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Biologische Vielfalt mit der Landwirtschaft – Was muss die

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Biologische Vielfalt mit der Landwirtschaft – Was muss die Gemeinsame
Europäische Agrarpolitik (GAP) ab 2014 dafür tun und welche Rolle
spielen „Ökologische Vorrangflächen“?
Diskussionspapier der TeilnehmerInnen des Workshops „GAP ab 2014 – mehr
Biodiversität im Ackerbau?“, abgehalten vom 02.-05.Mai 2012 an der Internationalen
Naturschutzakademie Insel Vilm.
Biologische Vielfalt braucht Lebensraum
Agrarlandschaften sind wichtige Lebensräume einer besonderen Biologischen Vielfalt.
Kornblume, Perlmutterfalter, Rotmilan, Rebhuhn oder Feldhamster brauchen geeignete
Lebensräume im Acker, um (über)leben zu können. Kernaufgabe der Landwirtschaft war
und ist es, Nahrungsmittel, Futter, Rohstoffe und zunehmend auch Energiepflanzen in
ausreichender Menge und guter Qualität zu erzeugen. Wegen der stetigen
Weiterentwicklung und Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion hat sich die
Lebensraumeignung von Agrarflächen für die dort beheimateten, wildlebenden Pflanzenund Tierarten drastisch verringert. Die Biologische Vielfalt der Agrarlandschaften ist
stark gefährdet; einzelne Arten sind bereits regional ausgestorben.
Wir stehen vor der Herausforderung, den Schutz und die Entwicklung der Biologischen
Vielfalt auch unter den Bedingungen einer leistungsfähigen europäischen Landwirtschaft
zu ermöglichen.
Die GAP – eine Politik nicht nur für Nahrungsmittelproduktion
Die gesellschaftlichen Erwartungen an die Agrarpolitik haben sich gewandelt. Neben
einer rentablen Erzeugung von Agrarprodukten spielen auch die nachhaltige
Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen, die Erhaltung der Biologischen Vielfalt und der
Klimaschutz eine wichtige Rolle.
Die aktuelle Reform der europäischen Agrarpolitik ab 2014 hat diese Ziele im Blick und
fordert verstärkte Anstrengungen, um Maßnahmen zum Schutz und zur Entwicklung der
Biologischen Vielfalt weitergehend als bisher in die GAP zu integrieren. Bisherige
Bemühungen über freiwillige, honorierte Agrarumweltmaßnahmen und andere
Instrumente zeigen vereinzelt positive Effekte für die biologische Vielfalt in den
Ackergebieten, sind aber in der Fläche de facto nicht wirksam. Daher sollten auch
verpflichtende Elemente in angemessener Weise zur Anwendung kommen.
Ökologische Vorrangflächen als Chance
Das von der EU-Kommission vorgeschlagene Greening in der ersten Säule der GAP und
insbesondere die Pflicht zur Bereitstellung von ökologischen Vorrangflächen (öVF) sind
1
ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Ökologische Vorrangflächen nehmen nur wenig
produktive Ackerfläche ein, besitzen aber ein besonderes Potenzial für den Schutz der
Biologischen Vielfalt. Das Vorhandensein dieser Flächen auf dem Ackerland bietet somit
die einmalige Chance: Eine flächendeckende Grundsicherung der charakteristischen
Biologischen Vielfalt der Agrarräume unter gleichzeitiger Wahrung der
Produktionsinteressen der Landwirtschaft.
Wie sollten ökologische Vorrangflächen ausgestaltet sein?
•
Umfang, Ausgestaltung und Umsetzung entscheiden über den Erfolg der
ökologischen Vorrangflächen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist ein Mindestanteil
von 10 % ökologisch hochwertiger Vorrangflächen an Ackerland sowie
Dauerkulturfläche notwendig. Der aktuell vorgesehene Anteil von 7% öVF stellt
bereits einen Kompromissvorschlag der EU-Kommission dar und darf deshalb nicht
unterschritten werden. Mit diesem, vergleichsweise geringen Flächenanteil einen
maximalen ökologischen Effekt zu erzielen, muss das Anliegen der aktuellen GAP
sein. Dafür ist eine besondere Qualität der Flächen erforderlich.
•
Nicht jede (extensive) Flächennutzung ist eine ökologische Vorrangfläche.
Ökologische Vorrangflächen sollen primär zur Erhaltung und Entwicklung der
Biodiversität
beitragen.
Flächentypen
ohne
Durchführung
wirksamer
Schutzmaßnahmen für wildlebende Pflanzen und Tiere, wie z.B.
Wasserschutzgebiete
oder
auch
Flächen,
die
ohne
konkrete
Naturschutzbewirtschaftung „maßnahmefrei“ in NATURA2000-Gebieten liegen,
dürfen nicht pauschal als ökologische Vorrangflächen anerkannt werden.
Hinsichtlich seiner Eignung als ökologische Vorrangflächen bedarf auch der
„normale“ Leguminosenanbau einer kritischen Prüfung und Bewertung.
•
Ökologische
Vorrangflächen
brauchen
Mindeststandards
für
die
Bewirtschaftung. Dünge- und Pflanzenschutzmittel gehören nicht auf
Vorrangflächen. Ferner bedarf es eines Ausschlusszeitraumes für die
Bewirtschaftung und ggf. Regeln zur Beerntung von Teilflächen. Auch sollten
Stoppeln und ein Teil des Pflanzenbestandes im Winter als Rückzugsräume erhalten
bleiben.
•
Ökologische Vorrangflächen müssen vielfältig sein. Die Vielfalt an
Lebensraumansprüchen der charakteristischen Arten der Agrarlandschaften
erfordert möglichst vielfältige Ausprägungen ökologischer Vorrangflächen.
Homogene Ackerstilllegungen, meist mit einheitlicher Grasansaat, haben im
Vergleich zum normalen Acker nur einen sehr geringen Mehrwert für die
Biodiversität.
Demgegenüber
ist
der
naturverträgliche
Anbau
von
„Extensivkulturen“ als ein Typ der Vorrangflächen sinnvoll. Ideal ist eine
Mischung aus naturschutzgerecht bewirtschafteten Ackerstilllegungen, Säumen im
2
Feldinneren sowie entlang bestehender Strukturelemente (z.B. Hecken, Gewässer)
und extensiv genutzten Kulturen.
•
Ökologische Vorrangflächen in allen Naturräumen und auf jedem Betrieb.
Auch in landwirtschaftlichen Gunstlagen gibt es eine charakteristische biologische
Vielfalt (z.B. Feldhamster, Rotmilan, Kammmolch) deren Sicherung und
Entwicklung entsprechender Schutzmaßnahmen bedarf. Deshalb, und um den
Biotopverbund zu unterstützen, müssen ökologische Vorrangflächen in jedem
landwirtschaftlichen Betrieb vorhanden sein. Flächenauswahl und NaturschutzBewirtschaftung sollten dabei unbedingt auch die Vorgaben und Ziele der
Landschaftsplanung
berücksichtigen
sowie
nach
naturschutzfachlichen
Gesichtpunkten erfolgen.
•
Ökologische Vorrangflächen brauchen Mitwirkung der Landwirte. Landnutzer
bewirtschaften und gestalten die ökologischen Vorrangflächen und bestimmen
deren Qualität. Trotz Verpflichtung im Greening sollten sie motiviert werden, ihre
ökologischen Vorrangflächen aktiv und möglichst wirksam zum Schutz der
Biologischen Vielfalt auszugestalten. Zwei grundsätzliche Konzepte gibt es: a)
Flächenbereitstellung als Pflichtkomponente in der 1. Säule und Honorierung der
Naturschutzbewirtschaftung als Top-up-Prämie über mehrjährige Agrarumweltmaßnahmen aus der 2. Säule oder b) ausschließliche Finanzierung jeweils
einjähriger Maßnahmen aus der Greening-Komponente der 1. Säule.
•
Fachliche Unterstützung für Landwirte. Beratung und Begleitung der Landwirte
bei der Anlage und Aufwertung der ökologischen Vorrangflächen sind von zentraler
Bedeutung
für
hohe
Naturschutzleistungen.
Dafür
sind
geeignete
Beratungsstrukturen und Instrumente zu etablieren bzw. vorhandene weiter zu
entwickeln. Die deutschen Bundesländer sind aufgefordert, bereits jetzt
entsprechende Ausbildungsprogramme für Naturschutzberater zu organisieren
sowie deren Zertifizierung zu ermöglichen.
•
Vertretbare Verwaltung und Kontrolle. Um eine naturschutzfachlich sinnvolle
Umsetzung der ökologischen Vorrangflächen nicht „im Keim zu ersticken“, müssen
die Anforderungen an Verwaltung und Kontrolle flexibler und großzügiger
ausgestaltet werden. Dies betrifft vor allem die Genauigkeit/Erforderlichkeit von
Flächenabgrenzungen/-vermessungen, Vorgaben für die Agrarantragstellung,
Größenfestlegungen und weitere Prüfkriterien, wie zum Beispiel die Kontrolle der
Durchführung der Flächenbewirtschaftung. Pilotprojekte sind notwendig, die
analysieren, welche Chancen und Risiken bei einem Mehr an Flexibilität bei der
Durchführung freiwilliger, honorierter Naturschutzmaßnahmen bestehen.
•
Ökologische Vorrangflächen und Cross Compliance. Die Anforderungen an den
Guten Landwirtschaftlichen und Ökologischen Zustand (GLOEZ) dürfen die
naturschutzgerechte Ausgestaltung der ökologischen Vorrangflächen nicht
3
behindern. Verhindert werden muss auch, dass Grünlandflächen noch vor 2014
umgebrochen und anschließend als ökologische Vorrangflächen auf Ackerland
genutzt werden.
Schlussbemerkungen
Die Bemühungen für das Greening der GAP gehen aus Sicht des Schutzes der
Biologischen Vielfalt in die richtige Richtung. Sie werden aber nur dann erfolgreich sein,
wenn es gelingt, ökologische Vorrangflächen zu leistungsfähigen Lebensräumen für die
wildlebenden Pflanzen- und Tierarten der Agrarräume zu entwickeln. Werden diese
Flächen lediglich zu einem Label in der agrarumweltpolitischen Diskussion, ohne dass sie
substanzielle Leistung für die Biodiversität erbringen, schaden sie dem Anliegen der
Europäischen Agrar- und Umweltpolitik. Letztlich ist dann eine Verschärfung der
Konflikte zwischen Landwirtschaft und Naturschutz zu erwarten. Auch ist dann die
Glaubwürdigkeit der europäischen Agrarpolitik insgesamt in Frage zu stellen.
Redaktionsgruppe: Dr. Gert Berger (ZALF Müncheberg), Nadja Kasperczyk (ifls
Frankfurt/Main), Dr. Rainer Oppermann (IFAB Mannheim), Bernhard Osterburg (vTI
Braunschweig)
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