deutschsprachigen
weitgehend
im
Bereich
ausgeklammert,
der
Prozesse
und
Bedingungen der Textentstehung eher selten ist. Und das, obwohl
die Ursprünge des Creative Writing in den USA über hundert Jahre
zurück liegen, bereits 1930 45% aller amerikanischen Universitäten
einen Studiengang in Creative Writing anboten und es heute im
angloamerikanischen
Raum
längst
ein
fester
und
bewährter
Bestandteil des Lehrangebotes auf Hochschulebene ist. Es gibt
w ahrscheinlich viele Gründe, weshalb sich Schreibstudiengänge im
hiesigen Sprachraum so verzögert und nur langsam und schwer zu
behaupten vermögen, zwei möchte ich hier nennen und kurz
erläutern.
Da
wären zum einen die nachhaltigen Wirkungen der in der
Romantik
vorherrschenden
Genieästhetik.
Im
Verständnis
der
Romantik ist Inspiration etwas Unfreiwilliges, quasi Göttliches, das
über den Schreibenden kommt , dem er sich nicht entziehen kann,
das e r weder steuern, noch kontrollieren kann. Das romantische
Genie schöpft in der Isolation, ganz aus sich selbst heraus, es
braucht keine Rezipienten, was es schafft, genügt sich selbst und
geniesst nahezu sakralen Status.
Spuren dieses irrationalistischen Dichterkultes sind nach wie vor
weit verbreitet (neben dem Deutschen insbesondere auch im
Französischen Sprachraum)
und werden nicht zuletzt auch von
AutorInnen
selbst
wieder
Schreibens
und
Schreibstudiengänge
Entmystifizierung
immer
ihre
um
Person
zu
eigene
streben
des
Bewusstseinsentwicklung
benutzt,
im
den
Gegenteil
Schreibprozesses
für
den
Rezipienten
Akt
mystifizieren.
dazu
und
an.
des
Ja, es
eine
eine
gibt
Techniken, die man lernen, Fehler, die man vermeiden kann, Tipps,
die einem helfen können, auch wenn sich dadurch noch kein Roman
von selber schreibt .
Als einen weiteren Grund für Vorbehalte gegenüber dem Kreativen
Schreiben
möchte
ich
hier
seine
Einführung
deutschsprachigen Raum über die Bereiche
in
den
der Literaturdidaktik
und der Schreibtherapie nennen. Nach erstem sozial orientiertem
Einbringen in den Deutschunterricht in den 70er Jahren fand das
Kreative Schreiben in den 80er Jahren vermehrt Zuspruch auch
ausserhalb
der
Schulen,
es
entstand
die
sogenannte
„Schreibbewegung“. Im Vordergrund standen die politische und vor
allem auch die therapeutische Funktion des Schreibens, es ging
darum, sich selbst durch das Schreiben, Lesen und Besprechen von
Texten in einer Gruppe (neu) zu erfahren und seine Persönlichkeit
zu stärken.
Diese Konnotation ist der Terminus Kreatives Schreiben für viele
nie losgeworden. Sie stellen sich Gruppen vor, in denen tragische
Kindheitsgeschichten
vorgelesen
und
im
Anschluss
gemeinsam
beweint werden, Gruppen, in denen man sich umarmt und auf die
Schulter klopft und versichert, dass jeder wertvoll und kreativ ist.
Tatsächlich
bieten
Schreibstudiengänge
Gleichinteressierten
die
Möglichkeit, eine gemeinsame Terminologie zu entwickeln, um
Texte auf der ihnen eigenen Höhe prüfen und beurteilen zu
können.
Ab Herbst 2006 auch in Biel
Die Möglichkeit, einen versierten Umgang mit Texten zu erlernen,
wird es nun wohl bald auch in der Schweiz geben. Im Herbst 2006
w e rden aller Voraussicht nach fünfzehn Studierende als erster
Jahrgang des deutsch-französischen Bachelor-Studienganges
Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel
ihr Studium aufnehmen. Der Gesamtregierungsrat des Kantons
Bern bewilligte den neuen Bachelor- Studiengang bereits im
September 2005, im Moment wird er noch auf Bundesebene
geprüft.
Initiiert
wurde das
ursprüngliche
Projekt
zur
Gründung
eines
„Robert - Walser- Instituts“ in Biel vor vier Jahren vom Autor Guy
Krneta. Mit der Hochschule der Künste Bern als Lead, sowie der
zukünftigen
Hochschule
der
Künste
Zürich,
der
Universität
Lausanne und dem Verband der Autorinnen und Autoren der
Schweiz (AdS) fand en sich rasch Partner, die sich zur aktiven
Mitarbeit verpflichteten und aus deren Vertreterinnen und Vertreter
eine Steuerungsgruppe gebildet wurde. Die Anschubsfinanzierung
durch die Basler Gebert Rüf Stiftung im Herbst 2004 ermöglichte,
dass zwei Stellen zur Projektleitung ausgeschrieben werden und
mit Marie Caffari und Daniel Rothenbühler besetzt werden konnten.
Unter
ihrer
Leitung
konnte
das
Projekt
„Schweizerisches
Literaturinstitut“ im April 2005 mit der weiteren Unterstützung
durch ein Patronatskomitee prominenter Literaturschaffender aus
der Schweiz starten.
Seither wurde einerseits an der Feinplanung des Studiengangprofils
gearbeitet , andererseits viel dafür getan, dass Schreibschulen deren Für und W ider in den Deutschen Feuilletons schon vor Jahren
ausführlich besprochen worden sind - überhaupt erst ins öffentliche
Bewusstsein gelangten.
Von der Hildesheimer Ausbildung unterscheid e t s i c h der geplante
Bachelor-Studiengang Literarisches Schreiben vor allem in
Punkten.
Zum
einen
dadurch,
dass
er
an
eine
zwei
Hochschule
angegliedert ist und nicht an eine Universität und zum anderen
durch seine Zweisprachigkeit.
Die Frage danach, ob ein solcher Studiengang an eine Hochschule
oder an eine Universität gehört ist durchaus interessant und aus
meiner Sicht gar nicht eindeutig zu beantworten.
universitären
Studiums
scheint
mir
sein
Vorteil eines
Abschluss
zu
sein,
insbesondere dann, wenn – w ie ich es weiter oben für einen Anteil
der Studierenden als durchaus wahrscheinlich skizziert habe – es
im
Verlauf
des
Studiums
(noch)
zu
keiner
Veröffentlichung
gekommen
ist.
Andererseits
habe
ich
mir
im
Laufe
meines
Studiums oft gewünscht, weniger Pflichtleistungen in Nebenfächern
erbringen zu müssen und stattdessen mehr Zeit zum Schreiben zu
haben. Durch die Einführung des Bologna-Systems kommt es
meines Erachtens zu einer Angleichung der beiden Ausbildungen,
die Abschlüsse werden vereinheitlicht, den St udentInnen mehr
Mobilität ermöglicht.
Die Zweisprachigkeit ist es, die das Schweizerische Literaturinstitut
einzigartig macht. Neben der individuellen Schreibarbeit in der
Muttersprache
literarischen
sollen
Formen
Schreibens,
und
sowie
theoretische
der
Kontexte
Textvermittlung
und
des
der
Übersetzung in gemischtsprachigen Gruppen gelernt und reflektiert
werden. Sich im Übersetzen zu üben, erweitert nicht nur die
möglichen Tätigkeitsbereiche nach Studiumsabschluss, es kann
auch oft sehr bereichernd sein in Bezug auf das eigene Schreiben
in
der
Muttersprache.
Pilotkurs
hat
gezeigt,
Ein
dass
im
September
in
dieser
2005
Hinsicht
veranstalteter
viel
Potenzial
vorhanden ist, an dessen Ausschöpfung alle rdings noch gearbeitet
werden muss. Sollte sich das zweisprachige Modell bewähren,
bedeutete
das
voneinander
eine
Annäherung
der
funktionierenden
doch
sehr
unabhängig
Literaturkreise
der
deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz. Und es
würde mit Sicherheit über die Landesgrenze hinaus Auswirkungen
auf den weiteren frankophonen Raum haben.
Vielleicht könnte dadurch auch dort langsam ein Bewusstsein dafür
entstehen, dass Literaturinstitute niemanden angreifen, sondern
nur denjenigen, die es wünschen, die Möglichkeit bieten sollen,
sich intensiv mit dem auseinanderzusetzen zu können, wofür sie
sich am meisten interessieren: Literatur.
Bern – Hildesheim April 2006
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