close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

(Text von Guy André Mayor) PDF - visarte-zentralschweiz

EinbettenHerunterladen
Einblicke. Was heisst sammeln?
Sammlungen von Gönnermitgliedern der visarte Zentralschweiz
(...) Bilder, habe ich kürzlich in der Zeitung gelesen, seien Schüsse ins Gehirn. Und weiter: Werbung
müsse sich durch Schreien bemerkbar machen. Der das sagt, ist offenbar ein Werbe-, kein
Kunstpapst. Und doch sind seine gewalttätigen Sätze für uns hier nicht unerheblich. (...)
Lassen Sie mich zunächst das befrachtete Grosswort ›Sammlung‹ zurückstufen. Es weckt – selbst als
unumgängliches Verlegenheitswort wie in unserem Fall – allemal Assoziationen, die nicht nur
unzutreffend, sondern geradezu unerwünscht sind. Wir sind, um dies vorwegzunehmen, keine
Minimäzene oder Liliput-Thyssens: dazu fehlen uns Mittel und Mentalität. Kunstwerke sind für uns keine
buntverzierten Wertpapiere, die man gewinnbringend an der Börse verhökern kann, keine
Renommierstücke zur Dekoration unseres lädierten Ichs und keine feierlich bestaunten Kultobjekte
höherer Ordnung. Wir leben mit ihnen, sie gehören zu uns – oder wir zu ihnen – und sie fehlen uns,
wenn sie nicht da sind.
Im Gegensatz zur Alltäglichkeit dieses Umstands ist ›Sammlung‹ – wie die Begriffe ›Kunst‹ und
›Künstler‹ – von einer Aura des Kostbaren umgeben, die Berührungs- und Schwellenängste erzeugt.
Schon das blosse Wort ›Kunst‹, im lässigen Ton des Eingeweihten und Kenners gesprochen,
erschwert vielen Menschen die Offenheit für das Fremde, das sie anbietet, und die persönliche
Begegnung mit denen, die sie machen. Künstlerinnen und Künstler werden so oft genug in eine
Aussenseiterrolle gedrängt und im Elfenbeinturm ghettoisiert.
Beiden Seiten bekommt diese Situation, die keineswegs so alt wie die Menschheit ist, schlecht: Das
Publikum, das man häufig in einem merkwürdigen Doppelsinn das grosse nennt, traut sich, vor lauter
Angst, hilflos Unverständlichem gegenüber zu stehen, nicht in die Galerien und Museen
zeitgenössischer Kunst und deckt, sofern es diesen Geschmack hat, seinen Bilderbedarf mit Kopien
von Altem – oder eben mit millionenfach verbreitetem Kitsch. Und die Künstler? Sie ziehen sich
entweder die gesellschaftlich verordnete Narrenkappe übers Gesicht, gebärden sich, wie es die Sitte
verlangt, anstrengend genialisch – oder vereinsamen zusehends, kämpfen ob so wenig ›Erfolg‹ (denn
woran sollen sie ihn messen, wenn nicht am Verkauf?) mit Bitterkeit und Resignation.
Natürlich vereinfache ich um der Deutlichkeit willen ein wenig. Aber ich meine, es wäre für alle von
Vorteil, den lächerlichen Geniekult des 18. Jahrhunderts, den immer noch alle – die Schule, die
Massenmedien, die feinen Kunstzeitschriften – hätscheln, endlich als lästig und hinderlich beiseite zu
legen. Die ausgesprochene Feindseligkeit vieler Zeitgenossen gegenüber der – abwertend gemeint –
›modernen‹ Kunst ist lediglich ein Reflex ihrer anerzogenen Vorstellung von Kunst und Künstler, und
damit ihrer Sorge, nicht zu verstehen oder veräppelt zu werden.
Nur wo der unbelastete menschliche Austausch zwischen Künstlern und Nichtkünstlern möglich, der
Paria-Nimbus des ungebundenen Schöpfertums und die Gloriole der Kunstgläubigkeit zerstört sind, kann
Kun st als das a llen Z usteh en de ihre heilsame und notwendige Rolle übernehmen: irritierende
Darstellung von Denk- und Sehweisen zu sein, die sich meiner eigenen Welt entgegenstellen, sie
ergänzen und erweitern.
Wo, wenn nicht im vertrauten Lebensraum, wäre dies am ehesten möglich?
Dass dies durchaus keine Utopie ist, kann ich beweisen: Ich kenne eine ganze Anzahl Menschen ohne
besondere Vorkenntnisse und Beziehung zur bildenden Kunst, die über die Bekanntschaft mit einem
Künstler oder einer Künstlerin Zugang zu zeitgenössischem Kunstschaffen gefunden haben. Sie gehen
– mit vom Vergleichen geschärftem Blick, mit wachsender Sachkenntnis und Begeisterung – in
Galerien und Ausstellungen, und es hat sich ihnen ganz selbstverständlich das Bedürfnis ergeben,
Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus ihrer nächsten Umgebung und darüber hinaus immer
um sich haben zu wollen. Um zeitgenössische Kunstwerke zu erwerben, haben diese Menschen
bemerkt, braucht man beileibe kein Krösus oder Schokoladenfabrikant zu sein: Es genügt, Prioritäten
zu setzen. Und hinzusehen.
Nun hat freilich alles Sehen, wofern es ein bewusstes Sehenwollen ist, etwas Voyeuristisches,
Indiskretes, wird, je länger man hinsieht, zur Teilhabe am Andern, gerät, ob man will oder nicht, zum
Versuch, das Geheimnis des Fremden zu ergründen, um es dem eigenen einzuverleiben. Sehen ist, in
Fortführung dieser Metapher, ein Essen von Bildern.
Wenn Sie nun diese allgemeine Feststellung auf Bilder übertragen, die man erwerben kann, ergibt sich
– nach der französischen Einsicht, dass die Esslust beim Essen entsteht – das Bildersammeln von
selbst. Dafür braucht man, wenn einmal der Anfang gemacht ist, gewiss nicht zu werben.
Lassen Sie mich deshalb (...) zusammenfassend und abschliessend plädieren:
∗ für den persönlichen Kontakt, hier, in Ihrer nahen Umgebung, zwischen Künstlern und
Nichtkünstlern; zum Beispiel dadurch, dass Sie der vis arte als Gönnermitglied beitreten, die
Künstlerinnen und Künstler aus der Innerschweiz nicht nur durch Ihr Scherflein unterstützen,
sondern diese an den vis arte-Veranstaltungen auch menschlich kennen- und schätzenlernen;
∗ für Originale statt Kopien und modische Posters; für die echten Eigenheers, Wydlers, Hofmanns,
Bossards, Stöcklis, Ineichens, Widmers undsoweiter gegen die tausendfach reproduzierten Dalís
und Hundertwasser;
∗ für eine Kunst, die man kaufen kann, statt für eine, die man haben sollte, um bei den Leuten zu
sein.
Bilder sind nicht Schüsse ins Gehirn. Bilder von Künstlern sind nicht darauf aus, Verstand und
Empfindung, Eigenständigkeit und Einbildungskraft des Betrachtenden zu lähmen, oder, in der WerbeKriegersprache gesagt, ausser Gefecht zu setzen. Im Gegenteil. Bilder sind Rätsel, die ich mir an die
Wand hänge und an denen ich mich täglich freue, grade weil ich sie nie zu lösen vermag.
Mayor
Einführung zur GSMBA-Ausstellung ›Einblicke. Bilder und Plastiken aus den Sammlungen von Alice und HansUeli Bächi, Georg Eckert, Christine und Walter Graf, Guy André Mayor, Marie-Theres und Urs Sibler‹ in der
Kornschütte Luzern, am 19.9.1987. GSMBA ist im Text durch vis arte ersetzt, Passivmitglieder durch
Gönnermitglieder. Auslassungen sind durch (...) markiert.
Document
Kategorie
Kunst und Fotos
Seitenansichten
10
Dateigröße
44 KB
Tags
1/--Seiten
melden