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RADETZKYMARSCH und DIE REBELLION
von Joseph Roth
Liebe PädagogInnen,
Liebe Eltern,
Wir freuen uns, Sie auch in dieser Spielzeit im Landestheater Niederösterreich begrüßen zu
dürfen!
Unsere Eröffnungspremiere RADETZKYMARSCH und DIE REBELLION von Joseph Roth
zeigt, programmatisch, was uns die nächste Saison beschäftigen wird: Der Ausbruch des 1.
Weltkriegs jährt sich 2014 zu hundertsten Mal. Kein Grund zum Feiern, aber eine Möglichkeit
zur Reflexion, zum Innehalten, zum Erforschen.
Mit dem RADETZKYMARSCH hat sich Joseph Roth ins kollektive Gedächtnis Österreichs
eingeschrieben. Der Untergang der Monarchie wird anhand dreier Generationen der Familie
Trotta exemplarisch vor Augen geführt. Philipp Hauß, Regisseur der für den Nestroypreis
nominierten Produktion MAMMA MEDEA, dramatisiert diesen großen Stoff und verzahnt ihn
mit dem Roman DIE REBELLION von Joseph Roth, der das Schicksal eines
Kriegsheimkehrers beschreibt.
Anbei finden Sie Hintergrundinformationen, Ideen zur Vor- und Nachbearbeitung und
Impulstexte, die Sie dem Alter und Wissensstand Ihrer Klasse anpassen können. Sollten Sie
eine umfassende und persönliche Vor- und Nachbereitung wünschen, komme ich gerne zu
Ihnen in die Schule. In Verbindung mit der Buchung einer Vorstellung ist dieses Angebot
kostenlos.
Für weitere Fragen oder Anregungen, stehe ich Ihnen jederzeit telefonisch unter
02742 908060 694 oder per Mail nehle.dick@landestheater.net zur Verfügung.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Schülern spannende Stunden im Landestheater
Niederösterreich!
Mit freundlichen Grüßen
Nehle Dick
Theatervermittlung Landestheater Niederösterreich
2
INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS ....................................................................................................... 3
JOSEPH ROTH ..................................................................................................................... 4
RADETZKYMARSCH ............................................................................................................ 6
DIE REBELLION ..................................................................................................................12
JOSEPH ROTH ÜBER DIE MONARCHIE............................................................................14
DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ ...................................................................................15
SPIELFASSUNG UND INSZENIERUNG.............................................................................17
BESETZUNG .......................................................................................................................20
DAS TEAM ...........................................................................................................................21
IMPULSTEXT 1 ....................................................................................................................23
IMPULSTEXT 2 ....................................................................................................................25
IMPULSTEXT 3 ....................................................................................................................26
IMPULSTEXT 4 ....................................................................................................................27
IMPULSTEXT 5 ....................................................................................................................28
3
JOSEPH ROTH
Moses Joseph Roth wird als Kind jüdischer Eltern am 2. September 1894 in Brody, einer
galizische Stadt geboren.
„Meine Mutter war eine Jüdin von kräftiger, erdnaher, slawischer Struktur, sie sang oft
ukrainische Lieder, denn sie war sehr unglücklich … Sie hatte kein Geld und keinen Mann.
Denn mein Vater starb, als ich sechzehn war, im Wahnsinn. Seine Spezialität war die
Melancholie, die ich von ihm geerbt habe …“
Seine Herkunft und frühen Jahre sollten Roths Werke stark prägen und schließlich auch der
Auslöser für sein ständiges Gefühl der Heimatlosigkeit sein. Eben dieses Gefühl war
vermutlich auch Anlass zum Germanistikstudium in Wien, wo 1915 auch seine erste
Veröffentlichung – das Gedicht Welträtsel – erschien. Während des Ersten Weltkriegs rückt
er zum 21. Feldjäger-Bataillon ein und verfasst weiterhin Gedichte für Wiener und Prager
Blättern. 1923 veröffentlicht er sein erstes Feuilleton in der Frankfurter Zeitung und wird
schließlich auch Feuilletonkorrespondent in Paris.
1924 veröffentlicht er Hotel Savoy und beginnt sofort an einem neuen Roman, Die Rebellion,
zu arbeiten, der als Fortsetzungsgeschichte im Hausblatt der deutschen Sozialdemokraten
abgedruckt wird. In Die Rebellion entlarvt Roth eine Gesellschaft, in der die „Welt so
eingerichtet ist, dass jeder nur das genießen darf, was er bezahlen kann.“
1930 wird Hiob. Roman eines einfachen Mannes. veröffentlicht. Wie nie zuvor in einem
seiner Werke lässt Roth hier seine jüdische Herkunft einfließen. Der Roman wird sein bis
4
dahin größter Erfolg, die Filmrechte werden nach Hollywood verkauft und Marlene Dietrich
bezeichnet ihn als ihr Lieblingsbuch.
In weiterer Folge sind es Roths Kriegserfahrungen und der daraus resultierende
Zusammenbruch der Doppelmonarchie, die für sein Werk entscheidend sind. „Mein stärkstes
Erlebnis war der Krieg und der Untergang meines Vaterlandes, des einzigen, das ich je
besessen: der österreichisch-ungarischen Monarchie.“ Jener Verfall des europäischen
Reiches thematisiert er später in seinem Roman Radetzkymarsch, dessen Titel nicht er,
sonder sein Verleger Gustav Kiepenheuer erfand. Die Fülle des Stoffes macht ihm zu
schaffen. „Ich bin zu schwach und kann ihn nicht bändigen.“ Zudem musste er die
Niederschrift noch beenden, während der Vorabdruck in der Frankfurter Zeitung bereits lief.
Im Jänner 1933 verlässt Joseph Roth ein Deutschland indem sich ein immer größer
werdendes Anschwellen von antisemitischen und nationalsozialistischen Bewegungen
bemerkbar macht. Im Exil entsteht unter anderem sein Werk Die Kapuzinergruft, das die
Geschichte eines weiteren Trotta-Familienmitglieds erzählt.
Am 27. Mai 1939 verstirbt Joseph Roth – alkoholkrank und verarmt – nachdem er einen
Zusammenbruch erlitt, als er die Nachricht vom Selbstmord Ernst Tollers erhielt. „Es war in
Joseph Roth ein russischer Mensch – ich möchte fast sagen, ein Karamasowscher Mensch,
ein Mann der große Leidenschaften, ein Mann, der in allem das Äußerste versuchte; eine
russische Inbrunst des Gefühls erfüllte ihn, eine tiefe Frömmigkeit, aber verhängnisvoller
Weise auch jener russische Trieb zur Selbstzerstörung.“ (Stefan Zweig)
Quelle: Dramaturgie Landestheater Niederösterreich
5
RADETZKYMARSCH
Inhalt
Am 24. Juni 1859 kämpfen die Österreicher bei Solferino südlich des Gardasees gegen
Piemontesen und Franzosen. In einer Kampfpause hebt der achtundzwanzigjährige Kaiser
Franz Joseph I. einen Feldstecher, um sich umzusehen.
…wer einen Feldstecher hob, gab zu erkennen, dass er ein Ziel sei, würdig getroffen zu
werden. …
Ein junger Infanterieleutnant reißt den Kaiser zu Boden, und wird im nächsten Augenblick
von der dem Kaiser zugedachten Kugel in die linke Schulter getroffen. Dafür, dass der aus
dem Dorf Sipolje stammende slowenische Offizier ihm das Leben gerettet hat, befördert
Kaiser Franz Joseph ihn zum Hauptmann, verleiht ihm den Maria-Theresien-Orden und
erhebt ihn in den Adelsstand: Joseph Trotta von Sipolje darf dieser sich jetzt nennen.
Joseph Trottas Großvater war ein kleiner Bauer. Sein Vater verlor als
Gendarmeriewachtmeister im Kampf gegen bosnische Schmuggler ein Auge und schneidet
jetzt als Militärinvalide die Hecken im Park des Schlosses Laxenburg. Der Adel vergrößert
die Distanz zwischen Vater und Sohn.
Joseph Trotta von Sipolje heiratet die nicht mehr ganz junge, begüterte Nichte eines
Obersten und zeugt mit ihr einen Sohn, der auf den Namen Franz getauft wird.
Im Lesebuch seines inzwischen fünf Jahre alten Sohnes entdeckt Trotta ein Stück mit dem
Titel „Kaiser Franz Joseph I. in der Schlacht bei Solferino“. Neugierig liest er es – und
beschwert sich wütend beim Kultus- und Unterrichtsministerium in Wien, denn das
historische Ereignis ist völlig falsch dargestellt. Obwohl Trotta nicht bei der Kavallerie,
sondern bei der Infanterie war, heißt es da, er sei dem im Eifer des Gefechts zu weit
vorgedrungenen Kaiser zu Hilfe geeilt und habe mit ihm zusammen heldenhaft die
feindlichen Reiter zurückgeschlagen. Als die Beamten sich auf den Hinweis beschränken,
dass man die Lesebuch-Texte kindgerecht aufbereiten müsse, ersucht Trotta auf dem
Dienstweg um eine Audienz bei Kaiser Franz Joseph I. Der rät ihm, die Angelegenheit auf
sich beruhen zu lassen.
Aber schlecht kommen wir beide dabei nicht weg! Lassen S' die Geschicht'!
Trotta reicht jedoch seinen Abschied bei der Armee ein. Durch die Gunst des Kaisers wird er
als Major entlassen, in den Freiherrnstand erhoben und erhält für seinen Sohn ein
Stipendium. Joseph Trotta Freiherr von Sipolje zieht sich auf das kleine Gut seines
Schwiegervaters in Böhmen zurück.
Bald darauf sterben innerhalb kurzer Zeit sein Vater, sein Schwiegervater und schließlich
seine Frau. Trotta schickt seinen Sohn auf ein Pensionat in Wien und verfügt, dass Franz
niemals aktiver Soldat werden dürfe.
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Als Franz sechzehn ist, bringt er in den Ferien einen Freund mit, den gleichaltrigen Maler
Moser. Der malt ein Porträt des Freiherrn.
Baron Franz von Trotta und Sipolje studiert Jura, wird Bezirkskommissär in Schlesien und
bringt es in der Stadt W. in Mähren zum Bezirkshauptmann. Zu diesem Zeitpunkt ist sein
Vater bereits gestorben. Den Diener Jacques und die Hausdame Fräulein Hirschwitz hat der
Bezirkshauptmann übernommen. Baron Franz von Trotta und Sipolje fühlt sich durch und
durch als pflichtbewusster Beamter des Kaisers und benimmt sich entsprechend diszipliniert.
Manchmal schwenkte der Bezirkshauptmann ein bisschen den Stock, es war die Andeutung
eines Übermuts…
Jeden Sonntag gibt es Tafelspitz, und am Nachmittag macht der Kapellmeister Nechwal, der
sonntags immer den Radetzkymarsch von Johann Strauß Vater dirigiert, dem
Bezirkshauptmann seine Aufwartung.
Carl Joseph, der Sohn des Bezirkshauptmanns, der seinen Großvater nur von dem an einer
Wand hängenden Porträt her kennt, wird eines Tages von Katharina ("Kathi") Luise Slama,
der Ehefrau des Wachtmeisters Slama, verführt. Fast jeden Nachmittag schleicht der
Jugendliche sich von da an zu seiner Geliebten.
Nach dem Schulabschluss wird Carl Joseph Leutnant bei den Ulanen und präsentiert sich in
voller Paradeuniform seinem Vater.
Der Bezirkshauptmann saß in seinem Arbeitszimmer. „Mach dir's bequem!“, sagte er. Er
legte den Zwicker ab, zog die Augenlider zusammen, erhob sich, musterte seinen Sohn und
fand alles in Ordnung. Er umarmte Carl Joseph, sie küssten sich flüchtig auf die Wangen.
„Nimm Platz!“, sagte der Bezirkshauptmann und drückte den Leutnant in einen Sessel. Er
selbst ging auf und ab durchs Zimmer. Er überlegte einen passenden Anfang. Ein Tadel war
diesmal nicht anzubringen, mit einem Ausdruck der Zufriedenheit konnte man nicht
beginnen.
Als Katharina Slama stirbt, gehört es sich, dass auch der Sohn des Bezirkshauptmanns dem
Witwer einen Kondolenzbesuch abstattet. Beide Männer versuchen ihre Verlegenheit zu
überspielen. Der Wachtmeister bittet den Baron in den Salon und bewirtet ihn mit
Himbeerwasser. Als der Leutnant bereits wieder am Gartentor ist, reicht der Wachtmeister
ihm ein Päckchen mit den Briefen, die Carl Joseph seiner Geliebten geschrieben hatte.
Das Leben der Offiziere spielt sich zwischen dem Exerzierplatz und dem Kasino ab.
Zwischendurch besuchen sie das Bordell der Resi Horwath, die den Radetzkymarsch auf
dem Klavier klimpern lässt, sobald die Herren auftauchen.
Carl Joseph befreundet sich mit dem Regimentsarzt Max Demant. Dessen Großvater war ein
jüdischer Schankwirt in Galizien. Sein Vater brachte es nach zwölfjähriger Dienstzeit bei der
Landwehr zum mittleren Beamten im Postamt eines Grenzstädtchens. Demant weiß, dass er
von seiner Ehefrau Eva fortwährend betrogen wird, aber er liebt sie.
7
Eines Abends, als Trotta zu einem Rendezvous geht, begegnet er vor dem Theater Eva
Demant. Da sie allein ist, hält er es für seine Kavalierspflicht, sie nach Hause zu begleiten.
Sie kommen am Kasino vorbei und werden dort von Offizieren gesehen. Daraufhin ärgert
Rittmeister Graf Tattenbach den Regimentsarzt mit anzüglichen Bemerkungen. Die Ehre
verlangt es schließlich, dass sie sich duellieren. Bei dem Duell im Morgengrauen – einem
gleichzeitigen Schusswechsel aus zehn Schritt Entfernung – werden beide Kontrahenten
tödlich getroffen.
Demant hinterlässt Trotta seinen Säbel und seine Taschenuhr. Obwohl zwischen Trotta und
der Frau seines Freundes nichts vorfiel, macht der Leutnant sich Vorwürfe, weil er so
unvorsichtig war, mit ihr am Kasino vorbeizugehen. Er lässt sich zu einem zwei Meilen von
der russischen Grenze entfernten Jägerbataillon versetzen. Als er sich vor seiner Abreise
höflich von Eva Demant verabschiedet, trifft er mit ihrem Vater zusammen. Herr
Knopfmacher, dessen Aufgabe es nun ist, seine Tochter neu zu vermählen, hält nichts von
Duellen:
Es ist etwas nicht mehr Zeitgemäßes, entschuldigen Sie schon, an diesem Ehrenkodex! Wir
sind immerhin im zwanzigsten Jahrhundert, bedenken Sie! Wir haben das Grammophon,
man telefoniert über hundert Meilen, und Blériot und andere fliegen sogar schon in der Luft!
Und, ich weiß nicht, ob Sie auch Zeitung lesen und in der Politik beschlagen sind: man hört
so, dass die Konstitution gründlich geändert wird. Seit dem allgemeinen, gleichen und
geheimen Wahlrecht ist allerlei vorgegangen, bei uns und in der Welt.
In der Nähe des Jägerbataillons ist auch noch ein Dragonerregiment stationiert, und in den
Wäldern entlang der Grenze reiten die Sotnias der Grenzkosaken. Die Offiziere treffen sich
montags und donnerstags bei dem vierzigjährigen Grafen Wojciech Chojnicki zu einem
„kleinen Abend“, und einmal im Monat veranstaltet der Aristokrat ein größeres Fest –
allerdings nur im Sommer, denn die Wintermonate verbringt Chojnicki an der Riviera.
Seit Jahren war er Reichsrats-Abgeordneter, regelmäßig wiedergewählt von seinem Bezirk,
alle Gegenkandidaten schlagend mit Geld, Gewalt und Überrumpelung, Günstling der
Regierung und Verächter der parlamentarischen Körperschaft, der er angehörte. Er hatte nie
eine Rede gehalten und nie einen Zwischenruf getan. Ungläubig, spöttisch, furchtlos und
ohne Bedenken pflegte Chojnicki zu sagen, der Kaiser sei ein gedankenloser Greis, die
Regierung eine Bande von Trotteln, der Reichsrat eine Versammlung gutgläubiger und
pathetischer Idioten, die staatlichen Behörden bestechlich, feige und faul.
Statt „Seine Majestät“ sagt Chojnicki einfach „Franz Joseph“, wenn er vom Kaiser spricht.
Der Graf befürchtet, dass das Habsburger Reich „in hundert Stücke“ zerfällt, sobald Franz
Joseph I. tot ist:
Der Balkan wird mächtiger sein als wir. Alle Völker werden ihre dreckigen kleinen Staaten
errichten, und sogar die Juden werden einen König in Palästina ausrufen. In Wien stinkt
schon der Schweiß der Demokraten.
Als Baron Franz von Trotta und Sipolje einmal seinen Sohn in der Garnisonsstadt besucht
und Graf Chojnicki reden hört, meint er verwirrt: Wie sollte die Monarchie nicht mehr da
sein?
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Einige Zeit später stirbt Jacques, der inzwischen zweiundachtzig Jahre alte Diener des
Bezirkshauptmanns, der erst jetzt erfährt, dass der Bedienstete, den er von seinem Vater
übernommen hatte, gar nicht Jacques hieß, sondern Franz Xaver Joseph Kromichl. Baron
Franz von Trotta und Sipolje sucht nach Ersatz, aber damit tut er sich schwer.
In der Garnison bürgt Leutnant Trotta für Darlehen, die Hauptmann Wagner immer wieder
bei einem Mann namens Kapturak aufnimmt, und zwar in der Hoffnung, das beim Spiel
verlorene Geld durch neue Einsätze zurückgewinnen zu können.
Um Trotta wenigstens vorübergehend von Wagner wegzukriegen, ersucht ihn Graf Chojnicki,
seine Freundin Valerie ("Wally") von Taußig, die Witwe eines verstorbenen Rittmeisters und
Ehefrau eines geistesgestörten Fabrikanten, nach Wien zu begleiten. Während der
Bahnfahrt verführt die Zweiundvierzigjährige den jungen Leutnant und wird seine Geliebte.
Sie überfiel ihn mit ihrer gewaltsamen Sehnsucht, jung zu werden.
Nach seiner Rückkehr schlägt Leutnant Trotta mit seinem Zug zögerlich eine Demonstration
streikender Arbeiter nieder. Tote und Verletzte bleiben auf der Straße liegen. Trotta selbst
wird mit einem Schädelbruch und einer Fraktur des linken Schlüsselbeins ins Spital
gebracht, wo er auch noch an einer Gehirnhautentzündung erkrankt.
Vier Wochen nach Trottas Entlassung aus dem Spital besucht der Kaiser das Jägerbataillon.
Leutnant Trotta steht vor seinem angetretenen Zug. Weil dem Monarchen auffällt, wie krank
er aussieht, erkundigt er sich bei Major Zoglauer nach ihm und wendet sich dann an ihn:
„Ich erinnere mich noch gut an Ihren Vater!“, sagte der Kaiser zu Trotta. „Er war sehr
bescheiden, der Held von Solferino!“ – „Majestät“, erwiderte der Leutnant, „es war mein
Großvater!“
Wegen geplatzter Wechsel von spielsüchtigen Kameraden, aber auch eigenen Ausgaben,
beispielsweise für seine Geliebte in Wien, schuldet Trotta dem Geldverleiher Kapturak
schließlich 7250 Kronen. Als dieser auf einer zumindest teilweisen Rückzahlung besteht,
gerät der Leutnant in Wut und zieht seinen Säbel, tötet ihn aber nicht.
Nach diesem Vorfall muss Trotta mit einer unehrenhaften Entlassung rechnen. Verzweifelt
wendet er sich an seinen Vater. Den hätte die Nachricht vom Soldatentod seines Sohnes
weniger erschüttert als die über einen möglichen Ehrverlust. Baron Franz von Trotta und
Sipolje reist nach Wien und erhält eine Audienz bei Kaiser Franz Joseph unmittelbar vor
dessen Aufbruch nach Ischl, wo er die Sommermonate zu verbringen pflegt. Der
Bezirkshauptmann erinnert den Kaiser daran, dass sein Sohn Leutnant bei den Jägern in B.
ist.
„Ah so, ah so!“, sagte der Kaiser. „Das ist der junge Mann, den ich bei den letzten Manövern
gesehen hab! Ein braver Mensch!“ Und da sich seine Gedanken etwas verwirrten, fügte er
hinzu: „Er hat mir beinah das Leben gerettet. Oder waren Sie es?“
„Majestät! Es war mein Vater, der Held von Solferino!“, sagte der Bezirkshauptmann, indem
er sich noch einmal verneigte.
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„Wie alt ist er jetzt?“, fragte der Kaiser. „Die Schlacht bei Solferino. Das war doch der mit
dem Lesebuch?“
„Jawohl, Majestät!“, sagte der Bezirkshauptmann.
Plötzlich fällt dem Kaiser ein, dass er wegen der bevorstehenden Abreise nach Ischl in Eile
ist.
„Es ist gut! Es wird alles erledigt! Was hat er denn angestellt? Schulden? Es wird erledigt!
Grüßen Sie Ihren Papa!“ . „Mein Vater ist tot, Majestät!“, sagte der Bezirkshauptmann.
„So, tot!“, sagte der Kaiser. „Schade, schade!“
Die Schulden des Leutnants werden beglichen, und Kapturak muss die Garnisonsstadt
verlassen. Nach diesem unverdient glücklichen Abschluss der Affäre teilt Carl Joseph von
Trotta seinem Vater mit, er wolle seinen Dienst bei der Armee quittieren. Der
Bezirkshauptmann fragt seinen Schachpartner Dr. Skowronnek um Rat, und der zeigt
Verständnis für die Absicht des Leutnants.
In die Vorbereitungen eines Sommerfestes in B. platzt das Gerücht, auf Erzherzog Franz
Ferdinand und dessen Gemahlin Sophie sei am 28. Juni 1914 in Sarajewo ein Attentat
verübt worden. Unvermittelt wechseln die magyarischen Offiziere ins Ungarische, und als der
slowenische Rittmeister Jelacich sie ermahnt, die Unterhaltung auf Deutsch fortzusetzen,
entgegnet Graf Benkyö in deutscher Sprache:
Wir sind übereingekommen, meine Landsleute und ich, dass wir froh sein können, wann das
Schwein hin ist!
Als der Krieg beginnt, zieht Trotta seine Uniform wieder an und meldet sich bei seinem
Jägerbataillon zurück, das noch in derselben Nacht abmarschiert. Ohne dass es zu einer
Schlacht gekommen wäre, wird nach drei Tagen der Rückzug befohlen. Die Soldaten sind
erschöpft und halb verdurstet, als sie endlich einen Brunnen entdecken. Die ersten laufen hin
– und werden von feindlichen Reitern erschossen. Leutnant Trotta befiehlt seinem Zug,
anzuhalten, lässt sich zwei Eimer aus wasserdichtem Leinen geben und geht persönlich zum
Brunnen, um für seine Männer Wasser zu schöpfen. Die gegnerischen Kugeln ignoriert er.
Auf dem Rückweg wirft ein Kopfschuss ihn zu Boden. Die Eimer laufen aus.
Der Bezirkshauptmann kann es nicht fassen, dass sein Sohn mit Wassereimern in den
Händen gefallen ist.
Kaiser Franz Joseph I. stirbt am 21. November 1916. An dem Tag, an dem er in der
Kapuzinergruft bestattet wird, schliest auch Baron Franz von Trotta und Sipolje für immer die
Augen. Dr. Skowronnek meint: Ich glaube, sie konnten beide Österreich nicht überleben.
Quelle: http://www.dieterwunderlich.de, Kindler Literatur Lexikon
10
Foto: Alexi Pelekanos für das Landestheater Niederösterreich
11
DIE REBELLION
Inhalt
Der Roman Die Rebellion von Joseph Roth handelt von Andreas Pum, einem
Kriegsinvaliden, dessen Lebensweg vom Krankenhaus bis zu seinem Tod beschrieben wird.
Andreas Pum ist Kriegsinvalide. Er lebt mit einigen anderen in einem Kriegsspital. Als die
Kommission kommt um zu bestimmen, wer eine Kriegsinvalidenlizenz bekommt, hat Andreas
Pum „Glück“. Er beginnt zu zittern und so bekommt er eine erhoffte Lizenz. Pum fährt mit der
Straßenbahn in die Stadt.
Dort bekommt er einen Schlafplatz bei Willi und Klara. Andreas hat einen Leierkasten, mit
diesem spielt er auf öffentlichen Plätzen und in Höfen. Kein Polizist kann ihm etwas tun, da
er eine Lizenz hat. Eines Tages spielt er vor dem Fenster einer Frau, deren Mann vor
kurzem verstorben ist. Sie lädt ihn nach dem Begräbnis zu sich ein. So erfährt er ihren
Namen, sie heißt Katharina Blumich und hat eine fünfjährige Tochter namens Anni.
Kathi und Andreas verlieben sich und so zieht Andreas, drei Wochen nach dem Begräbnis
von Herrn Blumichs, bei Kathi ein. Die beiden heiraten und Andreas baut eine väterliche
Liebe zu Anni auf. Katharina kauft ihm einen Esel und einen Handwagen, damit er sich nicht
zu sehr anstrengen muss.
Andreas verliert seine Lizenz. Er fängt mit einem Schaffner in der Straßenbahn einen Streit
an, da ein anderer Passagier sagte, dass alle Kriegsinvaliden nur simulieren. So wird ihm
seine Lizenz entzogen.
Da er auch den Termin der Verhandlung verpasst, muss er für sechs Wochen ins Gefängnis.
Nach diesen sechs Wochen zieht er wieder zu Willi, da Katharina sich einen neuen, jüngeren
und kräftigeren Mann gesucht hat. Willi hat inzwischen einen Beruf, er macht Ordnung auf
Toiletten von Cafes. Seine Angestellten sind Greise und Greisinnen und so bekommt
Andreas einen Job in einer Herrentoilette. Er reicht den Männern Handtücher und Seifen.
Der Papagei, der bei ihm in der Toilette sitzt, sagt immer "Guten Tag" und "Guten Abend".
Andreas Pum beginnt zu träumen, dass er wieder eine Einladung ins Gericht erhält. In
seinem Traum sieht er den Richter, den Esel, Katharina und andere. Erst nach einiger Zeit
bemerkt er, dass er tot ist und im Himmel auf einer Wolke vor Gott steht.
Joseph Roths kluge, melancholische Geschichte über die verzweifelte Auflehnung eines um
Anpassung gegen die bürgerliche Welt bemühten einfachen Mannes zeugt von der
Zeitlosigkeit und existenziellen Kraft seines Erzählens. Wien 1919: Der einbeinige
Kriegsinvalide Andreas Pum erhält eine Lizenz als Leierkastenspieler und entgeht damit dem
Schicksal, als bettelnder Krüppel, als Dieb und Asozialer enden zu müssen. Er fühlt sich als
nützliches Mitglied der Gesellschaft und schafft es sogar, die attraktive Witwe Katharina
Blumich für sich einzunehmen. Als sie ihn heiratet, scheint Andreas Pums Glück perfekt.
Aber sowenig Pum die Zusammenhänge durchschaut, die aus ihm einen ordentlichen Bürger
machen, sowenig begreift er, was geschieht, als die sozialen Umstände sich durch eine
Laune des Schicksals gegen ihn wenden und seinen Untergang herbeiführen. Ohne die
gesellschaftlichen Ursachen für seine Lage zu verstehen, erkennt Pum doch die
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Ungerechtigkeit der Welt und entwickelt in der eindrucksvollen Schlussapotheose fast so
etwas wie eine Philosophie der Gottverlassenheit.
Quelle: http://www.kiwi-verlag.de
Foto: Alexi Pelekanos für das Landestheater Niederösterreich
13
JOSEPH ROTH ÜBER DIE MONARCHIE
Seine k. und k. apostolische Majestät
Es war einmal ein Kaiser. Ein großer Teil meiner Kindheit und meiner Jugend vollzog sich in
dem oft unbarmherzigen Glanz seiner Majestät, von der ich heute zu erzählen das Recht
habe, weil ich mich damals gegen sie so heftig empörte. Von uns beiden, dem Kaiser und
mir, habe ich recht behalten – was noch nicht heißen soll, daß ich recht hatte. Er liegt
begraben in der Kapuzinergruft und unter den Ruinen seiner Krone, und ich irre lebendig
unter ihnen herum. Vor der Majestät seines Todes und seiner Tragik – nicht vor seiner
eigenen – schweigt meine politische Überzeugung, und nur die Erinnerung ist wach. Kein
äußerer Anlaß hat sie geweckt. Vielleicht nur einer jener verborgenen, inneren und privaten,
die manchmal einen Schriftsteller reden heißen, ohne daß er sich darum kümmerte, ob ihm
jemand zuhört.
Als er begraben wurde, stand ich, einer seiner vielen Soldaten der Wiener Garnison, in der
neuen, feldgrauen Uniform, in der wir ein paar Wochen später ins Feld gehen sollten, ein
Glied in der langen Kette, welche die Straßen säumte. Der Erschütterung, die aus der
Erkenntnis kam, daß ein historischer Tag eben verging, begegnete die zwiespältige Trauer
über den Untergang eines Vaterlandes, das selbst zur Opposition seine Söhne erzogen
hatte. Und während ich es noch verurteilte, begann ich schon, es zu beklagen. Und während
ich die Nähe des Todes, dem mich noch der tote Kaiser entgegenschickte, erbittert maß,
ergriff mich die Zeremonie, mit der die Majestät (und das war Österreich-Ungarn) zu Grabe
getragen wurde. Die Sinnlosigkeit seiner letzten Jahre erkannte ich klar, aber nicht zu
leugnen war, daß eben diese Sinnlosigkeit ein Stück meiner Kindheit bedeutete. Die kalte
Sonne der Habsburger erlosch, aber es war eine Sonne gewesen.
Joseph Roth
14
DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ
Von überall her blickt uns jetzt sein Antlitz entgegen. Aus allen Schaufenstern sieht es uns
an, es ziert alle Paravents, Tabaksdosen, Ansichtskarten, Bonbonnieren; es schmückt die
Titelblätter aller Zeitungen, die wir zur Hand nehmen, und es prangt in der Apotheose aller
Festspiele, umrauscht von der Volkshymne und von der Hochflut wienerisch zärtlicher
Kaiserstimmung. Wo wir uns hinwenden, lächelt dies Greisenhaupt aus weißem Bart und
aus den von weißen Brauen dicht verhehlten Augen sein stilles Lächeln.
Wie ist uns dieses Antlitz wohl vertraut. Wir alle sind mit diesem Bilde vor uns
aufgewachsen. Unsere Väter schon haben kein anderes Kaiserantlitz mehr in Österreich
gekannt, und wie wir kleine Buben waren, hat uns dieses Antlitz angeschaut, da wir zum
erstenmal in der Schulstube saßen. Jetzt wachsen unsere Kinder auf und gehen zur Schule,
und auch sie blickt dieses selbe Angesicht aus feierlichem Rahmen an. Mit diesem
Angesicht haben wir unser Leben verbracht, haben alle unsere Tage in diese Mienen
geschaut, und sie sind uns so eingeprägt, daß wir bei dem Worte Kaiser immer gleich auch
diese Züge sehen. Wir werden sie noch lange sehen, wenn wir das Wort Kaiser aussprechen
oder denken. Diese beiden Vorstellungen, von einem Monarchen und von einem Antlitz, sind
in unserem Bewußtsein so unauflöslich, so von frühester Kindheit an miteinander verknüpft,
daß wir sie nun wohl kaum mehr voneinander trennen werden. Was immer auch geschehen
mag.
Immer ist es ein österreichisches, eigentlich ein wienerisches Gesicht gewesen. Man
erinnere sich noch des Kaisers Franz Josef der sechziger, siebziger und ersten achtziger
Jahre. Wie viele unter uns werden sich dessen noch leicht erinnern. Wie war er da mit dem
langwehenden, blondbraunen, dichten und krausen Backenbart österreichisch. Und wie viel
Offiziere, wie viel Beamte, wie viel Offizielle hat es damals gegeben, die den lang wehenden
Backenbart trugen? In allen Amtsstuben, auf allen Exerzierplätzen, auf allen Promenaden
hat man diese Gesichter und diese Barte gesehen. Und manchmal war die Ähnlichkeit
täuschend genug.
Das sind freilich nur oberflächliche Dinge. Ein wenig tiefer aber liegt es schon, daß die
Männer in Österreich auch des Kaisers Manieren sacht angenommen haben. Nicht nur die
Höflinge, die das Vorbild immer mit Augen sehen und ihrem ganzen Charakter nach so gern
erlauchtem Beispiel sich anschmiegen. Nicht nur die Offiziere, die, enger dem Kaiser
verbunden, gewiß schärfer aufpassen, wie er seinen Rock trägt. Nicht nur die Beamten und
alle die anderen vom offiziellen Dienst, sondern jeder, der vom Bürgertum irgendwie nach
Formen, nach repräsentierender Geschicklichkeit strebt, nach einer Manier, sich im Verkehr
menschlich zu geben und menschlich zu behaupten, jeder hat die Spur dieses Einflusses an
sich, jeder ist in der Farbe des Kaisers irgendwie gefärbt.
Nachahmung allein kann das nicht zuwege bringen. Auch greift Nachahmung allein nicht so
weit um sich, dringt nicht so ins Breite und Tiefe, sickert nicht so unaufhaltsam durch alle
Schichtungen der Stände. Wenn sie den Kaiser nur nachahmen würden, wäre dies alles
gezwungener und leichter kenntlich. Man merkt ja sonst überall, wo ein Mensch einen
anderen bewußt kopiert, den kleinen Zwischenraum, der zwischen seiner eigenen und der
angenommenen Art klafft. Man merkt den feinen Striemen, den die vorgebundene Maske in
das wirkliche Antlitz gräbt. Hier aber ist kein Zwischenraum, der eine kopierte Art vom
wahren Wesen trennt. Wie der Kaiser sich gibt, wie er geht und spricht, wie er den Kopf hält
15
und wie er schaut, dies alles ist Ausdruck des Österreichischen Wesens. Eine tiefe
Verwandtschaft des Blutes und der Rasse bindet den Österreicher an den Kaiser und den
Kaiser an den Österreicher, an den niederösterreichischen, an den wienerischen, um es
genauer zu sagen.
Und dieses zuverlässige Zufindensein in den alten Gewohnheiten und in den alten
Wohnungen ist Österreichisch, österreichisch ist auch diese Kultur der Seele, die es vermag,
daß man die schwersten Dinge mitmacht, durchmacht, und der Welt doch immer ein
lächelndes Antlitz zeigt. Und dieses Ablehnen allzu laut rauschender Lorbeern, dies
Abwinken allzu schreiender Lobredner, dieses stille Beiseitegehen, dies Einsamkeitsleben ist
österreichisch.
Diese Epoche trägt seine Züge, wie den Münzen sein Antlitz eingeprägt ist.
Die Zeit aber rollt unaufhaltsam dahin. Und wahrscheinlich gibt es heute schon einen
anderen, einen neuösterreichischen Typus. Wir kennen ihn noch nicht, wollen heute auch
nicht vermuten, noch darüber nachsinnen, wie er wohl sein wird. Aber wir dürfen zufrieden
sein, wenn er uns mit diesem sanften Lächeln anschaut, das man bis in späte Tage noch
das Lächeln Franz Josefs nennen wird.
Felix Salten
16
DER K. (U) K. OFFIZIER
Für die Kavalleristen unter den neuausgemusterten Leutnanten war die Wahl des
Regiments eine besonders heikle Aufgabe: Während vom gesellschaftlichen Standpunkt
aus alle Kavallerie-Einheiten, ob Dragoner, Husaren oder Ulanen, durchaus erstrebenswert
waren, gab es doch feine Unterschiede zwischen den einzelnen Regimentern. Es ging dabei
nicht so sehr um das Problem der Stationierung, als vielmehr um die Tradition und
gesellschaftlichen Zusammensetzung des Offizierskorps. Es gab eine inoffizielle
Rangordnung unter den Kavallerie-Regimentern. So war es nicht das gleiche, bei den
Siebener Dragonern zu dienen, wo praktisch jeder Offizier ein Feldherr oder Graf war, oder
bei den Achter Ulanen, wo Adelige nur eine Minderheit darstellten. Für die Artilleristen und
Pioniere ging es weniger um die Adelstitel als vielmehr um die Qualität eines Regiments.
Auch für die Infanterie-Offiziere sollte die Wahl des Regiments den Unterschied zwischen
einer erträglichen und einer unerträglichen Existenz ausmachen. Wenn der Sohn Franz
Freiherrn von Trottas in Joseph Roths Radetzkymarsch den erstaunlichen Wunsch äußert,
sein Ulanen-Regiment gegen eine Infanterie-Einheit zu tauschen, nützt der bestürzte Vater
all seine Verbindungen bei Hof um zu erreichen, daß sein Sohn wenigstens einem JägerBataillon zugeteilt wird. Zwar unterscheiden sich die Jäger in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts in Ausbildung und Ausrüstung kaum von den gewöhnlichen InfanterieRegimentern, doch gehörte die den Jägern traditionell nachgesagte Tapferkeit sowie die
Qualität der Soldaten, die aus westlichen Ländern der Monarchie rekrutiert wurden, weiterhin
zu den Elementen, die das ererbte Prestige der Jäger-Offiziere ausmachten.
Das Verhalten der Armeeoffiziere wurde durch einen Ehrenkodex und Dienstvorschriften
geregelt. In offiziellen Handbüchern unendlich oft wiederholt, umrissen der Ehrenkodex und
die Dienstvorschriften lediglich das, was der Offizier sich selbst, seiner Einheit, der Armee
und dem Herrscher schuldete: Grundsatz bleibt in allen Verhältnissen: Strengste Wahrung
der Offiziersstandesehre! Das schwierigste und gefährlichste Privileg eines Offiziers war die
Ehrennotwehr, vielleicht am besten erklärt als die dringende Notwendigkeit, seine Ehre zu
verteidigen. Die Frage der Ehrennotwehr tauchte immer wieder auf, wenn jemand einen
Offizier, die Armee oder den Kaiser beleidigte und wenn die Anwendung von Gewalt der
einzige Weg schien, den Schmähungen ein Ende zu setzen. War der Betreffende, der diese
Beleidigung äußerte, ein Ehrenmann und nahm die Herausforderung zum Duell sofort und
ohne Widerrede an, lag keine Notwendigkeit der Ehrennotwehr vor. In allen übrigen Fällen
mußte der Offizier seine Ehre auf der Stelle mit der Waffe, de er bei sich trug, verteidigen.
Auf den Offizieren der K.u.K. Armee lasteten oft enorme Schulden. Sie machten Schulden,
um ihre Pferde und Uniformen zu bezahlen, einen Haushalt zu gründen, die Erziehung ihrer
Töchter zu gewährleisten, sich standesgemäß zu unterhalten, Spielverluste zu begleichen
und nicht zuletzt, um für einen Kameraden zu bürgen. Es gab viele Arten von Schulden, von
denen die schlimmsten die sogenannten „schmutzigen Schulden“ waren, die man bei
unwürdigen Individuen wie Gastwirten oder einfachen Soldaten, machte. Wurden solche
Schulden aufgedeckt, hatten sie fast unweigerlich den Ausschluß des Offiziers aus dem
Korps zur Folge. Gewöhnliche Schulden wurden mit mehr Nachsicht behandelt, obwohl es
eine sorgfältige Unterscheidung zwischen „leichtsinnigen Schulden“ und akzeptableren
Schulden gab. Die ehrenwertesten Schulden waren jene, die ein Offizier auf sich nahm, um
für einen Kameraden zu bürgen. Die Eintreibung der Schuld begann mit einer offenen
Postkarte an den Offizier. Es folgte ein direkt an den Oberst gerichteter Brief, in dem mit
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einer Anzeige beim Kriegsminister gedroht wurde. Um solche Geldverlegenheiten zu
vermeiden, verhängten Regimentskommandanten oft 30 Tage Garnisons-Arrest über den
Offizier. Das Opfer hatte keine andere Wahl, als eine Reihe von Wechseln zu
unterschreiben, von denen gleich 10% einbehalten wurden. Eine Schuld von 500 Kronen
konnte auf diese Weise leicht in einem Jahr auf 1500 anwachsen. Dann wurde ein großer
Teil der Gage einbehalten, um wenigstens die Zinsen der Schuld zu begleichen. Und was
stand am Ende all dessen? Schimpf und Schande, der Austritt oder Ausschluß aus dem
Offizierskorps und oft Selbstmord.
István Deák
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SPIELFASSUNG UND INSZENIERUNG
In der Spielfassung des Landestheaters Niederösterreich wurden die zwei Romane Joseph
Roths Radetzkymarsch und Die Rebellion miteinander verschränkt. Die ausgewählten
Motive nehmen bewusst Abstand von der epischen Form die Geschichten zu erzählen und
konzentrieren sich auf das Zeigen der untergehenden Welten und dem Umgang der
Figuren damit. Das Untergehen der bisher bekannten Welt, der Verlust von Sicherheit in
einem tradierten System ist beiden Roman gemeinsam. Joseph Roths unterschiedliche
Blickwinkel auf das Geschehen, zwischen distanziertem Beobachten und dem Zeigen des
Innenlebens seiner Figuren, werden auf der Bühne wie auch im Roman in stetem Wechsel
dargestellt. Das gemeinsame, chorische Legendenerzählen, steht so in Kontrast zu den
intimen Dialogen. Die Figuren werden über ihre Sprachlosigkeit und in ihren oft ver- und
behinderten Beziehungen zu anderen gezeigt. Baron Franz von Trotta und Andreas Pum
werden vom selben Darsteller verkörpert. Diese Doppelbesetzung lässt viele Möglichkeiten
der Interpretation zu: in beiden Fällen haben wir es mit einer Figur zu tun, der alles woran sie
bisher geglaubt hat zerbricht, die Emotionen die dadurch ausgelöst werden sind
vielschichtig. Carl Josephs Wahrnehmung der Welt wiederum wird durch seine Dialogpartner
dargestellt, die in ihrer fallweisen Überzeichnung die subjektive Position des
Heranwachsenden veranschaulichen, der aus der überholten gesellschaftlichen Situation
herauswächst. Dabei beschränkt man sich auf zentrale Momente in Carl Josephs
Entwicklung, was zeitliche Ellipsen zwischen den Szenen und somit vorlauflose, direkte
Einstiege in die Szenen mit sich bringt.
Die zwei Handlungsstränge sind optisch klar durch den Einsatz von Licht voneinander
getrennt. Die bespielte Bühnenfläche verwandelt sich von Akt zu Akt. Zu Beginn spiegelt die
Bühne den unbelasteten Kindheitszustand Carl Josephs in einer neutralen, hellen und
aufgeräumten Umgebung. Im Laufe des Abends erinnert die Spielfläche immer mehr an die
künstliche Welt eines 1.Weltkriegsrummelplatz und mit seinen „Reliquien“ durchaus auch an
einen verzerrten Friedhof. Überlebensgroß im Hintergrund ein Portrait des Kaisers, das wie
ein Vexierbild auch der Held von Solferino sein könnte.
Ein wichtiges Element der Inszenierung ist der Einsatz der Musik. Der namensgebende
Radetzkymarsch, wird ebenso wie andere Musikstücke live auf der Bühne gespielt. Das
Klavier ist nicht perfekt gestimmt, die Musikstücke klingen wie noch nicht fertig geübt. Der
erhebende Marsch, klingt nicht erhebend und unterstreicht die dekonstruierte Stimmung.
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BESETZUNG
Baron Franz von Trotta / Andreas Pum Michael Scherff
Carl Joseph von Trotta Wojo van Brouwer
Katharina Slama, Varlerie von Taußig /
Katharina Blumich, Polizistin Myriam Schröder
Wachtmeister Slama, Rittmeister Taittinger / Herr Arnold, Arzt, Polizist Tobias Voigt
Doktor Max Demant / Hauptmann Wagner, Schaffner Moritz Vierboom
Eva Demant Aline Joers
Graf Wojciech Chojnicki Jan Walter
Kapturak, Tante Resi / Polizist Pascal Gross
Jacques Christine Jirku
Fräulein von Hirschwitz, Doktor Skowronnek,
Oberst Kovacs / Arzt Helmut Wiesinger
Leutnant Kindermann, Major Zoglauer / Arzt, Fahrgast Othmar Schratt
Der junge Carl Joseph / Anni Felix Riegler, Marcel Korbar, Thomas Raab
Regie
Philipp Hauß
Bühne
Martin Schepers
Kostüme
Lane Schäfer
Musik
Lukas Kranzelbinder
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DAS TEAM
Regie
Philipp Hauß
Geboren 1980 in Münster. Er studierte Schauspiel am Max Reinhardt Seminar und war
währenddessen Regieassistent bei Christoph Schlingensief. Seit 2002 ist er festes
Ensemblemitglied am Burgtheater, wo er u. a. mit Stephan Kimmig, Luc Bondy, Peter Zadek,
Nicolas Stemann, Andrea Breth, Roland Schimmelpfennig und Alvis Hermanis arbeitete. Als
Gast stand er auch am Bayerischen Staatsschauspiel München, am Berliner Maxim Gorki
Theater und bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne. Mehrfach wurden
Inszenierungen in denen er mitwirkte zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seit 2006 ist
Philipp Hauß auch als Regisseur tätig. Unter anderem erarbeitete er mit Studenten des Max
Reinhardt Seminars Bambiland von Elfriede Jelinek (Vontobel-Preis, 2. Preis der
International Theatre School Week Warschau 2007), inszenierte Die Legenden von Afrika 2
fishes im Kasino des Burgtheaters sowie Überleben eines Handlungsreisenden - eine
Beratung und Das Opfer in der Garage X – Theater Petersplatz. Mamma Medea, seine erste
Regiearbeit am Landestheater Niederösterreich aus der Spielzeit 12/13, wurde für einen
Nestroy in der Kategorie beste Bundesländerinszenierung nominiert.
Bühne
Martin Schepers
Geboren 1979 in Nordrhein-Westfalen. Er erhielt seine künstlerische Ausbildung an den
Kunstakademien in Münster und Düsseldorf – bei Helmut Federle und Siegfried Anzinger,
bei dem er auch Meisterschüler war – und schloss ein Philosophiestudium an der Universität
Münster ab. Als Künstler ist er weltweit tätig, mit Ausstellungen u. a. in Berlin, Köln,
Düsseldorf, Wien, Antwerpen, Los Angeles und New York. Er war Stipendiat des
Cusanuswerks, erhielt ein Reisestipendium der Kunstakademie Düsseldorf und ein
Auslandsstipendium des Cusanuswerks brachte ihn für ein Jahr nach Los Angeles.
Martin Schepers war für das Bühnenbild von Mamma Medea in der Spielzeit 13/14 am
Landestheater Niederösterreich verantwortlich.
Kostüm
Lane Schäfer
Lane Schäfer studierte Kostümbild bei Rheinhard von der Thannen an der Hochschule für
Angewandte Wissenschaften Hamburg sowie bei Florence von Gerkan an der Universität der
Künste Berlin. Sie arbeitete als Assistentin am Gripstheater Berlin, Volksbühne Berlin, Oper
Kassel und am Burgtheater. Auf Assistenz und Mitarbeit bei Johannes Schütz folgten eigene
Kostümbilder am Staatstheater Kassel für Sex von Justine del Corte und an der Oper Mainz
für Cosi fan Tutte. Sie entwirft Kostüme für Kurzfilme und Musikvideos, u.a. für die Band
Käptn Peng und die Tentakel von Delphi. Die Arbeit für Alexander Wiegolds Inszenierung
Solaris und Sarantos Zervoulakos Die Tigerin führte sie ans Burgtheater. Dort arbeitete sie
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auch mit Roland Schimmelpfennig für Das Fliegende Kind und Der Komet. Für
Schimmelpfennigs Inszenierung SPAM entwarf sie die Kostüme am Schauspielhaus
Hamburg. Zu Anna Bergmanns Inszenierungen Treulose und Homo Faber gestaltete sie das
Kostümbild am Staatstheater Braunschweig. Unter der künstlerischer Leitung von Corinna
Harfouch ist sie Kostümbildnerin für das Stück 13313, das am Berliner Hebbel am Ufer und
den Ruhrfestspielen 2014 aufgeführt wird.
Lane Schäfer zeichnete für das Kostümbild von Mamma Medea in der Spielzeit 13/14 am
Landestheater Niederösterreich verantwortlich.
Quelle: Dramaturgie Landestheater Niederösterreich
Foto: Alexi Pelekanos für das Landestheater Niederösterreich
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IMPULSTEXT 1
Heimweh, wonach?
Wenn ich „Heimweh“ sage, sag ich „Traum“.
Denn die alte Heimat gibt es kaum.
Wenn ich Heimweh sage, mein ich viel:
Was uns lange drückte im Exil.
Fremde sind wir nun im Heimatort.
Nur das „Weh“, es blieb.
Das „Heim“ ist fort.
Mascha Kaléko
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IMPULSTEXT 2
Man muss Endzeiten sagen, also den Plural verwenden, weil es eine österreichische
Erfahrungstatsache ist, dass am Ende einer Endzeit nie das Ende ist.
Robert Menasse
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IMPULSTEXT 3
Väter
Die Beziehung zum Vater ist ganz anderer Art als jene zur Mutter. Die Mutter ist die Heimat,
aus der wir kommen, sie ist die Natur, die Erde, das Meer. Der Vater dagegen verkörpert
keine solche natürliche Heimat. In den ersten Lebensjahren des Kindes hat er nur wenig
Verbindung mit ihm, und seine Bedeutung für das Kind läßt sich in dieser frühen Periode
nicht mit der der Mutter vergleichen. Aber während der Vater die natürliche Welt nicht
repräsentiert, verkörpert er den anderen Pol der menschlichen Existenz; die Welt des
Denkens, die Welt der vom Menschen geschaffenen Dinge, Gesetz, Ordnung und Disziplin,
und die Welt der Reisen und Abenteuer. Der Vater ist derjenige, der das Kind lehrt, der ihm
den Weg in die Welt weist. Eng verbunden mit dieser Funktion ist eine andere, die mit der
sozio-Ökonomischen Entwicklung zusammenhängt. Als das Privateigentum aufkam und
dieses Privateigentum vom einen der Söhne ererbt werden konnte, fing der Vater an, sich
nach dem Sohn umzusehen, dem er seinen Besitz vererben könnte. Natürlich war das
derjenige, den der Vater für den geeignetsten hielt, einmal sein Nachfolger zu werden, der
Sohn, der ihm am ähnlichsten war und den er deshalb am meisten liebte. Die väterliche
Liebe ist an Bedingungen geknüpft. Ihr Grundsatz lautet: „Ich liebe dich, weil du meinen
Erwartungen entsprichst, weil du deine Pflicht erfüllst, weil du mir ähnlich bist.“ Wir finden in
der bedingten väterlichen Liebe genau wie in der unbedingten mütterlichen Liebe einen
negativen und einen positiven Aspekt. Der negative Aspekt ist, daß man sich die väterliche
Liebe verdienen muß, daß man sie verlieren kann, wenn man sich nicht so verhält, wie es
von einem erwartet wird. Bei der väterlichen Liebe wird der Gehorsam zur höchsten Tugend
und der Ungehorsam zur schwersten Sünde, die mit dem Entzug der väterlichen Liebe
bestraft wird. Ihre positive Seite ist nicht weniger wichtig. Da die väterliche Liebe an
Bedingungen geknüpft ist, kann ich etwas dazu tun, sie mir zu erwerben, ich kann mich um
sie bemühen, sie steht nicht wie die mütterliche Liebe außerhalb meiner Macht.
Erich Fromm
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IMPULSTEXT 4
Und früher wieder, wissen Sie, in der Epoche, aus der ich eben komme, wo die Begriffe so
unwiderruflich festgestanden sind, wo jeder zum Beispiel genau gewußt hat: man hat seine
Eltern zu verehren, sonst ist man ein Schuft ... oder: eine wahre Liebe gibt es nur einmal im
Leben ... oder: es ist ein Vergnügen für das Vaterland zu sterben ... wissen Sie, in der
Epoche, wo jeder anständige Mensch irgendeine Fahne hochgehalten, oder wenigstens
irgendwas auf sein Banner geschrieben hat ... glauben Sie mir, schon damals haben die
sogenannten modernen Ideen mehr Anhänger gehabt, als man ahnt.
Arthur Schnitzler
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IMPULSTEXT 5
Welträtsel
Sterne gibt’s, die ewig scheinen wollten
Und doch verglühn…
Wolken gibt’s, die eben weinen sollten
Und weiter ziehn…
Steine gibt’s, die viel zu fragen wüßten,
Doch keiner spricht…
Menschen gibt’s, die sich was sagen müßten
Und sagen’s nicht…
Joseph Roth
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